Frisch geschlüpfte Küken - jedes zweite wird vergast oder geschreddert-küktentöten
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Nur jedes zweite überlebt: frisch geschlüpfte Küken in einer Brüterei.

Kükentöten

Auf der Suche nach dem Gelben vom Ei

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Die moderne Eierwirtschaft ist grausam. Sie basiert auf dem Tod von Millionen Küken. Ludger Breloh glaubt, die „Zauberformel“ gegen das Töten gefunden zu haben.

Die Küken lassen Ludger Breloh keine Ruhe mehr. Auch im Urlaub an der Nordseeküste verfolgen sie ihn. Ein Telefonanruf hier, ein Meeting da, dazwischen ein Strandspaziergang. Der 63-Jährige nimmt es gelassen. „Nein, nein, rufen Sie jederzeit wieder an“, sagt er am Telefon. Ein paar Tage keine Anrufe annehmen, keine E-Mails checken, einfach nur die Beine hochlegen? Offenbar gerade keine Option.

Ludger Breloh ist Geschäftsführer des Kölner Start-ups Seleggt. Die Firma hat eine Technologie entwickelt, die dem Vergasen und Schreddern von Küken ein Ende bereiten soll. Und weil die Politik genau dieses Ziel anstrebt, rennen Breloh die Interessenten nun die Bude ein. Jetzt, da der Durchbruch da ist, gilt es, das Momentum zu nutzen.

Das Eier-Business ist ein Sündenpfuhl. Damit all die Frühstückseier, Omelettes, Spiegeleier, Quiches, Eiersalate, Nudeln, Kuchen, Tiramisus oder Schokoladen-Soufflés zubereitet und verzehrt werden können, werden Unmengen Eier benötigt. Und das geht nicht ohne Millionen von Hennen. Und die Hennen gibt es nur mit ihren Brüdern. Und die Brüder sind überflüssig. Und schnell tot.

Breloh war Ökolandwirt, Entwicklungshelfer und Manager

40 Millionen Tiere werden alleine in Deutschland Jahr für Jahr getötet. Sie schlüpfen, werden auf ihr Geschlecht geprüft, aussortiert und vergast. Danach enden sie bestenfalls als Tierfutter, was hierzulande als argumentatives Fähnchen dafür herhalten muss, dass die Tiere nicht sinnlos getötet worden seien, was nach dem Tierschutzgesetz illegal wäre. Oder sie landen im Müll, was das feine Rechtskonstrukt umgehend zum Einsturz bringt.

Will das Schreddern und Vergasen von Küken beenden: Ludger Breloh.

Der Tod von Millionen Küken ist fester Teil des auf Effizienz getrimmten Geschäftsmodells der Eierwirtschaft. Damit bei Preisen von 20 Cent je Ei etwas übrigbleibt für Züchter, Legebetriebe und Handel, wird auch um den Zehntelcent gerungen. Ergebnis dieses Denkens ist das nach dem Zweiten Weltkrieg herangezüchtete Hybridhuhn. Kurz: Es gibt Legehennen, die durch Zucht aufs Eierlegen optimiert wurden, und Masttiere, die möglichst schnell mit möglichst wenig Futter möglichst viel Fleisch ansetzen sollen. Was den Züchtern nicht gelungen ist: den männlichen „Legehennen“ das Eierlegen beizubringen. Damit sind sie für die Eierwirtschaft bloß ein Kostenfaktor und müssen kurz nach dem Schlüpfen sterben.

Für Breloh – und viele andere – ein unhaltbarer Zustand. Breloh ist nicht nur gelernter, sondern auch promovierter Landwirt. Groß geworden auf einem Bauernhof im Rheinland mit Kühen, Zuckerrüben- und Getreideanbau, war er als fünfter Sohn ohne Chance, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Stattdessen ein illustrer Lebenslauf: Er arbeitet in Südamerika in Projekten der Entwicklungshilfe. Er ist als Unternehmensberater tätig. Und er führt einen Öko-Bauernhof, mit dem er seit Anfang der 90er Jahre die Rewe Group mit ökologisch erzeugtem Gemüse beliefert. Der Vorstandschef des Handelsriesen holt Breloh 2008 ins Management. Die Aufgabe: Die Lieferketten nachhaltiger machen.

Breloh probiert, was naheliegend erscheint: die Bruderhähne mästen

Eine Riesenaufgabe. „Es gibt kaum ein Lebensmittel, bei dem es heute keine Verbesserungsnotwendigkeiten gibt“, sagt Breloh. Man verzettele sich schnell. Ihm aber wird zügig klar: Um die Nutztiere muss er sich kümmern. Seine Erkenntnis: Bei der Haltung von Kuh, Schwein und Legehenne gibt es „fragwürdige“ Praktiken, die sich bei Transport, Umwelt und Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen fortsetzen. Das Problem des Kükentötens macht er sich zu seiner Aufgabe.

Das ist 2014. Und er tut, was erstmal naheliegend erscheint. Er fragt sich: Kann man diese sogenannten Bruderhähne, die keine Eier legen wollen, vielleicht nicht doch mästen? Breloh pachtet zwei Mastställe, holt sich Experten als Berater hinzu und mästet 35 000 Hähne. Entgegen aller Unkenrufe aus der Branche klappt das. Dennoch ist das Ergebnis für ihn ernüchternd.

Ein industrietypischer Masthahn ist nach fünf bis sechs Wochen Mast 2,5 Kilo schwer und wirft schöne große Fleischstücke ab, wie es die Bürgerinnen und Bürger aus dem Supermarkt gewohnt sind. Brelohs Hähnchen kommen nur auf das halbe Gewicht - nach doppelt so langer Mastzeit. „Wenn sie diese Tiere schlachten, ernten sie vielleicht 250 Gramm Fleisch. Und dieses Fleisch müssen sie dem Tier quasi abklauben: Ein bisschen Fleisch an den Flügeln, ein bisschen an den Schenkeln, ein bisschen an der Brust.“

„Die Bruderhahnmast ist eine Entscheidung gegen Pest, aber für Cholera", sagt Breloh

Nicht nur Breloh versucht sich an der Mast der Tiere, sondern auch Öko-Landwirte. Die von Bioland und Demeter getragene Bruderhahn-Initiative mästet Tiere 154 Tage lang, also noch länger als Breloh. Das bedeutet für den Landwirt mehr Aufwand, mehr Futterverbrauch und höhere Kosten. Damit das Fleisch am Markt konkurrenzfähig ist, muss die Mast subventioniert werden - mit etwa vier Cent je verkauftem Ei. Mittelfristig wollen die Öko-Verbände ein Zweinutzungshuhn züchten, das sowohl ausreichend Eier legt als auch Fleisch ansetzt. Es soll wieder Tier sein dürfen und keine Hochleistungsmaschine. „Hühner wieder tiergerecht halten, das bedeutet auch natürliche Leistungsgrenzen zu akzeptieren“, so die Initiative.

Das klingt nicht nur sympathisch, sondern auch korrekt. Und doch hat der Ansatz aus Brelohs Sicht eine große Schwäche: Der Ressourcenverbrauch steigt. Wenn Hähnchen länger gemästet werden, braucht es mehr Ställe, um dieselbe Zahl an Tieren großzuziehen. Es wird mehr Futter benötigt, weil die Tiere die Nahrung schlechter in Fleisch umsetzen. Auch Energieverbrauch und CO2-Ausstoß steigen. „Die Bruderhahnmast ist eine Entscheidung gegen Pest, aber für Cholera“, sagt Breloh. „Ich hole mir damit ein großes Ressourceneffizienzproblem in die Lieferkette.“

Breloh beendet deshalb sein Mastexperiment und schlägt einen anderen Weg ein. Er wendet sich der Wissenschaft zu, der Grundlagenforschung, die von der Bundesregierung angestoßen wurde, um herauszufinden, ob man in einem Brutei das Geschlecht bestimmen kann. Das soll es ermöglichen, Eier, aus denen männliche Küken schlüpfen würden, auszusortieren.

Ein Tropfen Flüssigkeit reicht, um das Geschlecht der Küken zu bestimmen

An der Universität Leipzig trifft er auf Professorin Almuth Einspanier, die aus seiner Sicht „bahnbrechende Ergebnisse“ erzielt hat. Mit ihrer Methode kann einem bebrüteten Ei nach einigen Tagen etwas Flüssigkeit entnommen werden. Dann wird mit Hilfe eines Markers die Konzentration von Östrogensulfat bestimmt. Eine hohe Konzentration bedeutet, dass dem Ei ein weibliches Küken entschlüpfen wird. So lassen sich die Eier trennen.

Anlage zur Bestimmung des Geschlechts von Küken im Ei.

Breloh will diesen Ansatz zu einem industriellen Verfahren weiterentwickeln. Er findet in dem niederländischen, auf Brütereitechnologie spezialisierten Unternehmen Hatchtech einen Partner und in der Rewe Group einen Finanzier. So wird die Firma Seleggt gegründet. Sie entwickelt ein Verfahren, mit dem große Mengen Eier analysiert werden können: Ein Laser brennt ein winziges Loch von etwa 0,2 Millimeter Durchmesser in die Schale, eine Vakuumabsaugung entnimmt einen Tropfen Flüssigkeit, und ein darauf gegebener Marker zeigt an, um welches Geschlecht es sich handelt. Bei weiblichen Eiern wird die Farbe weiß-transparent, bei den männlichen hellblau. Die männlichen Eier werden schockgefrostet und zu einem Bruteipulver als Futtermittelrohstoff weiterverarbeitet, die weiblichen gehen zurück in den Brutkasten.

Im April 2018 werden erstmals rund 40 000 Bruteier an einem Tag getestet, sortiert und anschließend die als weiblich erkannten Eier ausgebrütet. Und tatsächlich: „Da schlüpfen ja wirklich nur weibliche Küken“, erzählt Breloh. Als die Tiere zu Hennen herangewachsen sind, finden sie auf einem Hof in Mecklenburg-Vorpommern ein neues Zuhause. Und als sie beginnen, Eier zu legen, bringt Rewe diese in Berlin in die Läden. Im März 2019 entscheidet der Kölner Einzelhandelsriese, in allen Rewe- und Penny-Märkten solche Eier anbieten zu wollen. Von da an werden die Kapazitäten hochgefahren.

Die Nachfrage nach der Lösung ist riesig, Breloh kann sie kaum bewältigen

Um den Brütereien die Einführung des Systems, das Millionen kostet, zu erleichtern, wird die Firma Respeggt gegründet. Sie analysiert für die Brütereien kostenlos die Bruteier und kontrolliert den Prozess vom Brüten bis zur Auslieferung der späteren Konsumeier. Erst wenn der Handel die Eier bei einer der kooperierenden Packstationen bestellt, werden die Mehrkosten für das Verfahren verrechnet. Die Verbraucher kosten die Respeggt-Eier dann etwa zwei bis drei Cent mehr als Eier aus Produktion ohne Geschlechtsbestimmung.

Die Lösung überzeugt die Politik. Im Januar 2020 wird auf einem deutsch-französischen Kükengipfel beschlossen, dass der Ausstieg aus dem Kükentöten bis Ende 2021 erfolgen soll. Das lässt, so erzählt Breloh, alle Dämme brechen. Aus Frankreich, Großbritannien, Spanien oder den Niederlanden trudeln Anfragen ein. Alle, so scheint es, wollen nun „die große Zauberformel, mit der man das Kükentöten eliminieren kann“ (Breloh). Eine riesige Herausforderung. Bis Mitte 2021 will es Breloh ermöglichen, dass für die Herstellung von 25 bis 30 Prozent aller deutschen Eier das Seleggt-Verfahren genutzt werden kann. Doch die Nachfrage ist weit größer. „Viele sagen: Breloh, Du hast ein Luxusproblem. Ja, aber auch ein Luxusproblem ist ein Problem.“

Kritiker sprechen vom „Töten im Ei“

Andere widersprechen entschieden, dass mit dem Verfahren das Kükentöten passé sei. Zu den lautesten Kritikern gehören der Deutsche Tierschutzbund und die Öko-Verbände, die in den Zweinutzungshühnern die Lösung sehen, auch wenn diese weniger ressourceneffizient und weniger leistungsfähig sind. „Demeter will kein Kükentöten mehr, aber auch keinen faulen Kompromiss, wie man ihn mit der In-Ovo-Selektion eingehen würde“, sagt Demeter-Vorstand Alexander Gerber. Sie sei nichts anderes als das „Töten im Ei“.

Und damit wird die Sache kompliziert. Philosophisch. Parallelen zur Abtreibungsdebatte scheinen auf. Wann ist ein Lebewesen ein Lebewesen? Wie lange darf getötet werden?

Bei einem Küken fängt am zweiten Tag des Brütens das Herz an zu schlagen. Am vierten Tag sind die meisten Organe gebildet, darunter auch das Gehirn. Am sechsten Tag lassen sich die Gliedmaßen erkennen. Am zehnten Tag sieht der Embryo schon aus wie ein Vogel, auch wenn er noch winzig klein ist und erst circa zwei Gramm wiegt. Füße, Flügel und Schnabel sind jetzt gebildet. Wann das Schmerzempfinden einsetzt, darüber ist die Wissenschaft uneinig. „Nach derzeitigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand beginnt die Entwicklung des Schmerzempfindens des Embryos am 7. Bebrütungstag und ist am 15. Bebrütungstag abgeschlossen“, heißt es in einer Auskunft der Bundesregierung auf Anfrage von Abgeordneten im November 2019.

Wann das Schmerzempfinden der Küken einsetzt, ist nicht genau erforscht

Aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes setzt das Seleggt-Verfahren zu spät an, da die Eier da bereits acht bis neun Tage bebrütet wurden. „Wenn das Küken im Ei dann tatsächlich Schmerzen empfindet, macht es keinen großen Unterschied, ob es vor oder nach dem Schlupf getötet wird“, erläutert Vizepräsidentin Brigitte Rusche.

Warum nicht einfach früher testen? Weil es technisch derzeit nicht möglich ist. Am neunten Bruttag erreicht die Allantoisblase, der ein kleiner Tropfen embryonalen Harns entnommen wird, ihre maximale Ausdehnung und liegt dann an einem ganz bestimmten Ort im Ei. Dort kann sie für den Test angezapft werden. Seleggt und seine Partner arbeiten daran, dieses Problem zu lösen und früher zu testen, aber noch geht das nicht.

Auch andere Methoden, die ein früheres Testen ermöglichen könnten, sind noch nicht einsatzbereit. Dazu zählt die Analyse mithilfe eines Lichtstrahls, die schon ab dem vierten Tag möglich sein soll. Ebenfalls erprobt wird die Geschlechtsbestimmung mit Hilfe der Magnetresonanztomografie oder einer Veränderung des Erbguts. Letzteres würde dazu führen, dass „männliche“ Eier unter UV-Licht leuchten.

Das Problem der Maßenhaltung von Hennen wird nicht gelöst

Was auch immer einmal als die Lösung gelten wird, sie kann nur ein Anfang sein. Denn genauso problematisch wie das Kükentöten sind die Haltungsbedingungen vieler Legehennen: Sie legen 300 und mehr Eier pro Jahr und werden in Spitzenherden nach 400 gelegten Eiern, wenn ihre Leistung nachlässt, geschlachtet. „Die enorme Legeleistung bezahlt jede zweite Henne mit Knochenbrüchen, weil das Kalzium aus den Knochen gezogen und für die Schalenbildung verwendet wird“, erläutert der Veterinärmediziner und Strategiedirektor der Berliner Verbraucherorganisation Foodwatch, Matthias Wolfschmidt. Der Leistungsgedanke und die damit einhergehende Spezialisierung sorgen für Leid entlang der ganzen Produktionskette.

Nach den ethischen Problemen beim Brüten muss es also um die Haltung gehen. Da sind die Herausforderungen, trotz Fortschritten in den vergangenen Jahren, groß: In freier Natur leben Hühner am liebsten in Gruppen von fünf bis 20 Tieren mit einem Hahn. Mit dem Bedürfnis der Menschen nach vielen und günstigen Eiern ist das nicht zu vereinbaren. So drängt sich die Frage nach Verzicht oder Ei-Ersatzprodukten weiterhin auf, selbst wenn man das Problem des Kükentötens (eines Tages) als gelöst betrachten sollte.