Überzeugungsarbeit leisten: Gerhard Schuster
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Überzeugungsarbeit leisten: Gerhard Schuster

Bedarfsgerecht Wirtschaften

„Europäische Kreditinitiative“: Gerhard Schuster will die Wirtschaft der EU umkrempeln

Eine Initiative will erreichen, dass sich Unternehmen in Zukunft mehr am Gemeinwohl als am Profit orientieren. Den Hebel dafür sieht sie bei der EZB. Von Jan Christoph Freybott

Als Joseph Beuys zu seinem 100. Geburtstag nochmals in die Schlagzeilen rückte, war es wie so oft: Ein paar Ausstellungen nahmen sich seinem Wirken an, ein paar Vorträge diskutierten sein Vermächtnis – und das Interesse verpuffte beinahe so schnell, wie es gekommen war. Am Internationalen Kulturzentrum in Achberg aber ist es anders. In der baden-württembergischen Gemeinde, in der auch Beuys einst arbeitete, wird bis heute mit seinen Ideen jongliert; mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“ und seiner Vorstellung von einem besseren Morgen.

Aus eben jenem Repertoire hat sich die Europäische Kreditinitiative gebildet. Sie will einen neuen Weg des Geldes und der Wirtschaft aufweisen, sie will die EZB-Statuten im Sinne gemeinwohlorientierter Unternehmen verändern und dabei nicht weniger überwinden als die profitorientierte Wirtschaftsweise.

Initiative sucht nach einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus

Einer von denen, für die Beuys nie verschwand, ist Gerhard Schuster. Der gebürtige Wiener arbeitet am Internationalen Kulturzentrum in Achberg, kurz Inka, und hat dort die Kreditinitiative mit ins Leben gerufen. Und wie Beuys ist er auf der Suche nach einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Einem Weg, der das Freiheitsmotiv des Ersten mit dem Ganzheitlichen des Zweiten vereint.

„Wir sehen heute, dass Unternehmer:innen Verantwortung für das große Ganze ergreifen wollen“, sagt Schuster. „Allerdings sind die Rahmenbedingungen, in denen sich Unternehmen bewegen, nur auf Profit ausgelegt.“ Ein strukturelles Problem, so Schuster, das soziale und ökologische Verwerfungen befeuere. Das will die Kreditinitiative ändern, und den Hebel dafür sieht sie bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach dem Willen der Kreditinitiative soll die EZB zinsfreie Kredite an Unternehmensverbünde ausgeben, sofern sie drei Kriterien erfüllen: Sie müssen „Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse“ erbringen, also gemeinwohlorientiert arbeiten. Ihre Einkommen müssen sich, an den öffentlich-rechtlichen Vorgaben orientieren. Und sie müssen auf Profite verzichten. Sowohl die Verluste als auch die Überschüsse sollen innerhalb des Unternehmensverbunds umgelegt werden, ohne Investoren, die Gewinne abschöpfen. Stattdessen ein Wirtschaften, das sich einzig am Bedarf orientiert und um den Profit nicht schert. Soweit die Theorie.

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„In dem Moment, in dem das Profitprinzip wegfällt, werden die Menschen etwas Sinnvolles tun“, ist Schuster überzeugt. Er sagt: Gemeinwohlorientierte Arbeit sei nichts, wozu man die Menschen drängen müsste – nur müssten sie ein Einkommen haben, das ihnen die freie Entscheidung ermöglicht. Die Kreditinitiative ist damit eng verwandt mit der Grundeinkommensbewegung, auch sie setzt auf den inneren Antrieb der Einzelnen. Auch sie ist überzeugt, dass ökologische und soziale Verwerfungen so eingeschränkt werden können. Und auch sie ist noch recht weit entfernt von einer politischen Mehrheit.

Dass der Weg der Kreditinitiative noch lang ist – Schuster selbst weiß das wohl am besten. Aber angesichts der großen Herausforderungen sieht er ihren Ansatz im Recht. „Lange hieß es, der Weg des Kapitalismus sei alternativlos“, sagt er. Nun, da die ökologische Katastrophe bevorstehe, brauche es drastische Ansätze wie den der Kreditinitiative. „Wenn man so will ist das die neue Alternativlosigkeit.“

Die Pandemie habe das Gemeinwohl wieder in den Fokus gerückt

Um diese Alternativlosigkeit in die EZB-Statuten einfließen zu lassen, wollen Schuster und Co. eine europaweite Petition lancieren und an die Europäische Kommission richten. 3000 Menschen haben die Petition bisher unterzeichnet. Eine Schlappe, wie Schuster eingesteht. Und nicht nur bei der Umsetzung hapert es, auch bei der Idee ist noch vieles offen. Was sollte profitable Unternehmen dazu bewegen, ihre Überschüsse in Kooperativen umzulegen, anstatt sie abzuschöpfen? Was werden nationale Gerichte zu den spendablen EZB-Programmen sagen? Viele Fragen, das gesteht auch Schuster ein, sind noch offen.

Die Europäische Kreditinitiative wie auch Schuster haben einen anthroposophischen Hintergrund, und manchmal scheint es, als halte ihre Hoffnung zusammen, was ihr Konzept noch offenlässt. Schuster selbst spricht bei der Kreditinitiative von einer „konkreten Utopie“. Wenn sie eine Änderung der EZB-Statuten vorschlägt, wirkt das pragmatisch. Doch ihr Ziel, eine bedarfs- und gemeinwohlorientierte Wirtschaftsweise, liegt noch in weiter Ferne. Schusters Optimismus bremst das nicht. In Finnland, Österreich und in Deutschland gebe es bereits Ortsgruppen, im Sommer soll ein großes Treffen stattfinden.

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Auftrieb erhofft Schuster sich ferner von der Pandemie, die das Gemeinwohl gegenüber Partikularinteressen in den Fokus gerückt habe. „Vieles von dem, was wir predigen, pfeifen die Spatzen heute schon von den Dächern“, sagt er. Allgemein sei eine neue Bereitschaft zu vernehmen, Grundsätzliches zu ändern, sagt Schuster. Gut möglich aber, dass bis dahin noch ein paar Beuys-Jubiläen vergehen.