Friederike Otto, Klimaforscherin an der Universität Oxford
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Friederike Otto, Jahrgang 1982, kam über die Physik zur Philosophie.

Klimaforscherin

„Die zahlen lassen, die am meisten profitieren“

  • Friederike Meier
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Die Philosophin und Klimawissenschaftlerin Friederike Otto forscht in Oxford. Jetzt arbeitet sie daran, dass Konzerne vor Gericht für die Erderwärmung verantwortlich gemacht werden können

Mit dem Thema Erderwärmung wollte Friederike Otto eigentlich gar nichts zu tun haben. Trotzdem wurde sie Klimawissenschaftlerin und schließlich Mitbegründerin eines neuen Zweigs der Klimawissenschaften – der „Attribution Science“. Trotz der vielen schlechten Nachrichten hat sie Hoffnung, dass die Menschheit beim Klimawandel noch die Kurve bekommt.

Frau Otto, Sie leiten das Environmental Change Institute an der Universität Oxford. Wie sieht ein typischer Tag als Klimawissenschaftlerin aus?

Als Erstes gehe ich morgens eine Runde joggen. Dann habe ich ein ausführliches Frühstück mit meinem Sohn. Wenn er in der Schule ist, setze ich mich an meinen Küchentisch zum Arbeiten. Im Moment arbeite ich viel am nächsten Bericht des Weltklimarats. Ich bin Leitautorin des Kapitels über Extremereignisse. Momentan betreue ich außerdem vier Doktoranden und zwei Postdocs. Fast jeden Tag treffe ich mich mit einem von ihnen, teilweise online, teilweise zum Spaziergang im Park. Dann kommt noch die Institutsleitung hinzu – im Moment bereiten wir das Semester vor. Fast jeden Tag spreche ich auch mit Journalisten. Wenn es gut läuft, habe ich eine Stunde am Tag, an denen ich an meinen eigenen Veröffentlichungen arbeite.

Woran arbeiten Sie gerade?

In einem Projekt ist unser Ziel, Konzerne oder Staaten auch vor Gericht für den Klimawandel verantwortlich machen zu können. Wissenschaftlich funktioniert das schon, aber das alleine reicht nicht. Deshalb arbeite ich, zusammen mit Juristen und Sozialwissenschaftlern, gerade an Beweisketten, die nicht nur in einer Zuordnungsstudie funktionieren, sondern auch vor Gericht.

Was sind Zuordnungsstudien?

Wir können damit sagen, ob und wenn ja wie viel wahrscheinlicher und intensiver ein Extremwetterereignis durch den menschengemachten Klimawandel geworden ist. Zum Beispiel wäre die Hitzewelle in Frankreich im vergangenen Jahr ohne den Klimawandel zwei Grad kälter gewesen. Es wäre trotzdem eine Hitzewelle gewesen, aber die Drei-Tages-Mitteltemperatur wäre um zwei Grad niedriger gewesen. Um das herauszufinden, rechnen wir aus, welche Wahrscheinlichkeit diese Hitzewelle im heutigen Klima hat, und vergleichen das mit der Wahrscheinlichkeit, die sie in einem Klimasystem mit einer Atmosphäre ohne die zusätzlichen Treibhausgase hätte.

Außerdem leiten Sie die Initiative „World Weather Attribution“. Was machen Sie dort?

Die Initiative habe ich mit meinem Kollegen Geert Jan van Oldenborgh im Jahr 2015 gegründet. Denn jedes Mal, wenn ein Extremwetterereignis stattfindet, fragt jemand nach der Rolle des Klimawandels. Normalerweise dauert es aber, selbst wenn man schnell ist, ein Jahr, bis eine wissenschaftliche Studie geschrieben, begutachtet und veröffentlicht ist. Dann redet niemand mehr über das Extremereignis. Deshalb haben wir uns gesagt: Wir können das auch schneller machen, wenn wir unsere Ergebnisse vor dem Peer Review veröffentlichen. Wenn also ein Extremereignis auftritt, berechnen wir mit den gleichen Methoden, die wir auch für die begutachteten Studien verwenden, wie viel wahrscheinlicher ein Ereignis durch den Klimawandel geworden ist. Wichtig ist dabei, dass jeder einzelne Schritt und alle Daten öffentlich sind.

Jetzt wollen Sie aber noch weiter gehen.

Richtig. Einen Großteil meiner bisherigen Karriere habe ich damit verbracht, die Methoden für diese Studien zu entwickeln. Dadurch können wir Ereignisse wie Stürme oder Hitzewellen dem Klimawandel zuordnen. Das alleine löst das Problem noch nicht. Um den Klimawandel zu stoppen, reicht es nicht, dass einzelne Staaten klimaneutral werden. Wenn die Ölmultis ihr Geschäftsmodell nicht umstellen, wird sich nichts ändern. Man kann natürlich warten, bis sie auf entsprechende Gesetze reagieren. Man kann aber auch versuchen, das über die Gerichte zu beschleunigen, und sie verklagen, weil ihr Geschäftsmodell zu konkreten Schäden führt.

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PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittsmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können unter fr.de/meinezukunft vorgestellt werden.

VERANSTALTUNG: Friederike Otto kommt am Freitag, 16. Oktober, nach Frankfurt. Gemeinsam mit FR-Chefredakteur Thomas Kaspar, Klimaautor Joachim Wille und der Unternehmerin Hannah Helmke diskutiert sie auf dem Open-Books-Podium im Historischen Museum. Die Veranstaltung ist ausgebucht.

WEITERLESEN: Der Klima-Kniff: Wie Hannah Helmke RWE & Co. zu mehr Nachhaltigkeit bewegt und Die Hitze-Falle: Was die drohende „Heißzeit“ bedeutet

Zum Beispiel hat ein Kollege unsere Ergebnisse zu Hurrikan „Harvey“ genommen und ausgerechnet, wie viele der monetären Schäden durch „Harvey“ dem Klimawandel zuzuordnen sind. Er hat herausgefunden: Von den 90 Milliarden Dollar Schäden, die durch die Regenfälle entstanden sind, sind etwa 67 Milliarden dem Klimawandel zuzuordnen. Das wird bezahlt von den Menschen, die in Houston, Texas, wohnen. Natürlich vor allem von denen, die keine Versicherung haben, am unteren Ende der Gesellschaft. Mit Hilfe der Gerichte könnte man es schaffen, dass die zahlen müssen, die am meisten von dem System profitiert haben.

Was sind die wissenschaftlichen Probleme, die Sie dafür zu lösen versuchen?

Eine Frage ist, zu welchen Extremereignissen ein Konzern oder ein Staat signifikant beigetragen hat. Man muss im Rahmen der wissenschaftlichen Unsicherheiten sagen können: Die Schäden wären ohne den Konzern deutlich geringer gewesen. Zum Beispiel ist bei Hitzewellen der Klimawandel ein absoluter Game Changer. Da haben die Emissionen einzelner großer Konzerne oder Länder einen sehr großen Anteil, weil die gesamte Veränderung so groß ist. Dazu kommt, dass die Schäden, die ein Extremwetter verursacht, nicht nur mit dem Wetter zu tun haben, sondern auch damit, wie beispielsweise die Häuser gebaut sind. Um eine geschlossene Beweiskette zu haben, muss man auch diese Einflüsse kennen und wenn möglich quantifizieren. Natürlich ist der Weg über die Gerichte nur einer von vielen.

Sie haben ein Diplom in Physik und einen Doktor in Philosophie. Wie sind sie zur Klima-wissenschaft gekommen?

Während meines Physikstudiums fand ich vor allem die Quantentheorie spannend. Dabei kommen viele philosophische Fragen auf: Wie kann man das, was man mathematisch zeigen kann, mit der reellen Welt zusammenbringen? Wie kann man das verstehen, was kann man mit solch theoretischem Wissen anfangen? Deshalb habe ich angefangen, neben Physik auch noch Philosophie zu studieren. Mit dem Klimathema bin ich das erste Mal in meiner Physik-Diplomarbeit in Berührung gekommen, wo ich am Alfred-Wegener-Institut mit einem Klimamodell gearbeitet habe. Das hat mich wahnsinnig frustriert, weil in diesem Fall so getan wurde, als ob diese Modelldaten die Realität wären. Deshalb habe ich beschlossen, eine Doktorarbeit in Philosophie zu schreiben und mich damit zu beschäftigen, was wir von Modellen lernen können und was nicht. Mit dem Klima wollte ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts mehr zu tun haben. Deshalb hatte ich die Doktorarbeit viel allgemeiner angelegt, bin dann aber doch immer wieder zu den Klimamodellen zurückgekommen. Danach wollte ich aber wieder etwas Angewandtes machen. Ich wollte nicht mehr den ganzen Tag alleine mit einem Buch und dem Laptop verbringen. Wenn ich während der Promotion meinen Hund nicht gehabt hätte, wäre ich bekloppt geworden. Ich habe mich deshalb auf Postdoc-Stellen beworben, die etwas mit Klima und Physik zu tun haben. Durch einen Zufall bin ich hier in Oxford gelandet.

Sie machen seit 2012 Zuordnungsstudien. Hat sich seitdem in der Debatte überhaupt etwas geändert?

Ich glaube schon. Als wir angefangen haben, haben die meisten Medien geschrieben, Extremwetter habe mit Klimawandel überhaupt nichts zu tun. Die meisten Wissenschaftler haben gesagt, einzelne Ereignisse können wir nicht dem Klimawandel zuordnen. Das hat sich fundamental geändert. Dass über das Thema gesprochen wird, ist ein wichtiger erster Schritt zum Handeln. Ich glaube schon, dass das auch daran liegt, dass die Menschen das Wetter, das sie täglich erleben, mit dem intellektuellen Verstehen des Klimawandels in Zusammenhang bringen.

Wissenschaftler werden oft kritisiert, wenn sie sich politisch äußern. Sehen Sie sich auch als Aktivistin?

Was soll man sonst sein? Passivist? Ich bin Wissenschaftlerin und deshalb kenne ich mich mit dem Klimawandel besonders gut aus. Aber gleichzeitig bin ich auch ein Teil der Gesellschaft und will, dass diese Gesellschaft so fair und gerecht wie möglich ist. Es kann außerdem niemand behaupten, dass Wissenschaft wertfrei ist. Natürlich sind die Fragen, die man stellt, davon beeinflusst, was einem wichtig ist. Aber das ist gut so, denn nur so kann Wissenschaft auch helfen, die Welt besser zu machen.

Viele Ergebnisse aus der Klimawissenschaft sind niederschmetternd. Haben Sie Hoffnung, dass die Wissenschaft dazu beiträgt, etwas zu ändern?

Es ist nicht alles schlimm. Der Klimawandel findet statt, und er ist ein echtes Problem. Er ist aber ein soziales Problem, keines, was physisch unmöglich ist zu lösen. Wir sind als Gesellschaft schon bei vielen sozialen Problemen weitergekommen. Zum Beispiel hieß es früher immer, das Bevölkerungswachstum sei das große Problem. Aber global sinkt die Rate der Bevölkerungszunahme, zum Beispiel durch Bildung und Stärkung der Frauenrechte. Da haben wir wirklich etwas geschafft. Klar, es geht viel zu langsam, aber es ist möglich.