Neben Holz ist viel Glas verbaut worden. Der Farmbereich wird schon vom Eingang aus zu sehen sein.
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Neben Holz ist viel Glas verbaut worden. Der Farmbereich wird schon vom Eingang aus zu sehen sein.

Nachhaltiger Einzelhandel

Barsch und Basilikum: Die Farm auf dem Supermarkt-Dach

  • VonDiana Unkart
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In Wiesbaden entsteht der Supermarkt der Zukunft. Dort werden einige Lebensmittel nicht nur verkauft, sondern ressourcenschonend produziert.

Der Platz, von dem Architekt Klaus Wiens sagt, er sei der schönste in ganz Wiesbaden-Erbenheim, liegt auf dem Dach eines Supermarkts. Von hier oben blickt man auf Grün und Baustellen. Nebenan entsteht ein Wohnquartier, in der Nachbarschaft ein Drogeriemarkt. Aber der Ort ist nicht deshalb etwas Besonderes, weil er eine außergewöhnliche Aussicht bietet. Auf dem Dach entsteht eine Aquaponikfarm, in der Fische und Basilikum gezüchtet werden, und darunter der Supermarkt der Zukunft: nachhaltig, ein Haus weitgehend aus Holz, dessen Bauweise Tabus bricht. Mit den uniformen tristen Gebäuden, die Kundinnen und Kunden heute als Supermarkt kennen, hat es nichts gemein. Die Parkplätze davor sind loopförmig um eine 1000 Quadratmeter große Blühwiese angeordnet. Regenwasser vom Dach wird gesammelt und im Markt und in der Farm genutzt. Die Kombination aus Supermarkt und Farm, in der Produkte ressourcenschonend regional erzeugt und verkauft werden, ist einmalig in Europa, vielleicht sogar in der Welt.

Barsch- und Basilikumzucht - kombiniert in der Aquaponikanlage

Aquaponikanlagen kombinieren Fisch- und Pflanzenzucht in einem geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf. Vereinfacht kann man sagen, die Ausscheidungen der Fische düngen die Pflanzen. Das von ihnen gereinigte Wasser fließt dann zurück zu den Fischen. Die 13.000 bis 15.000 Basilikumbäumchen, die bald auf dem Dach im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim wachsen werden, sollen in 450 Rewe-Supermärkten in ganz Hessen verkauft werden – plastikfrei. „Es ist ein Kräutergarten mitten in der Stadt“, sagt Wiens. Wer künftig in einer Frankfurter Filiale Basilikum kauft, wird eine Pflanze aus Wiesbaden in den Händen halten. Das Berliner Unternehmen ECF Farmsystems baut und betreibt die Anlage. Für Gründer Nicolas Leschke, gebürtiger Frankfurter, ist der Ansatz, mehr Lebensmittel vor Ort auf kleineren Flächen anzubauen zukunftsweisend.

Auslieferung auch an andere Märkte in Hessen

Gerade schraubt ein Handwerker an der gläsernen Gewächshauskonstruktion. Gesteuert werden Temperatur oder Lichteinfall über Computer, das Eintopfen übernimmt eine Maschine. Sind die Pflänzchen vier, fünf Zentimetern hoch, kommen sie in Pflanzregale auf sogenannte Ebbe-Flut-Kissen. Nach 20 Tagen ist die Pflanze verkaufsfertig. So sollen pro Jahr rund 800.000 Basilikumpflanzen heranwachsen. In einem anderen Bereich stehen 13 Bassins, in denen die Fische, Barsche werden es sein, die Art ist noch nicht klar, schwimmen werden. „Circa 10 Prozent Fischbesatz, circa 90 Prozent Wasser“, sagt Klaus Wiens, der in Deutschland für den Bau der Rewe-Märkte zuständig ist. Zur Aufzucht von Tieren und Pflanzen werden weder Medikamente noch Pestizide eingesetzt. Die Fische werden vor Ort verarbeitet, circa eine Tonne Fischfleisch pro Monat, und ebenfalls an Märkte in Hessen ausgeliefert.

Markt und Farm im Überblick

Auf dem Dach des Marktes wird auf einer circa 1640 Quadratmetern großen Fläche Basilikum angebaut. Die erste Ernte soll Anfang Juni an 450 Märkte der Region Mitte, die Hessen und Teile von Rheinland-Pfalz umfasst, ausgeliefert werden. In 13 Bassins auf rund 230 Quadratmetern Fläche werden Barsche gezüchtet. Die ersten Tiere kommen Ende des Jahres in den Handel.

An den Verkaufsraum mit seiner Holzkonstruktion schließen sich links und rechts zwei massiv gebaute Serviceriegel an. Dort ist unter anderem Abholstation für online bestellte Einkäufe untergebracht. Für Kundschaft, die online bestellte Waren abholt, stehen separate Parkplätze zur Verfügung.

Neben Parkplätzen für Autos gibt es auch 30 Fahrradstellplätze sowie Ladestationen für E-Autos und E-Bikes. Auf einem Teil der Außenflächen ist versickerungsfähiges Pflaster verbaut worden. Zudem entsteht eine Blühinsel. diu

Wiens und seinem Team ist die Begeisterung für das Projekt anzumerken. „Es ist die Chance, die sich einmal im Leben bietet“, sagt Dejan Arezina, Leiter Bauwesen der Rewe Region Mitte. Als sie begannen, die Zukunft zu planen, leerten sie erst einmal alle gedanklichen Schubladen. Es sollte nicht ein bereits eingeschlagener Weg fortgesetzt werden, sondern etwas völlig Neues entstehen. „Sinnbildlich“, sagt Wiens, „haben wir begonnen mit einem Stück weißen Papier.“

Friedrich Ludewig ist aus London in den Container auf der Baustelle zugeschaltet. Er leitet das Architekturbüro Acme, das nach einem Wettbewerb den Zuschlag von Rewe für die Planungen eines Supermarkts der neuen Generation bekommen hat. Mit seinem Team hat er ähnliche Projekte unter anderem in Australien und im mittleren Osten realisiert. Obwohl das Einkaufsverhalten von Land zu Land unterschiedlich sei, gebe es Trends, die sich weltweit durchsetzten: Zum Beispiel der Onlineeinkauf und das Prinzip Click&Collect, bei dem Waren online ausgesucht und später im Geschäft abgeholt werden. Seit den 1950er-Jahren sind Supermärkte in Deutschland auf die grüne Wiese geklotzt worden. Aber die Zukunft des Supermarkts sei nicht der Stadtrand, sondern das Quartier, sagt Ludewig. So, wie in Wiesbaden. Damit verändert sich das Einkaufsverhalten: weg von einem großen Wocheneinkauf mit dem Auto, hin zu Einkäufen – bevorzugt von frischen Produkten – mehrmals in der Woche, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Supermärkte: Weg von der grünen Wiese, rein in die Stadtteile

Wenn Märkte in die Städte ziehen, können sie weitere Funktionen übernehmen. Auf ihren Dächern entstehen inzwischen Wohnungen, Büros oder Kitas – auch, weil eine solche Mischnutzung das Antragsprozedere vereinfacht. Der Handel erlebt einen Wandel. Es ist eine Plattitüde, aber wer in diesem Prozess nicht auf der Strecke bleiben will, muss den Mut haben, neue Wege zu beschreiten. Architekt Ludewig ist überzeugt: „Die Zukunft des Markts ist lokal.“

Markthallen-Gefühl: Mehr frische und regionale Produkte sollen angeboten werden.

In Wiesbaden wird dieses Konzept in zweierlei Hinsicht umgesetzt: in der Architektur und im Warensortiment. Der Markt wird zu großen Teilen aus zertifizierten heimischen Nadelhölzern gebaut. Fast schon revolutionär sei der Einbau von Stützpfeilern. Damit, sagt Klaus Wiens, werde ein Tabu gebrochen. Um viele Regale möglichst unkompliziert anordnen zu können, galt jahrzehntelang die Devise: keine Pfeiler. Nun dienen sie der Gliederung des Raums und geben ihm eine markthallenähnliche Anmutung.

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In dem Markt erwartetet die Kundschaft, und das ist der zweite Punkt, nach der Eröffnung Ende Mai ein großes Sortiment regionaler Waren – von Obst und Gemüse über Fleisch bis zum Fisch vom Dach. Dafür fällt das Trockensortiment kleiner aus. „Gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit werden für unsere Kundinnen und Kunden immer wichtiger“, sagt Klaus Wiens. Es sei vor allem das Holz, das das Thema Nachhaltigkeit widerspiegele. Es sei ein Kohlendioxid speichernder und regenerativer Baustoff, auf den der Konzern beim Supermarktbau noch stärker setzen wolle. Der Markt in Erbenheim ist deshalb die Blaupause für den Start in die Zukunft.