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Viele Einrichtungen erkennen nur langsam, dass sie um ihr Pflegepersonal kämpfen müssen.
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Viele Einrichtungen erkennen nur langsam, dass sie um ihr Pflegepersonal kämpfen müssen.

Pflegekräfte

Bewertungsplattform für Pflegepersonal: „Suche Arbeitgeber, der mich gut behandelt und fair bezahlt“

Viele Pflegekräfte sind unglücklich bei ihrem Arbeitgeber. Das Bewertungsportal dienstzimmer.com will beim Jobwechsel helfen. Und tritt dabei Unternehmen auf die Füße, die am Pflegenotstand Geld verdienen.

Miese Bezahlung. Uraltes Gerät. Schlechte Stimmung. Jeder und jede in der Pflege kenne das, sagt Patrick Meier. Der 33-jährige Altenpfleger aus dem niedersächsischen Beckedorf ist glücklich in seinem Beruf, eigentlich. Doch vor fünf Jahren arbeitete auch er in einer Einrichtung, in der es nicht mehr ging. „Ich brauchte einfach was Neues“.

Es folgte die große Ratlosigkeit. Woher wissen, dass es beim nächsten Arbeitgeber besser wird? Meier zögert. Schließlich fasst er den Mut, kündigt und findet eine neue, bessere Stelle. Aber noch einmal will er diesen Blindflug nicht durchmachen. „Es gab einfach keine richtige Möglichkeit, sich zu informieren“, erinnert er sich. Und vielen Kolleg:innen erginge es ähnlich. Das will Patrick Meier ändern.

Er will einen Kompass entwickeln für alle, die im Wirrwarr der schlechten Arbeitsbedingungen nicht die Pflegeeinrichtung finden, die zu ihnen passt. Oder sich schlicht nicht trauen zu wechseln – aus Angst, es könnte noch schlimmer kommen.

Neues Bewertungsportal: Auf dienstzimmer.com geht es ausschließlich um die Pflege

Anderthalb Jahre spinnt er herum, brütet über seinen Ideen. „Viel googlen, viele Videos, viel lesen, irgendwann eine erste Marktanalyse“, erinnert sich Meier. Dann tüftelt er mit einem Partner eine Plattform aus. Ihr Name: dienstzimmer.com. Seit diesem Sommer ist sie online, über 1700 Menschen hätten sich bisher registriert, sagt Meier, die Zahlen stiegen rasant. Worum geht’s dabei?

In erster Linie ist Dienstzimmer.com eine Bewertungsseite. Arbeitnehmer:innen können die Arbeitgeber bewerten, so wie das bereits möglich ist auf Portalen wie Kununu. Besonders ist, dass es auf Dienstzimmer.com ausschließlich um die Pflege geht. Denn für viele in der Pflege seien die immer selben Fragen relevant, sagt Meier. Wo stimmt die Bezahlung, wo das Klima im Pausenraum? Wie modern ist die Ausstattung und wie viele Pflegende kommen auf ein Bett?

Der Pfleger Patrick Meier hat dienstzimmer.com gegründet.

Zehn Kriterien werden abgefragt, die auf die Pflege zugeschnitten sind. Wenn Pflegekräfte so ihre Arbeitgeber bewerten, bestenfalls in hoher Zahl, soll sich ein aussagekräftiges Bild ergeben. Die guten von den weniger guten Einrichtungen getrennt werden.

Es ginge nicht darum, betont Meier, die schwarzen Peter zu finden und zu brandmarken. Überhaupt sei es in der Pflege zu oft der Fall, dass die Erzählungen um die negativen Erlebnisse kreisen. Viele Einrichtungen gingen sehr gut mit ihrem Personal um. Auf die will Meier den Fokus lenken.

Pflegepersonal während Corona: Die Pandemie hat Pflegende an ihre Grenzen gebracht

Und: „Pflegekräften sind ganz unterschiedliche Aspekte wichtig“, sagt Meier, der die Kriterien aus vielen Interviews entwarf. „Manche machen gerne Überstunden, wenn sie gut bezahlt werden. Anderen ist eine gute Stimmung untereinander wichtiger“. Bei Dienstzimmer.com gehe es darum, den passenden Pflegebetrieb zu finden, nicht „den einen Guten“.

Der Frust unter Pflegenden - in den Jahren der Corona-Pandemie hat er sich noch verschärft. Eine repräsentative Umfrage der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg zeigt, dass das Pflegepersonal während des zweiten Lockdowns seine Belastungsgrenze überschritt. 84 Prozent der befragten Pflegekräfte gaben an, mehr arbeiten zu müssen als normal, wodurch unter anderem die Qualität der Pflege leide. Jede sechste Pflegekraft gab an, keine Motivation mehr für ihren Job zu haben. Wie aber kann man verhindern, dass noch mehr gefrustete Pflegekräfte aus dem Beruf scheiden?

„Die klassischen Werkzeuge, um Menschen in der Pflege zu halten, etwa per Gehaltserhöhung, sind ausgereizt“, sagt Thomas Busse, Professor für Pflege und Gesundheitsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences. Busse, der Krankenhäuser im Bereich Personalmarketing berät, sieht auch die Einrichtungen selbst in der Pflicht. „Es gibt Krankenhäuser, die vor zehn Jahren ihre Hausaufgaben gemacht haben“, sagt er. Und dann gebe es jene, die erst jetzt damit anfingen, um ihr Personal zu kämpfen – dazu zählten auch viele Universitätskliniken. Der hohe Durchlauf an Personal werde für diese Krankenhäuser zur Belastung. „Die bekommen einfach keine Ruhe rein“.

Die klassischen Werkzeuge, um Menschen in der Pflege zu halten sind ausgereizt

Thomas Busse, Professor für Pflege und Gesundheitsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Eine Plattform, die dazu beiträgt, dass Pflegepersonal einen passenden Arbeitgeber findet – „grundsätzlich ist das eine gute Idee“, sagt Busse. Allerdings könne sich die hohe Fluktuation auch verschärfen, wenn der Arbeitgeberwechsel mit Seiten wie Dienstzimmer.com noch vereinfacht würde. Das große Problem, dass schlicht zu wenig Personal da ist, bleibe bestehen.

Viele Pflegekräfte sind unglücklich sind bei ihrem Arbeitgeber

Und: Die Betreiber müssten gewährleisten, dass Dienstzimmer.com keinen Boden für Schlammschlachten biete. „Wenn sich Pfleger und Arbeitgeber im Unfrieden trennen, muss die Plattform emotionale Bewertungen filtern“, sagt Busse. Ansonsten seien unsachlichen Verschmähungen, wie es sie bereits auf anderen Bewertungsportalen gibt, Tür und Tor geöffnet.

Gut möglich, sagt Meier, dass die Fluktuation in die Höhe schnelle, wenn mehr Pflegekräfte Dienstzimmer.com für sich entdeckten. Zumindest anfangs. „Einfach aus dem Grund, weil viele Pflegekräfte unglücklich sind bei ihrem Arbeitgeber“. Auf lange Sicht verhelfe Dienstzimmer.com den Menschen aber, einen Arbeitgeber zu finden, der zu ihnen passe. Und das, sagt Meier, dämme das Problem der Fluktuation dann eher ein.

Wir wollen nicht, dass bei uns Arbeitgeber-Bashing betrieben wird

Patrick Meier, Altenpfleger

Auch dass es fair zugeht auf dem Portal sei ihm wichtig. „Wir wollen nicht, dass bei uns Arbeitgeber-Bashing betrieben wird“, so Meier. Jede Bewertung werde geprüft und gegebenenfalls auch gelöscht. Aber die meisten Bewertungen seien ohnehin positiv, sagt Meier. Und unfaire, persönliche Bewertungen blieben die absolute Ausnahme.

Die Krankenhäuser, Pflegeheime und Co. werden auf der Seite von Patrick Meier allerdings nicht nur bewertet, sondern können auch selbst aktiv werden. Wenn sie ein Abo abschließen, können sie ihre Seite im Bewertungsportal mit Imagefilmen, Bildern und Beschreibungen versehen. So soll sich Dienstzimmer.com schließlich auch finanzieren. Die Pflegeeinrichtungen können sogar Stellen ausschreiben und arbeitsuchende Pflegekräfte kontaktieren, wobei die Pflegekräfte anonymisiert bleiben.

Je mehr Bewertungen, desto hilfreicher das Portal

Wenn Meiers Idee aufgeht und sich Dienstzimmer.com durchsetzt, dann könnte das bald schon Unternehmen obsolet machen, die an der Vermittlung von Pflegekräften Geld verdienen – sogenannten Recruiting Firmen. Sie ließen sich die Beschaffung von Pflegekräften teils fürstlich bezahlen, beklagt Meier. „Pro Pflegekraft sind das schnell drei- bis fünftausend Euro“.

Klar, auch er verstehe, warum es diese Unternehmen gebe. „Aber ich sehe es nicht ein, dass die am Pflegenotstand Geld verdienen“. Die Vermittlung von Pflegekräften müsse auch günstiger, schneller, besser möglich sein.

Bis Dienstzimmer.com dazu beitragen kann, müssen sich wohl noch ein paar weitere Nutzer:innen registrieren. Je mehr Bewertungen, desto hilfreicher das Portal. Meier, der noch immer Vollzeit in der Pflege arbeitet, hofft bis Jahresende auf insgesamt 4000 Nutzer:innen und 75 Arbeitgeber-Abos. Dass Dienstzimmer.com Potenzial hat, davon ist auch die Jury der diesjährigen Altenpflege-Messe überzeugt. Sie nominierte Meiers Portal zu den 20 besten Start-ups im Pflegebereich.

Ein Mutmacher, aber auch Meier weiß, dass der Weg noch lang ist. Er will, dass Dienstzimmer.com die Nummer eins wird bei der Personalvermittlung in der Pflege. Sei es die Krankenpflegerin, die einen neuen Job sucht. Sei es das Altenpflegeheim, das eine Stelle besetzt. „Wir wollen, dass an unserer Seite kein Vorbeikommen mehr ist“. Und dass Pflegerinnen und Pfleger sich wieder ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können. (Jan Christoph Freybott)

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