1. Startseite
  2. Zukunft
  3. Storys
  4. Kultur

Update: Gedächtnisverlust

Erstellt:

Von: Kathrin Passig

Kommentare

Schwindende Bilder, verblasste Erinnerung.
Schwindende Bilder, verblasste Erinnerung. © Getty Images

Wenn Elon Musk Twitter zugrunde richten sollte, gehen viele Daten verloren. Wer kümmert sich um die Archivierung?

Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit dem Versuch zugebracht, noch schnell mein Twitterarchiv zu retten, bevor der neue Besitzer, Elon Musk, den Laden zugrunderichtet. Das kann ja bei so einem Unternehmen schnell passieren: Erst werden zwei Drittel der Belegschaft gefeuert, dann kippt jemand versehentlich Kaffee in einen wichtigen Server. Normalerweise wäre das kein großes Problem, aber jetzt ist niemand mehr da, der den Schaden beheben könnte, Twitter stellt die Arbeit ein und ich bekomme höchstens noch eine karge Mail mit der Nachricht, dass es vorbei ist und meine Daten leider, leider nicht wiederhergestellt werden konnten.

Alles schon dagewesen.

Ich hatte schon öfter alle meine Daten heruntergeladen, aber das letzte Mal lag mehrere Jahre zurück, und schon damals war mit „alle“ eher „naja, manche“ gemeint. Auch jetzt ist es so, dass man beim Herunterladen des eigenen Archivs eine Sammlung bekommt, die erstens unvollständig ist und zweitens nur so lange funktioniert, wie Twitter existiert. Alle enthaltenen Links führen zu einem von Twitter betriebenen (oder eben nicht) Weiterleitungsservice. Viele wesentliche Teile sind ebenfalls nur Verweise zu Inhalten auf Twitters Servern. Freiwillige arbeiten daran, diese Probleme zu beheben, indem sie Software schreiben, die aus dem fragilen Download ein auch nach dem Ende von Twitter lesbares Archiv macht.

Auch wenn diese Software jetzt schon perfekt wäre, müssten sich immer noch alle, die ihre Twitterdaten herunterladen, selbst um die Umwandlung in ein robustes Archiv kümmern. Es ist unwahrscheinlich, dass sich viele diese Mühe machen. Ich interessiere mich dafür, weil mein Twitterarchiv große Teile meines Lebens der vergangenen vierzehn Jahre enthält. Die Drohung, dass es weg sein könnte, fühlt sich an wie die Drohung, mein Gedächtnis zu löschen. Ich konsultiere alte Tweets häufig, um ein bestimmtes Ereignis zu datieren, um zu erfahren, wie ich vor zehn Jahren über ein Thema gedacht habe, oder um interessante Links wiederzufinden, an die ich nur eine vage Erinnerung habe. Es kann auch sein, dass ich später nie mehr reinsehen werde. Trotzdem möchte ich, dass das Archiv grundsätzlich vorhanden ist – wie beim Gedächtnis ja auch. Selbst wenn ich nicht vorhätte, jemals an den November 2022 zurückzudenken, würde ich protestieren, wenn Elon Musk ihn mit Hilfe einer James-Bond-Schurkenmaschine aus meinem Gehirn löschen wollte. Aus Prinzip.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Aber ich weiß, dass das nicht allen so geht. Schon unter meinen an Internetdingen interessierten Bekannten ist es nur eine Minderheit, die Chatverläufe, Tweets und andere digitale Lebensäußerungen als ausgelagerten Teil des Gedächtnisses ansieht. Für die meisten scheint das Internetgeschehen so wie die analoge Gegenwart zu sein: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Zurück bleibt eine Erinnerung oder, wenn man ein schlechtes Gedächtnis hat, gar nichts. Das Nichtaufbewahren von Daten ist der Normalfall und das Archivieren die Ausnahme. Twitter ist für die meisten kein Briefwechsel, den man aufbewahrt, weil interessante oder schöne Dinge darin stehen, sondern Zettelchen am Kühlschrank oder am schwarzen Brett, die irgendwann nicht mehr kleben, herunterfallen und weggeworfen werden dürfen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie, die Sie diese Kolumne lesen, zur zweiten Gruppe gehören. (Statt Twitter können Sie „Facebook“, „WhatsApp“, „E-Mail“ oder „dieses Dings auf meinem Handy, in dem ich meiner Verwandtschaft Nachrichten schreibe“ einsetzen. Das Prinzip ist dasselbe.)

Das ist nicht so schlimm, wenn Sie ein besseres Gedächtnis haben als ich. Ich brauche schriftliche Archive, weil es sich so anfühlt, als hätte ich immer in allem recht und auch schon immer in allem recht gehabt. Dieses Gefühl braucht ein Gegengewicht. Nur meine Archive sagen mir, dass ich oft überhaupt nicht recht hatte und deshalb wahrscheinlich auch heute in vielen Angelegenheiten falsch liege. Wenn man gar nicht erst so denkt, braucht man die schriftliche Dokumentation weniger dringend.

Vielleicht hält Twitter lange genug, dass es mir noch gelingt, meine Daten vollständig zu extrahieren. Aber eines Tages werden, mit oder ohne Musk, die Lichter an den Twitterservern ausgehen. Man muss den Dienst nicht mögen oder wichtig finden, aber wer später etwas über die 2010er Jahre herausfinden möchte, wird ihn als Quelle benötigen. Mein kleiner privater Download wird dann so etwas sein wie die angekohlten Pergamentreste, die Adson von Melk am Ende von „Der Name der Rose“ aus den Überresten der abgebrannten Klosterbibliothek aufsammelt. Ohne den Kontext, die Welt um diese Schnipsel und Fragmente herum, ist so eine Sammlung nichts.

Auch interessant

Kommentare