Horst Ninnemann, Gründer von Novihum Technologies, mit seinem Humus aus Braunkohle.
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Horst Ninnemann, Gründer von Novihum Technologies, mit seinem Humus aus Braunkohle.

Novihum

Mit Braunkohle Gutes für die Erde tun

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Das Image des Brennstoffs ist miserabel. Er gilt als Klimakiller. Was aber, wenn man ihn in etwas ganz anderes verwandelt? Zum Beispiel fruchtbaren Humus? Horst Ninnemann macht genau das - und plötzlich ist die Klimabilanz eine ganz andere.

Horst Ninnemann ist ein bekennender Fan der Braunkohle – was ihn in Deutschland erst einmal zu einem ziemlichen Außenseiter macht. „Braunkohle hat vor dem Klima-Hintergrund einen zweifelhaften Leumund“, weiß Ninnemann natürlich auch. Aber zu Unrecht, sagt er. „Wenn man von der Verstromung absieht, hat man einen wertvollen, schadstofffreien Rohstoff vor sich.“ Aus dieser Erkenntnis wollte der studierte Förster etwas machen und gründete im Jahr 2012 das Unternehmen Novihum Technologies, das heute in Dortmund ansässig ist. Unternehmensziel: Die Herstellung von Humus für die Landwirtschaft aus Braunkohle.

In vielen Regionen der Welt ist mangelnde Bodenfruchtbarkeit ein großes Problem. Durch die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens nimmt die Fruchtbarkeit immer weiter ab. Gleichzeitig habe die Landwirtschaft inzwischen ein Reputationsproblem, meint Ninnemann. Zum einen, weil sie ein großer Emittent von Treibhausgasen sei, dem Klima also massiv schade. Zum anderen, weil es infolge des Versuches, den Ertrag immer weiter zu steigern, auch zu einer starken Überdüngung der Böden käme, was überdies die Nitratwerte im Grundwasser in die Höhe treibe. Für all diese Probleme glaubt Ninnemann mit seinem Unternehmen eine Lösung gefunden zu haben.

Der Humus aus Braunkohle hat eine deutlich bessere Klimabilanz

Aus Braunkohle, Stickstoff und Oxidationsmitteln stellt Novihum Technologies in seiner Anlage in Dortmund in einem patentierten Verfahren Humus her. „Braunkohle ist ein Humus-Vorprodukt. Was in der Natur zwanzig Jahre dauert, dafür benötigen wir drei Stunden“, sagt Ninnemann, der heute Cheftechnologe bei Novihum Technologies ist. Es entstünden keine Abfallstoffe, kein CO2 gerate in die Atmosphäre, betont er.

„Wir untersuchen regelmäßig unseren CO2-Fußabdruck“, erläutert Unternehmenschef Andre Moreira. „Von cradle-to-gate – also vom Abbau bis zur Produktion – haben wir nur ein Drittel des CO2-Ausstoßes normaler Düngemittel. Von cradle-to-grave – also vom Abbau bis zum Zeitpunkt, zu dem Pflanzen auf dem Feld wachsen, ist der Fußabdruck sogar negativ.“ Und: Die Humuswirkung des Endprodukts namens Novihum sei 10,5 Mal wirksamer als die von Stallmist und satte 105 Mal höher als von Schweinegülle – dabei aber frei von Gerüchen, Salzen und Schadstoffen.

Noch ist das Produkt für Landwirte teuer

Aber wenn das so ist – warum rennen die Landwirte den Dortmundern noch nicht die Türen ein? Das junge Unternehmen mit 33 Beschäftigten schreibt rote Zahlen – und es werde auch noch einige Investitionen und Zeit benötigen, bis das nicht mehr so sein werde, räumt Moreira ein.

Für die Landwirte ist der Preis ein wichtiges Argument. Und Novihum ist im Vergleich zu konventionellen Düngemitteln noch sehr teuer. Derzeit produziert Novihum Technologies 1000 Tonnen Humus im Jahr – nur über Skaleneffekte kann das Produkt billiger werden. Geplant sei deshalb, die Produktion in den kommenden drei bis fünf Jahren zu verzehnfachen, sagt Moreira. Dafür sei auch eine neue Produktionsanlage in Dortmund in der Planung. Außerdem sei es auch so, dass man die Grundskepsis vieler Landwirte gegenüber neuen Produkten überwinden müsse.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkane und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft.

WEITERLESEN: Eine kostenpflichtige Studie von 1933 zum Thema Braunkohle als Dünger gibt es beim Verlag Wiley. Mehr über das Unternehmen Novihum erfahren Sie auf dessen Website www.novihum.com

Das Unternehmen, an dem unter anderem ein US-Venture-Capital-Fonds, eine vermögende Familie und das Förderinstitut NRW Bank beteiligt sind, hat inzwischen Kunden in den Vereinigten Staaten, in Spanien und in Portugal – aber auch in Deutschland. Aktuell würden Gespräche in Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten geführt, so Moreira. Im Jahr 2016 zeichnete die EU-Kommission die Firma mit dem Enterprise Europe Network Award in der Kategorie „Neue Wege“ aus. Die EU unterstützte das Unternehmen zudem im Rahmen des Innovations-Förderprogramms Horizont 2020 finanziell.

Braunkohle für die Landwirtschaft zu nutzen, ist keine neue Idee

Dass Braunkohle als Düngemittel geeignet sein könnte, wurde schon in den 1920ern vermutet und getestet. „Nach den bisherigen Versuchen unterliegt es keinem Zweifel, dass die Kohledüngung in absehbarer Zeit eine bedeutende Rolle spielen wird“, hieß es Anfang der 1930er aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung.

„Die Idee, Kohle für die Landwirtschaft und den Gartenbau nutzbar zu machen, ist nicht neu“, gibt Ninnemann zu. „Die wirtschaftliche Umsetzung ist aber das Problem. Man muss die Technologie so skalieren, dass man damit Geld verdienen kann.“ In Deutschland gebe es nur sehr wenige Player auf dem Markt, zum Beispiel die Firma Humintech in Grevenbroich. In anderen Ländern wie Tschechien, Spanien, Südafrika oder Italien sei man weiter.

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Und das Alleinstellungsmerkmal von Novihum Technologies? „Wir haben einen natürlichen Dauerhumus entwickelt, der genau dem entspricht, was man in normalen Böden findet“, sagt Ninnemann. Dies sei anderen Firmen noch nicht gelungen.

Die Kohle kommt aus dem Tagebau von RWE

Wie aber das Argument entkräften, dass der Braunkohle-Tagebau, auf den ja auch Novihum Technologies aufbaut, die Landschaft verschandelt und der Umwelt schadet? „Selbst wenn wir eine Million Tonnen Novihum im Jahr produzieren würden, bräuchten wir dafür nur etwa eine Kiesgrube an Braunkohle. Der landwirtschaftliche Eingriff wäre klein“, sagt Ninnemann. Und auch die Braunkohlebetreiber hätten etwas davon, so Moreira. Denn die Berechnungen des Unternehmens hätten ergeben, dass die Gruben deutlich profitabler wären, wenn sie genutzt würden, um Kohle für die Produktion von Novihum abzubauen – anstatt für die Verstromung.

Momentan bezieht Novihum Technologies seine Kohle aus dem nahe gelegenen Tagebau des Energieriesen RWE und produziert nur am Standort Dortmund. Das Ziel sei aber, irgendwann Produktionsanlagen in vielen Teilen der Welt zu haben und dann nahe gelegene Kohlegruben zu nutzen, so Moreira.

Die Ideen von Novihum klingen innovativ und klimafreundlich. Ob das junge Unternehmen sich am Markt durchsetzen kann, muss sich jedoch noch zeigen. Im Jahresabschluss zum Geschäftsjahr 2018, dem letzten offiziell verfügbaren des Unternehmens, heißt es, dass es wesentliche Unsicherheiten gebe, „die bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit der Gesellschaft zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit aufwerfen“. Dabei geht es vor allem um benötigtes Kapital. Firmenchef Moreira betont jedoch, dass Novihum immer wieder Geld von seinen Gesellschaftern erhalte und der Kreis der Investoren sich ständig erweitere – und er daher optimistisch für die Zukunft des Unternehmens sei.