Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tabu Menstruation

Ohne falsche Scham

  • Alicia Lindhoff
    VonAlicia Lindhoff
    schließen

Julia Rittereiser bietet nicht nur nachhaltige Hygieneprodukte an – sie will auch, dass die Menstruation endlich als ganz natürliche Sache gilt. Die Start-up-Gründerin kämpft nicht alleine gegen die Tabuisierung.

Stellen Sie sich einen Berg aus 12 000 Binden und Tampons vor. Ziemlich hoch, oder? Und jetzt stellen Sie sich vor, dass etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens einen solchen riesigen Berg für ihre Menstruationshygiene braucht – durchschnittlich.

Doch die Masse an Müll, der auf diese Weise weltweit anfällt, ist nicht nur wegen ihres schieren Umfangs problematisch, sondern auch wegen dem, was drin ist. Nicht das Blut, das ist entsorgungstechnisch gesehen völlig unproblematisch. Nein, es geht um den Materialmix der Produkte, der oft einen viel größeren Plastikanteil hat, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

In Deutschland landen Binden und Tampons in aller Regel im Restmüll oder gleich in der Toilette – recyclet werden die Kunststoffe also in den seltensten Fällen. Sie bleiben wie das meiste Plastik auf dieser Welt für Hunderte von Jahren im ökologischen Kreislauf, verschmutzen Strände und gehen in Form winziger Partikel sogar ins Grundwasser über.

Eine Chance für Alternativen zu konventionellen Binden und Tampons

Dabei gibt es Alternativen zu den herkömmlichen Produkten, und es werden immer mehr. Neben Biobinden und Tampons aus reiner Baumwolle sind seit einigen Jahren sogenannte Menstruationstassen zum Wiederverwenden im Kommen. Oder besser gesagt: im Wiederkommen. Schon in den 1930er Jahren hatte die US-Amerikanerin Leona Chalmers ein entsprechendes Patent angemeldet.

Doch die Frauen damals waren skeptisch. Heute, wo mit größerer Offenheit über die Menstruation gesprochen wird, haben Alternativen zu konventionellen Binden und Tampons langsam wieder eine Chance. Das gilt auch für die so naheliegende wie innovative Idee, mit der neben einigen anderen jungen Firmen auch das Berliner Start-up Kora Mikino seit 2018 ihre Kundinnen überzeugen will.

Das Unternehmen bietet Menstruations-Panties zum Auswaschen und Wiederverwenden an, die Wegwerfprodukte obsolet machen sollen. „Wer auf unsere Panties umsteigt, reduziert seinen CO2-Fußabdruck während der Periode um 95 Prozent“, verspricht die Gründerin Julia Rittereiser. Fast alle Inhaltsstoffe stammen nach eigenen Angaben aus zertifiziert nachhaltiger Produktion in Deutschland.

Viele Frauen fühlen sich während ihrer Periode nicht ganz wohl in ihrer Haut

Die Unterhosen werden zum Teil auf der Schwäbischen Alb genäht, zum Teil in Rumänien. Auch einige Wettbewerberinnen auf dem europäischen Markt – etwa Ooia, Femtis und Pourprées – geben an, auf nachhaltige und soziale Standards bei der Produktion zu achten.

Doch Nachhaltigkeit hin oder her: Wie steht es mit dem Tragegefühl? Immerhin waren und sind Tampons auch deswegen so erfolgreich, weil sie die Trägerinnen von dicken, windelartigen Stoffeinlagen befreiten, ihnen Bewegungsfreiheit und Flexibilität verschafften. Hinzu kommt, dass sich viele Frauen während ihrer Periode nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlen, manche haben zudem Schmerzen in dieser Zeit.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Der viele Müll, der durch herkömmliche Tampons und Binden entsteht, ist das eine. Auch eine offene, unangestrengte Kommunikation über die Menstruation fordern immer mehr Menschen.

WEITERLESEN: Es gibt zahlreiche Bücher, die sich mit der Periode und ihrer Enttabuisierung auseinandersetzen. „Eat like a woman – Rezepte für einen harmonischen Zyklus“ von Andrea und Verena Haselmayr etwa will zeigen, wie sich eine ausgewogene Ernährung auf das Wohlbefinden auswirkt. „Das Tage-Buch“ von Heike Kleen und „Rot ist doch schön“ von Lucia Zamolo widmen sich indes allgemein der Periode als Phänomen. FR

Gerade Jugendliche leben während dieser Phase mit der ständigen Angst, „dass man etwas sieht“. Julia Rittereiser ist überzeugt, dass die Panties, die sie zusammen mit Expertinnen und Experten aus der Textilforschung entwickelt hat, all diesen Aspekten Rechnung tragen. Begeistert berichtet sie von Frauen, die sie bereits von ihrem Produkt überzeugen konnte.

Etwa habe ihr eine Mutter eine Nachricht geschrieben, deren jugendliche Tochter vor kurzem ihre – noch sehr unregelmäßige – Periode bekommen habe und ständig fürchtete, es könnte jederzeit losgehen und sie könnte sich blamieren. „Seitdem trägt sie unsere Panties quasi nonstop, weil sie sich damit sicher fühlt.“

Kora Mikino hat 2020 erstmals mehr als eine Million Euro Umsatz gemacht

Das Konzept scheint aufzugehen. Zumindest ist Kora Mikino, das bislang kein Risikokapital eingesammelt hat, dafür aber einen Kredit der Investitionsbank Berlin, laut Rittereiser für 2020 einen siebenstelligen Umsatz, damit erstmals profitabel und beschäftigt inzwischen acht Mitarbeiterinnen.

Die vermeintliche Zauberformel, die für ein angenehmes Tragegefühl, Hygiene und Alltagstauglichkeit sorgen soll, ist bei allen Anbietern ein klein wenig anders. Bei Kora Mikino bestehen die Panties aus Micro-Modal, einer Art veganer Seide, die aus Buchenholz hergestellt wird und das Blut schnell an die darunterliegende Saugschicht weiterleiten soll, ohne sich lange feucht anzufühlen. Die eigentliche Sauglage ist nur vier Millimeter dick, besteht hauptsächlich aus Polyester.

Um zu verhindern, dass sich Bakterien vermehren und unangenehme Gerüche entstehen, setzt Kora Mikino bei den meisten seiner Modelle auf Silberchlorid. Dieses Biozid, das wegen seiner antibakteriellen Wirkung in der Medizin, aber auch in der Textilproduktion eingesetzt wird, sehen manche Fachleute kritisch – allerdings vor allem in Form von Nanopartikeln, weil diese in den Körper eindringen können.

Die Gründern hofft, dass Frauen am Arbeitsplatz bald über ihre Periode reden können

Kora Mikino aber will garantieren, dass kein Nanosilber zum Einsatz kommt – genau wie das Start-up Ooia. Femtis und Pourprées verzichten ganz auf Silber. Bei aller Konkurrenz verbindet die jungen Firmen ein gemeinsames Selbstverständnis: Sie alle wollen die Periode enttabuisieren. „Ich träume von dem Moment, in dem das Blut in der Werbung tatsächlich rot ist und keine blaue Flüssigkeit mehr“, so Rittereiser.

Die Gründerin hofft, dass Jugendliche bald auf der Schultoilette nicht mehr leise flüstern müssen, um dann mit ihrer „Schmuggelware“ schnell in der Kabine zu verschwinden. Und dass Frauen am Arbeitsplatz offen sagen können: Ich habe meine Periode, es geht mir heute einfach nicht gut.

Lesen Sie auch: Die Tabu-Brecherin - Wie eine Ärztin beschnittenen Frauen hilft

Passend dazu stellen sich alle Mitarbeiterinnen von Kora Mikino – ausschließlich Frauen – auf der Homepage nicht nur mit ihrer Funktion im Unternehmen und Infos zu ihrer Lieblings-Unterhose vor, sondern auch mit einer Antwort auf die Frage; „Wie läuft’s?“ „Sintflut“, heißt es da bei der Marketingchefin, „kurz und schmerzlos“ in der Buchhaltung und „dunkelrot mit viel Gewebe“ bei der Gründerin.

Ganz normal für Julia Rittereiser, schließlich sei die Periode das natürlichste der Welt. „Warum also ist sie noch immer stigmatisiert, peinlich, schmutzig?“, fragt die Unternehmerin. Doch die Zeiten änderten sich gerade. Unter anderem habe #MeToo dazu beigetragen, aber auch viele Einzelpersonen. Julia Rittereiser macht das glücklich. „Wir müssen für die Akzeptanz unserer Körper kämpfen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare