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Muss man ein Kind bekommen? Schwangerschaftsabbrüche bleiben in Deutschland sehr umstritten.
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Muss man ein Kind bekommen? Schwangerschaftsabbrüche bleiben in Deutschland sehr umstritten.

Doctors for Choice

Ungewollt schwanger - und dann?

  • Ruth Herberg
    VonRuth Herberg
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Abtreibungen sind in Deutschland zwar straffrei – aber für ungewollt Schwangere trotzdem nicht immer möglich. Der Verein „Doctors for Choice“ will das ändern.

Für manche ist das Thema ein Tabu. Für andere gehört der sichere Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch zur medizinischen Grundversorgung. „Es ist ein Menschenrecht. Wir sind zutiefst erschüttert“, war im Herbst in einem Beitrag bei Instagram zu lesen, nachdem das polnische Verfassungsgericht das ohnehin strenge Abtreibungsrecht im Land verschärft hatte. Verfasst hatte den Beitrag der Verein „Doctors for Choice“, ein deutschlandweites Netzwerk von Ärzt:innen, Medizinstudierenden und anderen, die sich für einen selbstbestimmten Umgang mit Sexualität und Fortpflanzung einsetzen – und insbesondere für einen besseren Zugang zum Schwangerschaftsabbruch.

Zwar ist die Situation in Polen für betroffene Frauen weitaus schwieriger als die in Deutschland. Doch auch hierzulande haben die „Doctors for Choice“ eine „lückenhafte Versorgungssituation“ ausgemacht, wenn es um Abbrüche geht. Zahlen untermauern das. 1128 Praxen und Kliniken boten nach Angaben des Statistischen Bundesamts im ersten Quartal 2020 Schwangerschaftsabbrüche an, wie das ZDF berichtet. Das waren fast 45 Prozent weniger als noch vor 17 Jahren. Zwar ist auch die Zahl der Abbrüche insgesamt rückläufig: Während 2010 noch 110 431 Abtreibungen durchgeführt wurden, waren es 2019 rund 101 000. Trotzdem gibt es Regionen in Deutschland – etwa in Bayern –, in denen Betroffene für einen Abbruch oft weite Wege auf sich nehmen müssen.

Medizinerinnen und Mediziner werden wegen Schwangerschaftsabbrüchen attackiert

Das hat vor allem zwei Gründe. Laut Schwangerschaftskonfliktgesetz ist niemand verpflichtet, an einer Abtreibung mitzuwirken. Hinzu kommt, dass das gesellschaftliche Klima gegenüber Mediziner:innen, die Schwangerschaften abbrechen, zum Teil sehr aggressiv ist – und der ein oder die andere es deswegen nicht mehr machen will. Für Medizinstudierende und angehende Fachärzt:innen gibt es so immer weniger Möglichkeiten, praktische Erfahrungen zu sammeln und den Eingriff irgendwann selbst machen zu können. Ein Teufelskreis.

Die „Doctors for choice“ setzen sich für einen selbstbestimmten Umgang mit Sexualität und Fortpflanzung ein.

Während viele andere Initiativen ungewollt Schwangere selbst ansprechen, setzen die „Doctors for Choice“ deshalb bei der Aus- und Weiterbildung von Ärzt:innen an. Sie versuchen beispielsweise, interessierte Studierende zusammenzubringen mit Mediziner:innen, die Abbrüche vornehmen – damit diese den Nachwuchs anlernen können.

Zudem startete im August eine digitale Fortbildungsakademie. Drei Kurse zu Theorie und Praxis des medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs stehen derzeit zur Auswahl. „Der medikamentöse Abbruch wird in Deutschland noch viel zu selten angeboten“, sagt Alicia Baier, die den Verein im November 2019 mitgegründet hat und seitdem Mitglied im Vorstand ist. Die Hälfte der Betroffenen entscheide sich für diesen Weg, wenn sie die Wahl habe; aber nur bei jeder dritten bis vierten Abtreibung in Deutschland werde diese Methode angewandt. „Das spricht dafür, dass an vielen Orten nicht die Möglichkeit dazu besteht“, folgert Baier, die ihre ärztliche Weiterbildung in der Gießener Praxis von Kristina Hänel absolviert hat, die wegen „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ verurteilt worden ist.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft.

Die Fortbildungen sind von der Ärztekammer zertifiziert – vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Resonanz gut ist: Im Schnitt absolviert nach Vereinsangaben täglich eine Person einen der Onlinekurse, die nicht nur den derzeit rund 70 Mitgliedern offen stehen. Das Angebot ist gratis, der Verein finanziert es durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Neben den Kursen zum medikamentösen Abbruch sollen so bald auch Fortbildungen zum operativen Schwangerschaftsabbruch und zu Spätabbrüchen möglich sein.

Natürlich war das erste Jahr des Vereins auch geprägt von den Auswirkungen der Corona-Krise. Denn in dieser Zeit habe sich die Versorgungssituation zusätzlich verschärft, sagt Baier. Die „Doctors for Choice“ gründeten eine Arbeitsgruppe, um im Austausch mit den Vereinsmitgliedern herauszufinden, wo es besonders hakte – und dann die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen.

Kliniken schoben Schwangerschaftsabbrüche während der Pandemie auf

Problematisch sei zu Beginn der Pandemie gewesen, dass in den Kliniken nur noch Notfälle operiert und andere Eingriffe verschoben wurden. „Manche Krankenhäuser zählten Schwangerschaftsabbrüche nicht zu den Notfällen“, sagt Baier. Das habe sich mittlerweile gebessert, denn es sei klar geworden, dass Abtreibungen nicht-aufschiebbare Eingriffe seien. Aber auch ambulant könne es Engpässe geben: Gerade kleinere Praxen, die oft die einzige Anlaufstelle in der Umgebung seien, hätten mitunter nicht genug Personal und müssten im Fall einer Infektion unter den Angestellten für zwei Wochen schließen. „Das bedroht die Versorgung“, sagt Baier.

In gewisser Weise hat die Pandemie aus Sicht des Vereins aber auch ihr Gutes: Denn die Telemedizin hat in den vergangenen Monaten enorm an Popularität gewonnen. Darin sehen die „Doctors for Choice“ ein Potenzial für Schwangerschaftsabbrüche. Vor einer Abtreibung ist für die Betroffenen ein Gespräch im Rahmen der Konfliktberatung verpflichtend; bis dato fanden diese Gespräche persönlich statt. Im Zuge der Pandemie haben viele Beratungsstellen auf Video und Telefon umgestellt, „und das wurde und wird gut genutzt“, weiß Baier.

Der Verein will mehr Selbstbestimmung in die Medizin tragen

Für die im Verein organisierten Ärzt:innen ist das nur ein erster Schritt. Deswegen ist kürzlich ein Modellprojekt in Kooperation mit Pro Familia Berlin und dem Berliner Familienplanungszentrum Balance gestartet: Frauen, die vor Ort keine Möglichkeit für einen Abbruch haben, können medikamentös abtreiben – und sich telemedizinisch betreuen lassen. Die nötigen Vorsorgeuntersuchungen wie den Ultraschall zur Bestimmung der Schwangerschaftswoche übernehmen Ärzt:innen vor Ort. Den Abbruch an sich – bei einer medikamentösen Abtreibung die zweimalige Einnahme einer Tablette – begleitet ein medizinisches Team per Video von Berlin aus.

Ein Jahr nach der Gründung zieht Alicia Baier ein positives Fazit: Die Mitglieder bringen sich in der Vereinsarbeit immer mehr ein, dadurch entstünden neue Ideen und Impulse. „Ich habe die Hoffnung, dass wir so ein bisschen mehr Selbstbestimmung in die Medizin tragen können“, sagt Alicia Baier. „Auch wenn das ein langer und steiniger Weg ist.“

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