Ärztin Cornelia Strunz vom Desert Flower Center in Berlin
+
Ärztin Cornelia Strunz vom Desert Flower Center in Berlin

Desert Flower Center

Die Tabubrecherin - Wie eine Ärztin Frauen hilft, die beschnitten wurden

  • Ruth Herberg
    vonRuth Herberg
    schließen

Tausende Frauen in Deutschland haben Genitalverstümmelungen erlitten, die Folgen belasten sie oft ein Leben lang. Die Ärztin Cornelia Strunz unterstützt Betroffene im Berliner Desert Flower Center - es ist hierzulande das einzige seiner Art.

Wer zu Cornelia Strunz in die Sprechstunde kommt, hat Fürchterliches erlebt. In ihrem Büro im 5. Stock von Haus A des Krankenhauses Waldfriede in Berlin empfängt sie Frauen unterschiedlicher Nationalität, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Biografien. Doch sie alle haben eins gemeinsam: Sie wurden beschnitten. Und leiden seitdem unter den Folgen der Genitalverstümmelung, die meist von traditionellen Beschneiderinnen ohne Betäubung, unter unhygienischen Bedingungen und Ausübung massiver Gewalt mit Messern, Rasierklingen oder anderen scharfen Gegenständen vollzogen worden ist.

Diesen Frauen will Strunz helfen. Sie ist ärztliche Koordinatorin am Desert Flower Center (DFC), einem Zentrum, das – nach eigener Beschreibung – ein weltweit einzigartiges, ganzheitliches Konzept verfolgt: Ärztinnen, Psychologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiterinnen arbeiten hier zusammen und bieten neben medizinischer auch psychosoziale Beratung. Gemeinsam wollen sie den Frauen Lebensqualität zurückgeben.

„Sie erinnern sich ein Leben lang an die Zeremonie der Beschneidung“

Als das Zentrum im September 2013 eröffnet wurde, habe sie nicht gewusst, was genau sie erwarten würde, sagt Cornelia Strunz rückblickend, „geschweige denn, dass ich bis zu dem Zeitpunkt in meiner medizinischen Laufbahn jemals eine genital beschnittene Frau gesehen und behandelt hätte“. Strunz, 49 Jahre alt, ist eigentlich Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie und hatte erst kurz zuvor an dem Krankenhaus angefangen, im Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie. Der Chefarzt ihrer Abteilung fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, im Desert Flower Center die ärztliche Sprechstunde zu übernehmen. „Ich dachte: Warum eigentlich nicht, wenn ich hier als Ärztin anderen Frauen helfen kann?“, erzählt sie, „und dann habe ich relativ schnell zugesagt.“

Heute, sieben Jahre später, hat Strunz mehrere Hundert Frauen aus ganz Deutschland behandelt, die meisten von ihnen Geflüchtete. Sie litten unter den körperlichen Folgen wie Problemen beim Toilettengang oder Geschlechtsverkehr, chronischen Entzündungen und Schmerzen, Inkontinenz, Fisteln, Gefahren bei Geburten. Dazu kommt die seelische Belastung. „Sie erinnern sich ein Leben lang an die Zeremonie der Beschneidung, an dieses qualvolle Festhalten, daran, dass die Beine zusammengebunden wurden, und an die damit verbundenen Schmerzen“, beschreibt sie die Erfahrungen vieler Frauen. „Das alles ist sehr traumatisierend.“

In Deutschland leben knapp 68000 Frauen, die beschnitten wurden

Mehr als 200 Millionen Frauen weltweit sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation einer Genitalverstümmelung (kurz FGM für „Female Genital Mutilation“) unterzogen worden; vor allem in afrikanischen Ländern, in Teilen Südostasiens, Lateinamerikas sowie der arabischen Halbinsel. Religiöse Gründe dafür gibt es nicht, die betroffenen Frauen gehören verschiedenen Glaubensrichtungen an. In den meisten Fällen gilt die Beschneidung als Eintrittsritual ins Erwachsenenleben, aber auch als Zeichen für die Heiratsfähigkeit oder Fruchtbarkeit.

In Deutschland leben nach Angaben des Bundesfamilienministeriums knapp 68 000 Betroffene, trotzdem kommt das Thema hierzulande nur selten aus der Nische heraus. Viele Menschen wurden Ende der 90er Jahre zum ersten Mal mit der Praktik konfrontiert, als die Österreicherin Waris Dirie das Buch „Wüstenblume“ (in Englisch „Desert Flower“) veröffentlichte, in dem sie von ihrer eigenen Beschneidung erzählt. Später gründete das Model die Desert Flower Foundation. Das Zentrum in Berlin-Zehlendorf ist eines ihrer Kooperationskrankenhäuser.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkane und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Das Desert Flower Center ist auf Spenden und Fördermitglieder angewiesen.

WEITERLESEN: Eine Studie zu FGM in Deutschland finden Sie unter www.netzwerk-integra.de/startseite/studie-fgm

In den Heimatländern der Frauen ist FGM oft tabuisiert: Millionen Mädchen werden der Prozedur unterzogen, doch niemand spricht darüber. Irgendwann habe sie gemerkt, dass die Frauen sich auch in Deutschland untereinander nicht austauschten, es sei ein absolutes Tabuthema sei, sagt Strunz. Daraufhin rief sie zusätzlich zur regulären Sprechstunde am DFC eine Selbsthilfegruppe ins Leben. Seit 2015 kommen sie einmal im Monat zusammen: Frauen, die operiert sind, aber auch solche, denen die Ärztin von einer OP abriet oder Frauen, die von einer Bekannten von der Gruppe erfahren. Bei jedem Treffen hält Strunz zu Beginn einen kurzen Vortrag, beispielsweise zur weiblichen Anatomie, danach können die Frauen Fragen stellen oder einfach nur miteinander sprechen. Und manche bitten Strunz irgendwann um einen Termin in der Sprechstunde.

Das Thema Beschneidung erfordert viel Fingerspitzengefühl

Oft finden die betroffenen Frauen den Weg ins DFC aber auch über Umwege: Ein Sozialarbeiter schickt sie oder die Gynäkologin, weil sie sie nicht richtig untersuchen kann. „Ich stelle mich in der Sprechstunde erst mal vor, sage, dass ich Conny bin, Dr. Conny, und frage, ob es in Ordnung ist, wenn wir uns mit Vornamen ansprechen.“ Das sei meist kein Problem. Doch dann stellt sie eine Frage, die manchmal mit Schweigen beantwortet wird: „Was führt dich zu mir?“ Und die Ärztin muss sich langsam an das Thema herantasten. Sie erzählt, was das DFC ist, und dass sie und ihr Team Hilfe anbieten für Frauen, die Probleme nach einer Beschneidung haben. „Verstümmelung würde ich nie sagen, damit die Frauen sich nicht diskriminiert fühlen.“

Die Ärztin arbeitet mit zwei Dolmetscherinnen zusammen, Farhia Mohamed aus Somalia und Evelyn Brenda aus Kenia. Sie helfen ihr auch, die Frauen und das, was sie besorgt, zu verstehen. Strunz stellt Fragen zur Biografie, zur familiären Situation, zu Beschwerden – und weiß nach sieben Jahren Erfahrung meist schon vor der eigentlichen Untersuchung, wie die Frau beschnitten ist. „Wenn die Frau schon mehrere Kinder vaginal entbunden hat und anschließend nicht wieder zugenäht worden ist, dann liegt es nahe, dass sie wahrscheinlich auch normal Wasser lassen und das Menstruationsblut abfließen kann“, sagt Strunz, die stets von Frauen spricht und nie von Patientinnen. „Dann müssen wir eventuell nicht unbedingt operieren.“

Beschnittene Frauen operieren, das können nur wenige Ärzte

Fachlich gilt jede Form von medizinisch nicht nötiger Verletzung der äußeren oder inneren weiblichen Geschlechtsorgane als FGM. Die häufigsten Formen reichen vom Entfernen eines Teils der Klitoris über das Abtrennen der gesamten äußeren Genitalien bis hin zum Verengen oder Verschließen der vaginalen Öffnung.

Beschnittene Frauen operieren, das machen nur wenige Ärztinnen und Ärzte. „Das ist sehr komplex, das muss man lernen“, sagt Strunz. Sie selbst macht zwar sämtliche Vor- und Nachuntersuchungen, operiert aber nicht. Am DFC übernimmt das Uwe von Fritschen, ein plastischer Chirurg, der eigentlich an einer anderen Klinik arbeitet, und einmal pro Monat für die Operationen vorbeikommt. Strunz weiß sonst nur von einem Arzt in Deutschland, der diese Eingriffe macht.

Den Eingriff zahlt die Krankenkasse; ist die Frau nicht in Deutschland versichert, ist das DFC auf Spenden über den Krankenhaus-Förderverein angewiesen. Doch eine OP ist gar nicht immer nötig. Strunz kann einigen Frauen schon helfen, wenn sie ein Schreiben für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ausstellt. Denn in Deutschland gilt weibliche Genitalbeschneidung als schwerwiegende Menschenrechtsverletzung – ein bereits erfolgter oder drohender Eingriff kann in einem Asylverfahren als Fluchtgrund anerkannt werden. So können manche Frauen verhindern, dass sie abgeschoben werden und ihren Töchtern im Heimatland die gleiche Prozedur bevorsteht wie ihnen selbst vor vielen Jahren.

„Ich möchte für jede einzelne Frau das Beste rausholen“, sagt Strunz. Sie habe die Ruhe, die Expertise und ein tolles Team hinter sich. In vielen Bereichen der Medizin müsse es heute immer schnell gehen. Am Desert Flower Center kann sie sich für jede einzelne Frau Zeit nehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare