Es gibt eine Petition, die die ARD auffordert, einen prominenten Sendeplatz für „Klima vor acht“ einzurichten.
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Es gibt eine Petition, die die ARD auffordert, einen prominenten Sendeplatz für „Klima vor acht“ einzurichten.

Fernsehen

Primetime fürs Klima

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Abend für Abend schaltet die ARD an die Frankfurter Börse. Eine Initiative findet: Statt der Aktienkurse sollte der Klimawandel ins Programm.

Die Minuten vor der ARD-Tagesschau gehören der Sendung „Börse vor acht“, und das seit fast zwei Jahrzehnten. Rund 2,5 Millionen Zuschauer hat das Format jeden Werktag. Ein Top-Sendeplatz, denn damit beginnt quasi die Versammlung vor dem medialen „Lagerfeuer“, als das die älteste TV-Nachrichtensendung um 20 Uhr immer noch gilt. Es schauen auch 70 Prozent Leute zu, die sich gar nicht besonders für Finanzen interessieren, sagen ihre Macher.

Soll dieser Sendeplatz weiter für Börsennachrichten reserviert sein, obwohl nicht einmal jeder sechste Deutsche Aktien besitzt? Eine Initiative von Klimaaktivisten meint: Nein. Sie fordert die ARD und die anderen TV-Anstalten auf, ein tägliches Kurz-Format mit Infos zur Klimakrise ins Programm zu integrieren, basierend auf wissenschaftlichen Fakten. Titel: „Klima vor acht“.

Die Klimaberichterstattung soll nicht nur Katastrophen zeigen - sondern auch Lösungen

„Die Sender informieren zwar durchaus über das Thema“, sagt die Sprecherin der Initiative, Friederike Mayer. „Doch meistens nur, wenn es um Katastrophen geht. Etwa, wenn in Kalifornien die Wälder brennen. Oder sie bringen es in Dokus nachts um 22.30 Uhr.“

„Klima vor acht“ soll leicht verständlich Wissen zur sich zuspitzenden Krise liefern. Diese betreffe inzwischen alle Lebensbereiche, sagt Mayer, „von Wohnen über Mobilität bis Migration“. Viele Zeitgenossen hätten die Dimension noch gar nicht begriffen und würden bisher durch die Konzentration auf Katastrophen-Berichterstattung abgeschreckt, sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen. „Deswegen soll es in dem Format auch darum gehen, wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen und Lösungsansätze aufzuzeigen“, so Mayer, die als Journalistin und Lektorin arbeitet.

Die Idee für ein solches Format im TV wird von mehreren Gruppen vorangetrieben. Es gibt eine Petition, die die ARD auffordert, einen prominenten Sendeplatz für „Klima vor acht“ einzurichten. Sie wurde von mehr als 26 500 Menschen unterzeichnet. Die Gruppe „Grannies for Future“ schrieb Briefe an die öffentlich-rechtlichen Sender. Und im Juni besetzten Klimaaktivisten von „Extinction Rebellion“ eine Zufahrt zum NDR, wo die Gemeinschaftsredaktion „ARD aktuell“ sitzt, und forderte mehr Aufmerksamkeit für das Thema.

Die ARD lässt sich für Klima vor acht nicht begeistern

Nun wird das Projekt konkret. Die „Klima vor acht“-Initiative schaffte es, auf dem Portal Startnext per Crowdfunding 46 000 Euro einzusammeln, mit denen sechs Pilotfolgen produziert werden. Angepeilt hatte sie nur 20 000, aber dieses Ziel war bereits nach drei Stunden erreicht. Am Ende kam mehr als doppelt so viel Geld zusammen wie erhofft. „Das zeigt, wir haben da eindeutig einen Nerv getroffen“, kommentierte Mitstreiter Norman Schumann.

Ein Produktionsstudio ist gefunden. Die sechs Videos mit drei bis fünf Minuten Länge sollen Anfang nächsten Jahres fertig sein und dann auf Youtube und anderen Plattformen veröffentlicht werden. Anspruch der Gruppe ist: Die Videos sollen so professionell gemacht sein, dass sie in der ARD gezeigt werden könnten. Man wolle zeigen, was gute Klimaberichterstattung ist, sagt Mayer – „und dass es in diesem Format funktioniert“.

Dass die ARD tatsächlich einsteigt, ist allerdings unwahrscheinlich. Die ARD-Programmdirektion erklärte, die jetzige Börsensendung vor der Tagesschau befasse sich bereits regelmäßig mit dem Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Umwelt. Und der geschäftsführende Redakteur des ARD-Vorabendprogramms, Christoph Schmidt, ließ wissen, er verstehe das Anliegen der Aktivisten „nicht so ganz“. Denn in der Viertelstunde vor der Tagesschau – da laufen auch noch „Wissen vor acht“ und „Wetter vor acht“ – sei die Klimaberichterstattung bereits ein elementarer Bestandteil.

Wissenschaftlerin befürwortet mehr Klimainformationen in der ARD

Medienexperten halten eine Ergänzung der bisherigen Berichterstattung allerdings für angezeigt. Es gebe in Deutschland durchaus ein großes Problembewusstsein in Bezug auf die Klimakrise, große Teile der Bevölkerung seien sehr gut informiert, meint die Passauer Professorin für Wissenschaftskommunikation, Hannah Schmid-Petri. Allerdings liege der Fokus zu sehr auf den negativen Folgen des Klimawandels, was den Zuschauern das Gefühl gebe, nichts bewirken zu können. Die „Klima vor acht“-Initiative ziele in eine sehr gute Richtung, „weil ja ihr Anliegen auch ist, wirklich konkrete Lösungsansätze oder mögliche Antworten darzustellen“, sagte sie dem Deutschlandfunk. Idealerweise führe das dazu, „dass mehr Leute erkennen, wie der Klimawandel wirklich mit unserem Alltag zusammenhängt und was wir ganz konkret dagegen unternehmen können“.

Mit-Initiatorin Mayer hofft, dass die Programmgewaltigen der ARD umdenken, wenn sie die fertigen Videos sehen. Die intensive Behandlung der Corona-Pandemie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zeige, was möglich sei. Und der Klimawandel verändere die Lebensverhältnisse ja noch viel dauerhafter.