Klein, aber fein: 950 Artikel gibt es in der Mini-Filiale.
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Klein, aber fein: 950 Artikel gibt es in der Mini-Filiale.

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Supermarkt der Zukunft - ein Laden ohne Personal

  • Martin Brust
    vonMartin Brust
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Die Lebensmittelkette Tegut hat in Fulda einen futuristischen Supermarkt eröffnet. Einkaufen lässt sich dort 24 Stunden am Tag. Und statt auf Personal setzt man auf viel Technik. Ein Besuch.

  • In Fulda gibt es jetzt einen Supermarkt, der ganz ohne Kassierer:innen auskommt.
  • Der Laden gehört der Lebensmittelkette Tegut und hört auf den Namen Teo. Ist das Konzept erfolgreich, sollen weitere Läden in ganz Deutschland folgen.
  • Zwar wird der Laden technisch überwacht, um Diebstahl oder Vandalismus macht man sich bei Tegut aber ohnehin nur wenige Sorgen.

Rund um die Uhr Lebensmittel kaufen in Geschäften ohne Kassenpersonal, das klingt nach innovativen Konzepten aus Asien oder den Vereinigten Staaten. Wie etwa bei Amazon Go, wo Kundinnen und Kunden Produkte einfach nehmen und dann gehen. Kameras und Sensoren erfassen die Einkäufe, abgerechnet wird bei Amazon über die Kreditkarte. Dazu ist vorher natürlich eine Registrierung notwendig.

Auch das chinesische Unternehmen Bingo Box experimentiert mit Selbstbedienungsläden. Der Messenger WeChat wird für den Zugang zu den Läden und die Abrechnung genutzt. Die Kundschaft scannt selbst, bestätigt die Zahlung und verlässt den Laden. Die Tür öffnet sich erst, wenn die automatische Kontrolle bestätigt hat, dass Warenkorb und Rechnung zueinander passen.

Teo in Fulda: Viel Technik, wenig Personal

In Deutschland sind solche Konzepte kaum verbreitet. Das will die Lebensmittelkette Tegut aus dem hessischen Fulda nun ändern. Das Unternehmen hat in der Fuldaer Innenstadt auf einer ehemaligen Tankstelle den ersten Teo-Markt eröffnet, ein neues Vertriebskonzept ohne Kassenpersonal. Am Eingang wird per EC- oder Kreditkarte die Tür geöffnet. Auf 50 Quadratmetern wartet dann ein rund 950 Artikel umfassendes Vollsortiment inklusive begehbarer Frischeabteilung. Kunden bedienen sich, scannen selbst und zahlen per Karte. Alternativ können sie eine App herunterladen, sich mit Kreditkarte registrieren, die Tür mit dem Telefon (per QR-Code) öffnen, mit diesem scannen und bezahlen.

Sicherheit im Laden: Moderne Technik und begrenztes Sortiment sollen Diebstahlgefahr gering halten

Anders als Amazon komme Teo ohne große Datensammelei aus, sagt Projektleiter Sören Gatzweiler. Der Laden wird zwar von Deckenkameras überwacht und es gibt 3D-Sensoren, die etwa die Zahl der im Raum befindlichen Personen ermitteln können. So lässt sich zum Beispiel die Zahl der Personen im Laden begrenzen (etwa wegen Corona) oder feststellen, wie lange sich jemand im Laden aufhält – etwa Obdachlose, die dort übernachten oder Jugendliche, die eine gut alimentierte Spontanparty veranstalten.

Wer will, scannt und bezahlt mit dem Smartphone.

Aber es gibt keine Kameras an Regalen, keine Sensoren und RFID-Chips auf Produkten, keine Regale mit Gewichtsüberwachung, keine Kassen, die Einkäufe wiegen. Die Hürden für die Kundschaft sollen niedrig sein, so Gatzweiler. Weder Datenschutzsorgen noch Check-Out-Kontrollen sollen das Einkaufserlebnis trüben. Hochpreisige Waren wie etwa Rasierklingen oder Aufsätze für elektrische Zahnbürsten gibt es nicht. Im Laden installiert sind hingegen Notfall-Türöffner und -Telefon, außerdem Lautsprecher, die für Musik sorgen, aber auch genutzt werden können, um Personen im Laden anzusprechen. Sollte es allerdings doch zu Problemen mit Diebstahl oder Vandalismus kommen, könne man schon „noch zwei, drei Sicherheitsstufen draufpacken“, erläutert Gatzweiler.

Konzept Teo: Vollsortiment bei geringerer Vielfalt

Und das Sortiment? 950 Produkte gibt es, wo sich Tegut sonst doch rühmt, bis zu 23 000 Artikel im Angebot zu haben. Selbst die kleinen Nahversorger, wie sie die Handelskette an knapp 30 Standorten betreibt, bieten in der Regel 5000 bis 8000 Produkte an. Trotzdem ist es nicht übertrieben, Teo ein Vollsortiment zu attestieren: Das Angebot reicht von Kaffee und Tee über Tiefkühl- und Convenience-Produkte, Wurstwaren, Müsli, Nudeln und Reis, Brot und Aufstrich, Chips und Knabbereien bis zu Getränken, frischen Milch- und Molkereiprodukten sowie Obst und Gemüse. Zigaretten kommen aus einem Automaten mit Altersfreigabe, eine solche Lösung soll es auch für Bier, Wein und Sekt geben. Hochprozentiges und teure Alkoholika sind hingegen nicht vorgesehen.

DER KUNDSCHAFT VERTRAUEN

Self-Checkout: Der Handelsexperte Frank Horst vom EHI Retail Institut sieht großes Potenzial darin, dass die Kundschaft den Bezahlvorgang selbst in die Hand nimmt: Nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Kundschaft in Form von kürzeren Warteschlangen und längeren Öffnungszeiten. Die Technik verursache aber auch große Kosten und werde deshalb nicht für alle Geschäfte passend sein, so Horst, der Experte für Inventurdifferenz und Sicherheit im Handel ist. Diebstahl: Eine steigende Diebstahlquote bei Self-Checkout fürchtet Horst nicht: „Es gibt keine Studien, die eine Zunahme von Ladendiebstahl im Zusammenhang mit Self-Checkout-Kassen belegen.“ Vorreiter: Real und Ikea sind in Deutschland Pioniere beim Selbst-scannen. Im Lebensmittelbereich sind mittlerweile auch Rewe, Penny und Globus sowie die süddeutsche Feneberg-Kette dabei. ust

In den einzelnen Produktkategorien gibt es weniger Auswahl, also nur eine Sorte Zahnbürsten statt 20. Im jetzt eröffneten Teo setzt Tegut auf Bio- und Eigenmarken, abgestimmt auf die umliegenden Hotels, Bildungseinrichtungen sowie den hohen Anteil an Studentinnen und Studenten sowie Senioren, die im Umfeld wohnen. An anderen Teo-Standorten kann das anders sein.

Teo in Fulda: für Tegut kommt der Supermarkt der Zukunft aus dem Baukasten

Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet bezeichnet das neue Vertriebskonzept als „unseren Versuch, Nähe zum Kunden und Digitalisierung zusammenbringen.“ Teo biete „die wichtigsten Artikel, die jeder Kunde braucht, auf kleinem Raum, mit wenig Flächenverzehr, unter Einsatz moderner Technik.“ Tegut nennt den Teo auch die „stationäre Antwort auf Onlineshopping“.

Auffällig ist auch der Bau selbst: Er besteht aus Holzmodulen, die per Lastwagen angeliefert und nur noch montiert werden müssen. An den Stirnseiten der Röhre, die an einen Mix aus Sauna, Container und Güterwaggon erinnert, sind große Fenster angebracht, oben drauf sorgt ein „biodiverses Gründach“ für Nachhaltigkeit – und zieht als Hingucker Aufmerksamkeit auf sich.

Fulda: Neuer Supermarkt soll Anlaufstelle für mehr als nur Lebensmittel werden

In die Holzfassade lassen sich Module integrieren, in der Fuldaer Lindenstraße etwa eine Büchertauschbox und eine Servicestation für Fahrräder. Unter den geplanten weiteren Läden könnte sich einer mit E-Bike-Ladestation befinden, lässt Gatzweiler durchblicken, weil der Standort nahe eines prominenten Fernradwegs sein soll. Anderswo wünschen sich Bürgermeister eine Paketstation der Post. Zwar hat die Montage des ersten Teo gut drei Wochen gedauert, künftig sollen aber nur noch zwei bis drei Tage nötig sein, um alles zusammenzusetzen.

Eine Modular aufgebaute Röhre: der Teo. (Visualisierung)

Ist alles standardisiert, rechnet Gatzweiler mit Kosten von 200 000 bis 250 000 Euro pro Teo. Neben ländlichen Standorten ohne Lebensmittelmarkt kann Tegut sich als Aufstellorte Verkehrsknotenpunkte vorstellen, Neubaugebiete, öffentliche Einrichtungen wie Kliniken oder Unis sowie große Firmengelände.

Tegut: Idee „Teo“ muss sich erst in der Praxis beweisen, bevor mehr Läden folgen

Zudem bietet das Konzept eine einfache Möglichkeit für den expandierenden Konzern, neue Gebiete zu testen. Der Teo kann auch temporär aufgebaut werden, etwa vor Tegut-Läden, die vorübergehend geschlossen sind. In knapp einem Jahr will Tegut auf Basis der dann wohl sieben bis zehn Teo-Lädchen Bilanz ziehen. Erweist sich das Konzept als wirtschaftlich tragfähig, könnte es auf „einige hundert Standorte“ hessen- und bundesweit ausgeweitet werden, sagte Thomas Stäb, Leiter Vertrieb Convenience-Märkte bei Tegut auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Teo.

Teo in Fulda: Ganz ohne Personal geht es nicht

Bis dahin sollte dann wohl auch geklärt sein, wie der Teo verwaltungstechnisch behandelt wird, das ist derzeit nämlich noch nicht richtig klar. Er ist als begehbarer Warenautomat angemeldet, aber die Stadt Fulda pocht auf die Einhaltung der Arbeitszeitgesetze. Die 24-Stunden-Öffnung an sieben Tagen gilt deshalb zunächst nur vorläufig, bis die Kommune die Rechtslage geklärt hat. Möglicherweise muss der Teo in Fulda Sonntags geschlossen bleiben, andere interessierte Kommunen haben mit einer Sonntagsöffnung kein Problem.

Das Personal, das auch ein Laden ohne Verkaufspersonal natürlich braucht für Anlieferung, Auffüllung, Warenkontrolle und Sauberkeit, will Tegut nicht Sonntags arbeiten lassen. Mit Auffüllen am Samstagabend und Montags in der Früh könne man gut über den Sonntag kommen, so Gatzweiler. Geplant ist, dass die Beschäftigten zweimal am Tag im Laden nach dem Rechten sehen, bei Bedarf auch öfter. (Martin Brust)