Drohne von Doks.innovation in einer Lagerhalle
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Was ist noch da? Was muss bestellt werden? Die schlaue Drohne weiß es.

Doks.innovation

Mit Drohnen arbeiten: Inventur aus der Luft

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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„Wir haben keinen Bock auf gestern“, sagt Benjamin Federmann. Der Mitgründer des Kasseler Start-ups Doks.innovation automatisiert mit Drohnen die Bestandserfassung in Lagerhallen. Arbeit, für die Menschen Tage brauchen, erledigt die Technik ruck-zuck.

  • Update, 28.11.2020: Doks.innovation hat den Hessischen Gründerpreis in der Kategorie „innovative Geschäftsidee“ gewonnen.

Ende Februar 2020. Mehrere deutsche Städte melden einzelne Corona-Fälle, es zeichnet sich langsam ab, dass Deutschland von der Pandemie nicht verschont bleiben wird. Als im März klarwird, dass sich das Virus auch hierzulande unkontrolliert ausbreitet, ziehen viele Unternehmen die Reißleine, Projekte werden eingestampft, Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt, Investitionen gestoppt.

Zu spüren bekommt das auch Benjamin Federmann, 36: „Der Hammer war, als im Februar und im März fast alle Kundenprojekte abgesagt oder verschoben worden sind“, erzählt der Chef des Kasseler Logistik-Start-ups Doks.innovation. „Wir standen drei Wochen vor einer weiteren Kapitalrunde, alle drei neuen Investoren sind abgesprungen.“ Das fehlende Kapital stellte Federmann vor die Entscheidung, sein Unternehmen auf Sparmodus umzustellen und Kurzarbeit anzumelden.

Setzt auf Vollgas: Benjamin Federmann, Gründer von Doks.innovation

Der Mitgründer des Start-ups ist aber einen anderen Weg gegangen. Federmann wollte sich von der Pandemie nicht unterkriegen lassen. „Wir haben keinen Bock auf gestern, es gibt ein Morgen“, fasst er die Einstellung seines 25-köpfigen Teams zusammen. Von der Förderbank KFW erhält Doks.innovation 1,5 Millionen Euro als Kredit. Für Federmann heißt das: „Vollgas“. Sein Start-up stellt zusätzliche Mitarbeiter ein, arbeitet noch schneller an einer Innovation. Das Ziel: Im Herbst ein neues Produkt vorstellen zu können. Ein Risiko, denn ist der Kredit aufgebraucht und kein substanzielles, umsatzbringendes Ergebnis da, wird es wirtschaftlich für das Start-up schwierig.

Von einer „wahnsinnigen Zeit- und Kostenersparnis“ spricht Doks-Chef Federmann

Doch der Plan geht auf. Ende Oktober stellt Doks.innovation via Online-Event die Weiterentwicklung eines bestehenden Produktes vor: automatisierte Lagererfassung mit Hilfe von Drohnen und künstlicher Intelligenz (KI). „Inventairy“ nennt das Start-up die Technologie - ein Wortspiel mit Inventory, Englisch für Inventur. Bestandsaufnahme aus der Luft also.

Federmann und sein Team wollen damit Logistikern das Leben leichter machen: Die Inventur, bei der im Normalfall noch Lagerangestellte von Regalreihe zu Regalreihe laufen und in einem langwierigen Prozess nach und nach den Bestand prüfen, soll automatisiert und verschlankt werden. Doks.innovation hat für die maschinengesteuerte Inventur eine Kombination aus Drohne, einem Bodengefährt, Rover genannt, und einer KI-basierten Software entwickelt. Der Rover mit der über ein Kabel verbundenen Drohne bewegt sich dabei selbstständig durch einen vorher festgelegten Bereich des Lagers. Die Kameras der Drohne erfassen Objekte wie Paletten oder im Lager verräumte Ware. Am Ende wertet die zugehörige Software die Daten der Drohne aus und erstellt dabei eine digitale Kopie der Lagerhalle.

Zukunft hat eine Stimme

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter: www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Doks.innovation ist für den Hessischen Gründerpreis 2020 in der Kategorie „Innovative Geschäftsidee“ nominiert. Mitentscheiden, wer den Preis in den insgesamt vier Kategorien gewinnt, können alle Bürgerinnen und Bürger bei einem Online-Voting. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich für den Finaltag am 27. November zum Gründerlab oder zur Fachtagung für Gründungsförderer anzumelden – und an der Preisverleihung teilzunehmen. Alles läuft per Videokonferenz ab.

KOOPERATION: Die Frankfurter Rundschau ist langjährige Partnerin des Hessischen Gründerpreises und unterstützt damit neue Ideen. FR

Federmann ist überzeugt, dass die Technologie seinen Kunden – Automobilkonzerne wie Volkswagen und Daimler, aber auch große Logistiker wie Kühne + Nagel – gleich mehrere Vorteile bringt. Der Gründer spricht von einer „wahnsinnigen Zeit- und Kostenersparnis“ für die Unternehmen und davon, dass das Unfallrisiko gesenkt werde, das die Arbeit an den Hochregallagern mit sich bringe. So könnten die Drohnen neben dem Warenbestand zum Beispiel auch erkennen, ob Regale oder Paletten defekt sind.

Was bleibt für die Menschen für Arbeit, wenn die Drohnen übernehmen?

„Das, was wir mit vier Systemen in einem Lager mit 30 000 Stellplätzen über ein Wochenende machen, das würden normalerweise im gleichen Zeitraum 20 Mitarbeiter machen“, sagt Federmann. Dabei bezieht der Gründer sich nicht nur auf die Drohnenlösung: Doks.innovation bietet ein ähnliches Produkt an, das über an der Hallendecke installierte Kameras funktioniert. Das System sei für Blocklager, in denen Kisten und Kartons ohne Regale übereinandergestapelt werden, geeignet.

Auch wenn die Corona-Krise Federmann und seinem Team im Frühjahr einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, ist durch die Pandemie etwas deutlich geworden: Gerade in der Logistik, in der nicht nur coronaeske Extremereignisse, sondern auch Events wie der „Black Friday“ die Nachfrage abrupt massiv steigen lassen können, hilft es, wenn Prozesse im Unternehmen automatisiert sind. Drohnen können sich nicht mit dem Virus anstecken, Beschäftigte schon, wie zahlreiche Fälle bei Amazon oder in der Fleischindustrie gezeigt haben.

Neben den Effizienzgewinnen, die den Logistikern helfen, im Wettbewerb zu bestehen und Waren günstig und zuverlässig an die Kundschaft zu liefern, verschärft sich für die Beschäftigten die Frage nach der Zukunft ihrer Arbeit. Was werden sie tun, wenn in automatisierten Lagern Roboter sowohl die Waren kommissionieren als auch Inventur machen? Überwachung und Instandhaltung sind verbleibende Tätigkeiten, doch dafür werden natürlich weniger Menschen benötigt.

„Wir haben schneller so viele Dinge falsch gemacht, dass wir mehr gelernt haben“

Der Wettbewerb um die Lagertechnologie der Zukunft ist jedenfalls voll entbrannt. Startups wie „Ware“ aus den USA oder „Eyesee“ aus Frankreich rivalisieren mit den Kasselern. Sorgen macht das Gründer Federmann aber nicht – im Gegenteil: „Ich liebe den Wettbewerb, und ich liebe es, besser sein zu wollen“, sagt er. Aktuell unterscheidet sich Doks.innovation durch zwei Aspekte von den Konkurrenten: Dadurch, dass die Drohne über ein Stromkabel mit dem Rover verbunden ist, kann sie wesentlich länger in der Luft bleiben: Bis zu fünf Stunden sind laut der Firma möglich, während die Konkurrenz nur auf 20 Minuten komme. Zudem sei die Drohnentechnologie unabhängig von der Umgebung, sogar ein Einsatz über Nacht sei denkbar, sagt Federmann.

Was die Zukunft seines Unternehmens betrifft, ist Federmann optimistisch – auch weil das Jahr 2020 letztlich positiv für die Kasseler verlaufen ist. „Wir haben jetzt die einmalige und wirklich große Chance, einen kleinen Zeitvorteil zu haben“, sagt der Gründer. Rückschläge hätten seinem Team so sehr weitergeholfen, dass es letztendlich in der Produktentwicklung die Konkurrenten überholt habe.

„Wir haben schneller so viele Dinge falsch gemacht, dass wir mehr gelernt haben“, sagt Federmann. Mittelfristig hat er ein klares Ziel: die Nummer eins im Drohnen-Inventur-Markt zu werden. (Von Paul Siethoff)