Kühe in einem Stall - Du bist hier der Chef setzt auf eine faire Produktion von Milch
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Wie geht es Tier und Mensch gut? Mit weniger Preisdruck, sagt die Verbraucherinitiative „Du bist hier der Chef“

Du bist hier der Chef

„Eine kleine Initiative kann einen großen Impact haben“

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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„Wenn wir gute Produkte aus der Region wünschen, müssen wir weg vom Gedanken, möglichst billig zu produzieren“, sagt Nicolas Barthelmé. Er hat die Verbraucherinitiative „Du bist hier der Chef“ lanciert, damit alle mitbestimmen können, wie Lebensmittel hergestellt werden.

Einen „coup de foudre“ nennen es die Franzosen, wenn es Liebe auf den ersten Blick ist. Und das war es, als Nicolas Barthelmé von der Verbraucherinitiative „C’est qui le Patron?!“ in seinem Heimatland hörte. Der 45-Jährige, der viele Jahre im Vertrieb und Marketing von Markenherstellern der Lebensmittelbranche gearbeitet hatte, entschied kurzerhand, die Idee nach Deutschland zu bringen. 2019 gründete der Betriebswirt im hessischen Eltville mit anderen „Du bist hier der Chef“.

Bei der Initiative sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher selbst entscheiden, was ihnen bei Lebensmitteln wichtig ist: Nach welchen Kriterien diese produziert werden und zu welchen Preisen sie bereit sind, diese zu kaufen. Welche Lebensmittel auf den Markt kommen sollen, wird per Online-Voting entschieden. Auf das erste Produkt, eine Milch, sollen bald weitere folgen.

Herr Barthelmé, Sie haben „Du bist hier der Chef“ 2019 mitgegründet, wie läuft es?

Gut, seit Juli ist unsere Verbrauchermilch auf dem Markt und wir haben bereits über 350 000 Liter verkauft. Mittlerweile bieten sechs Handelsketten unser Produkt an. Nicht mehr nur in Hessen, sondern auch in einigen Großstädten in Nordrhein-Westfalen, im Süden und bis nach Berlin bei Alnatura.

Nicolas Barthelmé war selbst lange im Marketing und Vertrieb der Lebensmittelbranche tätig.

Was soll denn als Nächstes geschehen?

Unser nächstes Produkt werden Eier sein. Wie sie produziert werden sollen, steht noch nicht fest. Der Fragebogen hierzu ist noch online und ich möchte jeden dazu ermutigen, mitzumachen und mitzubestimmen. Weitere Produkte sollen folgen, wie zum Beispiel Kartoffeln oder Mehl, die aktuell von der Community am stärksten nachgefragt werden. Und seit dem Tönnies-Skandal gibt es auch vermehrt Interesse an Fleischprodukten.

Außerdem wollen wir nach und nach weitere Handelsketten und Partner für uns gewinnen, um unsere Produkte bundesweit verfügbar zu machen. Dafür brauchen wir weiterhin die Unterstützung vom Handel, der über die Listung hinaus vor allem in der Kommunikation gefragt ist.

ZUKUNFT HAT EINE STIMME

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“.

WAS TUN: Auf der Website der Verbraucherinitiative (www.dubisthierderchef.de) können sich alle an der Abstimmung über Produkte beteiligen. Dort gibt es auch eine Suche, mit der man Läden finden kann, in der die „Chef-Milch“ verkauft wird.

Bei all den Produkten im Regal ist es wichtig, dem Verbraucher unser Produkt – die Chef-Milch – einmal zu erklären: Wie ist sie entstanden? Was macht sie beim Thema Tierwohl möglich? Warum ist sie die beste Unterstützung für regionale Betriebe und Landwirtsfamilien? Dies kann der Handel am Regal, in den Märkten, auf dem Handzettel und in den sozialen Netzwerken tun.

Wie ist die Resonanz der Bauern und Molkereien?

Wir bekommen positives Feedback von den Betrieben, die Teil der Initiative sind. Dank der fairen Vergütung können sie besser wirtschaften als vorher. Um mal ein Beispiel zu nennen: Wegen des Klimawandels und der daraus resultierenden Dürre konnten einige Landwirte in diesem Jahr nur die Hälfte der sonst üblichen Heumenge einfahren. Dank des höheren Milchpreises können sie die fehlenden Futtermittel nun extern zukaufen und ihre Herde so über den Winter bringen. Eine kleine Initiative wie unsere kann also doch einen großen Impact haben.

Gibt es denn auch Landwirte und -wirtinnen, die die Initiative misstrauisch beäugen?

Ja, klar gibt es die auch. Sie können sich nicht vorstellen, dass Verbraucher sich plötzlich mobilisieren, um Landwirte zu unterstützen. Wenn wir uns gute Produkte aus der Region wünschen, müssen wir weg vom Gedanken, möglichst billig einzukaufen. Stattdessen ist mehr Wertschätzung nötig für die Produkte und die Familien, die diese für uns mit viel Arbeit und Herzblut produzieren.

Ist das Unternehmen schon profitabel?

Nein, noch nicht. Die Initiative bekommt fünf Prozent von dem Verkaufspreis der Produkte. Bei der Milch sind das sieben Cent pro Liter. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich Vollzeit für die Initiative. Noch lebe ich von Reserven. Das geht natürlich nicht ewig. Außerdem würde ich gerne ein kleines Team aufbauen, um die Arbeit der Initiative weiter voranzutreiben.

Interview: Judith Köneke

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