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Literatur

Büchermarkt: Auf der Suche nach diesem ganz bestimmten Gefühl

  • Isabella Caldart
    VonIsabella Caldart
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Das Start-up „Read-O“ will beides: Lesemuffel für Bücher begeistern und eher unbekannte Autorinnen und Autoren fördern

Rund 70.000 neue Bücher erscheinen im deutschsprachigen Raum – und das jedes Jahr. Wie soll man bei dieser unglaublichen Masse den Überblick behalten und die Titel finden, die am besten zu einem passen? Den Bestsellerlisten vertrauen, die Besprechungen im Feuilleton studieren, durch Bookstagram scrollen? Aber was ist, wenn die passendsten Bücher dort gar nicht vorkommen?

Über diese Frage diskutierte im Jahr 2015 die fünfköpfige Familie Mondorf bei einem Abendessen in Frankfurt-Sachsenhausen. Vater Wolfgang, der als Internist arbeitet, schreibt in seiner Freizeit Romane und veröffentlicht sie im selbst gegründeten Schippach-Verlag. Damit teilt er das Schicksal vieler Autorinnen und Autoren, die ohne die Marketingmaschinerie eines großen Verlags im Hintergrund mit ihren Büchern möglichst viele Menschen erreichen wollen.

Die vorherrschende These am Mondorf’schen Abendbrottisch: Menschen suchen, wenn sie nach neuen Büchern Ausschau halten, eigentlich nach einem bestimmten Gefühlserlebnis. Man müsste also einen Weg finden, potenzielle Leser:innen mit Büchern zusammenzubringen, die zu dieser Gefühlsebene passen. „Wir haben hypothetische Features für eine App entworfen, darunter einen Schieberegler, mit dem man die Emotionen einstellen kann, die man sich von der Lektüre wünscht.“ So erzählt es sechs Jahre später Wolfgang Mondorfs Sohn Jonathan.

Read-O funktioniert wie eine Dating-App für Bücher

Drei Jahre lag die Idee auf Eis, aber vergessen hatte Mondorf junior sie nicht. Und als der heute 26-Jährige im Jahr 2018 an der Frankfurt School of Finance studierte, beschloss er, die Idee von der Theorie in die Praxis zu überführen. Gesagt, getan: Im Juni 2020 ging die App Read-O online.

Read-o Gründer Mondorf.

Inzwischen hat sein Team mit vier weiteren jungen Männern, die sich um die technische Umsetzung und die Businessstrategie kümmern, ein Büro im Frankfurter Bahnhofsviertel. Zu Mondorfs Team gehört auch Ben Kohz, der für das Marketing zuständig ist. Er zog im vergangenen Jahr extra für den Job von Berlin nach Frankfurt. „Wir glauben, dass man jeden Menschen zum Buchliebhaber machen kann“, sagt Kohz. Also auch einen Lesemuffel? „Er muss nur die für ihn passenden Bücher finden.“

Um die passenden Bücher zu finden, will Read-O „personalisiert und flächendeckend“ Empfehlungen liefern, so Kohz. Konkret sieht das für die User:innen der App so aus, dass sie auswählen können, welche Themen sie bevorzugen, und mit ebenjenem Schieberegler, auf den die Familie Mondorf bei ihrem ersten Brainstorming schon kam, einstellen, wie tragisch oder harmonisch, wie ernst oder humorvoll, wie angenehm oder verstörend die Lektüre sein soll – und dann werden, ähnlich einer Dating-App, Bücher als Matches mit Prozentzahlen angezeigt.

Von Douglas Adams über Silvia Bovenschen bis hin zu Yu Hua

Sucht man in der App nach einem Buch, das zugleich tragisch, humorvoll und anspruchsvoll ist, schlägt die App neben Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ auch Romane wie „Mister Weniger“ von Andrew Sean Greer, „Nur Mut“ von Silvia Bovenschen und „Brüder“ des chinesischen Autors Yu Hua vor. Außerdem ist „Wenn du das Haus verlässt, beginnt das Unglück“ von Max Küng dabei.

Das sind ganz unterschiedliche Bücher. Doch auf welchen Daten basiert Read-O – woher weiß die App, wie emotional oder sachlich ein Roman ist? „Unsere KI hat 1,7 Millionen online zugängliche Rezensionen ausgewertet“, erklärt Ben Kohz. Wie genau das funktioniert und welche Kritiken in die Datenbank eingespeist wurden, will er aber nicht verraten. „Das ist ein Geheimnis!“, sagt er mit einem Lachen. Es scheint zu funktionieren: Inzwischen nutzen rund 50.000 Menschen die App, und sie hat den Contentshift-Award des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewonnen.

Bislang ist Read-O kostenlos

Bislang ist sie kostenlos. Wie also will Read-O Geld verdienen? Momentan liege der Fokus nicht auf der schnellen Kommerzialisierung der App, heißt es. Gestartet ist das Team mit dem Exist-Gründerstipendium, einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Geld verdienen sie bislang nur, wenn Kund:innen ihre Bücher über sogenannte Affiliate-Links in der App kaufen. Langfristig will Read-O aber Kooperationen mit Verlagen, Autor:innen und Buchhandlungen eingehen, über die Geld reinkommen soll.

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Bleibt die große Frage: Löst Read-O das Versprechen ein, Empfehlungen „jenseits des Mainstreams“ zu geben und damit auch neuen Autor:innen die Tür zu öffnen? Im Selbstversuch stehen auf den ersten sechs Plätzen der Empfehlungsliste ein Klassiker und das Buch eines Pulitzer-Preisträgers, außerdem zwei Romane von S. Fischer und eines von Kein & Aber. Außenseiter sehen anders aus, absoluter Mainstream aber auch. Dass die Empfehlungen auf Rezensionen beruhen, verhindert, dass Bücher in die Auswahl kommen, die bislang unter dem Radar der Öffentlichkeit geblieben sind. Ben Kohz beteuert aber, die Hürden seien nicht zu hoch. Read-O könne auch mit wenigen Kritiken bereits Aussagen über die Emotionen machen.

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