Mag Kühe: Thomas Hafner (blaues Hemd).
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Thomas Hafner will das Image der Kühe retten.

Klima

Wie Kühe weniger Methan ausstoßen

Mit einem speziellen Futterzusatz will Unternehmensgründer Thomas Hafner den Treibhausgasausstoß der Tiere um ein Drittel verringern. Wer „Mootral“ nutzt, kann sogar am Emissionshandel teilnehmen.

Eine Kuh macht Methan, viele Kühe machen Erderwärmung. Aber: Man nehme einen Wiederkäuer, eine Kuh oder ein Rind, und gebe zum Futter eine Mischung aus Extrakten von Knoblauch und unreifen Bitterorangen. Das Ergebnis: Das viermagige Tier stößt rund 30 Prozent weniger des Treibhausgases Methan aus. Möglich machen soll die Reduktion ein Produkt, das das Schweizer Start-up Mootral als nachhaltig bewirbt und bald an den Markt bringen möchte. Weltweit wird in diese Richtung geforscht, einige Futterzusätze mit dieser Wirkung sind auch schon zu haben.

Rund eine Milliarde Kühe und Rinder halten die Menschen nach Angaben von Statista weltweit. Wegen der Milch. Wegen des Fleischs. Wegen des Leders. Mit gravierenden Folgen: Seit die Klimaerwärmung ein Thema ist, steht die Haltung von Kühen in der Kritik. Denn die Tiere werden zwar gerne als Sinnbild idyllischen Landlebens genommen, produzieren aber große Mengen Methan. Das Gas heizt die Erderwärmung nach Angaben des Umweltbundesamts 25 Mal stärker an als CO2 — weil es mehr Wärme speichern kann.

Kühe rülpsen und pupsen Methan in die Luft

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO gehen 15 Prozent der jährlich ausgestoßenen Klimagase auf die Haltung von Kühen zurück. 44 Prozent davon sind Methan. Freigesetzt wird das Methan nicht nur durch Blähungen der Rindviecher, sondern auch beim Rülpsen. Der Ausstoß liegt bei bis zu 300 Liter Methan pro Tag und Kuh.

Beliebt ist der Vergleich Kuh-Auto: Dabei wird einem Kuhleben der Klimagasausstoß eines Mittel-Klasse-Autos, das jährlich rund 18 000 Autokilometer fährt, zugeschrieben, so heißt es beispielsweise im Wissensmagazin „Geo“.

Die Kuh soll keine Klimasünderin sein

Thomas Hafner will die Kuh jetzt vom Klimasünder-Image befreien. Der 56-Jährige wurde in Essen geboren, ist in München und Tirol aufgewachsen. Seit seinem Abitur schon sei er „Entrepreneur“, erzählt Hafner. Er habe im Gesundheitsbereich mit Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln gearbeitet. 2012 übernahm er die in Wales ansässige Bio-Tech-Firma Neem, die Medikamente wie Antibiotika herstellt. 2018 gründete Hafner dann das Unternehmen Mootral mit Sitz in Rolle bei Lausanne, deren Geschäftsführer er seither ist. Mit Mootral möchte er ein gleichnamiges Produkt vermarkten. Damit hat er sich quasi vom Menschen ab und dem Tier zugewendet – zugunsten von Tier, Mensch und Umwelt.

Weder den Namen noch das Produkt hat er sich selbst ausgedacht. „Das geht auf ein Forschungsprojekt auf EU-Ebene Anfang 2000 zurück“, sagt er. Damals sei „Mootral“ wegen Finanzierungsschwierigkeiten auf Eis gelegt worden. „Die Idee, Bauern dafür zahlen zu lassen, funktioniert nicht, weil diese keinen Anreiz darin sehen“, sagt Hafner. „Dann wollte man ein Emissionszertifikat etablieren.“ Aber auch das habe nicht wie geplant geklappt.

Pariser Klimaabkommen brachte „Schwung in den Laden“

Mit dem Pariser Klimaabkommen von 2016 sei „wieder mehr Schwung in den Laden“ und damit in die Weiterentwicklung des Projekts gekommen, erzählt Hafner. Einfach deshalb, weil den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Klimaschutz mehr Aufmerksamkeit zukäme.

Nun habe Mootral mit einem Emissions-Zertifikat, das sofort gültig ist, eine Lösung für die Finanzierung gefunden. Alle Nutzer – Landwirte, Handel, Restaurants, sowie Milch-, Fleisch-, Leder- und Gelantineproduzenten–, deren Produkte aus Tierhaltung stammen, in der Mootral verfüttert wird, könnten sich das Zertifikat ausstellen lassen.

Aktiv WERden

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WAS TUN: Wer nicht vegan werden möchte, kann den Treibhausgas-Ausstoß durch den Kauf regionaler Produkte reduzieren.

WEITERLESEN: Infos vom Umweltbundesamt.

Hafner erhofft sich davon „die Sicherstellung einer nachhaltigen tierischen Eiweißquelle“. Der Nahrungszusatz von Mootral besteht aus natürlichen Zutaten, zum Großteil aus Knoblauch und Orange, haushaltsüblichen Lebensmitteln. „Die Zusammensetzung ist aber keineswegs trivial“, betont er. Aus Knoblauch und Bitterorangen werden Aktivstoffe extrahiert – Organosulfurverbindungen und Bioflavonoide. Sie werden mit Zusätzen für die Hitzebeständigkeit und Haltbarkeit zu Pellets geformt und dem Futter für die Kühe beigemischt. Wirksam sei Mootral aber nur bei viermagigen Tieren.

Mootral soll Produktion von Kuh-Methan reduzieren

Kurzer Exkurs in die Biochemie: Im ersten Magen, dem Pansen, fermentiert der Wiederkäuer seine Nahrung. Mikroben helfen dabei, die Nahrung zu zersetzen. Spezielle Mikroben, die Methanogene, produzieren hierbei Methan. „Je weniger Methanogene, desto weniger Methan“, erklärt Hafner. Und Mootral könne diese reduzieren.

„Bei den Tests haben wir zum Beispiel sichergestellt, dass sich der Knoblauch nicht auf die Milchqualität und ihre Verträglichkeit auswirkt“, sagt Hafner. In Studien wurde die Wirksamkeit geprüft: für sämtliche Kuhgattungen und alle Klimazonen. Vom Kalb bis zum ausgewachsenen Rind.

Bewährt sich Mootral in der gewerblichen Landwirtschaft wie unter Laborbedingungen? Bisher ja, sagt Hafner. „Wir müssen aber noch mehr testen, damit wir noch mehr Daten haben.“ Sowohl beteiligte Bauernhöfe als auch Forschungsinstitute stellten ihre Erfahrungen für den Datenpool zur Verfügung.

In der Praxis wird die Zusammensetzung der Atemluft der Kühe mit einem speziellen Lasergerät ermittelt, das vor der Nase der Tiere angebracht ist. Oder es wird die Luft in einer Box gemessen, in die die Kuh atmet, weil sie ihren Kopf dort hinein nach einem Leckerli ausstreckt.

Einige Unternehmen wollen Methan-Ausstoß von Kühen senken

Diese Tests zeigen, dass die Wirkung von Mootral variiert. Das hängt nach bisherigen Ergebnissen vor allem an der Rasse und der Art des Futtermittels: Beim Friesischen Rind, einer beliebten Milchkuh, liegt die Reduktion demnach bei 21 Prozent; beim Jersey-Rind, mit die gängigste Gattung, bei 38 Prozent. Die Heufütterung, erläutert Hafner, wirke sich negativ auf das Ergebnis aus. „Je mehr Fasern, je mehr Ballaststoffe, desto mehr Methan bildet sich.“ Trotzdem sei ein Mootral marktreifes Produkt: Alle Inhaltsstoffe seien im EU-Futtermittelkatalog oder im EU-Futtermittelregister aufgeführt, es sei konform mit den EU Richtlinien zu Ergänzungsfuttermitteln und habe sich in vielen Pilotversuchen als wirkungsvoll erwiesen.

Mootral ist nicht das einzige Unternehmen, das in diese Richtung forscht und arbeitet. Die Schweizer Firma Agolin Sa ist nach eigenen Angaben Partner von zwei Forschungsprojekten der EU gewesen. Ihr Futterzusatz Agolin Ruminant wird eigenen Angaben nach bereits seit 2017 exportiert. Abnehmer gebe es in 20 Ländern, in Europa würde es an eine Million Milchkühe verfüttert.

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„Sämtliche Aktivsubstanzen finden sich in Gewürzen und Kräutern“, sagt Geschäftsführer Kurt Schaller. Hauptbestandteile von Agolin Ruminant sind demnach Koriandersaatöl und Eugenol, ein Bestandteil von Nelken. Die Methan-Reduktion pro Tier liegt laut Schaller bei neun Prozent, pro Liter Milch bei zehn Prozent. Der Stoff erhöhe zudem die Milchproduktion und die Effizienz des Futters um je mehr als vier Prozent, was zu einer „geringeren CO2-Produktion“ beitrage.

Eine Substanz, an der die dänische Universität Aarhus forscht, soll den Methanausstoß sogar auf Null reduzieren. Berichten zu Folge soll es auf einer Landwirtschaftskonferenz vergangenen November vorgestellt worden sein. Über die Zusammensetzung wurde nichts bekannt gegeben.

„Wir werden nicht die einzigen Anbieter sein“, zeigt sich Hafner realistisch. Aber bei Milliarden Kühen weltweit sei der Markt groß genug. Je mehr Methan reduziert werde, desto besser sei für das Klima.