Ob mit Erdnussbutter oder Kokosnuss: Energieriegel sollen weich sein. Und nicht zu süß.
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Ob mit Erdnussbutter oder Kokosnuss: Energieriegel sollen weich sein. Und nicht zu süß.

Insekten

Mit Grillen gekocht

  • Judith Köneke
    VonJudith Köneke
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Auch Mehlwürmer und Käfer stecken in immer mehr Lebensmitteln. Doch noch ist das Insektenessen hierzulande nicht das ganz große Ding. Deutsche Start-ups wie Sens wollen das ändern.

Rund 200 Heuschrecken stecken in einem Proteinriegel von Sens, sagt Radek Husek. Er muss es wissen, denn er ist der Gründer der Marke, die auch Pasta, Cracker und Proteinpulver anbietet. Ob mit Erdnussbutter, Kokosnuss oder Schokolade, sie alle sollen weich und nicht zu süß sein, und das Grillenprotein schmecke man nicht heraus. Was 2016 als kleine Idee begann, sei heute zur Mission seines Unternehmens geworden – Millionen Menschen von der Idee zu überzeugen, erklärt Husek. In Thailand hat das Berliner Start-up seine eigene Heuschreckenfarm gegründet, um die Proteinquelle erschwinglicher zu machen.

Mehlwürmer, Käfer & Co. stecken in immer mehr Lebensmitteln. Doch noch ist Insektenessen nicht das große Ding in Deutschland. „Don’t fear bugs, eat them“, heißt vielleicht auch deshalb der Slogan, den Sens auf T-Shirts gedruckt hat. Husek ist sich sicher, dass auch die Menschen in den westlichen Ländern bald den Ekelfaktor überwinden und Insekten in Lebensmitteln immer beliebter werden.

Grillen lassen sich mit weniger Schäden für die Umwelt züchten als etwa Rinder

„Heute sind die Menschen interessierter an Nachhaltigkeit als bei unserem Start, dieser Trend hilft uns“, sagt Husek. Denn das sei der häufigste Grund, warum seine Kunden die Produkte kauften. Die Vorteile liegen laut dem gebürtigen Tschechen auf der Hand: Obwohl das Protein genauso gut wie das eines Rinds sei, verbrauchten die Grillen circa 2000-mal weniger Wasser bei ihrer Haltung, benötigten geringere Landflächen und Futter. Sie blieben verschont von Krankheiten, darum sei auch kein Einsatz von Antibiotika nötig, so der 27-Jährige. Die Insekten wiesen mehr Omega-3- und -6-Säuren auf als Lachs und enthielten einen hohen Anteil an Nährstoffen. Darum seien seine Nahrungsmittel gerade bei Sportlern so beliebt.

Auch die Tötung und Zucht der Grillen sei tierfreundlicher als bei anderen Tieren, erklärt Husek. „Grillen haben kein zentrales Nervensystem und somit kein Schmerzempfinden.“ Trotzdem werde die Temperatur vor der sogenannten Ernte gesenkt und versetze sie so in eine Art Winterschlaf. Erst dann friere man sie ein, was sie schließlich töte.

Verbraucherzentralen sehen noch Defizite bei Insektenprodukten

Bei einem aktuellen Marktcheck haben die Verbraucherzentralen allerdings festgestellt, dass es bei vielen Produkten mit Insekten noch Defizite gibt: So sei die Kennzeichnung lückenhaft, Hinweise fehlten, etwa ob die Produkte bei der Herstellung erhitzt wurden. Teils hätten die Hersteller mit unzulässigen nährwertbezogenen Angaben geworben. Einige Produkte enthielten außerdem viel Zucker oder Salz – und allesamt seien sie sehr teuer. „Die Verbraucherzentralen fordern einen verpflichtenden Allergenhinweis für alle Lebensmittel mit Insekten“, sagt Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen.

Zudem sei die rechtliche Situation noch relativ offen. Insekten fielen unter die Novel-Food-Verordnung, deren Zulassung in Europa noch ausstehe; es gelten Übergangsregeln. Es gebe jedoch wenig Untersuchungen zur Sicherheit und generell noch nicht so viele Erkenntnisse. Regeln zu Haltungsbedingungen und dem Tierwohl stünden ebenfalls noch aus, so Franz. „Ist es etwa in Ordnung, sie in Tonnen und Boxen zu halten?“ Man gehe davon aus, dass die Tiere kein Schmerzempfinden haben, stimme das?

Die Gründer Daniel Vach, Radek Husek, Nicolas Bery (v. l.).

Insekten hätten vielleicht einen hohen Eiweiß-, Magnesium- und Kalziumgehalt, allerdings müsse man auch sagen, dass man hierzulande keinen Proteinmangel habe. „Wir können Eiweiß auch über Nüsse, Bohnen oder Getreide zu uns nehmen und brauchen dazu keine Insekten“, erläutert Franz. In anderen Ländern gebe es eher Probleme mit einer ausreichenden Eiweißversorgung. Für Menschen, die unter Hunger oder Mangelernährung leiden, seien Insekten eine gute Nährstoffquelle, die sie oft traditionell bereits nutzten.

Husek ist dennoch von seiner Idee überzeugt. Und er ist nicht der Einzige, der Insekten zum Essen anbieten. Diverse Start-ups haben sich auch in Deutschland in den letzten Jahren darauf spezialisiert. Meist geführt von jungen Männern, die mal in Asien herumreisten. Die Firma Bugfoundation aus Osnabrück stellt nach eigenen Angaben Deutschlands ersten Insektenburger her. „Seit wir 2015 begonnen haben, ist die Akzeptanz für Produkte aus Insekten spürbar gestiegen, was uns natürlich freut“, erzählt Mitgründer Baris Özel.

Für Isaac Nutrition sollen Insekten keine Mutprobe sein, sondern ganz gewöhnliche Ernährung

Der Burger auf Basis von Buffalo-Insekten soll es bald im Kühlregal im Lebensmitteleinzelhandel zu kaufen sein. Vorher konnte man ihn im Tiefkühlregal finden. Der Geschmack ähnele Sonnenblumenkernen und Erdnüssen und werde auch gerne mit Falafel verglichen, beschreiben die Macher.

Isaac Nutriton setze auf Produkte, denen man den Rohstoff Insekt nicht direkt ansieht. Man kommuniziere die Insekten nicht als Mutprobe, sondern etabliere diese ernsthaft als Lebensmittel, sagt Mitgeschäftsführer Tim Dapprich. „In dieser Strategie fühlen wir uns definitiv bestätigt.“ Das Kölner Unternehmen, das Pulver und Riegel verkauft, wachse stark, besonders online.

Er habe nie einen extremen Hype erwartet – dafür sei das Thema Insekten zu erklärungsbedürftig, so Dapprich. Vielmehr habe man mit einem stetigen und relativ hohen Wachstum gerechnet – dieses sei für sie und den Gesamtmarkt eingetreten. „Wir müssen Menschen weiter behutsam, selbstbewusst und mit sachlichen Argumenten an die Vorteile von Insekten – gesundheitlich wie ökologisch – heranführen und mit guten Produkten davon überzeugen.“

Mit Zimt und Zucker: Insekten als Snack

Bei Wicked Cricket gibt es die Tiere ganz. Mehlwürmer zum Kochen, geröstete Heimchen in Kräutern oder mit Zimt und Zucker zum Snacken verkaufen die Münchner über ihren Onlineshop. Insekten etablierten sich immer mehr als normale Nahrungsmittel, ähnlich wie bei Sushi vor 30 Jahren, sagt Mitgründer Mathias Rasch. Somit werde der Job leichter, man müsse nicht mehr so viel Aufklärungsarbeit leisten und werde nicht mehr in die Dschungelcamp-Ecke gedrückt. „Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft, und wir sind immer mehr in der Lage zu konkurrieren – beim Angebot und Preis.“

Die Produkte günstiger anzubieten, sei die größte Herausforderung, sagt auch Radek Husek. „Hühnchen sind etwa im Vergleich extrem preiswert, sie werden noch subventioniert.“ Durch die Heuschreckenfarm habe er den Preis bereits senken können. In Deutschland und Tschechien sind die Sens-Produkte schon in Hunderten Läden erhältlich, darunter Supermärkte, Geschäfte mit Sportzubehör und Fitnessstudios, erläutert der Gründer. Über die eigene Website verkaufe man pro Monat Zehntausende Produkte.