Mridul Agrawal und Benjamin Hanfstein (rechts) haben „Iuvando“ gegründet.
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Mridul Agrawal und Benjamin Hanfstein (rechts) haben „Iuvando“ gegründet.

Iuvando

Brücken in die Krebsforschung bauen

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Mridul Agrawal und Benjamin Hanfstein wollen Menschen, die an Krebs erkrankt sind, über laufende Studien informieren - und so die Medizin demokratisieren

Manchmal ist schon alles da – und es geht nur noch darum, eine Verbindung zu schaffen. Auch die Mediziner Mridul Agrawal und Benjamin Hanfstein kamen über eine Lücke auf die Idee zur Gründung von „Iuvando“. Auf diesem Portal vernetzen sie Menschen, die an Lungen- oder Brustkrebs erkrankt sind, mit Forschern, die an neuen Behandlungsmethoden arbeiten. Damit wollen sie die Bekämpfung von Krebs voranbringen – und die Medizin demokratisieren. Bisher wird ihre Webseite bis zu 100 Mal am Tag aufgerufen, etwa fünf bis zehn Anfragen erreichten sie täglich.

Mridul Agrawal ist 32 Jahre alt, Krebsmediziner und Wissenschaftler. Seit zwei Jahren lebt er in Boston, wo er sich in Harvard hauptsächlich mit Leukämie, dem Blutkrebs, beschäftigt. Davor war er am Universitätsklinikum Ulm tätig. Studiert hat Agrawal in Mannheim. Den Co-Gründer Benjamin Hanfstein lernte er 2008 an der Universität Heidelberg kennen.

„Iuvando“ leitet sich sprachlich vom lateinischen adjuvare – helfen ab. Mit ihrem 2018 gestarteten Projekt haben sich die Gründer dem Gemeinwohl verschrieben. Für ihren Beitrag dazu sind sie im vergangenen Jahr mit dem „EY Public Value Award“ der Handelshochschule Leipzig und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young ausgezeichnet worden; in diesem Jahr haben sie den Förderpreis „Headstart“ von der EU erhalten.

Große Fortschritte bei der Behandlung von Lungenkrebs und Brustkrebs

Beide Gründer haben beruflich mit klinischen Studien zu tun und im Arbeitsalltag miterlebt, welche „spektakulären Fortschritte“ es in den letzten Jahren in bestimmten Bereichen gegeben habe – während in anderen die großen Durchbrüche noch auf sich warten lassen. Nach wie vor gebe es „erschütternde Krebsschicksale“, sagt Agrawal. „Daran sieht man, dass der größte Weg noch vor uns liegt.“

Die großen Fortschritte bei der Behandlung von bösartigen Erkrankungen – insbesondere bei Brust- und Lungenkrebs – hebt auch Richard Schlenk hervor, Leiter des „Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen“ (NCT), der an der Uni Heidelberg forscht. Er leitet selbstinitiierte Studien und solche, die beispielsweise von Arzneifirmen in Auftrag gegeben wurden.

„Jedes Medikament, das man in der Apotheke findet, und jede Behandlungsmethode“, erklärt Mridul Agrawal, muss mehrere Phasen – meist vier – einer klinischen Studie durchlaufen haben. Und jede dieser Phasen ist laut Richard Schlenk mit verschiedenen Risiken verbunden. Bei Phase eins könne es sein, dass ein Medikament zum ersten Mal an Menschen angewendet wird, bei Phase zwei, dass eine neue Dosis festgesetzt wird. Bei Phase drei wüssten Forscher „schon eine ganze Menge“. Oft würde dann die Wirksamkeit einer neuen Therapie mit bereits anerkannten Behandlungsmethoden verglichen.

Patientinnen und Patienten können selbstständig nach klinischen Studien suchen

Auf Iuvando.de gibt es die Reiter „Für Ärzte“ und „Für Patienten“. Wer bei letzterem „Brustkrebs“ anklickt, sieht eine interaktive Deutschlandkarte, darauf eingezeichnet kleine, runde Punkte. Diese stellen jeweils ein Forschungszentrum dar, das zum jeweiligen Zeitpunkt mindestens eine klinische Studie zur Behandlung von Brustkrebs durchführt. Frauen und – auch wenn das seltener vorkommt: Männer, die an Brustkrebs erkrankt sind, können sich auf der Plattform nach neuen, noch nicht zugelassenen Behandlungsmethoden umsehen, um die Bekämpfung ihrer eigenen Krankheit in die Hand zu nehmen. Das gleiche gilt für Menschen, die Lungenkrebs haben.

Die Daten der Deutschlandkarte stammen größtenteils aus einem internationalen Studienregister, dieses ist zwar auch öffentlich zugänglich, allerdings eine Fachseite, die Nicht-Medizinern wenig hilft. Der ein oder andere Testlauf sei schon vor der offiziellen Registrierung auf Iuvando zu finden, weil Agrawal und Hanfstein sich zunehmend mit Forschungszentren vernetzen. Den Anspruch, den sie an ihre Seite haben, fasst Agrawal so zusammen: Sie soll fachlich korrekt sein und gleichzeitig für Laien gut verständlich. Daher sei beim Aufbau der Seite viel Arbeit in Konzept, Bilder und Texte gesteckt worden.

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Vom Portal profitiert aber auch die Krebsforschung: Bis eine Behandlungsmethode oder ein Medikament zugelassen würde, vergingen durchschnittlich zehn Jahre, weiß Agrawal. Allein, dass eine klinische Studie durchgeführt werden darf, ist gesetzlich streng reguliert und bedarf unter anderem der Zustimmung eines Ethikgremiums.

Die strengen Regularien kennt auch NCT-Leiter Richard Schlenk gut. Dass sie so streng sind, soll Versuche, wie es sie zu Zeiten des Nationalsozialismus gab, unmöglich machen. Wenn bei Erkrankten die gängigen Methoden nicht anschlagen, werden diese in der Regel von den behandelnden Ärzten an Forschungszentren verwiesen. Außerdem wollten und würden Patientinnen und Patienten sich darüber hinaus im Internet immer häufiger selbst über ihre Möglichkeiten informieren

Iuvando: Zugang zu neuen Behandlungsmethoden - und Aufklärung über Risiken

Bevor eine Person der Teilnahme an einer Studie schriftlich zustimme, werde sie ausführlich aufgeklärt: über die Studie, den Forschungsstand, die Behandlungsmethode und die Risiken. In einer Studienteilnahme sieht Schlenk trotz aller Risiken „einen riesigen Vorteil“: Wer teilnehme, habe Zugang zu neuen Behandlungsmethoden, die nicht angewandt würden, wenn sie keinen Erfolg versprächen. Darüber hinaus würden Studienteilnehmer meist intensiver betreut und überwacht als es bei gängigen Behandlungen möglich ist.

Wird dann eine neue Behandlungsmethode oder ein Medikament getestet, beginnt die Suche nach Teilnehmern. „Im Unterschied zu einem Impfstoff kann man ein Tumormedikament natürlich nicht an Gesunden testen“, sagt Agrawal. Die Studien seien häufig sehr speziell, dementsprechend würden meist auch Erkrankte in besonderen Therapiesituationen gesucht.

Eine typische Situation, in der Iuvando eine Kontaktanfrage bekomme, beschreibt Agrawal so: Eine Patientin hat einen metastasierten Brustkrebs, der Brustkrebs hat also gestreut und gilt als nicht mehr heilbar. Brustkrebs – wie auch Lungenkrebs – haben dem Mediziner zufolge die Besonderheit, dass im Frühstadium meist eine „kurative Situation“ bestehe. Dann sei die Krankheit beispielsweise mit Operation und Bestrahlung gut heilbar. Im fortgeschrittenen Stadium gelte das nicht. „Da stehen die Patientinnen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Agrawal.

Kampf gegen Krebs: Diagnose „unheilbar“ heißt heutzutage nicht mehr, dass alles vorbei ist

Aber: Die Diagnose „unheilbar“ heiße heutzutage noch lange nicht, dass alles vorbei ist, betont Agrawal. Viele Patientinnen seien erst Mitte Fünfzig oder jünger, hätten einen starken Lebenswillen, stünden mitten im Leben und fühlten sich körperlich so weit gut. „Dann geht es darum, Lebenszeit unter Erhaltung der Lebensqualität zu gewinnen.“

Um die passende „palliative Therapie“, eine Aufechterhaltung der Lebensqualität unter Linderung der Symptome zu finden, recherchieren die Betreiber von Iuvando bei einer Anfrage auch individuell nach einer geeigneten Studie – und vermitteln den Kontakt zwischen Forschern und Patienten. Ob eine Patientin dann an der Studie teilnehmen kann, diese Entscheidung läge nach Tests und Beratungen aber bei den behandelten Ärzten und Wissenschaftlern, die die Studie durchführen. „Darauf nehmen wir keinen Einfluss“, betont Agrawal.

In Deutschland fände man ein „ziemlich gesundes Gesundheitswesen“ vor, deshalb sei das ein guter Ausgangspunkt gewesen. „Wobei auch das deutsche Gesundheitssystem Entwicklungspotenzial hat.“ Etwa was das „Patient empowerment“ betreffe, wie Agrawal die Idee des „mündigen Patienten“ umschreibt. Gemeint ist damit, dass eine Patientin oder ein Patient aktiv werden und sich über Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten selbst informieren kann. Sprich: an der eigenen Genesung als aufgeklärte und handelnde Personen teilhaben.

Denn auch unter behandelnden Ärzten gebe es Informations-Asymmetrien. Die meisten kennen zwar die gängigen Behandlungsmethoden und wissen, woran geforscht wird, können aber im Arbeitsalltag nicht auf dem Laufenden bleiben, welche klinischen Studien aktuell laufen – mehrere Hundert dürften es aktuell alleine in Deutschland sein. „Wir wollen Transparenz schaffen und alle Beteiligten zusammenführen“, sagt Mridul Agrawal. Und meint damit: Patienten, Ärzte, Universitäten, Arzneimittelhersteller, Krankenkassen und Start-Ups. Denn: „Der Kampf gegen Krebs ist nur gemeinsam möglich.“

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