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Wie Liu Shutong Chinas Öl-Problem lösen will

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Von: Fabian Kretschmer

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Die Idee zu MotionEco ist Liu Shutong bei einem Praktikum in den Niederlanden gekommen.
Die Idee zu MotionEco ist Liu Shutong bei einem Praktikum in den Niederlanden gekommen. © Fabian Kretschmer

China hat mit seinen Abertausenden Lokalen und Straßenküchen viel altes Speiseöl zu bieten. Ein junger Unternehmer veredelt es zu Bio-Treibstoff.

Oftmals sind die besten Ideen die naheliegenden. Als Liu Shutong in der südchinesischen Provinz Jiangxi aufwuchs, sah er fast täglich in den Abendnachrichten die Meldungen über kriminelle „Speiseöl-Banden“: Organisierte Kriminelle, die das hochgiftige, verbrauchte Öl von Garküchen und der Kanalisation auflesen, es primitiv filtrieren und dann zu einem Bruchteil des Einkaufspreises wieder am Markt verkaufen. Zu Hochzeiten, so berichteten es die Staatsmedien um die Jahrtausendwende, soll jeder zehnte Liter Speiseöl in China sogenanntes „Gossen-Öl“ gewesen sein: gesundheitsgefährdend und oftmals mit Fäkalien versetzt. Doch selbst Todesstrafen konnten das Problem nicht ausradieren, zu lukrativ war das Geschäft.

Fast zwei Jahrzehnte später musste Liu an jene Nachrichten zurückdenken, als er während seines Auslandsstudiums in den Niederlanden beim Energieriesen SkyNRG ein Praktikum absolvierte. Damals ist es der Firma erstmals gelungen, herkömmliches Speiseöl mit einem speziellen Verarbeitungsprozess zu Kerosin für Flugzeuge zu veredeln. Das Problem war nur, dass es den Niederländern an nachhaltigem Öl mangelte – denn das Palmöl, welches damals verwendet wurde, machte allein schon aufgrund der Regenwaldrodungen sämtlichen Umweltnutzen zunichte.

„Ich bin durch ganz Ostasien gereist, von Taiwan über Hongkong bis nach Japan und Südkorea. Was ich mich gefragt habe: Wieso sollen wir all diese wertvollen Ressourcen nach Europa schiffen? China leidet unter hohen Emissionen. Wir wollen unser Speiseöl lokal sammeln, lokal konvertieren und lokal benutzen“, sagt Liu Shutong.

Start-up MotionEco: Scooter-Fahrer klappern Restaurants ab und sammeln altes Öl ein

Seine Geschäftsidee war geboren: In seinem Heimatland China gibt es schließlich Speiseöl zur Genüge. Abertausende Lokale, Hotpot-Restaurants und Straßenküchen verwenden Unmengen davon jeden Tag. „Öl und Treibstoff: Wieso kann man das nicht verbinden?“, dachte sich Liu damals. Es war der Moment, der sein Leben fortan prägen sollte.

Wer den heute 34-jährigen Shutong in Shanghai besucht, trifft einen untypischen Unternehmer: Statt Anzug trägt er ein funktionales Fleece, seine Gestik strahlt Bescheidenheit aus, und jede Silbe wählt er mit Bedacht.

Doch was der Chinese mit seinem Start-up MotionEco erreicht hat, wäre Grund genug für stolzen Pathos: In mehreren Millionenstädten hat Liu Shutong ein Händler-Netzwerk aus Scooter-Fahrern aufgebaut, die örtliche Restaurants abklappern und das verwendete Speiseöl aufsammeln. Dieses wird dann an lokale Energiefirmen weiterverkauft, wo sie das Material weiterverarbeiten und als Bio-Dieselöl verwenden.

Chinas Ölkonzerne gehören zu den größten Klimasündern weltweit

Im letzten Jahr hat MotionEco nur 2000 Tonnen Öl eingesammelt. Doch angesichts eines Markts von 1,4 Milliarden Chines:innen, 120 Millionenstädten mit unzähligen Restaurants wäre das Potenzial endlos. Denn jeder Liter Bio-Öl verbraucht in seiner Herstellung nur rund ein Zehntel an Schadstoffen im Vergleich zu herkömmlichem Treibstoff.

Solche Graswurzel-Ideen sind überaus wichtig in einem Land, das in absoluten Zahlen der größte Klimasünder weltweit ist. Ein Blick auf die Statistiken ist ernüchternd: Seit über einem Jahrzehnt verbraucht China mehr Kohle als der Rest der Welt zusammen. Vor allem aber wird der Energiehunger der Volksrepublik in den nächsten Jahren weiter massiv anwachsen: Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass sich Chinas Primärenergieverbrauch bis 2040 verdoppeln könnte und ein Viertel des globalen Bedarfs ausmachen wird.

Gebrauchtes Speiseöl ist auch bei kriminellen Banken in China beliebt. Sie sammeln es ein und verkaufen es erneut.
Gebrauchtes Speiseöl ist auch bei kriminellen Banken in China beliebt. Sie sammeln es ein und verkaufen es erneut. © Imago

Zu den größten Klimasündern Chinas gehören die riesigen Öl-Konzerne, die für sich genommen CO2-Bilanzen wie eigenständige Staaten haben. Sinopec und Petrochina belegen mit weit über 160 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr die obersten zwei Plätze der größten Schadstoffemittenten unter allen öffentlich gehandelten Ölfirmen weltweit. Das hat nicht nur mit der absoluten Größe der Unternehmen zu tun, sondern vor allem auch damit, dass sie überproportional in den energieintensivsten Bereichen des Ölgeschäfts tätig sind: nämlich der Erforschung und Förderung neuer Felder sowie dem Betrieb von Raffinerien. Doch trotz der immensen Menge an Schadstoffen stellte die Parteiführung ihnen stets eine Art Freifahrtschein aus, weil die Betriebe für die Energieversorgung des Landes eine zentrale Rolle einnehmen.

Bis 2060 soll China klimaneutral wirtschaften

Und doch vollzieht sich allmählich auch im Reich der Mitte ein Umdenken: Es ist kein Zufall, dass in China der weltweit größte Windpark steht, jede zweite Solarzelle verbaut wird und die Verkehrswende längst beschlossene Sache ist. Bis 2060, so hat es Staatschef Xi Jinping letztes Jahr vor der UN-Vollversammlung versprochen, werde China schadstoffneutral wirtschaften.

Die Signale sind auch an der Basis angekommen. Start-up-Gründer Liu Shutong etwa sagt: „Mittlerweile redet jeder über erneuerbare Energien. Die Stimmung hat sich merklich geändert, die Leute kümmern sich mehr um Nachhaltigkeit“. Und plötzlich wird der Kleinunternehmer, der zuvor von den mächtigen Kapitalgebern des Landes belächelt wurde, auch in die Konferenzräume der großen Ölfirmen des Landes gelassen, um sein Geschäftsmodell vorzustellen.

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Ob der Plan des Jungunternehmers aufgeht, ist offen. Doch das Beispiel Liu Shutong belegt auch, wie sehr Kooperationen in einer globalisierten Welt die Lösungssuche für eine bessere Zukunft befruchten. Liu sagt von sich selbst, dass er als Jugendlicher niemals auf die Idee gekommen wäre, einen anderen Karriereweg einzuschlagen, als für eine große Firma als Büroangestellter zu arbeiten. Dass es auch möglich ist, ein eigenes Start-up zu gründen, lernte er erst während eines Austauschsemesters in San Francisco. „Die freie, liberale Atmosphäre dort hat mich inspiriert“, sagt der Unternehmer heute.

Erst jedoch in Europa, wo seine Kommilitonen ständig über Nachhaltigkeit und CO2-Bilanzen debattierten, kam er schließlich in Kontakt mit dem Thema erneuerbare Energien. Und für die Umsetzung seiner Geschäftsidee hat sich kein anderes Land der Welt besser geeignet als seine chinesische Heimat.

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