Christoph Jestädt führt einen Hof in zehnter Generation.
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Christoph Jestädt führt einen Hof in zehnter Generation.

Nachhaltigkeit

Ein Landwirt, der Sinn verkauft

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Der Drang zur Veränderung liegt Christoph Jestädt im Blut. In Osthessen zeigt er, wie ein uraltes Unternehmen wie der Bauernhof seiner Familie in die Zukunft geführt werden kann.

Manchmal wird aus einer Idee mehr, als man selbst erwartet hatte. Diese Erfahrung hat Christoph Jestädt gemacht. Der 30-Jährige hat auf Lehramt Deutsch und katholische Theologie studiert. „Während meiner Promotion in Theologie“, erzählt er, „habe ich unseren Hof übernommen und die Direktvermarktung, die ursprünglich nur als Finanzierung der Promotion gedacht war, erheblich ausgebaut.“ Daraus ist inzwischen ein Unternehmen mit Eigenmarken geworden, die nachhaltige Landwirtschaft fördern sollen.

Herr Jestädt, Sie haben in Theologie promoviert und sich dann doch dazu entschieden, den Hof zu übernehmen. Warum?

Ich habe von Kindesbeinen an auf unserem Hof, der seit 30 Jahren in der biologischen Landwirtschaft tätig ist, erfahren dürfen, wie eng der Zusammenhang zwischen hochwertigen Lebensmitteln und denjenigen Lebensräumen ist, auf denen sie wachsen. Dieses Thema hat mich früh begeistert und so habe ich entschieden, den Hof zu übernehmen und neue Marken zu entwickeln, die die Verbraucher für ihre Umwelt sensibilisieren. Meine Maxime dabei ist, dass Umweltschutz nicht durch einen moralischen Zeigefinger, sondern durch nachhaltigen Genuss erfahrbar werden soll.

Was haben Sie ganz konkret für Projekte angeschoben?

Mit meiner Weinschorle „Lieber Schorli“ unterstütze ich die Arbeit des Landesvogelschutzbundes Bayern. Es geht darum, dem Wiedehopf einen Lebensraum zu bieten. Mit unseren Spenden wurden Nistkästen in den Weinbergen aufgestellt, Naturschutzflächen aufgekauft und Streuobstwiesen gepflegt. Mit dem Apfelsaft der Rhöner Apfelinitiative schützen wir Streuobstwiesen in der Rhön, indem wir unseren biozertifizierten Apfelbauern einen fairen Preis zahlen. Außerdem habe ich eine Großhandelsplattform aufgebaut, die regionale und nachhaltige Produkte von anderen Erzeugern aus der Region vertreibt. Damit unterstützen wir diese bei der Vermarktung ihrer Waren und stärken regionale Erzeuger.

Wie garantieren Sie ihrer Kundschaft, dass ihr Geld tatsächlich in Streuobstwiesen und Vogelschutzprojekte fließt?

Wir versuchen bei allen Projekten maximal transparent zu arbeiten. Bei Lieber Schorli veranstalten wir jedes Jahr eine Spendenübergabe an den Landesvogelschutzbund. Seit Markteinführung im März 2019 kamen so bereits über 6000 Euro zusammen. Vor der Übergabe haben wir in den sozialen Medien eine Umfrage gestartet, für welches Projekt wir die Spendengelder konkret verwenden sollen. Die Wahl fiel auf den Ankauf und die Pflege einer Streuobstwiese.

Bei der Rhöner Apfelinitiative erfolgt die Erhaltung der Lebensräume durch die Nutzung. In unseren Apfelsaft kommen ausschließlich die Äpfel unserer rund 1000 biozertifizierten Lieferanten aus der gesamten Rhön. Die Biozertifizierung erfolgt dabei durch eine unabhängige Kontrollstelle. Das Konzept dahinter ist ‚Erhalt durch Wirtschaftlichkeit‘. So motivieren wir die Apfelbaumbesitzer, ihren Bestand zu pflegen und neue Bäume zu pflanzen.

Hessischer Gründerpreis

Christoph Jestädt ist ein Finalist des Hessischen Gründerpreises 2020 in der Kategorie „zukunftsfähige Nachfolge“. Der Preis zeichnet jährlich die besten hessischen Unternehmen in den Bereichen innovative Geschäftsidee, Gründung aus der Hochschule, zukunftsfähige Nachfolge und gesellschaftliche Wirkung aus. Verliehen wird er in diesem Jahr am 27. November. Die Frankfurter Rundschau ist langjährige Partnerin des Gründerpreises.

Wer den Hessischen Gründerpreis gewinnt, kann die Bevölkerung über ein Online-Voting mitentscheiden. Die Gründerinnen und Gründer stellen sich in kurzen Videos vor. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich für den Finaltag am 27. November zum Gründerlab oder zur Fachtagung für Gründungsförderer anzumelden – und an der Preisverleihung teilzunehmen. Alles läuft per Videokonferenz ab. FR

Man merkt, dass ein Umdenken stattfindet und die Lebensmitteleinzelhändler auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen und ihr Sortiment regionaler und nachhaltiger ausrichten. Nichtsdestotrotz muss man an gewisse Türen auch weiterhin noch recht laut anklopfen, um als regionaler Lieferant gegenüber den industriellen Erzeugern wahrgenommen zu werden. Für eine erfolgreiche Platzierung spielt heute eine ansprechende Verpackung und ein gutes Storytelling eine wichtige Rolle, um die Kunden auf das Produkt aufmerksam zu machen. Für eine dauerhafte Kundenbindung ist aber nach wie vor die gute Qualität entscheidend.

Sie führen den Hof in zehnter Generation. Eine lange Historie. Wie kommt Ihr Drang zur Veränderung an?

Der Drang zur nachhaltigen Veränderung wurde mir bereits in die Wiege gelegt. Jede der zehn Generationen war ein eigenes Start-up, da meine Vorfahren in der jeweiligen Zeit immer auf die äußeren Umstände reagieren mussten. So gab es bei uns am Hof bereits viele verschiedene Erwerbszweige wie Pferdezucht, Obstbau oder klassische Landwirtschaft. Auch mein Vater ist als Bio-Pionier, der unseren Hof bereits vor über 30 Jahren auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hat, neue Wege gegangen. Und bei meinen Beschäftigten habe ich das große Glück, dass Sie meine Ideen mit ihrem ganzen Engagement unterstützen und vorantreiben. Beständigkeit gibt es bei uns in der Familie und im Betrieb vor allem in den Werten. Wir wollen nachhaltig handeln, das heißt wir denken in Generationen und nicht in Quartalen.

Sie sehen die Corona-Pandemie als größte Herausforderung seit Sie den Hof übernommen haben. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben das Konzept des Großhandels für regionale Lebensmittel gestärkt und unser Sortiment erheblich erweitert. Neben meinen eigenen Produkten biete ich mittlerweile über 300 Spezialitäten von 30 regionalen Erzeugern an und schaffe mit meiner Logistik- und Vertriebsplattform Synergien, von der alle profitieren. Ich entwickele außerdem gerade zwei neue Eigenmarken, von der eine noch im November auf den Markt kommt. Vorbild für meinen Betrieb ist hier auch wieder die Vielfalt einer Streuobstwiese: Die verschiedenen Sorten blühen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, somit kommen immer einige gut durch den Frost und die Ernte ist gesichert.

Wo steht das Unternehmen in fünf Jahren?

Besonders wichtig ist mir ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wachstum. In fünf Jahren wird das Unternehmen mit verschiedenen Eigenmarken in Hessen und auch darüber hinaus mit Eigenmarken im nationalen Handel präsent sein. Das aber nur unter der Prämisse, dass wir genug Lieferanten finden, die mit ihrem Anbau unseren Vorstellungen gerecht werden. Vom Erlös unserer Produkte erhalten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch weiterhin ein faires Gehalt. Weiter wollen wir mehrere Hektar Fläche kaufen, die zum Naturschutzgebiet umgewandelt werden oder die ich selbst als Streuobstwiese bepflanze.