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Lizzy Talbot. Foto: privat
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Lizzy Talbot.

Filmbranche

„Die MeToo-Bewegung war ein Katalysator für Veränderungen“

  • Isabella Caldart
    VonIsabella Caldart
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Intimacy Coordinator Lizzy Talbot über ihre Arbeit am Set von „Bridgerton“, das Choreographieren von Nähe und die Frage, warum es beim Film unzählige Protokolle für die Arbeit mit Gewalt gibt, aber nicht für Nacktszenen

Lizzy Talbot, könnten Sie uns eine kurze Einführung in Ihren Job geben – was macht man als Intimacy Coordinator?

Meine Arbeit als Intimacy Coordinator ist in drei Bereiche aufgeteilt. Der erste ist das Eintreten für die Bedürfnisse und Sicherheit von Schauspielerinnen, Schauspielern und Crew am Set während des Filmens einer intimen Szene. Der zweite Bereich ist eher der Planungs- und Kooperationsaspekt der Rolle, in der wir uns um alle Facetten bei der Arbeit mit Intimität kümmern: Wir sprechen mit den Leiterinnen und Leitern der Crews für Kostüm, Haar und Make-up und Stunts, um sicherzustellen, dass alle praktischen Aspekte organisiert sind. Der dritte und wichtigste Punkt ist unsere Choreografie. Wir sind Bewegungsregisseurinnen und -regisseure, das ist unsere zentrale Aufgabe, wofür wir uns bis zum Schluss einsetzen.

Wie kann ich mir Ihre Arbeit konkret vorstellen?

Wir sprechen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, um herauszufinden, wie sie arbeiten wollen. Im Grunde geht es nur darum, dass sie sich wohlfühlen. Einige wollen, dass jede Bewegung unglaublich detailliert choreografiert ist, andere geben einfach nur ihre Zustimmung. Und dann improvisiere ich gerne, solange alles safe ist.

Was genau ist die Definition von Intimität? Handelt es sich dabei nur um Sexszenen?

Es gibt die physische Seite der Intimität, an die sofort jeder denkt, und die unterteilt sich in Entblößung und in Körperkontakt, was nicht unbedingt zusammenhängt. Man kann simulierten Sex haben und immer noch fast vollständig bekleidet sein, oder man kann sich kaum berühren, aber völlig nackt sein. Neben der körperlichen gibt es auch emotionale Intimität, und wie diese beiden miteinander interagieren, ist ebenfalls Teil der Arbeit. Aber es geht nicht nur um sexuelle Intimität, sondern auch um jene in der Familie, zwischen Geschwistern, Eltern und Kind, Freunden … Bei all diesen Formen von Intimität können wir der Produktion helfen.

Wie wird man Intimitätskoordinatorin? Sollte man Psychologie studieren oder gibt es eine bestimmte Ausbildung?

Ich würde auf jeden Fall viel Erfahrung in Storytelling-Chorografie empfehlen oder zumindest Yoga-Praxis, um etwas über die Biomechanik des Körpers zu lernen. Was wirklich hilfreich ist, ist Erfahrung im physischen Geschichtenerzählen.

Zum Beispiel durch eine Tanzausbildung?

Ich denke, Tänzerin oder Tänzer zu sein hilft. Aber es geht mehr darum, anderen Menschen die Choreografie beibringen zu können. Du kannst eine phänomenale Tänzerin, ein phänomenaler Tänzer sein, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass du gut darin bist, andere Menschen einzuweisen. Man muss auch den Lehraspekt mögen.

Sie geben auch Workshops?

Zurzeit mache ich online nur die Einführung. Denn natürlich will man die Menschen nicht komplett online schulen, weil das ein so körperlicher Job ist. Ich würde mich nicht wohlfühlen, jemanden zu zertifizieren, mit dem ich nicht im Raum war. Übrigens hatte ich erst gestern zwei Deutsche in meiner Einführung zum Koordinationskurs.

Zur Person

Lizzy Talbot arbeitet seit 2015 in den USA und Großbritannien als Intimacy Coordinator, sowohl für Film und Fernsehen als auch am Theater und der Oper. Unter anderem koordinierte sie die Intimitätsszenen der Serien „Bridgerton“, „The Witcher: Blood Origin“, „Dexter: New Blood“ und dem Musical „Rock of Ages“, außerdem gibt sie Workshops zu verschiedenen Bereichen ihrer Arbeit. Sie ist Mitgründerin der Organisation Intimacy for Stage and Screen. www.lizzytalbot.com, Instagram: @lizzyhtalbot

Intimacy Coordinators gibt es erst seit wenigen Jahren: Um 2014 begannen Pionierinnen, in dem Bereich zu arbeiten. Vor allem der Weinstein-Skandal Ende 2017 und die MeToo-Bewegung haben vielen innerhalb und außerhalb der Branche die Gefahr von Grenzverletzungen und Machtmissbrauch vor Augen geführt. Netflix engagierte 2018 bei „Sex Education“ erstmals eine Intimacy Coordinator, und HBO kündigte im gleichen Jahr an, für alle Filme und Serien mit intimen Szenen Intimacy Coordinators einzusetzen.

Bevor Sie als Intimacy Coordinator angefangen haben, haben Sie Kämpfe choreografiert.

Mir ist aufgefallen, dass es sehr viele Techniken und Protokolle für die Arbeit mit Gewalt gab, aber nicht in der Welt der Intimität, was eine massive Diskrepanz darstellt. Es müssen Standards realisiert werden, um das Drehen von Intimitätsszenen für alle Akteurinnen und Akteure sicherer zu machen.

Ich nehme an, dass die MeToo-Bewegung Ihre Arbeit verändert hat.

Absolut. Die MeToo-Bewegung hatte einen enormen Einfluss, wir Intimitätskoordinatorinnen und -koordinatoren wären ohne sie wahrscheinlich nicht da, wo wir heute sind. Das war zweifelsohne ein Katalysator für Veränderungen. Es ist schon interessant. E-Mails von mir, die vorher ignoriert worden waren, wurden plötzlich beantwortet.

Regé-Jean Page and Phoebe Dynevor in Bridgerton.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie mit Schauspielerinnen oder Schauspielern arbeiten?

Nicht wirklich, nein.

Wie geht man am Set damit um, wenn ein Schauspieler beim Dreh eine, nun, physische Reaktion hat?

Die Modesty Garments (wörtlich etwa „Anstandskleidung“, d. Red.) sind inzwischen so stark verbessert, dass das im Prinzip niemand mitbekommt und sich niemand deswegen schlecht fühlen muss.

Haben Intimitätskoordinator- innen Einfluss auf das Drehbuch? Können Sie zum Beispiel sagen: Diese Szene ist nicht realistisch genug? Was ist, wenn sich die Schauspielerinnen und Schauspieler mit einer Szene nicht wohlfühlen?

Nein, das ist nicht unsere Rolle. Wenn sich die Schauspielerinnen oder Schauspieler nicht wohlfühlen, geht es darum, herauszufinden, was verändert werden muss, denn wenn sie sich jemand nicht wohlfühlt, dann funktioniert die Szene offensichtlich nicht. Es geht also mehr darum, die Wurzel des Problems zu finden und von dort weiterzuarbeiten. Aber genauso wenig wie ein Stuntkoordinator in den Writers’ Room geht, ist das auch nicht unsere Domäne. Das ist das Vorrecht der Autorinnen und Autoren.

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James Cameron sagte einmal, dass die erste Szene, die er für Titanic drehte, die Szene war, in der Jack Rose nackt malt, um die Unbeholfenheit des Moments authentisch einfangen zu können. Was halten Sie von diesem Ansatz? Wie lange dauert die Vorbereitung für eine Szene?

Ich denke, man kann auch mit Proben immer noch Authentizität erreichen. Im Wesentlichen sind unsere Szenen etwas wie physische Choreografie, wie bei einem Tanz. Das heißt, je mehr geübt wird, desto besser sind sie. Deswegen glaube ich nicht, dass es notwendig ist, so eine Szene am ersten Tag zu drehen und sich darauf zu verlassen, dass sie dadurch auf „natürliche“ Weise unbeholfen sein wird. Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, diese Szenen zu drehen.

Interview: Isabella Caldart

Dieses Interview wurde zuerst im Onlinefeuilleton 54books.de veröffentlicht.

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