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Citizen Science

Wie 5000 Freiwillige in Belgien die Klimaforschung voranbringen

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Raus aus dem Elfenbeinturm der Labore und Hörsäle: Der Klimaforscher Filip Meysman aus Antwerpen hat einen Verein gegründet, der Bürgerinnen und Bürger in die Forschung einbindet.

Wissenschaft lebt vom Dialog. Das weiß auch Filip Meysman. Der Klimaforscher der Universität Antwerpen in Belgien sinnierte vor fünf Jahren in einer Bar mit einem Freund über die breiten Folgen ihrer Forschungsarbeiten. „Wie können wir Wissenschaft für die Gesellschaft besser nutzen und umgekehrt?“, erinnert sich Meysman. Am Ende des Gesprächs stand eine Idee: Citizen Science voranbringen – Bürgerwissenschaft. Sie setzt darauf, Freiwillige in die Forschung einzubinden. „Curieuze Neuzen“, neugierige Nasen, heißt der Verein, mit dem Meysman in Belgien die Forschung von unten vorantreibt.

„Wissenschaft wirkt oft elitär: Der renommierte Professor sagt, was wir denken oder tun sollen. Bürgerwissenschaft wirkt demokratisierend, weil jeder mitmachen kann“, sagt Meysman, 50. Der Forscher trägt kurzes Haar, Drei-Tage-Bart und pflegt überhaupt kein elitäres Gehabe. Mit viel Geduld erläutert er im Video-Gespräch sein Projekt. Gemeinsam mit 5000 Freiwilligen sammelt Meysman ab April sechs Monate lang Klimadaten in der Region Flandern. „Indem wir Tausende von Bürgerforschern einbeziehen, machen wir die Wissenschaft zum Teil ihres täglichen Lebens“, sagt Meysman.

Citizen Science: Auch Goethe war ein Bürgerwissenschaftler

Wissenschaft zum breiten Anliegen zu machen, das ist das Ziel von Citizen Science. Die Forschung soll raus aus Uni-Laboren und Hörsälen. Die Idee kam Ende des 20. Jahrhunderts in Großbritannien und den USA auf. „Wir möchten, dass das Thema unserer wissenschaftlichen Projekte zu einer gesellschaftlichen Debatte führt“, so Meysman. Neu ist der Ansatz nicht. Schon Goethe forschte im 18. Jahrhundert zu Mineralien und Licht. Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich rund um Naturkundemuseen Bürgervereine, um seltene Pflanzen oder Gesteine zu sammeln. Das war noch eher etwas Elitäres. Die Arbeiterbewegung und ihre Bildungsvereine reichten die Idee der emanzipatorischen Kraft des Wissens als Ausgang aus der Unmündigkeit nach unten weiter. Schließlich ist Wissen auch Macht. Deshalb will Citizen Science Wissen allen zugänglich machen.

Klimaforscher Filip Meysman will weg von elitärer Forschung.

„Bürgerwissenschaft wirkt demokratisierend, weil jeder mitmachen kann – auch ohne Uni-Abschluss“, sagt Meysman. Als Jugendlicher träumte er davon, Greenpeace-Aktivist zu werden. Doch fehlte ihm ein wenig der Mut, um auf hoher See Schiffe am Verklappen von Giftstoffen zu hindern. So widmete sich Meysman der Wissenschaft. Heute forscht der Professor als Biogeochemiker an der Universität Antwerpen. Sein Ideal aber ist unverändert: mit den eigenen Forschung rund ums Klima auch die Gesellschaft als Ganzes voranzubringen. Und das zum beiderseitigen Nutzen. „Bei bestimmten Problemen wie Luftqualität oder Dürrekartierung stecken wir als Forscher fest“, sagt er.

Klimaforschung zuhause im Garten: Eine einzigartige Datenflut

Das Problem: Klimadaten wie Temperatur oder Luftfeuchtigkeit ändern sich oft schon auf kleinstem Raum. Meysman braucht mehr Messstationen. Also brachte er seine Forschung an der Uni und seine Leidenschaft für Bürgerwissenschaft zusammen. Er rief auf zu einem einmaligen Klimaprojekt. Bald fahndete die Zeitung „De Standaard“ nach 5000 Freiwilligen, die daheim im Garten Klimadaten erheben. „So erhalten wir eine einzigartige Datenflut, die wir sonst nicht hätten“, so Meysman.

Jan Corens, 44, ist einer der Freiwilligen, die sich auf Meysmans Aufruf meldeten. „Der Klimawandel trifft uns alle, er ist bis in den eigenen Garten zu spüren“, beschreibt der Erzieher und Familienvater seine Motivation als Forscher. Von April bis Oktober wird eine kleine Messbox in Corens‘ Garten in der Stadt Mortsel Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit und Stickoxidgehalt sammeln und via Internet an die Uni Antwerpen übermitteln. Dort werden die Daten ausgewertet und in Klimakarten zusammengefasst – via Internet wiederum zugänglich auch für Corens und seine Freizeitforscherkolleg:innenen. Die Klimadebatte erreicht die Vorgärten.

Das Offenlegen der Daten bleibt nicht ohne Folgen. Corens war schon mal als Bürgerforscher aktiv. Damals ging es um die Belastung der Luft mit Stickoxiden, etwa aus dem Autoverkehr. Die Ergebnisse wurden ins Netz gestellt. „Plötzlich ging es auch um die Frage: Warum ist die Luft in der Straße um die Ecke besser als bei mir“, erinnert sich Corens. In Antwerpen löste das Ganze Streit über Fahrverbote aus.

Bürgerwissenschaft-Projekte auch in Deutschland

Auch in Deutschland laufen bereits etliche Projekte, die Wissenschaft und bürgerliches Engagement zusammenbringen. Jetzt hat das Bundesforschungsministerium neun Millionen Euro für Citizen-Science-Projekte bereitgestellt. Bescheiden, aber immerhin. „Ich spreche nicht von Hobbyforschern, sondern von Amateuren: Im ursprünglichen Sinn bedeutet das Wort, sich einer Sache aus Liebe zu verschreiben“, sagt Vanessa van den Bogaert. Die Bildungsforscherin befasst sich an der Universität Bochum mit der Bürgerwissenschaft. „Citizen Science setzt darauf, Bürgerinnen und Bürger in den wissenschaftlichen Prozess miteinzubinden“, erläutert van den Bogaert. Das müssen nicht immer Erwachsene sein. So setzt die Universität Kiel auf die Plastikpiraten. Schülerinnen und Schüler fahnden am Strand oder Flussufer nach Kunststoffen. Van den Bogaert hat die Plastikforscher:innen wissenschaftlich begleitet. Ihr Ergebnis: Bürgerwissenschaft hat einen bleibenden Effekt. Schulunterricht ist auf Lernziele festgelegt, das Resultat steht von vornherein fest. „Citizen Science wie die Plastikpiraten arbeitet anders“, erläutert van den Bogaert. „Dort wird Wissenschaft als offener Prozess mit offenem Ergebnis verstanden. Das weckt das langfristige Interesse.“

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Bürgerwissenschaft verändert die Perspektive. Das stellt auch Filip Meysman fest. „Wissenschaftskommunikation richtet sich zu oft an ,männliche Nerds‘", sagt Meysman. Er überlege bei seinen Projekten stets, „was könnte meine Tochter oder meine Mutter interessieren?“. Das bürgernahe Forschungsdesign zeigt Erfolg: Die Hälfte der Teilnehmer:innen ist weiblich, unter den Forschenden sind viele ohne Uni-Abschluss. Oft entdeckt Meysman, dass sich Großeltern melden. „Dann heißt es: ,Mein Enkel hat Asthma. Ich will wissen warum?!“"