„Es geht darum, das Wohnumfeldgrün so zu gestalten, dass es essbar wird.“ peter riesbeck
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„Stadtgärten sind wichtig für das soziale Gewebe“, sagt Forscherin Ina Säumel.

Urban Gardening

Essbare Städte: „Durch einen Park wird flaniert, ein Garten wird beackert.“

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Die Forscherin Ina Säumel erklärt, wie Städte essbar werden und warum urbane Gärten nicht nur Menschen zusammenbringen, sondern mancherorts sogar Ernährungskrisen verhindern könnten.

Frau Säumel, Sie beschäftigen sich an der Berliner Humboldt-Universität mit der Idee der essbaren Stadt. Woher kommt die Idee?

Säumel: Die Vorstellung ist sehr alt. Die Nahrungsmittelproduktion gehörte zur Stadt immer dazu. Die Gärten lagen entweder hinter dem Wohnhaus oder vor den Stadtmauern. Gärten und Gemüse war also immer eingebunden in die Stadtstruktur. Neu ist die Idee also nicht. Erst im Zuge der Industrialisierung hat sich das allmählich geändert. Aber auch da gab es die Kleingartenbewegung als klassischen Bestandteil der Städte. Im Osten Deutschlands hat sich diese Idee nach 1945 noch länger gehalten, im Westen wurde der beackerte Garten irgendwann in den 60er- und 70er-Jahren durch englischen Rasen und Hollywoodschaukel ersetzt. Seit ungefähr zehn, fünfzehn Jahren gewinnt die Bewegung der essbaren Stadt wieder mehr Zuspruch. Laubenkolonien sind sehr gefragt, dazu kommen andere Formen wie Urban Gardening.

Was zeichnet diese neue Gartenbewegung aus?

Das Community Gardening zielt eher auf das gemeinschaftliche Gärtnern. Hinzu kommt der Aspekt der Umweltbildung, wenn wir an Schulgärten denken. Das Thema Biodiversität wird neu gedacht, wie sich am Trend zur Stadtimkerei erkennen lässt. Der Trend zum bewussten Ernähren bringt aber auch einen neuen Fokus auf das Thema Essenskultur. So geht es im Zuge der Bewegung solidarische Landwirtschaft darum, wieder in Kontakt mit den Produzenten zu kommen.

Welche gesellschaftliche Funktion erfüllt der wiederentdeckte Trend zum Gärtnern?

Die essbare Stadt ist multifunktional. Wir produzieren auch Nahrungsmittel. Wir lieben die Tomaten, die wir selbst ziehen. Aber darüber hinaus geht es auch um eine sozio-kulturelle Funktion: Menschen zusammenbringen.

Ina Säumel.

Beim Thema geht es aber um mehr als um Hobby und Community Building?

Es gibt längst tragfähige Geschäftsmodelle: Die ECF Farm in Berlin beliefert Rewe mit Hauptstadtbasilikum und Hauptstadtbarsch. Das ist nachhaltig, regional und rentabel. Und das ist Hightech. Etwas exotischer, aber auch im Kommen, sind Insektenfarmen. Die haben eher ein Problem, wie sie ihre Erzeugnisse unter die Menschen bringen, weil es da gewisse Vorbehalte gibt. Aber in Fitnessstudios läuft das schon hervorragend: Eiweißstoffe aus Mehlwürmern – das wird dort gern konsumiert.

Womit befassen Sie sich konkret im Rahmen der essbaren Stadt an der Humboldt-Universität?

Ursprünglich habe ich mich mit Biodiversität beschäftigt: Wie lässt sich die Stadt mit anderen gärtnerischen Strukturen vielfältiger machen. Daneben befassen wir uns mit Umwelt- und Klimaaspekten: Durch welche Gärtnermaßnahmen lässt sich die Stadt ökologischer machen? Dabei geht es um Schadstoffentlastung oder Kühlungsaspekte durch Begrünung. In diesem Zusammenhang haben wir auch das Kommen und Gehen urbaner Gartenprojekte beobachtet, die oft auf Selbstausbeutung basierten. So haben wir uns schließlich mit dem Thema befasst, wie sich Gärten gezielt in die Stadtplanung integrieren und verstetigen lassen.

Zur Person

Ina Säumel ist Biologin und Geografin studiert und leitet am Integrativen Forschungsinstitut für Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen der Berlin Humboldt-Universität das EU-Forschungsprojekt EdiCitNet zur „Integration von essbaren Stadtlösungen für sozial widerstandsfähige und nachhaltig produktive Städte.“

Essbare Stadt: Die Idee der Stadt als Selbstversorgungsort kommt im vergangenen Jahrzehnt in Großbritannien auf. Kassel zieht als erste Stadt in Deutschland nach. Singapur will bis zum Ende des Jahrzehnts 30 Prozent seines Gemüses selbst erzeugen. rp

Das bringt uns zum soziokturellen Aspekt des gemeinsamen Gärtnerns…

Ein Garten setzt eine andere Partizipationsbereitschaft voraus als ein Park. Durch einen Park wird flaniert, ein Garten wird beackert. Die Menschen bringen sich vielmehr ein, sie kommen in der Nachbarschaft miteinander ins Gespräch, auch soziale Gruppen, die sonst weniger miteinander zu tun haben. Stadtgärten sind ganz wichtig für das soziale Gewebe der Stadt. Das Geheimnis ist, dass die Menschen ihre Gärten gemeinsam entwickeln. Wir Experten sprechen von Co-Creation. Das ist ein anderer Ansatz von Partizipation. Klassische Stadtplanung setzt auf ein Modell, dann liegen die Pläne ein paar Wochen aus, aber kaum jemand schaut sich das an. Die Menschen werden nicht wirklich erreicht. Aber: Wenn man die Menschen von der Idee an miteinbezieht und gemeinschaftlich gestaltet, entwickelt sich ein ganz anderes Gefühl von Verantwortungsbewusstsein.

Sie betreuen an der HU das EU-Projekt „Edicitnet“, das unterschiedliche Konzepte urbaner Nahrungsmittelproduktion und Verteilung in dreizehn Städten fördert. Was machen die unterschiedlichen Kommunen?

Ein Teil unserer Städte setzt konkrete Projekte in sogenannten Real-Laboren um. Wir messen dabei Erfolge und Misserfolge. Andere Städte entwickeln Masterpläne, um die Lösungen der Essbaren Stadt gezielt einzusetzen und in ihrer Planung zu verankern. Die kubanische Hauptstadt Havanna ist sehr umtriebig, auch mit Blick auf die angespannte Versorgungslage. In Havanna werden achtzig Prozent des Gemüses für die Stadt vor Ort erzeugt. Auch Heilkräuter für die lokalen Apotheken wie Salbei oder Thymian werden dort angebaut. Das stellt auch die Stadtentwicklung vor besondere Herausforderungen, zum Beispiel, dass gute Böden nicht überbaut werden. Die Stadt ist aber auch ansonsten umtriebig. Auf den lokalen Märkten findet sich immer auch ein Stand mit einem Agrarwissenschaftler, der die Menschen berät, Saatgut oder Agrargeräte anbietet.

Das zielt vorrangig auf die Produktion. Gibt es auch andere Wege?

Montevideo setzt auf Umweltbildung. Die Stadt hat knapp 1,5 Millionen Einwohnern, erreicht aber mit bescheidenen Mitteln von jährlich 12 000 Euro sehr viel, etwa über ein Schulgartenprogramm. Schulgärten stehen in Deutschland nur noch in Thüringen auf dem Lehrplan – da lässt sich mit Blick auf Umweltbildung aber sehr viel erreichen: Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie lassen sie sich nachhaltig produzieren? Welche Artenvielfalt lebt im Garten? Das sollte auch in anderen Bundesländern auf dem Lehrplan stehen.

Welche Vorhaben gibt es darüber hinaus?

Der Stadtstaat Singapur strebt an, bis zum Ende des Jahrzehnts dreißig Prozent seines Gemüses selbst zu erzeugen. Dabei geht es dann um Gebäude integriertes Farming und Fragen wie: Wie lassen sich Ressourcenkreisläufe also Wasser, Nährstoffe und Energie schließen und wie lässt sich Abwärme für die Gemüseerzeugung nutzen.

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Welche Leuchtturmprojekte gibt es in Berlin?

Das gibt es zum einen den Gutsgarten Hellersdorf. Dort gab es ursprünglich Rieselfelder, das Gebiet wurde landwirtschaftlich genutzt. Dann kamen in den 1980er-Jahren die Plattenbauten. In den vergangenen Jahren haben dann Bewohner einen Gemeinschaftsgarten auf einer Gewerbegebietsbrache entwickelt. Jetzt errichtet die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Gesobau da rund 1500 neue Wohnungen. Das bringt den Zuzug von neuen Mietern. Wir beraten da. Es geht darum, das Wohnumfeldgrün so zu gestalten, dass es essbar wird. Das Ganze hat aber auch einen sozio-kulturellen Aspekt: neue und alte Mieter zusammenzubringen.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen unterschiedlichen Projekten ziehen?

Eine ganze Reihe. Wir haben gemeinsam entwickelte Reallabore und Strategieplanungen, in denen wir die Prozesse und Ergebnisse dokumentieren. Unsere Devise heißt dabei auch „Jeder Fehler zählt“, weil man gerade auch aus Misserfolgen viel lernen kann. Wir integrieren alles in eine Toolbox, also einen Werkzeugkasten, in den Folgeprojekte ableiten können, welche Lösung für ihre Stadt, für ihr Viertel passen. Und wir haben einen Marktplatz, in denen sich Startups der Gartenszene austauschen könne, was gut funktioniert und was weniger gut.

Interview: Peter Riesbeck