Eine Klimaaktivistin protestiert vor einer Müllkippe.
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Handeln ist gut - aber sich permanent unrealistische Ziele zu setzen, kann auch nach hinten losgehen.

Gesellschaftlicher Wandel

„Wir sollten uns gegenseitig darin unterstützen, besser zu werden“

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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Aber wir sollten uns mit dem Wunsch, die Welt retten zu wollen, nicht überfordern. Sagt der Physiker und Autor Thomas Bruhn. Ein Gespräch über Angst vor Veränderung – und wie sie trotzdem gelingt.

Herr Bruhn, wir wissen eigentlich, was wir tun müssen, um den Klimawandel zu begrenzen, schaffen es aber nicht. Warum?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln ist bisher vor allem ein kognitiver Prozess. Es gab die Hoffnung, dass wir unser Verhalten ändern, wenn wir nur genug über die Auswirkungen des Klimawandels wissen. Das ist aber leider nicht so. Es braucht auch die emotionale Betroffenheit. So lange wir das Gefühl haben, der Klimawandel sei etwas Abstraktes „da draußen“, so lange fällt es uns schwer, Verhaltensmuster zu überwinden, die wir über Generationen eingeübt haben.

Viele dürften das Thema verdrängen, weil sie sonst Angst und Ohnmacht spüren würden.

Wenn wir uns gegenseitig mit Schreckensnachrichten Angst machen, lähmt uns das eher. Aber die Welt ist auch voller hoffnungsvoller Ansätze. Uns gegenseitig zu unterstützen, statt Schuldgefühle und Angstgefühle zu verstärken, ist ganz wichtig. Dafür brauche ich ein Umfeld, in dem ich eingestehen kann, dass ich nicht so klimafreundlich lebe, wie ich es eigentlich für erforderlich halte. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir Angst haben müssen, für unsere Unzulänglichkeiten an den Pranger gestellt zu werden. Viel hilfreicher ist es, wenn wir uns gegenseitig darin unterstützen, besser zu werden, in der Annahme, dass jeder sein Bestmögliches tut.

Thomas Bruhn, 40, ist Physiker und leitet das Projekt „Denkweisen für das Anthropozän“ am Institut für transformative Nachhaltigkeits-forschung (IASS) in Potsdam. Das Projekt will die Frage beantworten, ob innere Haltungen wie Mitgefühl oder Achtsamkeit den Wandel zur Nachhaltigkeit vorantreiben können.

Wie kann das konkret aussehen?

Ein Beispiel sind die Carbon Conversations aus England, die von einer Psychotherapeutin ins Leben gerufen wurden. Das sind Kreise von Menschen, die sich gegenseitig coachen zu den Fragen: An welche Grenzen stoße ich in meinen Bemühungen, klimafreundlicher zu leben? Woran liegt das? Und welche Möglichkeiten habe ich, das zu ändern? Es geht auch darum, sich angreifbar zu machen und zuzugeben, wenn man meint, nicht aufs Auto verzichten zu können. Statt sich hehre, aber unrealistische Ziele zu setzen, öffnet dies die Möglichkeit, sich gegenseitig zu helfen und diesen Veränderungsprozess gemeinsam mit anderen anzugehen.

Zu Beginn Ihres Buches schreiben Sie, dass die Verantwortung für den Klimawandel oft auch auf die jeweils anderen Akteure geschoben wird. Sollen wir also bei uns selbst anfangen?

Ja. Gleichzeitig ist aber die Frage: Wer ist wir? Ich will es nicht darauf reduzieren, dass jeder Einzelne etwas tun muss. „Wir“ kann genauso gut ein Unternehmen sein oder ein Unternehmerverband, eine Behörde oder ein Sportverein. Es geht immer um die Bezugsgröße, für die ich gerade handlungsfähig bin.

Wenn Fridays for Future von der Regierung fordert, ihre Politik am 1,5-Grad-Ziel auszurichten, weil sie das Pariser Klimaabkommen unterschrieben hat, dann fangen die Aktivist:innen aber nicht in ihrem eigenen Kontext an.

Wenn Jugendliche die Verzweiflung sichtbar machen und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, finde ich das unglaublich wichtig und wertvoll. Gleichzeitig ist damit natürlich real noch nichts erreicht. Schwierig wird es, wenn Erwachsene öffentlichkeitswirksam sagen, sie finden es toll, was die Jugendlichen da machen, und dabei bleibt es dann. Dann gehen sie vielleicht in ihr Meeting und entscheiden wie sonst auch. Wenn wir Erwachsenen unsere unmittelbare Verantwortung nicht annehmen, hilft es überhaupt nichts.

Was hilft Ihrer Ansicht nach?

Die große Herausforderung ist es, Prozesse zu schaffen, wie Menschen aus ihrer Gesinnung auch in verändertes Handeln kommen. Es ist wichtig, dass man sich dabei nicht als isolierten Einzelnen begreift, sondern als Teil eines Netzwerksprozesses und sich strategisch mit Menschen vernetzt, die ein ähnliches Anliegen haben, die aber über komplementäre Wirkungsfelder verfügen. Zum Beispiel in der Firma, im Verein, in der Schule.

Was ist aber, wenn ich in meinem beruflichen Umfeld nicht viel verändern kann, beispielsweise als Verkäuferin im Einzelhandel?

Nun kenne ich persönlich die Lebensrealität einer Verkäuferin vielleicht zu wenig, um das im Detail einschätzen zu können. Ich habe jedoch einmal einen internen Workshop begleitet bei einem Unternehmen, das mit Nachhaltigkeit im Kern erst einmal nichts zu tun hatte, nach außen aber seinen Sinn für gesellschaftliche Verantwortung betonte. Wie in vermutlich jedem Unternehmen gab es dort natürlich auch ein paar Menschen, die feststellten: Zuhause bemühe ich mich, bio und regional zu essen, und in unserer Kantine ist das nicht so. Das passt doch nicht zusammen. Und schnell wird daraus die grundlegende Frage: Wie sehr leben wir als Unternehmen eigentlich das vor, was wir nach außen vertreten? Das entscheidende sind hier die Netzwerke. Dass man die Menschen mit an Bord holt, die so einen Wandel gerne mitmachen. Man braucht Gleichgesinnte als Partner und dann macht es Freude, an so etwas zu wachsen.

Was wäre der nächste Schritt?

Zu schauen: Wen müsste ich in unserem Unternehmen gezielt ansprechen, um etwas am Kantinen-Essen zu ändern. Und so stößt man einen Prozess an, der leicht eine gewisse Eigendynamik entfaltet. Im Kern stehen aus meiner Sicht immer intrinsisch motivierte Menschen, die sich rund um gemeinsame Werte innerhalb ihrer Organisation – oft erst einmal informell – vernetzen. In unserem Buch stellen wir einige dieser Beispiele etwas näher vor.

Sie leiten am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam das Projekt „A Mindset for the Anthropocene“. Welche geistige Haltung brauchen wir denn?

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PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WEITERLESEN: Mehr Informationen zum Forschungsprojekt gibt es auf https://www.ama-project.org/

Das Buch „Mehr sein, weniger brauchen – was Nachhaltigkeit mit unseren Beziehungen zu tun hat“ von Thomas Bruhn und Jessica Böhme ist am 10. Februar im Beltz Verlag erschienen.

Als das Projekt entstand, ging es erst einmal darum, die Tür dafür zu öffnen, sich im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit mit Mindsets auseinanderzusetzen. Unser Eindruck war, dass beim Thema Nachhaltigkeit die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen und von Technologien im Vordergrund standen. Aber nicht all das, was mit menschlicher Subjektivität zu tun hat. Auf der anderen Seite gibt es in unserer Gesellschaft einen regen Diskurs über Mindsets, wenn es um Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung oder auch Fragen von Leadership geht. Wir waren frustriert, dass diese beiden Diskurse so wenig voneinander lernen. Denn unser gesellschaftliches System wird ja auch getragen von Menschen – und diese Menschen haben Vorstellungen, Werte und mentale Modelle.

Sie sind ursprünglich Physiker. Wie sind Sie zum Thema Nachhaltigkeit gekommen?

Schon seit meiner Kindheit hat mich die Schönheit des Weltraums und der Erde fasziniert und ich hatte ein Faible für Naturwissenschaft. Gleichzeitig war ich bereits als Jugendlicher sehr an Psychologie interessiert. Ich habe mich dann für ein Physikstudium entschieden. während meines Studiums Fantasy-Romane geschrieben. Diese wurden für mich ein Reflexionsprozess darüber, was eigentlich mein Bild einer zukunftsfähigen Lebensweise und Gesellschaftsstruktur ist. Ich habe angefangen, mich zivilgesellschaftlich für diese Themen zu engagieren und bin dadurch dem Club of Rome näher gekommen. Diese Stränge existierten einige Jahre parallel. Gegen Ende meiner Doktorarbeit wurde dann das IASS in Potsdam gegründet, ein Forschungsinstitut und zugleich eine Plattform für die Verknüpfung gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse. Das Institut erschien mir als ein Ort, wo ich meine verschiedenen Begeisterungen zusammenbringen konnte, als Vermittler zwischen verschiedenen Welten.

Und – ist die Vermittlung geglückt?

Nach einigen Jahren dort merkte ich: Es geht bei dieser Integration nicht nur um das Wissen. Es geht ganz wesentlich auch um die zwischenmenschlichen Dynamiken und die Geisteshaltungen und Werte der beteiligten Akteure. Aus dieser Erfahrung entstand schließlich unser Projekt. Um meine Fachkenntnisse in dieser Richtung auch selbst nochmal zu vertiefen, habe ich schließlich vor einem Jahr ein berufsbegleitendes psychologisches Studium angefangen.

Der Titel Ihres Buches lautet „Mehr sein, weniger brauchen“. Was meinen Sie damit?

Vor allem, dass wir uns selbst und unserer eigenes Dasein als Beitrag zu einer globalen Entwicklung begreifen und nicht als Opfer dieser Entwicklung. Den Ausgangspunkt bildet die Erkenntnis einer tiefen Verbundenheit des Menschen mit allem nicht-menschlichen Leben auf unserem Planeten. Es ist zentral, festzustellen: Ich bin immer Beteiligter des Systems, um das ich mir Gedanken und Sorgen mache. Ich kann über Nachhaltigkeit nicht sprechen, ohne auch meine eigene Verwobenheit in das System mit zu bedenken. Gleichzeitig ist das für mich ein Bekenntnis zu einer tiefen Kleinheit.

Was ist unter dieser „tiefen Kleinheit“ zu verstehen?

Damit ist nicht gemeint, „die Welt retten“ zu wollen, sondern sich auf die eigene Wirksamkeit zu konzentrieren und seine unmittelbaren Beziehungen ernst zu nehmen. Denn die Muster von Beziehungen, die wir knüpfen, sind Teil eines Selbstorganisationsprozesses in meinem Bezugssystem. Ich kann nicht das System zwingen, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Ich kann jedoch selber in meiner eigenen Beziehungsumgebung und mit mir selbst die Muster leben, die mit einem gesunden Zustand des Planeten übereinstimmen. Unter anderem aus der Systemtheorie wissen wir gut, dass rein funktionale oder „Objekt-Objekt“-Beziehungen letztlich zur Ausbeutung von uns selbst und unserer Mitwelt beitragen. Unter anderem Hartmut Rosa hat darüber ja ausführlich geschrieben. Aber selbst wenn meine Umgebung von funktionalen oder ausbeuterischen Dynamiken bestimmt wird, muss das ja nicht bedeuten, dass ich mich von diesen fremdbestimmen lasse und mitschwimme. Ich kann mich davon emanzipieren.

Wie kann das funktionieren?

Wenn ich nicht in einem gesunden Gleichgewicht mit mir und meinen Ressourcen bin, konsumiere ich zum Beispiel Schokolade, um diesen Zustand auszuhalten. Etwa, um länger zu arbeiten, als ich gerade eigentlich könnte. Oder ich trinke Kaffee, um auszugleichen, dass ich nicht genügend geschlafen habe. Ich glaube, die meisten Menschen unseres Kulturkreises kennen Mechanismen, mit denen wir unser inneres Ungleichgewicht durch Konsum ausgleichen, um uns besser zu fühlen, sowohl im materiellen als auch im übertragenen Sinn. Oft geht es dabei nicht um wirklich wesentliche Bedürfnisse. Vielmehr kann das auch Ablenkung oder Entertainment-Betäubung sein. Das ist keine neue Erkenntnis. Sinngemäß hat Al Gore das in seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht“ mal ganz provokativ so zusammengefasst: „Wir sind süchtig geworden nach dem Verzehr der Erde, von der wir uns entfremdet haben.“ Auch Erich Fromm hat das in „Haben oder sein“ ähnlich thematisiert. Dieses Kompensieren macht uns nicht wirklich glücklich, es verschafft uns höchstens ein kurzes Gefühl von Befriedigung.

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Aber was ist, wenn mir etwa meine Vorgesetzten keine Pause gönnen, um mein Gleichgewicht zu finden?

Meine Vermutung ist erst einmal, dass es Ihnen oder mir nicht viel anders geht als unseren Chefs oder Chefinnen. Auch mein:e Chef:in ist vielleicht in einen ausbeuterischen Modus gezwungen, den sie selbst nicht will oder gar nicht für sinnvoll hält. Ähnlich wie wir selbst akzeptiert sie diesen Modus jedoch vielleicht, weil sie sich selbst in diesem System als Getriebene und als ohnmächtig erlebt. Wenn ich mich frage, ob ich etwas wirklich tun muss, begegne ich natürlich auch Ängsten. Gelte ich als schwach und nicht leistungsfähig? Verliere ich dann meinen Job? Gleichzeitig ist es erstaunlich, was alles möglich wird, wenn man den Mut hat, dieses Missverhältnis offen anzusprechen und damit auch zu den eigenen Verletzlichkeiten zu stehen. Und gleichzeitig habe ich oft erlebt: Vieles von dem, was wir glauben tun zu müssen, egal ob auf der Arbeit oder in der Freizeit, müssen wir vielleicht gar nicht wirklich.

Wenn wir uns also von diesen Zwängen befreien, verhalten wir uns dann eher so, dass wir der Umwelt nicht so sehr schaden, etwa weil wir nicht mehr so viel kaufen, was wir eigentlich nicht brauchen?

Unter anderem, ja. In unserem Buch geht es auch darum, wie wir praktisch mit den Schritten umgehen, die das für uns im Alltag bedeutet. Zwängen ehrlich zu begegnen und trotzdem meine eigene Handlungsmacht zu behalten. Ich erlebe oft, dass man das verklärt und sagt, irgendwann werde ich in einem idealen Zustand sein. Ich glaube nicht, dass es den gibt, ich glaube vielmehr, dass es einen kontinuierlichen Lernprozess hin zu nachhaltigeren Lebensweisen gibt.

Haben Sie einen Tipp, wie der erste Schritt in die Veränderung gelingt? Vielleicht eine Frage, die sich jede und jeder stellen kann?

Im Zentrum könnte stehen, sich regelmäßig zu fragen: Habe ich heute so gelebt, dass ich übereinstimme mit dem, was ich mir für die Welt wünsche? Dissonanzen sind unvermeidbar und gibt es wahrscheinlich bei jedem. Sie konfrontieren uns unweigerlich mit der Frage: Wofür stehe ich eigentlich? Wer bin ich wirklich? Es hilft, sich einen kleinen Raum zu schaffen, in dem man sich dieser Dissonanzen bewusst wird. Und sich dann zu fragen: Was hat mich daran gehindert, mich anders zu verhalten? Wovor hatte ich in dem Moment Angst?

Interview: Friederike Meier