Carolin Kebekus und Tijen Onaran
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Wollen Frauen in der Wirtschaft stärken: Carolin Kebekus und Tijen Onaran.

Frauen und Geld

Carolin Kebekus und Tijen Onaran: „In Frauen zu investieren ist keine Charity“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Carolin Kebekus und Tijen Onaran sprechen über Geld, die Periode als Tabu und die Bedeutung von Angela Merkel für den Feminismus.

Frankfurt - In der männlich dominierten Gründerszene sind Frauen immer noch die Ausnahme. Und über Menstruation und Tampons redet man bitte nicht in der Öffentlichkeit. Comedienne Carolin Kebekus (41) und Unternehmerin Tijen Onaran (36) wollen beides ändern. Zusammen mit Schriftstellerin und Moderatorin Laura Karasek sowie Influencerin Charlotte Weise investieren sie in das von zwei Frauen im November 2020 gegründete Berliner Start-up „Nevernot“. Das entwickelt Soft-Tampons.

Ein paar Stunden vor ihrem Auftritt beim Live-Podcast „Frauen investieren in Frauen“ am Abend im Steigenberger Hotel, dem ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn, sitzen Kebekus und Onaran auf einer Sonnenterrasse des Hotels. Sie erzählen im Interview, warum in weiblich geführte Unternehmen zu investieren ein gutes Business ist, und warum Frauen aufhören sollten, sich für ihre Periode zu schämen.

Carolin Kebekus und Tijen Onaran im FR-Interview

72 Prozent der Menstruierenden wissen nicht, was ein Soft-Tampon ist. Wussten Sie es, bevor Sie in „Nevernot“ investierten, Frau Kebekus, Frau Onaran? Und was ist das Besondere daran?

Carolin Kebekus: Ich kannte das nicht. Ein Soft-Tampon ist wie ein Schwamm, also ganz weich, und passt sich komplett dem Körper an. Es gibt gar keinen Druck, keine Schmerzen. Auch beim Ein- und Ausführen hat die Frau keine Beschwerden. Ich habe Freundinnen mit der Unterleibserkrankung Endometriose und ganz starken Regelbeschwerden – und allein für die Tatsache, dass sie jetzt wissen, dass es Soft-Tampons gibt, wurde mir schon gedankt. Denn selbst Frauenärztinnen haben ihnen das nie empfohlen, obwohl es Soft-Tampons schon lange gibt. Vielleicht liegt es daran, dass vor allem Prostituierte diese bislang nutzen, denn sie können auch während dem Sex getragen werden.

Comedienne Carolin Kebekus sagt, der Umgang mit der Periode ändert sich.

Tijen Onaran: Die Gründerinnen Anna Kössel und Katharina Trebitsch hatten sich mit Prostituieren ausgetauscht, bevor sie die Idee entwickelten, eigene Soft-Tampons zu vertreiben. Sie fragten die Frauen: „Was macht ihr eigentlich, wenn ihr eure Periode habt? Wie macht ihr euren Job?“ Und sie sagten: „Dann nutze ich einen Soft-Tampon.“ Anna und Katharina fragten sich, warum es dafür nicht auch hier einen breiten Markt gibt ähnlich wie in den USA. Ich kannte Soft-Tampons auch nicht. Ich komme aus einem wahnsinnig spießigen Elternhaus. Für mich war über Menstruation zu reden, lange ein echtes No-Go. Mein Vater hat früher immer gesagt: „Wenn du deine Geschichte hast, dann musst du dich auch drum kümmern.“ Und ich dachte nur: „Was meint er mit meiner Geschichte?“ Meine Mutter hat immer Erdbeerwoche gesagt (lacht).

Waren Ihre Eltern entspannter beim Thema Periode, Frau Kebekus?

Kebekus: In meinem erstem Programm habe ich eine Nummer daraus gemacht, wie ich meine erste Periode bekommen habe. Ich war erst zwölf. Ich hatte noch meine Barbie in der Hand und dachte: „Könnt Ihr mich bitte in Ruhe lassen mit so einem Erwachsenenshit?“ Meine Mutter war so ein bisschen hippiemäßig drauf und hat mir alles erklärt, aber ich fand es trotzdem schrecklich. Mein Vater hat mir förmlich gratuliert am Abend: Er hätte gehört, ich wäre jetzt eine Frau. Mein Bruder bekam das nur so halb mit und fragte: „Warum muss denn die Carolin jetzt Windeln tragen?“ Damals gab es noch keine dünnen, sondern nur diesen ganz dicken Binden. Die waren wie Briketts. Das war unfassbar unbequem, es war, als ob ich ständig auf einem Backstein sitze. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich gehe, dann hört man die rascheln, weil sie so dick waren. Und ich ging dann auch so breitbeinig. Im Ballettunterricht durften wir keine weiten Hosen tragen, also hatte ich diese dicke Binde, die sich im rosa Trikot abzeichnete. Das war furchtbar. Die Binden waren auch so parfümiert und hatten einen ganz süßlichen Geruch, und dann rochen wir immer, wenn eine von uns ihre Tage hatte. Das war alles peinlich. Aber der Umgang mit der Periode ändert sich. Bei den Töchtern meiner Freundinnen ist die Periode Abendbrot-Thema. Sie sagen ganz offen: „Ich habe meine Tage. Ich fühle mich so scheiße.“ Egal, ob noch andere Gäste am Tisch sitzen. Es ist ein anderer, coolerer Umgang.

Onaran: Es kommt eine Generation nach, die mit Instagram und Co. Zugang zu den Infos hat. Ich hätte nicht gewusst, an wen ich mich hätte wenden können, und ich war auf einem Mädchengymnasium. Da würde man denken, dass dort ganz stark darüber geredet wird. Aber das war nicht so. Heute hast du zumindest die Möglichkeit, Influencerinnen zu folgen, die diese Themen besetzen. Mit uns investiert auch die Influencerin Charlotte Weise, die die junge Generation abdeckt.

Carolin Kebekus und Tijen Onaran über die Startup-Szene

Sie sagen, Sie wollen mit Ihrem Investment in ein weiblich geführtes Unternehmen zu einer Demokratisierung der Investmentlandschaft beitragen. Denn bislang investieren Männer vor allem in Männer …

Onaran: Ich sehe in der Startup-Szene folgendes Phänomen: Die Investoren kennen sich von Eliteunis, dort werden diese Netzwerke geboren, und dann investiert eben Christian in Christian. Im Netzwerken sind Männer ziemlich gut. Und das machen wir jetzt auch: Wir kennen uns, wir vertrauen uns und investieren zusammen. Die Gründerinnen von „Nevernot“ erzählten uns zudem, dass viele Investoren einfach bei weiblichen Themen und Produkten aussteigen. Sie sagten ihnen: „Menstruationsprodukte und so, das kann ich mir als Geschäftsmodell nicht vorstellen.“ Sie investieren lieber in die x-te Kreditkarte im Fintech-Bereich. Sie unterschätzen den Markt, die Notwendigkeit.

Kebekus: Menstruationsprodukte sind zudem kein Nischenprodukt. Es gibt mehr Frauen als Männer auf der Welt. Als ich Tijen kennenlernte, hatte ich gerade angefangen, mein Buch „Es kann nur eine geben“ zu schreiben. Da geht es viel um Sichtbarkeit von Frauen. Und da kommt man superschnell an diesen Businesspunkt, dass Frauen weniger Zugang zu Kapital haben. Das ist für 2021 eine heftige Tatsache. Dagegen können wir aktiv etwas machen. Frauen investieren in Frauen, das klingt so nach Spende. Es ist aber keine Charity, sondern einfach ein gutes Investment. Ich bin Geschäftsfrau. Es gibt auch Studien darüber, dass Start-ups, die von Frauen gegründet werden, langfristig besser performen als die von Männern.

Sie sagen auch, dass Sie investieren, weil es wichtig ist, dass es mehr Gründerinnen gibt. Warum ist das, abgesehen für die Frauen selbst, so wichtig?

Kebekus: Weil es mehr Vorbilder geben muss. Wenn ich als Teenie nicht gesehen hätte, wie Gaby Köster auf eine Bühne gegangen ist, mit dem Mikro in der Hand, dann wäre ich von mir aus nie auf die Idee gekommen. Denn ich hatte bislang nur Männer gesehen, die diesen Beruf ausübten. Als ich dann Anke Engelke bei der „Wochenshow“ sah, wurde mir klar: „Ach so, ich muss mich nicht als Putzfrau verkleiden. Sie ist als sie selbst lustig, ach krass. Das geht auch.“ Ich habe früh relativ viel Geld verdient. Aber ich habe immer gedacht: „Ich darf jetzt nicht so wirken, als würde ich mein Geld vermehren und Business machen wollen. Das ist zu viel.“ Als ich in der Lanxess-Arena in Köln spielen wollte, haben damals meine Berater gesagt: „Das ist eine Nummer zu groß für dich.“ Dann habe ich fünf Mal im E-Werk hintereinander gespielt, wo 1500 Leute reinpassen, im nächsten Jahr sieben Mal hintereinander. Und meine Berater sagten mir weiterhin: „Nein, in der Lanxess-Arena zu spielen, das ist größenwahnsinnig.“ Am Ende habe ich mich von meinen Beratern getrennt. Denn es war eine ganz komische Mischung aus mich klein halten, aber trotzdem von mir profitieren wollen. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen: „Ich bin meine eigene Marke. Alle machen mit mir Geld. Warum bin ich nicht diejenige, die am meisten davon profitiert? Es sind meine Ideen, ich stehe auf der Bühne und performe.“

Onaran: In der Wirtschaftswelt ist es genauso. Es wird Frauen immer gesagt: „Sei demütig, sei dankbar.“ Ich sage dann immer: „Ich bin mir selbst dankbar, dafür, dass ich durchgehalten habe.“ Wirtschaftsfrauen werden oft von Journalistinnen und Journalisten gefragt: „Wem haben Sie Ihre Karriere zu verdanken?“ Das ist wirklich krass. Niemand würde Tim Höttges von der Telekom fragen: „Wem haben Sie Ihre Karriere zu verdanken?“ Als ich anfing zu moderieren, habe ich lange gedacht: „Wie cool, dass sie mich einladen.“ Und ich sagte: „Nein, ich nehme kein Honorar.“ Ich musste dann lernen, dass ich, wenn ich über mein Honorar verhandele, einen Punkt setze und nicht am Ende des Satzes mit der Stimme als Frage hochgehe: „Vielleicht 2000 Euro?“ Auch beim Thema Gehaltsverhandlungen müssen wir Frauen darüber reden, wie das funktioniert.

Die Personen

Carolin Kebekus (41) ist Comedienne, Sängerin, Synchronsprecherin, Schauspielerin und Buchautorin. Sie ist vielfache Gewinnerin des Deutschen Comedypreises, moderiert und produziert ihre eigene Sendung „Die Carolin Kebekus Show“ im Ersten. Gerade gewann sie für die Show den Grimme-Preis in der Kategorie „Beste Unterhaltung“. Am 7. Oktober erscheint ihr Buch „Es kann nur eine geben“. Mit ihrem Bühnen-Programm „Pussynation“ ist sie ab November auf Tour. Kebekus engagiert sie sich gegen Diskriminierung und setzt sich für Feminismus und Klimaschutz ein.

Tijen Onaran (36) ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Global Digital Women“ und berät Unternehmen in Diversitätsfragen. In Vorträgen und Podcast-Beiträgen ermutigt sie Frauen, sich ein starkes Netzwerk aufzubauen. Ihre Doku „Yes She Can – Frauen verändern die Welt“ läuft auf Amazon Prime. Vergangenes Jahr investierte sie bereits in das weiblich geführte Start-up Pumpkin Organics, das Bio-Babynahrung produziert. Onaran ist aktuell dabei, einen Risikokapital-Fonds aufzulegen, mit dem sie ausschließlich Frauen fördern will. rose

Carolin Kebekus und Tijen Onaran über die Periode als Tabu

Apropos darüber reden. Eines Ihrer Ziele ist es, die Periode zu enttabuisieren, indem Sie darüber öffentlich reden. Am Arbeitsplatz ist es bislang schon noch eher ein Tabu, dem Chef zu sagen: „Mir geht es nicht gut, ich habe meine Tage.“ Dabei ist es doch etwas Normales. Warum schämen wir Frauen uns noch so und versuchen, unsere Periode geheimzuhalten?

Onaran: Ich komme natürlich aus einem verstaubten Bereich der Politik. Als ich früher Wahlkampfassistentin und Referentin für die damalige FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin war und später für Guido Westerwelle arbeitete, hätte ich vielleicht den beiden das noch erzählen können. Aber im Bundespräsidialamt zu sagen: „Mir geht es nicht so gut, ich habe meine Tage“, das hätte ich mich nie getraut. Und auch heute in der tradierten Wirtschaft würde das keine Mitarbeitende sagen.

Die Periode hat bis heute ein Stigma von Sünde und Ekel, nicht umsonst hängt damit die Erbsünde zusammen. 

Carolin Kebekus

Kebekus: Die Periode wird auch als Schimpfwort genutzt. Wenn jemandem etwas in einer Situation nicht passt, hören Frauen: „Hast du deine Tage, oder was?“ In meinem neuen Programm habe ich genau über diese Geheimhaltung eine Nummer gemacht. Ich sage da: „Ich könnte von hier oben bis zur letzten Reihe einen Super-Plus-Tampon durchreichen, und es würde keiner mitbekommen, weil wir Frauen es so drauf haben, sich heimlich das Zeug, als wäre es Crack, unter dem Tisch zu reichen.“ Diese Geheimhaltung von der Periode hat einen weit zurückliegenden Ursprung. Alles, was eine fruchtbare Frau symbolisiert, gehört ja weg. Da liegt eine unglaubliche Angst zugrunde, die Angst vor diesem Wunder des Lebens, das nur die Frau spenden kann. Die Periode hat bis heute ein Stigma von Sünde und Ekel, nicht umsonst hängt damit die Erbsünde zusammen. Nur weil Eva den Apfel probiert hat, sind alle Frauen für immer verdammt, einmal im Monat zu bluten und Geburtsschmerzen zu haben? Lieber Gott, das ist vielleicht an dieser Stelle eine leichte Überreaktion? Meine Nachbarin erzählte mir, sie wurde früher, als sie in der Küche vom Gasthof geholfen hat, erstmal immer gefragt, ob sie ihre Tage hat. Denn sonst durfte sie nicht den Hefeteig mitmachen oder mitschlachten.

Gründerin Tijen Onaran sieht in der Wirtschaft zu viele Männernetzwerke.

Warum das?

Kebekus: Der Ursprung ist natürlich: Eine Frau, die ihre Tage hat, ist unrein. Es wurde auch lange geglaubt, Menstruationsblut sei giftig, und es ist auch noch so bei einigen Kulturen, dass Frauen ausgeschlossen werden. Während ihrer Periode müssen sie in extra Zelte. Bis heute gibt es in der Welt Mädchen, die keinen Zugang zu Periodenprodukten haben und die deswegen Unterricht verpassen. Chancengleichheit gilt dann nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem du anfängst zu menstruieren.

Auch hierzulande gibt es Diskussionen, ob es, wie in Schottland, in allen öffentlichen Gebäuden kostenlos Menstruationsprodukte geben sollte.

Kebekus: Das fände ich gut. Denn das ist kein Luxusartikel, sondern wir brauchen das.

Angela Merkel ist jetzt die nicht Vorkämpferin für Feminismus und sie hat sich auch noch nie in dieser Rolle gesehen.

Tijen Onaran

Carolin Kebekus und Tijen Onaran über Angela Merkel

Dieser Sonntag ist Bundestagswahl. Das Ende der Ära Angela Merkel. Hat sie dem Feminismus einen Schub gegeben?

Onaran: Angela Merkel ist jetzt die nicht Vorkämpferin für Feminismus und sie hat sich auch noch nie in dieser Rolle gesehen. Ich glaube, sie hat selbst eine Transformation durchgemacht, was das Thema betrifft. Sie hat viele Gespräche im Umfeld geführt, um festzustellen, dass ihr Karriereweg, nicht der übliche ist, und dass es schon sinnvoll ist, darüber zu reden, welche Chancen Männer und Frauen in diesem Land haben oder auch nicht. Als machtvolle Frau finde ich sie wahnsinnig spannend. Sie hat selbstverständlich nach Macht gegriffen und diese Machtposition so ausgefüllt, dass da nun niemand ist, der die Leerstelle füllt, die sie hinterlässt. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden. Ich glaube, dass wir uns nach Angela Merkel zurücksehnen werden, je nachdem was da jetzt kommt.

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Kebekus: Ich habe sie nie gewählt. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir ihr unprätentiöses Auftreten fehlen wird. Das fand ich bei ihr super angenehm, dass sie, wenn sie uns als Bundeskanzlerin repräsentiert hat, zwischen diesen ganzen Gockeln saß und niemanden mit so einem komischen Auftritt beeindrucken musste. Sie hat nun zum Ende ihrer Amtszeit gesagt, dass sie Feministin ist. Ich weiß nicht wie lange es gedauert hat, bis man nicht mehr über ihre Klamotten gesprochen hat. Fakt ist, dass es niemand mehr macht. Mehr Macht kannst du als Frau nicht haben, wenn niemand mehr über deine Klamotten spricht.

Interview: Kathrin Rosendorff