Panzer stören nicht – solange sie nur Denkmäler bleiben wie in der Stadt Hargeisa in Somaliland.
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Der Panzer ist nur noch ein Denkmal. In Somaliland haben Frauen eine nachhaltige Befriedung ihres Landes erreicht, indem sie über sieben Jahre lang mit den sie terrorisierenden regionalen Warlords eine befriedende Landesverfassung aushandelten.

Speakers‘ Corner

Deutschland ohne Armee – ist das möglich?

Überall auf der Welt beenden Menschen gewaltsame Konflikte, indem sie verhandeln und vermitteln – oft unter Einsatz ihres Lebens. An ihnen sollten wir uns orientieren.

Als 1992 ein Landwirt in der Eifel das erste Windrad aufstellte, wurde er von seinen Nachbar:innen und Berufskollegen noch ausgelacht: Die Vorstellung, Deutschland mit Wind- und Solarenergie anstatt mit Kohle und Atomkraft versorgen zu können, sei illusorisch – so die damals übereinstimmende Meinung.

Auch als ich zwei Jahre später in Deutschland für die Entschuldung überschuldeter Entwicklungsländer eintrat, wurde diese Idee als naiv bezeichnet. Trotzdem gründete ich damals zusammen mit anderen Engagierten die Kampagne erlassjahr.de. Wir sammelten Unterstützung, und am Ende beteiligten sich allein in Deutschland über 2000 kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen. Mit vereinten Kräften erreichten wir, dass 1999 auf dem G8-Gipfel in Köln die Entschuldung von 20 der ärmsten Länder der Erde beschlossen wurde.

Initiative Sicherheit neu denken: Viele Beispiele gewaltfreier, zivilisierter Konfliktlösungen

Was diese Beispiele mit Sicherheitspolitik zu tun haben? Sie zeigen, dass etwas längst nicht unmöglich sein muss, nur weil die Mehrheit der Menschen es (noch) für unmöglich hält. Doch damit sich etwas zum Positiven ändert, müssen sich viele Akteur:innen zusammentun. Genauso ist es hinsichtlich Sicherheit und Frieden. Wer heute öffentlich die Meinung vertritt, dass sich große Konflikte auch ohne Waffen lösen lassen, wird als Träumer ohne Sinn für die Realität betrachtet. Und das gilt selbst, nachdem das Scheitern in Afghanistan auf schreckliche Weise die Grenzen und die Kontraproduktivität bewaffneter Interventionen aufgezeigt hat.

Durch die tägliche Berichterstattung ist unser Blick auf militärische Konfliktinterventionen gerichtet. Dabei gibt es in der Welt unzählige Beispiele gewaltfreier, zivilisierter Konfliktlösungen, von denen wir lernen können, wie wir unserer internationalen Verantwortung besser und nachhaltig wirksam gerecht werden.

Ralf Becker.

In Somaliland beispielsweise – dort, wo bereits vor 30 Jahren ein internationaler Militäreinsatz komplett scheiterte – haben Frauen eine nachhaltige Befriedung ihres Landes erreicht, indem sie mutig über sieben Jahre lang mit den sie terrorisierenden regionalen Warlords eine befriedende neue Landesverfassung ausgehandelt haben. Seit 1996 finden in diesem Bundesstaat von Somalia auf nationaler Ebene alle fünf Jahre Wahlen statt. Bisher wurde bei jeder Wahl die regierende Partei abgewählt, und eine andere Partei übernahm Regierungsverantwortung. Alle Regierungswechsel verliefen friedlich. Und das inmitten einer der instabilsten Regionen der Welt.

Zur Person

Ralf Becker, Jahrgang 1966, hat Wirtschaftswissenschaften studiert. Er engagiert sich seit Jahrzehnten in zivilgesellschaftlichen Projekten, arbeitete unter anderem am Club-of-Rome-Bericht „Money and Sustainability“ mit und war zehn Jahre lang für den Verein „gewaltfrei leben“ tätig, der zivile Friedensfachkräfte ausbildet.

Im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Baden koordiniert er seit 2019 die zivilgesellschaftlich-kirchliche Initiative „Sicherheit neu denken – von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik“. FR

Und in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), die seit 2013 einen brutalen Bürgerkrieg erlebt, existiert seit einigen Jahren ein Interreligiöser Versöhnungsrat, in dem sich muslimische, evangelische und katholische Kirchen – deren Wort in diesem Land großes Gewicht hat – erfolgreich für Deeskalation und Frieden einsetzen.

Die von mir koordinierte Initiative „Sicherheit neu denken“ fokussiert auf solche Positivbeispiele. Zusammen mit ähnlichen Initiativen in benachbarten Ländern wächst seit einigen Jahren eine Bewegung von mittlerweile über 50 Organisationen.

Unsere These: Viele Menschen glauben zu Unrecht, dass nur Gewalt oder deren Androhung für Sicherheit sorgen kann. Dabei haben die UN inzwischen zum Beispiel Ziviles Peacekeeping – also die gewaltfreie Schutzbegleitung von Zivilist:innen durch unbewaffnete internationale Kräfte – als wirksam anerkannt. 40 internationale Organisationen wirken bereits auf diese Weise.

Initiative „Sicherheit neu denken“

Die 2019 gegründete Initiative „Sicherheit neu denken“ setzt sich für eine zivile Außen- und Sicherheitspolitik ein. Bundesweit wird sie aktuell von 14 Organisationen verantwortet.

WAS TUN: Das zur Initiative gehörende „Peace for Future“-Team junger Friedens- und Konfliktforscher:innen bietet 2022 eine Ausbildung als Friedensmentor:in an. Bewerben können sich Interessierte hier: peace4future.de/friedensmentoren

WEITERLESEN: Das Buch „Sicherheit neu denken – von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik. Ein Szenario bis 2040“ steht auf sicherheitneudenken.de zum Download bereit. Dort gibt es auch die Möglichkeit, den Aufruf der Initiative zu unterzeichnen.

Sie verhindern schon durch ihre Präsenz Gewalttaten, weil diese weltweit öffentlich würden. Sie stellen sich auch mutig bewaffneten Milizen entgegen, wenn diese Menschen gewaltsam gefährden oder gar umbringen wollen. Indem sie riskieren, selbst gemeinsam mit Einheimischen Gewalt zu erleiden und getötet zu werden, verhindern sie Gewalt. Und riskieren ihr eigenes Leben. Genauso wie Soldat:innen, nur anders. Und wirksam. In einem Szenario zeigt unsere Initiative, wie Deutschland und die EU, die OSZE und die UN bis zum Jahr 2040 konsequent die bestehenden Projekte für internationale gewaltfreie Konfliktbearbeitung ausbauen können. Grundlage des Szenarios sind erprobte Projekte und Instrumente gewaltfreier Krisenprävention, die bereits umgesetzt wurden.

Deutschland ist international bereits als Vermittler an 40 Mediationsprojekten beteiligt

Wir können und sollten in den Auf- und Ausbau all dieser zivilen Instrumente investieren, die wir in den letzten 30 bis 50 Jahren bereits als Alternativen zu Militäreinsätzen entwickelt haben. So sind längst professionelle zivile Friedensfachkräfte in über 40 Ländern der Welt im Einsatz. Aus Deutschland heraus haben wir allein in Afrika in den letzten 20 Jahren die Ausbildung und den Einsatz von 300 afrikanischen zivilen Friedensfachkräften gefördert und unterstützt. Diese Friedensfachkräfte intervenieren in Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) und in Mali erfolgreich und schnell bei drohender Gewalt. Sie können viel schneller und früher intervenieren als die internationale Gemeinschaft – und dadurch nachhaltig wirksam Gewalt verhindern.

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Wir sollten in der ZAR und anderswo den Aufbau einer selbsttragenden Friedens- und Sicherheitspolitik unter Beteiligung ziviler und polizeilicher Friedens- und Sicherheitskräfte unterstützen, statt weiter in militärische Kriegsökonomien und -handlungen zu investieren. Auch der 2020 vom Deutschen Bundestag beauftragte Bürgerrat zur Rolle Deutschlands in der Welt empfiehlt die entschiedene Stärkung ziviler, krisenpräventiver Sicherheitspolitik. Und: Deutschland ist international bereits als Vermittler an 40 Mediationsprojekten beteiligt. Das sollten wir als Markenzeichen deutscher und europäischer Politik ausbauen.

Ein Beitrag von Ralf Becker. In der Rubrik „Speakers‘ Corner“ kommen Ideengeber und Fortschrittmacherinnen selbst zu Wort.