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Sechs von sieben der DJs von GG Vybe: CVL, Miss Control, Lathivha, Jenni_yo (Baskenmütze), Jaraya (olivgrüne Jacke) und SK.LIBRA (v. li.). Johanna fehlt auf dem Foto. Peter Jülich
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Sechs von sieben der DJs von GG Vybe: CVL, Miss Control, Lathivha, Jenni_yo (Baskenmütze), Jaraya (olivgrüne Jacke) und SK.LIBRA (v. li.). Johanna fehlt auf dem Foto. Peter Jülich

Feminismus in Frankfurt

Erste Female DJ Crew in Frankfurt: GG Vybe: „Wir wollen nicht DJanes genannt werden“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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GG Vybe sind Frankfurts erste weibliche DJ Crew. Sie kämpfen gegen Mansplaining in der Veranstalterwelt und dafür, dass Clubs ein sicherer Ort für Frauen werden.

Zum Fotoshooting vor der Schirn kommen sie zu sechst und posieren in ihren Winterjacken so cool wie früher die Spice Girls. Sie heißen: Lathivha, Miss Control, CVL, Jenni_yo, SK.LIBRA und Jaraya. Eigentlich sind sie sieben, aber Johanna kann an diesem Abend nicht dabei sein. GG Vybe ist Frankfurts erste „Female DJ Crew“. Das GG steht für Girl Gang. „Wir wollen, dass Frauen sich nicht einschüchtern lassen, sie sollen sich trauen, als DJ aufzutreten“, sagt Lathivha.

Seit 2018 gibt es GG Vybe. Mal legen sie alle zusammen auf, mal zu dritt, zu zweit oder solo. Aber ihre Fans feiern sie nicht nur in Clubs, wo sie von Hip-Hop bis House auflegen. Denn sie standen auch schon an den Turntables in der Schirn wie bei der Veranstaltung „Interracial Love Affair“ anlässlich der Kara-Walker-Ausstellung. GG Vybes Auftritte sind fast immer ausverkauft, im vergangenen Sommer waren sie sogar als Models für eine Nike-Kampagne gebucht.

Im Alltag haben die Frauen, die zwischen Anfang 20 bis Ende 30 Jahre alt sind, ganz unterschiedliche Jobs. Deswegen wollen sie nur unter ihren Künstlernamen bekannt sein. Sie setzen sich nicht nur für eine größere Akzeptanz weiblicher DJs und überhaupt für Feminismus ein, sondern veranstalten auch Diskussionen, etwa zu Rap und Rassismus. Das Interview geben sie zu viert: CVL, Jaraya, SK.LIBRA und Lathivha.

Ihr wollt auf keinen Fall DJanes genannt werden, sondern DJs. Warum eigentlich?

Lathivha: Dieser englische Begriff „Disc Jockey“ ist weder männlich noch weiblich, damit verliert der Begriff DJane seine Funktion. Es gibt aber auch Frauen, die sich gerne als DJanes bezeichnen, die haben auch ihre berechtigten Gründe. Wir in der Gruppe sind uns aber alle einig, dass wir nicht DJanes genannt werden wollen.

CVL: Es gibt ja auch keinen DJames. Das liegt vielleicht daran, dass es eben doch einfacher ist, eine DJane als einen DJames zu promoten. Eine Jane ruft auch ein bestimmtes Frauenbild hervor.

Ihr habt euch kennengelernt, weil ihr zu unterschiedlichen Zeitpunkten bei DJ Nikki on Fleek DJ-Workshops nur für Frauen besucht habt. Inwiefern waren diese explizit feministischen Workshops für euer DJ-Dasein wichtig?

SK.LIBRA: Ich habe vorher auch schon aufgelegt, aber nur für mich und nur zu Hause. Ich hatte Unsicherheiten. Ich kannte zu dem Zeitpunkt nur männliche DJs. Mir fehlte der Rahmen, wo ich mich entfalten konnte. Die Workshops und die spätere Formation als GG Vybe hat mir eine Plattform geboten. Es ist ein Ort, wo ich Fehler machen kann, mich ausprobieren kann, ohne mich zu schämen.

Wäre das anders, wenn Männer dabei wären?

SK.LIBRA: Ich weiß es nicht, aber vermutlich schon.

CVL: Ich hatte immer das Gefühl, dass Männer die Technik für sich allein in Anspruch nehmen. Als wäre es etwas Mythisches, und dass ich als Frau dies nicht verstehen könnte. Ich habe mich deswegen sofort wohl in dieser Gruppe von Frauen gefühlt: Wir waren alle auf dem gleichen Level, wir wollten das DJing lernen, und alle teilen wir diese Liebe zur Musik.

Lathivha: 2018 hatten wir dann unsere erste Veranstaltung zusammen. Anfangs war GG Vybe ein loser Zusammenhalt. Es ging um den Netzwerkgedanken. Es war nie der Plan gewesen, eine Female DJ Crew zu bilden. Das war dann eher ein Selbstläufer.

Gibt es eigentlich Mansplaining-Momente, wenn ihr auflegt?

Jaraya: Ja, immer noch. Meist wenn Leute uns nicht so kennen. Neulich hat ein Veranstalter einfach in die Technik reingefasst, also irgendeinen Regler angefasst, ohne uns erst zu fragen. Der hat uns für dumm gehalten. Wir haben uns in dem Moment einfach scheiße behandelt gefühlt.

SK.Libra: Mein prägendstes Erlebnis war, als einmal aus einer der Lautsprecherboxen kein Ton rauskam. Der Veranstalter hat dann was an den Geräten versucht, aber es wurde schlimmer. Und dann kam er wieder, hat sich das angeguckt und sagte: „Das kommt davon, wenn man als DJ keine Ahnung von Technik hat.“ Dabei hatte er ja daran rumgeschraubt …

Unterrichtet ihr selbst junge Frauen im DJing?

Jaraya: Das steht schon seit vor der Pandemie auf der Agenda. Es lag bislang meist an organisatorischen Dingen, dass wir es bislang nicht umsetzten konnten. Viele von uns arbeiten Vollzeit in unseren Hauptjobs.

SK.Libra: Ich bin Grafikdesignerin.

CVL: Ich bin Studentin und Medienwissenschaftlerin.

Lathivha: Ich studiere und arbeite in der Pflege.

Ist es euer Ziel, dass das DJing euer Hauptjob wird?

SK.Libra: Das ist bei allen unterschiedlich. Bei mir ist das schon so. Ich merke, dass das Auflegen mir viel mehr gibt als mein Hauptjob. Denn als DJ fühle ich mich selbstbewusst und stark.

Jaraya: Ich kann mir nicht vorstellen, das hauptberuflich zu machen. Aber ich mag es gerne, in der Gruppe als DJ zu funktionieren. Ich sehe mich aber nicht als Solokünstlerin. Ich mag die politische Arbeit in Verbindung mit GG Vybe. Wir haben alle eine linke Perspektive. Mit unserer Reichweite können wir diese nach außen tragen.

Ihr habt beispielsweise Panels gemacht zu „Rap und Rassismus: fremd im eigenen Land“…

Jaraya: Ja, und wir haben auch Filmvorführungen und Lesungen wie mit der Journalistin Alice Haster („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“) veranstaltet. Eigentlich geht es bei diesen Veranstaltungen immer um Diskriminierungsmechanismen in unserer Gesellschaft: Wir wollen aus einer intersektionalen Perspektive Diskriminierungsmechanismen aufgreifen und dabei versuchen, alle sozialen Kategorien, wie beispielsweise Gender, sexuelle Orientierung, Herkunft, Behinderung und Klasse zu berücksichtigen. Das einzubetten in den Kontext von Musik ist unser Anspruch als GG Vybe.

Achtet ihr darauf, welche Titel ihr auflegt? Also dass diese eben nicht frauenfeindlich oder rassistisch sind?

Live-Auftritte

An diesem Freitag, 3. Dezember , sollten GG Vybe als Gruppe bei der Aftershow Party im Frankfurter Club Zoom, Brönnerstraße 5 -9 auf legen. Pandemiebedingt wurde der Auftritt vom Club abgesagt.

DJ CVL von GG Vybe hat aber an diesem Freitag noch einen Solo-Auftritt im Dough House, Kleine Rittergasse 19-21, die Party unter 2 G-Plus-Einlass (Geimpft oder Genesen plus aktuellen negativen Antigentest), beginnt ab 23 Uhr unter dem Motto „Last Dance Before Lockdown“.

,Alle Infos und zukünftigen Auftritte der Female DJ Crew gibt es auf Instagram: www.instagram.com/ggvybe

Lathivha: Ich kann das nicht zu 100 Prozent durchziehen, aber der Anspruch ist schon bei jeder von uns da.

Jaraya: Wir sprechen uns auf jeden Fall ab, wenn wir beispielsweise bei einem Künstler mitbekommen, dass es da Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung gibt …

CVL: Den Berliner Rapper Samra oder R. Kelly spielen wir beispielsweise nicht.

Seid ihr als feministische DJ-Crew deutschlandweit eine Ausnahme?

CVL: Nein, es gibt sehr viele Gruppen und Kollektive in Deutschland, mit denen wir connectet sind – wie mit den Berliner Hoe_Mies. Das Kollektiv G-Edit aus Leipzig war eines unserer ersten Vorbilder. Wir unterstützen uns gegenseitig, das inspiriert auch.

Habt ihr das Gefühl, dass manche Veranstalter euch vor allem deswegen buchen, weil ihr junge, hübsche Frauen seid?

Lathivha: Nicht dass das explizit gesagt wird. Vielleicht sind sich die Leute dessen auch gar nicht bewusst, aber unterbewusst spielt sich viel ab. Man muss den Veranstalter schon gut kennen, um zu wissen, der bucht einen, weil er einen wirklich supportet oder weil er denkt, das verkauft sich jetzt gut. Das kann man oft nicht unterscheiden und geht vielleicht auch ineinander über.

Werden weibliche DJs eurer Ansicht nach langsam mehr akzeptiert?

Lathivha: Seitdem wir 2018 angefangen haben, ist schon sehr viel passiert. Es kommt langsam an, dass es eine Berechtigung hat, dass Frauen als DJs auftreten.

Jaraya: Wo wir aber noch gar nicht angekommen sind, dass Partys für Frauen* (alle, die sich als Frauen identifizieren) ein sicherer Raum sind. Das beschäftigt mich am meisten. Ja, klar, wir stehen vorne am DJ-Pult, aber dann heißt es nicht automatisch, dass dieser Raum auch sicher ist für andere Frauen. Frauen erleiden in Clubs Übergriffe oder kriegen K.-o.-Tropfen in die Getränke. Das ist so schlimm.

Es beginnt schon oft damit, dass Männer ganz selbstverständlich Frauen von hinten antanzen, ohne erst mal zu checken, ob die Frauen das überhaupt wollen …

Lathivha: Genau. Das ist Alltag im Club und für viele junge Frauen eine Selbstverständlichkeit. Auch ich habe es lange als Normalität empfunden, dass man von hinten angetanzt wird, ohne überhaupt das Gesicht vom Mann gesehen zu haben. Da muss im Clubkontext, aber auch außerhalb bessere Aufklärungsarbeit geleistet werden. Das fängt damit an, eben darüber zu sprechen, was Grenzüberschreitungen überhaupt sind. Alle Menschen, aber vor allem Jungs, sollten früh lernen, wie man respektvoll feiern geht.

Jaraya: Und wenn dann doch was passiert, dann muss jemand auch die Verantwortung dafür tragen. Das muss aufgefangen werden von Leuten, die im Club arbeiten, und das auch mit einer gewissen Sensibilität. Also nicht erst mal fragen, was mit dem Täter ist, sondern sich als Erstes um die betroffene Frau kümmern. Es gibt in keinem der Mainstream-Clubs in Frankfurt ein solches Awareness-Konzept. Davon sind wir meilenweit entfernt.

Wäre die Situation besser, wenn es mehr Clubbesitzerinnen geben würde?

Lathivha: Beim Thema Sicherheit auf jeden Fall. Da würde man als Frau mehr drauf achten, dass bestimmte Strukturen im Club stimmen. Da haben Männer vielleicht weniger einen Blick drauf, weil sie sich selbst wenig mit dem Thema befassen.

CVL: Es gibt eine Partyreihe hier in Frankfurt, wo wir auch auflegen. Sie heißt Crémant. Cava. Booty Bounce. C.C.BB. Das ist eine Party, die sich an queere Personen, People of Color und Frauen* richtet. Männer können auch kommen, aber sie sollen ihren Space kennen. Das ist eine sehr wichtige Aussage, denn natürlich wollen wir Gleichberechtigung. Jeder soll zu einer Party kommen können, aber lasst die Person, für die die Party ist, den Platz vorne am DJ-Pult. Denn so verschiebt sich automatisch der Platz im Club und hat eine ganz andere Atmosphäre.

Jaraya: Diese Partyreihe hat auch ein sehr gutes Awareness-Konzept. Es gibt dort Leute, die sind verantwortlich für den ganzen Abend. Sie tragen sichtbare Armbinden, und sie können angesprochen werden, wenn irgendwas Komisches passiert ist. Sie versuchen dann auch für die Betroffenen einen sicheren Raum herzustellen, dort wird sich um die Person gekümmert. Wenn die Situation nicht mehr zu deeskalieren ist, wird die Security eingeschaltet.

Kommen eigentlich mehr Männer oder Frauen zu euren Partys?

Lathivha: Es kommen auf jeden Fall mehr Frauen zu uns als auf den konventionellen Partys. Denn sie wissen, für was wir stehen, und fühlen sich vielleicht auch deshalb wohler. Ansonsten ist es aber gemischt.

CVL: Wir haben ein tolles Supportsystem von Männern, Frauen, queeren Personen. Wir kriegen sehr viel Zuspruch, und das bringt uns voran.

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Wie empfindet ihr die aktuellen Corona-Maßnahmen, dass Clubs in Hessen ab Sonntag – trotz 2G-plus-Regel – nur mit Maske und Abstand öffnen dürfen?

Jaraya: Wir empfinden die Schließung beziehungsweise Maßnahmen als letztlich notwendigen Schritt, damit wir schnell wieder in normalen Bedingungen zusammenkommen können. Notwendig wird hier finanzielle staatliche Unterstützung, damit diese Orte weiter bestehen bleiben, da sie ein wichtiger Teil des städtischen kulturellen Lebens sind. Sollte es wieder zu einem Lockdown kommen, braucht es auch einen solidarischen Zusammenhalt, der dafür sorgt, dass wir uns gegenseitig unterstützen in dieser harten Zeit.

Was sind eure Pläne für 2022?

CVL: Pandemiebedingt ist es für uns gerade schwer, weit im Voraus zu planen. Wir würden in Zukunft auch gerne eigene Songs produzieren. Das möchten wir bei DJ-Producing-Workshops mit anderen Frauen lernen. Denn auch, wenn es immer mehr weibliche DJs am Pult gibt, gibt es noch wenige weibliche DJs, die selbst produzieren.

Interview: Kathrin Rosendorff

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