Artnight-Chefin Aimie-Sarah Carstensen: "Bei Erwachsenen müssen wir das Motiv vorgeben".
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Artnight-Chefin Aimie-Sarah Carstensen: "Bei Erwachsenen müssen wir das Motiv vorgeben".

Startup Artnight

„Die Leute haben Spaß, sich kreativ auszutoben“

  • Daniel Baumann
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Artnight-Chefin Aimie-Sarah Carstensen über eine unwahrscheinliche Gründungsidee und die Frage, warum Menschen malen wollen, wenn sie Abends weggehen.

Aimie-Sarah Carstensen, 30, hat gemeinsam mit David Neisinger im Herbst 2016 Artnight gegründet. Die Firma organisiert Mal-, Back-, Pflanz- und Cocktail-Abende und will Menschen so offline zusammenbringen. Bevor sie Unternehmerin wurde, hat Carstensen für die Medienkonzerne Springer und Bertelsmann gearbeitet. Studiert hat sie Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft – in Mannheim, Bangkok, Ljubljana und Frankfurt an der Oder. 2015 erhielt sie den Panda Young Leader Award.

Sie ist in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und hat stressige Tage hinter sich, als wir Aimie-Sarah Carstensen, die Gründerin der Berliner Firma Artnight treffen. Doch die 30-Jährige ist bestens gelaunt. Das Gründerleben sei eine Achterbahnfahrt, sagt sie. In ihrem Fall eine erfolgreiche: Artnight bietet inzwischen in mehr als 80 Städten in fünf europäischen Ländern Mal-, Back-, Pflanz- oder Cocktailabende an.

Frau Carstensen, auf Ihrer Firmenwebsite sagt eine Mitarbeiterin, dass Artnight dereinst Teil von jedem Junggesellenabschied sein soll. Im Ernst? Malen statt saufen?
Wir haben natürlich für unsere Junggesellenabschiede als Hauptzielgruppe Frauen. In einem affigen Kostüm und mit einem Bauchladen durch die Stadt zu tingeln, ist auch ein bisschen von gestern. Deshalb bieten wir eine gute Alternative: einen unserer Mal-Workshops, und neuerdings auch Blumen-Workshops oder Cocktail-Workshops. Mit uns erlebt man etwas Außergewöhnliches. Man lernt etwas, man macht etwas Schönes und man hat Spaß dabei.

Ehrlich gesagt: Auf einer Erfolgsskala aller Gründerideen hätte ich Ihre ganz am Ende einsortiert. Wie kommt man darauf, dass Menschen malen wollen, wenn sie Abends weggehen – und warum funktioniert es tatsächlich?
Die Idee hat mein Mitgründer David aus den USA mitgebracht. Und am Anfang haben alle zu uns gesagt, dass es nicht funktionieren wird. Heute bringen wir 25 000 Menschen monatlich zusammen und veranstalten mehr als 1500 Events. Wir haben uns konsequent digital aufgestellt und können unsere Veranstaltungen so sehr gut vermarkten.

"Das Thema Einsamkeit wird immer ernster", sagt die Artnight-Gründerin

Das Marketing ist das eine, aber welches Bedürfnis sprechen Sie bei den Kunden an? Sind die Menschen nach fast 30 Jahren World Wide Web sozial ausgehungert?
Digitalisierung ist ein Riesenthema. Wir hängen alle am Smartphone, checken das mehr als 50, 60 Mal am Tag. Wir haben zwar das Gefühl, dass wir durch die sozialen Medien miteinander vernetzt sind. Aber das ganze Thema Einsamkeit wird immer ernster. Großbritannien hat zum Beispiel erst letztes Jahr einen Minister für Einsamkeit berufen, weil die Depressionsrate immer weiter steigt. Wer Maslows Bedürfnispyramide kennt, weiß, dass soziale Interaktion extrem wichtig ist für das Überleben. Wir kriegen, sozusagen Fake, immer wieder suggeriert, wir hätten soziale Interaktion durch Whatsapp, Facebook, Instagram und Co. Das ist aber nicht das, was unser menschliches Bedürfnis befriedigt. Wir brauchen andere Menschen, um glücklich zu sein.

Und da kommen Sie ins Spiel.
Wir haben uns überlegt, welche Formate da funktionieren. Die meisten Leute arbeiten ja tagsüber, das heißt, es muss etwas sein, was After Work stattfindet, einfach buchbar ist, wo man alleine oder mit Freunden hingehen kann, und wo man auch nicht gleich zehn Kurse buchen muss.

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Wie viele kommen denn alleine, und wie viele in Gruppen?
Meistens ist es so, dass viele sich am Anfang nicht trauen, alleine zu kommen und eine Freundin oder einen Kumpel mitbringen. Beim zweiten Mal kommen sie dann auch alleine, weil sie eben merken, dass da eigentlich immer coole Leute sind, man lernt schnell andere kennen und verliert die Hemmungen.

Es sind dann ja auch alles Leute, die auch gerne malen oder zumindest gerne etwas Neues ausprobieren.
Genau, richtig.

Sie haben also fast schon therapeutische Wirkung.
(lacht). Eine Mischung. Uns ist einfach wichtig, dass man etwas mitnimmt, dass man stolz auf sich ist, dass man überrascht wird. Und wenn man wie ich den ganzen Tag am Laptop arbeitet, macht es einfach mal Spaß, etwas anderes zu tun und direkt Ergebnisse zu sehen.

Sie sind mit Malen gestartet, dann kamen pflanzen, backen und Cocktail mixen hinzu. Was ist der bedeutendste Bereich?
Artnight ist auf jeden Fall das dominierende Thema. Damit sind wir vor zweieinhalb Jahren gestartet und natürlich haben wir da die meisten Kunden und die größte Zielgruppe. Mit Shakenight, Bakenight, Plantnight sind wir Anfang des Jahres gestartet. Damit erreichen wir schon sehr viele Menschen, was sehr toll ist. Aber natürlich gibt es noch deutliches Wachstumspotenzial.

Frida Kahlo oder Gerhard Richter? Erwachsene malen nach Motiven

Wenn wir über Artnight reden: Ist den Leuten wichtig, was sie malen? Wollen Sie den Frida-Kahlo-Kurs machen oder Gerhard Richter? Oder geht es einfach nur darum, zu malen?
Das Motiv ist ausschlaggebend. Jeder hat da eine andere Präferenz. Bei Erwachsenen – das haben wir schon getestet – müssen wir das Motiv vorgeben. Ansonsten können sich Erwachsene nicht entscheiden, was sie malen wollen. Wenn man mit Kindern malt, ist das etwas anders. Kinder kann man vor eine leere Leinwand setzen und sie malen einfach los. Erwachsene haben ein extremes Problem damit, das Endergebnis noch nicht vor sich zu haben und einfach mal drauflos zu malen. So sind wir auch nicht erzogen worden.

Wir geben Kindern die Ausmalbücher, dabei müssten wir sie Erwachsenen geben.
Genau, wir verlieren unsere eigene Kreativität und die Intuition, selber etwas zu schaffen, ohne das Endergebnis zu kennen. Und deshalb bieten wir Motive an, die man ganz verschieden auswählen kann, inzwischen sind es über 350. So kann man sich hinterher etwas in die Wohnung hängen, was zu einem passt.

Was sagen die Leute, was sie von so einem Abend mitnehmen?
Das ist ganz unterschiedlich: neue Freundschaften, ein Kunstwerk, eine Inspiration. Die Leute haben Spaß, sich kreativ auszutoben und abzuschalten.

In welchen Kontexten ist Malen besonders beliebt? Junggesellenabschiede, Firmenevents?
Die meisten Gäste bringen wir zusammen in unseren öffentlichen Artnights. Das heißt, egal in welcher Stadt man wohnt – wir sind inzwischen in 84 Städten unterwegs – man sucht sich auf unserer Website ein Motiv und einen Abend aus, bucht die Tickets, und geht hin. Andererseits sind Team-Events sehr beliebt. Unser größtes Team-Event war mit 600 Leuten. Junggesellenabschiede sind sehr saisonal, da die meisten Leute ja im Sommer heiraten.

Reden wir über die Künstler, die die Abende organisieren. Was sind das für Menschen?
Wir sind sehr stolz, weil wir inzwischen mehr als 400 Künstler und auch eine tolle Community haben, die die Künstler fördert. Man muss wissen, dass in Europa 95 Prozent aller Künstler nicht von ihrer Kunst leben können. Das heißt, sie sind extrem talentiert und verdienen meistens trotzdem kein Geld. Dank uns haben sie ein zusätzliches Einkommen. Vom Charakter her sind es Künstler, die Lust haben zu kommunizieren und gerne auch der Entertainer sind am Abend.

Auf welcher Basis arbeiten Sie mit den Künstlern zusammen?
Alle unsere Künstler sind Freelancer. Artnight ist kein Vollzeitjob. Uns ist es sehr, sehr wichtig, dass der Künstler nach wie vor mit seiner Kunst sein Einkommen verdient. Deswegen haben die Künstler auch die Möglichkeit, jederzeit bei allen Kunden ihre Kunst und das was sie tun, zu bewerben. Die meisten geben im Schnitt vier Artnights im Monat.

Sie wollen ein führendes Unterhaltungsunternehmen werden, habe ich gelesen…
Wir nennen es Live-Edutainment. Man lernt was, und man wird währenddessen entertained. Wir wollen mit dem, was wir tun, wirklich eine neue Kategorie von Entertainment schaffen. Es gibt Kino, Theater, Comedy, Clubs, Restaurants, Bars. Das gibt es alles seit ewigen Zeiten. Dem wollen wir etwas Neues hinzufügen.

Artnight-Gründerin: "In der Freizeit mal etwas anderes tun"

Im Bereich der Erlebnisse tut sich ja durchaus etwas. Auf Airbnb zum Beispiel kann man jetzt auch Tanz- oder Kochkurse buchen.
Da tut sich einiges, ja. Aber diese Angebote richten sich alle an Touristen. Uns ist wichtig, dass wir den Menschen, die schon länger in einer Stadt wohnen, ein neues Erlebnis bieten.

Wie sieht dieser Markt aus. Sind Sie da alleine?
Wir konkurrieren mit sehr viel. Entweder du guckst Abends Netflix oder du kommst zu einem von unseren Erlebnissen. Entweder du gehst zum Sport oder zu uns. Das heißt, die Konkurrenz ist groß. Wir wollen die Leute begeistern, in der Freizeit mal etwas anderes zu tun als das Gewöhnliche.

Wie kriegt man die Leute dazu, dass sie Ihren Hintern nochmal in Bewegung setzen, wenn sie von der Arbeit kommen und eben nicht Netflix anmachen?
Dafür machen wir viel Marketing. Und wenn das Ticket mal gebucht ist, dann kommen die Leute auch.

Sie haben nicht nur eine ungewöhnliche Geschäftsidee, sondern auch eine ungewöhnliche Firmenkultur. Sie machen für die Mitarbeiter alles transparent: Strategie, Finanzpläne, etc. Was bedeutet das für das Unternehmen?
Für uns ist es sehr wichtig, dass wirklich jeder, auch jeder Praktikant, die Entscheidungen nachvollziehen kann, die wir treffen und an die Vision glaubt. Diese Offenheit, was unsere Finanzen und Strategie betrifft, hilft uns, weil dann nicht nur wir Gründer über gewisse Dinge nachdenken, sondern alle denken nach. Und das hilft extrem dabei, dass man gemeinsam als Team eine Vision verfolgt und in die Tat umsetzt. Und dass man sich auch auf die wichtigen Dinge fokussiert, denn nur durch diese Transparenz ist den Leuten auch bewusst, was bei ihrem täglichen Doing wichtig ist und was vielleicht nicht so wichtig ist. Und das hilft uns sehr.

Wie kommt man darauf dass man ein Unternehmen auf diese Weise führen möchte?
Ich habe schon bei meinem Bachelor angefangen, mich damit zu beschäftigen. Damals habe ich ein Buch gelesen von einem Manager, der in den USA eine Fabrik richtig erfolgreich gemacht hat, indem er die Kultur verändert hat. Dann war ich einige Jahre in Großkonzernen unterwegs und habe gesehen, was es bedeutet, wenn man nicht offen kommuniziert, wenn vieles nicht richtig verstanden wird, wenn der Vorstand entscheidet und das Team die Entscheidung nicht nachvollziehen kann. Das wollte ich anders machen. Wir haben es bisher noch nicht einmal bereut. Es bedarf aber natürlich viel mehr Kommunikation und Erklärung.

Das fordert von den Mitarbeitern aber auch viel – die Gedanken nimmt man ja auch mit in die Freizeit.
Und deswegen ist es uns sehr wichtig, dass die Mitarbeiter wirklich zu uns passen, dadurch sind unsere Bewerbungsprozesse auch lang – nach dem letzten Gespräch geht es noch zum Coffee Date mit zwei Team-Mitgliedern, um abzuchecken, ob es auch kulturell passt. Erst dann wird über die Einstellung entschieden.

Wenn ich Sie während dieses Interviews so beobachte, dann wirken Sie extrem entspannt und happy. Läuft derzeit alles so gut?
Ich glaube, ich bin von der Personality her so. Ich bin auch echt müde, das macht vielleicht die Entspanntheit aus. Letzte Woche war ich viel unterwegs und heute morgen bin ich um 4.30 Uhr aus dem Haus. Das ist natürlich schon manchmal stressig. Wir haben auch gute und schlechte Tage. Das Leben eines Gründers ist jeden Tag eine Achterbahnfahrt. Morgens geht man ins Büro und denkt sich: Oh mein Gott, es gibt nichts Geileres auf der Welt und was haben wir für eine fantastische Vision. Und eine Stunde später: Oh mein Gott, es funktioniert einfach gar nichts und es bricht alles zusammen. Das schwankt jeden Tag extrem. Aber es macht trotzdem unfassbar viel Spaß und wir können uns, glaube ich, alle nichts Schöneres vorstellen.

Interview: Daniel Baumann

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