Dr. Christoph Schmitz, Gründer und Vorstandsvorsitzender Ackerdemia e. V., Initiator der GemüseAckerdemie.
+
Dr. Christoph Schmitz, Gründer und Vorstandsvorsitzender Ackerdemia e. V., Initiator der GemüseAckerdemie.

Landwirtschaft

Wie viel Arbeit steckt in einem Radieschen?

  • Clemens Dörrenberg
    VonClemens Dörrenberg
    schließen

Lebensmittel wachsen nicht in Plastikschalen im Discounter. Wie viel Zeit und Schweiß es kostet, bis Gemüse geerntet werden kann, will Christoph Schmitz Kindern mit „Ackerdemia“ vermitteln.

Die Finger dreckig machen, Samen einsäen, Pflanzen gießen, Ungeziefer ablesen und ernten: Jedes Kind sollte einmal den Jahreszyklus des Gemüseanbaus erlebt haben, findet Christoph Schmitz. „Das muss so normal sein wie Musik, Sport oder sonstige Fächer“, sagt der studierte Landwirt, der deshalb das Sozialunternehmen „Ackerdemia“ gegründet hat, das gleichzeitig als gemeinnütziger Verein eingetragen ist.

Für Kindergärten und Schulen hat das Unternehmen unter dem Titel „Gemüseackerdemie“ ein Bildungsprogramm entwickelt, bei dem Kinder und Jugendliche als Teil des Unterrichts selbst in der Erde wühlen und lernen Karotten, Kartoffeln und Kohlgemüse vom Samen bis zum Reinbeißen heranzuziehen.

Schmitz möchte nicht nur der Jugend Gartenbauwissen vermitteln, ihm geht es um „mehr Wertschätzung für Natur und Lebensmittel in der Gesellschaft“. Nahrungsmittel würden heute meist hinter verschlossenen Türen produziert, so ist es auch „eine große Erkenntnis für Kinder, dass Radieschen nicht in einer Woche, sondern erst nach drei Monaten fertig sind“. Zu erleben, wie viel Arbeit darin stecke, sei lernpädagogisch sehr wertvoll. Zumal es den „Bauernhof um die Ecke“, wo man in den Ferien jobben könne und „Omas klassischen Gemüsegarten“, wo zu erfahren seit, wie Lebensmittel heranwüchsen, immer seltener gebe.

Mehr als 37.000 Kinder und Jugendliche hat die „Gemüseackerdemie“ schon erreicht

Die Idee zur „Gemüseackerdemie“ hatte der 38-Jährige, als er am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung seine Doktorarbeit schrieb. Das Thema: die Entfremdung der Gesellschaft von Lebensmitteln. Schmitz erinnerte sich, dass auf dem elterlichen Bauernhof, einem Ackerbaubetrieb im Rheinland, häufig Schulklassen zu Besuch waren. An nur einem Tag habe sich aber wenig vermitteln lassen. Dem wollte er nun eine langfristige Strategie entgegensetzen.

Was vor rund neun Jahren als Experiment mit einer Schulklasse seiner Schwester begonnen hat, ist heute in Schulen und Kitas bundesweit sowie vereinzelt auch in der Schweiz und Österreich angekommen. Mehr als 37.000 Kinder und Jugendliche hätten sie so erreicht. 869 Einrichtungen ackern seit diesem Jahr mit.

Jedes Kind solle einmal den Jahreszyklus des Gemüseanbaus miterlebt haben, findet Christoph Schmitz

Die Fünft- und Achtklässler:innen der Carl-von-Weinberg-Schule im Frankfurter Stadtteil Schwanheim sind seit einigen Monaten bei der „Gemüseackerdemie“ dabei. Als Lehrerin Christina Appelrath an einem heißen Tag das Tor zum Schulgarten öffnet, der an den Pausenhof angrenzt, flitzen Esther, Fatima, Finn, Jalaal und die anderen Kinder sofort zu ihren Beeten. „Da sind schon Blüten“, ruft ein Mädchen und zeigt auf eine Zucchinipflanze. „Die hat sich wieder gut zurückgekämpft“, stellt Simon fest.

Zuallererst die Erde mit Harke und Spaten auflockern, „Saatbänder“, an denen Samen hängen, einsäen, Unkraut zupfen und Schnecken sowie Käfer absammeln. Die Liste der Aufgaben ist lang und nicht zu vergessen: gießen, gießen, gießen, damit die Pflänzchen über den die meiste Zeit doch eher heißen Sommer kommen.

AKTIV WERDEN

Wer bei der Ackerdemie als „Acker-Coach:in“ mitmachen möchte, kann hier Kontakt aufnehmen. Lust am Gärtnern und an der Wissensvermittlung an Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene wird vorausgesetzt. Fachwissen über Gemüseanbau wäre ideal.

Zwischen fünf und vierzig Stunden kann der monatliche Arbeitsumfang betragen, je nach Verfügbarkeit und Region. Eine Aufwandsentschädigung wird gezahlt. cd

Neben Blumen haben sie Buschbohnen, Dill, Karotten, Kürbis, Salat und Zwiebeln in sinnvoller Nachbarschaft zueinander gepflanzt. „Dill und Möhren vertragen sich“, erklärt Moritz. Ihr theoretisches Wissen haben die Schüler:innen in der ersten von drei Phasen des „Ackerjahres“ vermittelt bekommen, das sie nun, im zweiten Abschnitt, beim Säen, Hegen, Ernten in der Praxis anwenden.

Den Schulen und Kitas wird anschauchliches Lernmaterial zur Verfügung gestellt. „Acker-Coaches“ helfen ehrenamtlich oder im Nebenberuf, wie eine Ernährungswissenschaftlerin an der Carl-von-Weinberg-Schule. Mittlerweile beschäftigt Ackerdemia rund 120 Mitarbeitende. Finanziert wird das Sozialunternehmen durch Spenden von Stiftungen, Unternehmen, aus privater und öffentlicher Hand. Teilnehmende Schulen sowie Kitas tragen einen Eigenanteil.

Ackerdemie: Nach ihren Erfahrungen sind die Kinder oft sauer über Billigpreise im Supermarkt

Wenn die Kinder Überschüsse ihrer Ernte nicht verspeisen konnten, haben sie die Möglichkeit diese zu „vermarkten“. Auch der Verkauf, etwa bei Schulfesten oder im Lehrerzimmer sowie an Eltern, diene einem „pädagogischen Zweck“, betont Schmitz. „Gemüse hat am Ende einen monetären Wert, den sie selbst geschaffen haben“, sagt er. „Meistens sind die Kinder bei unserer Supermarktsafari sehr erbost, wie günstig Gemüse angeboten wird.“

Ah, Mangold! Und wer im Schulgarten ackert, weiß irgendwann auch, dass sich Dill und Möhren gut vertragen.

Zurück an der Carl-von-Weinberg-Schule halten einige Mädchen und Jungen aus der achten Klasse volle Gießkannen über die trockene Erde ihrer Beetreihen. Als „relaxed“ bezeichnet die 16-jährige Iris die beiden wöchentlichen Schulstunden auf dem Schulacker, obwohl es bei dem Wahlpflichtfach, wie im regulären Unterricht, auch Noten geben wird. „Die Zeit geht schneller um“, fügt Mitschülerin Alketa hinzu, während sie Salat, Radieschen und Fenchel ernten. Etwas ungläubig schauen die Teenager, als sie erfahren, dass Fenchel auch roh oder in der Pfanne gebraten gegessen werden kann.

Auch Lehrerinnen und Lehrer lernen noch etwas dazu

Mitschüler Hamza hat schon Teile der Ernte, unter anderem Radieschen, probiert. „Scharf“, fand sie der 15-Jährige. Und der 14-jährige Sami sagt: „Hier weiß man, was mit den Pflanzen passiert, im Supermarkt weiß ich nicht, wo es herkommt und wie es angebaut worden ist.“

Lehrerin Lea Schmidt gefällt nicht nur die „Abwechslung zum normalen Unterricht“, sie schätzt auch die praktischen Lerneffekte: Die Jugendlichen „lernen etwas, das ihnen wirklich nutzt“. Dass Salatköpfe am Strunk abgeschnitten würden, damit sie nachwachsen können und nicht die ganze Pflanze herausgerupft werde, sei dafür ein Beispiel. Auch die Lehrkräfte werden fachkundig angeleitet und lernen viel dazu. „Ich hatte wenig Plan von Gemüseanbau“, sagt Benjamin Bolz, Lehrer an der Friedrich-Ebert-Schule, die zweite der beiden Frankfurter Schulen, die ebenfalls Teil des „Gemüseackerdemie“-Programms ist.

Bis 2030 sollen alle Schulen deutschlandweit eine „Gemüseackerdemie“ bekommen

An der Integrierten Gesamtschule in Seckbach hatte Bolz mit Kolleg:innen bereits einen Schulgarten mit Imkerei angelegt, als er von Ackerdemia erfuhr und sich für seine Schule bewarb. So wollte er den Garten mit professioneller Unterstützung noch umfassender nutzen.

Lesen Sie auch: Innovativer Unterricht - wenn die ganze Klasse nach Wegen aus der Müllkrise sucht

Gründer Christoph Schmitz hat große Ziele. Bis zum Jahr 2030 will er erreichen, dass es an allen Schulen deutschlandweit eine „Gemüseackerdemie“ gibt und sich nach der Begleitung durch sein Unternehmen von alleine weiter trägt. Damit künftig alle Kinder wissen, woher das Gemüse auf ihrem Teller kommt. Und wie viel Arbeit dahinter steckt.