Nachhaltig und fair produziert ist Schokolade nur selten.
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Nachhaltig und fair produziert ist Schokolade nur selten.

Süßwarenindustrie

Wandel in der Schokoladen-Branche: anders süß

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Adventszeit ist Schokozeit. Start-ups wie The Nu Company aus Sachsen setzen auf faire Schokolade und mehr Umweltschutz – und versuchen auch große Hersteller für die Idee zu gewinnen.

Das klingt erst mal wie eine Kampfansage. „Neue Regeln, neue Riegel“, prangte es zuletzt am Berliner Hermannplatz als Werbebotschaft von der Hausfassade. Das sächsische Start-up The Nu Company ist angetreten, die Süßwarenindustrie hierzulande umzukrempeln. „Der Schokoriegel ist nur ein kleines Produkt, aber er steht für viele Probleme“, sagt Christian Fenner, Mitgründer des Unternehmens.

Fenner, 30, kam über einen Umweg zur Schokolade. Und der führte über die heimische WG-Küche. Lange liebäugelte Fenner im Studium als angehender Wirtschaftsingenieur mit einem Job in der Industrie. Aber irgendwie haben ihn die Hierarchien dort geschreckt. Er wollte lieber was Eigenes machen. Aus Frust über die zuckersüßen Schokosnacks in der Unimensa kamen Fenner und seine Mitstudenten Mathias Tholey und Thomas Stoffels bald auf eine andere Idee: „Wir haben gesehen, die Schokoriegel sind in Plastik verpackt, voller Zucker, und es ist unklar, woher die Schokolade kommt, die man gerade isst“, erzählt Fenner. So wurde in der heimischen Studentenküche geköchelt und experimentiert. Etliche Versuche später stand ein Schokoriegel: vegan, zwei Drittel weniger Zucker, mal veredelt mit Kokosblütensirup, mal versetzt mit Hanfsamen. Fenner: „Unser erstes Ziel: ein Selbstmachset für einen fairen Schokoladenriegel.“

Was als Experiment begann, ist längst ein Unternehmen. The Nu Company – frei übersetzt: die neue Firma – heißt das Schoko-Start-up, das Fenner mit seinen Freunden vor vier Jahren gründete. Die ersten Riegel wurden noch in einer eigenen Manufaktur in Dresden gefertigt, mittlerweile ist die Produktion ausgelagert und die Firma nach Leipzig umgezogen. The Nu Company hat nicht nur Auszeichnungen erhalten. Die Firma beliefert auch Supermarktketten – konventionelle wie Rewe oder bio wie Denn’s. Sieben Millionen Euro Umsatz erwirtschafteten die 85 Beschäftigten im vergangenen Jahr. Dieses Jahr soll’s mehr werden, sagt Fenner. Dabei geht es ihm um mehr als Rendite und Gewinn: „Wir wollen den Beweis antreten, dass man ein profitables Unternehmen starten kann, das einen messbaren ökologischen Einfluss hinterlässt“, sagt der Gründer.

Fenner bevorzugt Sweater, Chinohose und Turnschuhe. Das klingt sehr nach klassischem Start-up-Unternehmer. Wie viele seiner Generation treibt Fenner aber anderes an. Ihm geht es um eine neue, nachhaltige Form des Wirtschaftens. Fenner: „All unsere Produkte entstammen einer natürlichen Herkunft in Bio-Qualität, sind vegan, ohne raffinierten Zucker und eingehüllt in eine speziell entwickelte heimkompostierbare Verpackung aus Zellulose.“

1,6 Millionen Kinder arbeiten in den Kakaoplantagen der größten Anbauländer

Schokolade hat’s nämlich in sich. Vor allem beim Anbau der Kakaobohne. Laut einer Studie der Universität Chicago aus dem Vorjahr arbeiten in den größten Anbauländern Ghana und Elfenbeinküste rund 1,6 Millionen Kinder im Kakaoanbau. Allein in Ghana stieg der Anteil der Kinder auf den Kakaoplantagen demnach zwischen 2014 und 2019 um 13 Prozent. Fenner und seine Mitstreiter sind deshalb über Schokomessen gezogen, sie haben Lieferketten studiert und Arbeitsbedingungen auf den Plantagen erforscht. Schließlich sind sie auf der Suche nach fairem Anbau und Verbot von Kinderarbeit fündig geworden. „Letztendlich haben wir uns für eine Kooperative in Peru entschieden, von der wir unsere Kakaobohnen direkt beziehen“, sagt Fenner.

Auch beim Klimaschutz macht die Firma Ernst. Eine Milliarde Bäume will The Nu Company bis 2030 pflanzen. 4,5 Prozent des Umsatzes fließen nach Unternehmensangaben in Klima- und Aufforstungsprojekte von Nepal über Madagaskar und Mosambik bis ins sächsische Erzgebirge. „Klimapositiv“ nennt sich der Ansatz. Sprich: Langfristig will der Schokohersteller aus Sachsen der Atmosphäre mehr vom Klimagas Kohlendioxid entziehen, als bei der Herstellung der eigenen Ware anfällt. Von wegen süße Sünde.

Einige werfen den neuen Firmen Greenwashing und Gute-Laune-Werbung vor

The Nu Company gehört zu einer Reihe junger Süßwarenunternehmen, die nach mehr Nachhaltigkeit streben. Den Anfang machte 2005 die niederländische Firma Tony’s Chocolonely. Der holländische Journalist Teun van de Keuken hatte bei Recherchen festgestellt, dass in der Kakaowirtschaft in Ghana und der Elfenbeinküste rund 30 000 Menschen unter sklavenartigen Umständen schuften müssen. Kein einziger holländischer Süßwarenhersteller aber hatte das Harkin-Engel-Protokoll unterzeichnet, eine freiwillige Selbstverpflichtung, die solche Arbeitsverhältnisse unterbindet. „Menschen – oft auch Kinder – wurden gezwungen, auf den Plantagen zu arbeiten“, so van de Keuken über die bittersüße Seite der Süßwarenindustrie.

Kurzerhand gründete er sein eigenes Unternehmen. Mit Erfolg. Vor drei Jahren stieg Tony’s Chocolonely mit einem Anteil von 19 Prozent zum Marktführer in den Niederlanden auf. Dreimal wurde die Firma zum bekanntesten sozialen Unternehmen des Landes gekürt. Doch auch der Vorreiter musste Rückschläge einstecken. Weil die Schweizer Herstellerfirma, mit der die Niederländer kooperieren, nicht einwandfrei zertifiziert ist, büßte Tony’s Chocolonely zuletzt das Label „Ohne Sklavenarbeit“ ein.

„Die wahren Herausforderungen, was die Lieferketten angeht, liegen in Afrika“, weiß auch Jungunternehmer Christian Fenner. Seine Firma stand wegen der Aufforstung in der Kritik. Greenwashing wurde The Nu Company vorgeworfen, Gute-Laune-Werbung mit grünem Image. „Die Gefahr mag bestehen“, sagt Fenner, betont aber: „Klimaschutz ist Teil unseres Geschäftsmodells.“ Fenner geht es nicht um moralische Überlegenheit. Er will einfach bessere Bedingungen schaffen. „Wir wollen ein Leuchtturmprojekt für andere Unternehmen sein und den Markt auch herausfordern. Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht“, sagt der Gründer.

Christian Fenner geht es um mehr als Rendite und Gewinn.

Vor wenigen Wochen lud Fenner die Industrie zum Schokogipfel. Sechs Ziele hatte er formuliert. Vom Aus für Plastik als Verpackungsmaterial über mehr Transparenz in den Zutatenlisten bis hin zu Klimaneutralität und dem Verbot von Kinderarbeit. Von Reinheitsgebot spricht Fenner keck und erläutert: „Das deutsche Reinheitsgebot für Bier geht auf das Jahr 1516 zurück. Das heißt, in einer Branche einigen sich unternehmensübergreifend verschiedene Akteure auf gemeinsame Regeln, die besser für alle sind. Besser fürs Produkt. Und besser für die Konsumenten.“

Viele sind zum Schokogipfel gekommen. Neulinge wie der niederländische Vorreiter Tony’s Chocolonely und Traditionskonzerne wie Bahlsen und Halloren, Deutschlands älteste Schokofabrik aus Halle an der Saale. Am Schluss stand ein erstes Ergebnis: The Nu Company hat mit Bahlsen vereinbart, über die Entwicklung eines nachhaltigen Produkts zu verhandeln. Fenner: „Wenn das gelingt, wäre das ein Riesenerfolg, weil es zeigt: Ein alteingesessenes Familienunternehmen und ein junges Unternehmen können sich auf dieselben Werte verständigen.“

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Noch etwas hat Fenner vom Branchengipfel mitgenommen. Das nächste Treffen im kommenden Jahr soll sich auf zwei Themen konzentrieren. Klimaschutz und Nachhaltigkeit, „weil das für uns die größeren Hebel sind, die unsere Gesellschaft braucht“, sagt der Gründer.

Fenner weiß auch, dass es allein über freiwillige Selbstverpflichtungen nicht geht. Die scheidende Bundesregierung hat in diesem Jahr ein Lieferkettengesetz beschlossen. Eine Regelung, die große Unternehmen verpflichtet, in der Warenkette Umwelt- und Menschrechtsstandards einzuhalten. Die EU plant Ähnliches auf europäischer Ebene. Zuletzt legte die EU-Kommission im vergangenen Monat einen Vorstoß für entwaldungsfreie Waren vor. Palmöl, Soja, Rindfleisch und Folgeprodukte wie Leder sollen nur nach Europa eingeführt werden dürfen, wenn dafür kein Regenwald abgeholzt wurde. „Unterstützenswert“, findet Fenner das, fügt aber gleich hinzu: „Das Vorhaben geht nicht weit genug und müsste ,Gesetz zum Schutz aller Ökosysteme‘ heißen.“ Auch das deutsche Lieferkettengesetz ist ihm zu „lasch“, weil Firmen bei Verstößen vor Gericht nicht haftbar gemacht werden können. Fenner: „Wir glauben, es ist Zeit für ein verantwortungsvolles Unternehmertum.“ Derweil hat Ökotest beliebte Schokoladen unter die Lupe genommen, verrät 24vita.de*. *24vita.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA