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Demonstration gegen Transphobie in Frankfurt.
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Für viele Transfrauen und -männer ist der Gang in die Arztpraxis oft mit Angst verbunden.

Queermed

Gesundheitssystem: „Queere Menschen sind oft gezwungen, sich zu outen“

Auf der Online-Plattform „Queermed“ sammelt Sara Grzybek Infos und Empfehlungen zu Arztpraxen, die kompetent mit queeren Lebensweisen umgehen.

Eine gute und fachgerechte Gesundheitsversorgung ist das Recht einer jeden Person. Doch gerade, wenn es um die Gesundheit queerer Menschen geht, mangelt es in der Profession an Fachwissen und Respekt – mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen.

Darum hat Sara Grzybek „Queermed Deutschland“ gegründet: Eine Plattform, die nicht nur für queere Menschen, sondern für alle, die sich nicht der weißen und heteronormativen Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlen, eine gute gesundheitliche Versorgung zugänglich machen möchte.

Lesben, Schwule, trans und inter Personen sowie Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen, haben einen schwierigeren Zugang zu Gesundheitsleistungen. Warum ist das so?

Das Problem ist, dass wir einen heteronormativen Standard leben und queere Menschen immer in irgendeiner Weise gezwungen sind, sich zu outen, ob sie wollen oder nicht. Sei es, um darauf hinzuweisen, dass zum Beispiel trans Personen besondere gesundheitliche Bedürfnisse haben infolge von geschlechtsangleichender Behandlung und ihre Körper nicht der medizinischen Norm entsprechen. Oder wenn sie einen positiven HIV-Status haben und behandelnde Personen informieren wollen. Dabei möchte man die gleiche Behandlung wie alle anderen Menschen der Mehrheitsgesellschaft bekommen. Gerade die, die noch in der Phase des Coming-Out sind, bräuchten oft therapeutische Unterstützung. Wenn die Therapeut:innen aber keinen Bedarf sehen, kann die Therapie nicht funktionieren. Und das ist „nur“ das Coming-Out. Wenn in gynäkologischen Praxen zwei Frauen zum Kinderwunsch beraten werden möchten, oder Frauen, die Sex mit Frauen haben, sich nicht für Schwangerschaftsverhütung interessieren – dann ist da immer noch die Patientin, die den Impuls geben muss: Das interessiert mich nicht, mich interessieren andere Themen, weil ich nicht hetero bin.

Sara Grzybek kämpft für eine sensiblere Medizin.

Welchen Diskriminierungen begegnen queere Menschen noch, wenn sie zur Ärzt:in gehen?

Ein klassisches Beispiel ist dieses: Eine Person, die eher männlich gelesen wird, betritt eine gynäkologische Praxis. Die Person legt die Krankenkassenkarte vor, darauf steht ein weiblicher Name. Und das Praxispersonal versteht das nicht. Wenn in der Praxis der Wartebereich dann noch sehr nah an der Anmeldung ist, findet das fremdbestimmte Outing auch vor den anderen Patient:innen statt. Was in solchen Fällen auch oft passiert, ist das sogenannte Dead Naming. Das ist nicht nur unangenehm, weil die Person mit einem Namen angesprochen wird, mit dem sie nicht mehr assoziiert werden möchte. Sondern auch aufgrund des Outings vor anderen im Wartebereich. Außerdem wissen viele Ärzt:innen nicht, dass beispielsweise ein trans Mann für Routineuntersuchungen immer in eine gynäkologische Praxis geht, wenn die Person sich nicht dazu entschieden hat, die Gebärmutter herausnehmen zu lassen.

Sie haben vor allem über trans Personen gesprochen. Welche Unterschiede gibt es in den Diskriminierungserfahrungen?

Bei Schwulen und Lesben würde ich aus meiner eigenen Erfahrung und dem, was ich durch das Projekt gelernt habe, sagen, dass es vermutlich weniger Diskriminierungen gibt. Dort gibt es bereits viele anerkannte große Stimmen, mehr Sichtbarkeit und dadurch auch ein größeres Verständnis gegenüber diesen Personengruppen. Aber abgesehen von der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität gibt es noch Mehrfachdiskriminierung aufgrund anderer Merkmale. Es kann einen Unterschied machen, ob ein weißer schwuler Mann eine Praxis aufsucht, oder eine Person of Color. Auch wenn es sich um eine mehrgewichtige Person handelt oder eine Drogenkonsument:in oder eine Sexarbeiter:in.

Warum sind Ärzt:innen in solchen Fällen oft so überfordert?

Das größte Problem ist der Mangel an Fachwissen. In der medizinischen Ausbildung wird in dieser Hinsicht zu wenig gelehrt. Auch die Kommunikation ist ein Problem, gerade im therapeutischen Bereich. Es scheitert schon daran, dass Probleme, die queere Menschen haben, nicht ernstgenommen werden. Das erschwert den Zugang zu gesundheitlicher Hilfe. Wenn die behandelnde Person unangenehm ist, stellt es für mich eine Qual dar, bei ihr zu sein. Gleichzeitig gibt es ein extremes Machtgefälle, weil ich Hilfe von dieser Person brauche und mir nicht selbst helfen kann. Das macht es noch unerträglicher.

Was bedeutet dieses Machtgefälle für die Betroffenen?

Sie nehmen weniger Hilfe in Anspruch. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ermüdend es ist, immer weiter nach einer passenden Praxis suchen zu müssen. Entweder ich ertrage die Diskriminierung jedes Mal, oder ich gehe einfach nicht mehr hin, weil es leichter ist als es auszuhalten.

Was macht eine queerfreundliche Praxis aus?

In erster Linie braucht es Offenheit. Offenheit nach außen, aber auch für Feedback und Kritik. Außerdem ist es wichtig, wie man empfangen wird, wie einfühlsam das Personal ist. Was für Auslegematerial gibt es? Nur heteronormative Broschüren oder auch andere Sachen? Dazu gehört auch das Thema Gendern. Wie werden die Patient:innen angesprochen, sowohl auf der Webseite als auch in der Praxis? Wird im Anamnesebogen auf die Wünsche zu Pronomen eingegangen oder nicht? Gibt es genderneutrale Toiletten? Darüber hinaus können sich behandelnde Personen weiterbilden zu diversen Themen, die für die Community interessant sein könnten. Beispielsweise Logopäd:innen im Stimmtraining für trans Personen. Dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit rassistischer Diskriminierung. Doch wenn behandelnde Personen keinen Berührungspunkt zur queeren Community oder zu einer anderen Community haben, der sie nicht angehören, fällt es ihnen schwer, sich reinzuversetzen. Deswegen habe ich auf der Webseite einen Leitfaden für behandelnde Personen veröffentlicht.

Wie viele solcher diskriminerungsfreieren Praxen sind auf „Queermed“ eingetragen?

Aktuell sind wir bei 250 eingetragenen Empfehlungen deutschlandweit, natürlich mit geographischen Schwerpunkten. In Berlin gibt es sehr viele Empfehlungen, auch von unterschiedlichen Praxen, wie Allgemeinmedizin, Therapie oder Logopädie. Große Lücken gibt es in Thüringen, da habe ich erst eine Empfehlung bekommen. Für Sachsen-Anhalt gibt es noch keine Einträge.

Wenn Menschen „Queermed“ unterstützen und mitmachen wollen – wie geht das?

Wenn man eine Empfehlung einreichen möchte, gibt es einen Fragebogen, den man ausfüllen muss. Darin wird unter anderem der Fachbereich abgefragt sowie Kosten und die Krankenversicherung. Außerdem wird gefragt, ob die Person sich in einem Moment unwohl gefühlt hat, ob diskriminierende Sprache benutzt wurde und die behandelnde Person unnachgiebig gegenüber Kritik war. Zudem wird gefragt, für wen man die Empfehlung aussprechen möchte. Da ist es wichtig, nur Empfehlungen auszusprechen für Personengruppen, denen man sich selbst zugehörig fühlt.

Lesen Sie auch: „Proudr“ - das queere Netzwerk für die Arbeitswelt

Laut Koalitionsvertrag soll sich in Sachen Vielfalt und Gleichberechtigung einiges verändern. Unter anderem soll Paragraf 219a gestrichen werden und das „Transsexuellengesetz“ durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt werden. Wie denken Sie über diese Vorhaben?

Es ist auf jeden Fall ein Schritt nach vorne. Aber gerade beim Thema Abtreibungsgesetz bin ich unschlüssig, ob das genug ist. Warum eine solche Entscheidung weiterhin in einem Strafgesetzbuch vorhanden sein soll, ist unverständlich. Ob das Selbstbestimmungsgesetz ausreichend ist, kann ich nicht sagen, weil ich selbst nicht trans bin. Da sollte vor allem trans Personen zugehört und diese in den Prozess mit eingebunden werden. Außerdem würde ich warten mit der Freude, bis ich Resultate sehe.

Interview: Lisa Winter

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