Die Niederländerin Anouk Ruhaak will, dass im Internet gesammelte Daten künftig für das Gemeinwohl eingesetzt werden. Foto: privat

Anouk Ruhaak

Big Data und Gemeinwohl: Widerstand gegen die Tech-Giganten

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
    schließen

Internetfirmen sammeln massenhaft Informationen über Userinnen und User. Anouk Ruhaak will ihnen die Kontrolle über ihre digitale Existenz wiedergeben - mit einer Art Daten-Gewerkschaft

Viele kennen das Gefühl: Man sucht sich per Google Maps seinen Weg in einer fremden Stadt, chattet über What’sApp, kauft online auf Amazon oder gibt auf der Suche nach schnellem medizinischen Rat seine Symptome in eine Gesundheits-App ein – und hat dabei ständig das unangenehme Gefühl, gerade ziemlich verantwortungslos mit den eigenen Daten umzugehen. Kein Wunder: Wir wissen, dass die großen Internetfirmen von Google bis Facebook aus den digitalen Spuren, die wir online hinterlassen, Bewegungsprofile, politische Präferenzen, Kaufverhalten oder Krankheitsbilder destillieren können. Und nach diversen Datenskandalen ist das Vertrauen, dass die Tech-Monopolisten verantwortungsvoll mit unseren Daten umgehen, dahin. Wer verdient mit unseren Daten Geld? Oder manipuliert sogar jemand mit ihnen Wahlkämpfe?

Datenschutz: Viele Menschen verlassen Twitter, Facebook und Co.

Rund 2,5 Trillionen Bytes an Daten werden täglich aufgezeichnet, gespeichert, verarbeitet und analysiert. Doch wer das wie, auf welche Weise und zu welchem Zweck tut, bleibt dem Einzelnen und der Öffentlichkeit fast immer verborgen. Immer mehr Menschen reagieren mit einem vermeintlich radikalen Schritt: Sie verweigern sich, ziehen sich aus den sozialen Netzwerken zurück oder löschen ihre Apps.

Anouk Ruhaak findet: Das kann nicht die Lösung sein. Die 36-jährige Software-Entwicklerin forscht zu gemeinwohlorientierten Konzepten der Datenverwaltung – und sie ist das, was man wohl eine digitale Nomadin nennen könnte. Ruhaak ist fast immer online, nicht nur wegen ihres Jobs, sondern auch, weil ihre Partner und Auftraggeber über die ganze Welt verstreut sind. Sie sitzen in Kanada, den USA, Asien, Großbritannien – und Deutschland. Für sie ist es keine Option, sich aus dem Internet zurückzuziehen oder auf die digitale Infrastruktur der großen Tech-Firmen zu verzichten. Und sie ist überzeugt, dass es mittlerweile den meisten Menschen genauso geht.

Anouk Ruhaak entwickelt Data Trusts: Eine Gewerkschaft für Internet-User?

Außerdem beeindrucke es ein Unternehmen wie Uber oder Facebook überhaupt nicht, wenn einzelne User ihnen den Zugriff auf die eigenen Daten verwehrten, glaubt Ruhaak, die nach ihrem Studium zunächst als Wirtschaftsanalystin arbeitete. Erreichen können Nutzerinnen und Nutzer aus ihrer Sicht nur etwas, wenn viele Individuen sich zusammenschließen und gemeinsam Widerstand gegen die Macht der großen Datenstaubsauger leisten. „Was es braucht, ist kollektive Verhandlungsmacht“, sagt sie.

Das klingt nicht zufällig nach Gewerkschafter-Vokabular. Tatsächlich vergleicht Ruhaak die Ausbeutung unserer persönlichen Daten in der Datenökonomie mit der Ausbeutung von Arbeitskraft in den frühen Zeiten der Industrialisierung. Doch sie glaubt, ein Modell zu kennen, mit dem Userinnen sich die Kontrolle über ihre Daten zurückholen können. Die Idee: Einzelpersonen oder auch Organisationen könnten ihre Daten unter die Kontrolle eines sogenannten „Data Trusts“ – auf deutsch ungleich altbackener: Daten-Treuhänders – stellen, wo sie mit den Daten vieler anderer zusammen gespeichert und von einem Beirat verwaltet würden.

Diese Treuhänder wären verpflichtet, die Daten im Interesse ihrer Inhaber zu verwalten und sich dabei an Bedingungen zu halten, die diese vorher festgelegt haben. So könnten sie etwa beschließen, dass ihre Daten nur von Wissenschaftlerinnen genutzt werden dürfen. Oder dass Online-Dienstleister wie Facebook nur dann auf die Daten in der Treuhand zugreifen können, wenn sie sie zur Verbesserung ihrer eigenen Dienste nutzen, aber nicht, wenn sie sie an andere Firmen weiterverkaufen.

Der Clou: Erfüllt ein Unternehmen diese Bedingungen nicht oder missbraucht die Daten seiner Nutzer, könnte die Treuhand dem Unternehmen den Zugriff auf ihren gesamten Daten-Pool verweigern – und so viel mehr Druck ausüben als eine einzelne Userin.

Dabei geht es keineswegs darum, die Daten wie in einem Silo komplett vor dem Zugriff von außen zu schützen – im Gegenteil. Ruhaak kommt aus der Open Source-Bewegung, sie hat das „Global Center of the Digital Commons“ (Globales Zentrum für digitale Gemeingüter) mitgegründet und bis vor einigen Jahren als Investigativjournalistin gearbeitet.

Sie weiß, welches riesige Potenzial in unseren Daten steckt – und welche Chancen der Zugang zu großen Datensätzen etwa für die medizinische Forschung, für Stadtplaner und Journalistinnen bietet. Sie sieht Daten-Treuhänder als Instrument, um die Informationen einem viel größeren Kreis zugänglich zu machen – so dass sie nicht nur dem Profit einiger weniger Firmen dienen, sondern dem Gemeinwohl.

Anouk Ruhaak und „Algorithmwatch“ arbeiten an Pilotprojekt zu Data Trusts

Was abstrakt klingt, versucht Anouk Ruhaak im Moment in zwei Pilotprojekten Wirklichkeit werden zu lassen. Als Stipendiatin der Mozilla-Stiftung arbeitet die gebürtige Niederländerin in Berlin mit „Algorithmwatch“ zusammen. Die NGO beschäftigt sich mit der Frage, welchen Einfluss Algorithmen und künstliche Intelligenz auf unser aller Leben haben. Zu diesem Zweck ruft sie immer wieder User dazu auf, Datensätze zu spenden. Damit die sensiblen Daten der Spenderinnen zwar geschützt sind, aber dennoch von „Algorithmwatch“ für die Recherche genutzt werden können, könnten die Spender sie künftig in einer von Anouk Ruhaak eigens dafür konstruierten Daten-Treuhand platzieren.

In Ruhaaks zweitem Modellversuch mit einer Daten-Treuhand geht es um die vielleicht persönlichsten Daten überhaupt. Das New Yorker Start-up CoverUS will Patientinnen ermöglichen, detaillierte Informationen über ihre Krankheitsgeschichte für die medizinische Forschung zur Verfügung zu stellen – und daran zu verdienen.

Für die Früherkennung von Krankheiten sei es potenziell extrem hilfreich, große Sammlungen medizinischer Daten mit künstlicher Intelligenz zu analysieren, sagt Anouk Ruhaak. Aber Patienten seien so gut wie nie damit einverstanden, ihre Daten zur Verfügung zu stellen.

Sei es bei Amazon, Facebook oder Google: Überall hinterlassen Internetnutzer ihre Daten. Foto: afp

Das Misstrauen ist verständlich. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Google Health ohne das Wissen von Ärztinnen und Patienten Zugriff auf die Krankenakten von Millionen Amerikanern bekommen hat. Ruhaak ergründet jetzt, ob ein Treuhandmodell für die Verwaltung der Daten CoverUS helfen könnte, ihren Kunden die Kontrolle über ihre eigene Daten zu ermöglichen, um sie ohne Angst vor Datenklau und Missbrauch der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Es sind kleine Projekte, aber wenn sie funktionieren, könnten sie eine Signalwirkung haben. „Viele reden über die Idee der Data Trusts“, sagt Ruhaak. Aber nur wenige testeten sie wirklich in der Praxis. Doch der 36-Jährigen war es nicht genug, zu reden: „Mir ist es lieber, nicht nur Probleme zu wälzen, sondern praktische Lösungen zu finden.“

Könnten Data Trusts also die Lösung für alle Probleme sein, die im digitalen Kapitalismus rund um die Frage der persönlichen Daten entstanden sind? Das sicher nicht, sagt Ruhaak. Zumindest nicht auf absehbare Zeit. „Aber es ist ein Anfang, ein Schritt in die richtige Richtung. Und ich hoffe, dass ein Momentum entsteht.“

Zum Schluss hat die Frau, die in ihren 36 Lebensjahren schon in mehr Berufen gearbeitet hat als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben, und sich selbst ironisch als „Universalgelehrte“ bezeichnet, noch einen Tipp parat: „Jeder und jede sollte ein wenig vom Programmieren verstehen“, sagt sie. Denn in einer Welt, in der Digitales und Daten unser aller Leben bestimmen, sollte man zumindest eine Ahnung davon haben, wie sie funktionieren. (Von Alice Lindhoff)

Laut einem Bericht vom BR und WDR kann das BKA heimlich bei WhatsApp mitlesen. Das soll aus Unterlagen zum Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri hervorgehen.