Der Druck, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln, ist weltweit hoch.
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Der Druck, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln, ist weltweit hoch.

Corona-Impfstoff

Warum ein Biochemiker sich für Open Source in der Forschung einsetzt

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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Eine Petition fordert, die Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus für alle zugänglich zu machen.

Europa kann durchatmen: In den letzten Wochen ist die Zahl der mit dem Coronavirus Neuinfizierten in den meisten Staaten gesunken, die Pandemie scheint unter Kontrolle. Endgültig eindämmen kann das Virus aber nur ein Impfstoff. Anfang Mai haben sich deshalb vier EU-Staaten auf Initiative der Bundesregierung zu einer Impfstoff-Allianz zusammengeschlossen.

Suche nach Corona-Impfstoff: Bündnis aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden plant Abnahmegarantien

Das Bündnis aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden will mit Pharmaunternehmen staatliche Forschungsgelder und Abnahmegarantien vereinbaren. Der Grund für den Zusammenschluss ist, dass die europäischen Staaten im globalen Wettrennen in der Impfstoffentwicklung nicht den Anschluss verlieren wollen – vor allem in den USA und China wird massiv an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht.

Weltweit geben die in Forschung und Wissenschaft führenden Staaten Milliarden aus, damit im eigenen Land der erste einsatzfähige Impfstoff entwickelt wird. Darin sieht Alexander Grevel ein Problem. Der 31-jährige Biochemiker betrachtet die nationalen Alleingänge in der Impfstoffentwicklung mit Sorge: Das Land, das als erstes den Impfstoff hat, könnte beschließen, diesen exklusiv an die eigene Bevölkerung zu verteilen – und das obwohl das Coronavirus ein Problem ist, das wohl jedes Land der Welt betrifft. Gegen diesen Missstand wollte Grevel etwas tun: Er hat sich dazu entschieden, auf der Plattform Change.org eine Petition zu starten. Seine Forderung: Forschungsergebnisse zu Impfstoffen frei verfügbar machen.

Corona-Impfstoff: Forschungseinrichtungen sollen ihre Daten weltweit öffentlich machen

„Wir haben eine globale Krise, und deshalb müssen wir das Problem auch global angehen“, sagt Grevel. Sein Wunsch ist, dass Forschungseinrichtungen weltweit ihre Daten der Öffentlichkeit zu Verfügung stellen und in der Impfstoffentwicklung zusammenarbeiten.

Allein ist Grevel mit seinem Anliegen nicht: So plädierte die ehemalige Piraten-Politikerin Julia Reeda in einem Essay dafür, bei der Erforschung neuer Medikamente mehr auf das Prinzip Open Source zu setzen und auf Patentrechte zu verzichten: Würden andere Möglichkeiten gefunden, die Entwicklung neuer Medikamente zu finanzieren, würde der globale, tendenziell ärmere Süden von günstigeren Medikamenten profitieren. Auch die Frankfurter Menschenrechtsorganisation Medico International fordert, Patente und Verteilung eines möglichen Covid-19-Impfstoffs oder -Medikaments fair zu regeln.

Laut Medico International muss verhindert werden, dass am Ende Pharmakonzerne darüber entscheiden können, wie und wo ein Impfstoff verteilt wird. Und die US-NGO One, die sich zum Ziel gesetzt hat, extreme Armut weltweit zu bekämpfen, fordert in einer eigenen Petition Ähnliches wie Grevel: einen globalen Pandemie-Reaktionsplan. Ihre Forderung ist, geistiges Eigentum und Patentrechte an Impfstoffen und Medikamenten gegen Covid-19 in einem Pool zu bündeln. Dadurch will One allen Menschen weltweit den Zugang zu Behandlung und Impfung ermöglichen.

Suche nach Corona-Impfstoff: Mit Petitionen die öffentliche Debatte ankurbeln

Petitionen gelten vielen als zahnloser Tiger, doch für Menschen ohne großes politisches Netzwerk sind sie oft einer der wenigen Wege, mit denen sie Anliegen in die öffentliche Debatte einbringen können. Außerdem hat Grevel in der Vergangenheit mit Petitionen gute Erfahrungen gemacht: Er engagiert sich bei „Demokratie in Bewegung“ (DIB), einer Kleinstpartei, die es seit 2017 gibt: DIB war damals durch eine Petition entstanden, die das Ziel hatte, für die Parteigründung 100 000 Unterschriften zu sammeln. Die Petition war erfolgreich, die basisdemokratische, sozial-ökologische Partei wurde gegründet. 

„Politik zum Mitmachen“, nennt Grevel das. Er ist seit etwa zwei Jahren dabei, seit einem Jahr sitzt er im Landesvorstand Baden-Württemberg. Beruflich ist er in der Wissenschaft verwurzelt: Grevel arbeitet als Biochemiker am Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Freiburg, wo er auch promoviert. Seine Kollegen und er forschen dort an Hefezellen. Mit Viren und Impfstoffen beschäftigt er sich am Institut zwar nicht, dennoch treibt ihn das Thema um.

Corona-Impfstoff: Allein in Deutschland forschen acht Unternehmen und Forschungseinrichtungen an Impfstoffen

Besonders empört hat Grevel ein Fall, der in den Medien kurzzeitig Wellen schlug: Anfang März hatte es ein vermeintliches Angebot der US-Regierung gegeben, das Tübinger Unternehmen Curevac aufzukaufen. Dort wird an einem Corona-Impfstoff geforscht, die US-Regierung hätte sich so die exklusiven Zugriffsrechte gesichert. Der Fall stellte sich später als Falschmeldung heraus, trotzdem verdeutlichte er für Grevel die Gefahr eines Impfstoff-Monopols: Würden die USA im Falle einer erfolgreichen Impfstoff-Entwicklung die Zusammenarbeit mit anderen Staaten verweigern oder an Bedingungen knüpfen, hätten sie ein mächtiges Druckmittel.

Ein Lichtblick ist, dass die Impfstoffentwicklung nicht aus nationalen Alleingängen besteht: So arbeitet das Mainzer Unternehmen Biontech mit dem US-Pharmariesen Pfizer zusammen, im April gaben der französische Pharmakonzern Sanofi und das britische Pharmaunternehmen GSK eine Kooperation bekannt. Die Anzahl an Projekten und Forschungsstandorten ist schon jetzt groß und wächst konstant: Allein in Deutschland forschen acht Unternehmen und Forschungseinrichtungen an einem Impfstoff, weltweit sind es aktuell 148 Projekte. 

Suche nach Corona-Impfstoff: Experten rechnen erst im Frühjahr 2021 mit einem Impfstoff

Dass schon dieses Jahr ein Impfstoff auf den Markt kommt, ist aber unwahrscheinlich. Obwohl für die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs Genehmigungsverfahren beschleunigt wurden, rechnet der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, erst im Frühjahr 2021 mit einem Impfstoff.

Grevels große Hoffnung ist, dass Deutschland in der Impfstoffentwicklung eine Vorreiterrolle einnimmt. „Irgendein Land muss den Anfang machen“, sagt der Wissenschaftler. Kaufe die Bundesregierung Forschungsdaten auf und mache sie frei verfügbar, könne das eine Signalwirkung auf andere Staaten haben. Für Grevel hätte so eine Entscheidung aber noch einen anderen, wichtigen Nebeneffekt: „Das wird nicht die letzte Epidemie gewesen sein, mit der die Menschheit konfrontiert ist“, sagt er. Transparenz und weltweite Zusammenarbeit wären essenziell, um eine weitere globale Krise zu verhindern. (Von Paul Siethoff)

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