Auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sollen sich verbessern.
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Auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sollen sich verbessern.

Textilindustrie

„Cotton made in Africa“ - Klimaneutrale Baumwolle für Aldi, Lidl und Co.

  • VonRolf Obertreis
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Anbau und Produktion von Baumwolle sind ein schmutziges Geschäft. Bislang werden viele klimaschädliche Emissionen freigesetzt. Die Initiative „Cotton made in Africa“ will das ändern.

Sie gilt als dreckigste Pflanze der Welt: Baumwolle. Beim Anbau des Rohstoffs werden nach Angaben des Umweltinstituts München so viele Pflanzengifte eingesetzt wie bei keinem anderen landwirtschaftlichen Produkt. Hinzu kommen freigesetzte Treibhausgase und Tausende Liter Wasser, die ein Kilo Baumwolle verbraucht. Die Verantwortlichen der „Aid by Trade Foundation“ (ABTF) wollen den Baumwollanbau mit dem Klimaschutz versöhnen und gleichzeitig eine Million Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in elf afrikanischen Ländern unterstützen.

Südlich der Sahara bauen sie Baumwolle für das Siegel „Cotton made in Africa“ (CMIA) an. Das Siegel soll seit 2005 bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen ermöglichen sowie den Schutz der Umwelt fördern. Der Baumwollanbau sei weltweit für etwa 0,3 bis ein Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich, sagt Tina Stridde, Geschäftsführerin von ABTF. Das soll sich für CMIA-Baumwolle ändern. Gemeinsam mit der Klimaschutzorganisation Atmosfair sollen Anbau und Produktion in den CMIA-Ländern künftig klimaneutral gestaltet werden – ein weltweit einmaliger Ansatz. Den Textil- und Bekleidungsherstellern sollen in einem ersten Schritt 30.000 Tonnen Baumwolle angeboten werden, deren CO2-Fußabdruck reduziert und kompensiert wird. Die Resonanz sei beträchtlich, sagt Stridde. „Es besteht riesiges Interesse.“

Baumwolle: Sechs Prozent der globalen CO2-Emissionen entfällt auf die Textilindustrie

Zu den Kunden von ABTF, die das CMIA-Label nutzen, gehören Aldi, Lidl, Otto, S. Oliver und Rewe. Insgesamt sind es knapp 60 internationale Textilunternehmen und Marken. Die Branche ist dreckig: Sechs Prozent der globalen CO2-Emissionen entfallen Schätzungen zufolge auf die Textilindustrie. Um Emissionen zu reduzieren, bedarf es eines klimafreundlichen Rohstoffs. Die CMIA-Initiative will zur Dekarbonisierung der textilen Wertschöpfungskette beitragen und die Emissionen des Anbaus, des Transports und der Entkörnung der Baumwolle Schritt für Schritt reduzieren – etwa durch Strom aus Solaranlagen und durch Ausgleichsmaßnahmen.

Baumwolle sei eigentlich eine Treibhausgas absorbierende Pflanze, sagt Stefan Schurig, Klimaberater von ABTF. Trotzdem sei die Klimabilanz von der Erzeugung bis zur Entsorgung negativ. „Pro Tonne angebauter und produzierter Baumwolle werden 1,2 Tonnen CO2 freigesetzt.“ Allerdings verursache der Anbau durch Kleinbäuerinnen und -bauern bis zu 13 Prozent weniger schädliche Treibhausgase als der konventionelle Anbau in den USA oder in Asien.

Klimaneutrale Baumwolle: Solanlagen sollen Strom liefern

Drei Faktoren spielen zu je einem Drittel eine Rolle, so Schurig: erstens die Emissionen, die entstehen, weil beim Anbau Erde bewegt werde. Man habe lange diskutiert, ob man sie einbeziehen solle, schließlich sind sie kaum zu vermeiden. „Aber wir wollten nicht gleich am Anfang mit Kompromissen arbeiten“, sagt Stridde. Zum Zweiten geht es um die Emissionen beim Transport der geernteten Baumwolle durch die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu den Sammelstationen (der allerdings wenig relevant ist, weil Karren und Fahrräder genutzt werden) und von dort per Lkw zu den Entkörnungsanlagen, wo die Wolle von den Samen getrennt wird.

Dort lässt sich die größte Wirkung erzielen, heißt es bei ABTF. Die Entkörnungsanlagen sind oft von Stromausfällen betroffen. Dann werden klimaschädliche Dieselgeneratoren eingesetzt. Generell komme der Strom, sagt Schurig, oft aus klimabelastenden Quellen. Die klimafreundliche Alternative sind Solaranlagen. Bei einem Strombedarf zwischen knapp 45 Kilowattstunden einer Entkörnungsanlage in Sambia oder von gut 58 Kilowattstunden in der Elfenbeinküste und in Kamerun sei das eine sinnvolle und realistische Option, sagen Stridde und Schurig.

Baumwolle und Produktion: Überschüssiger Strom käme Familien und Geschäften zugute

Derzeit laufen Gespräche mit den privaten Baumwollgesellschaften, die die Anlagen betreiben und die CMIA-Baumwolle liefern. Sie hätten großes Interesse an Solaranlagen. Zumal Strom, der nicht für die Entkörnung gebraucht wird, Familien, Geschäften und Handwerker:innen in den Dörfern hilft. Denn: Die Anlagen laufen nur in der Erntezeit, rund drei Monate im Jahr. Pro Kilowattstunde installierter Leistung rechnet ABTF pro Solaranlage mit Kosten von etwa 1000 Euro. Gedeckt werden sie durch zusätzliche Lizenzgebühren, die die Abnehmer der Baumwolle entrichten.

Bei den Feldemissionen sind die Reduktionsmaßnahmen begrenzt. Man könne aber das Verbrennen von Abfällen vermeiden und sie anderweitig entsorgen. Überschaubar wären auch die Einsparungen beim Lkw-Transport. Ein Ansatz des Projekts ist deshalb die Kompensation der Emissionen. Erreicht werden soll das durch klimafreundlichere, effiziente Holzvergaseröfen.

Klimafreundliche Baumwolle aus Nigeria und Kamerun

Atmosfair arbeitet seit Jahren erfolgreich mit solchen Öfen. Sie werden zu großen Teilen von ABTF bezahlt, aber die Empfänger sollen auch selbst etwas beiseuern. Generell wird in den Dörfern vor allem mit Feuerholz oder Holzkohle gekocht. Das Holz kommt aus den umliegenden Wäldern, dezimiert den Baumbestand und ist so zusätzlich klimaschädlich.

Die rund 30.000 Tonnen klimafreundliche CMIA-Baumwolle, die zunächst in Nigeria und Kamerun produziert werden sollen, sind eine überschaubare Menge. Schließlich wurden in der gesamten Erntesaison 2019/2020 in den elf Ländern exakt 1.467.866 Tonnen angebaut. Daraus wurden knapp 630.000 Tonnen entkörnte CMIA-Faserbaumwolle hergestellt.

Es gehe nicht um ein weiteres trendiges Label, betont ABTF-Geschäftsführerin Stridde. „Cotton made in Africa klimaneutral geht als Produkt auf den Markt.“ Die klimaneutrale Baumwolle müsse das Geld verdienen, das für die Vermeidung und die Kompensation notwendig sei. Pro Tonne klimaneutraler Baumwolle ist eine Zusatzgebühr von 15 Euro fällig. Sie orientiert sich auch an der Nachfrage: Je mehr abgenommen wird, desto geringer ist die Gebühr. Derzeit sieht Stridde ein Momentum in der Textilbranche und bei Retailern. Das müsse man nutzen. „Wir kümmern uns um den Rohstoff. Die Unternehmen haben natürlich daran anknüpfend die Möglichkeiten, das fortzusetzen.“ Also die weitere Verwendung von Bekleidung und Textilien und deren Entsorgung nachhaltig und klimaneutral zu gestalten.

Otto und Lidl „beobachten“ und „prüfen“ den Einsatz der klimaneutralen Baumwolle

Die Otto-Gruppe, einer der langjährigen Unterstützer des CMIA-Labels, zögert noch mit Blick auf die klimaneutrale Baumwolle. „Noch ist nicht über eine mögliche Zusammenarbeit entschieden“, sagt Otto-Sprecher Ingo Bertram. „Gleichwohl finden wir den Vorstoß sehr spannend und beobachten ihn mit Interesse.“ Er passe gut zu den Maßnahmen, die Otto im Blick auf das Thema Klimawandel angegangen sei. Die Gruppe hat sich bis 2030 zur Klimaneutralität verpflichtet. Man setze alles daran, so Bertram, CO2-Emissionen wo immer möglich zu vermeiden und zu verringern.

Seit Februar 2020 ist auch der Discounter Lidl Partner von CMIA. „Schrittweise ersetzt Lidl bei den Textil-Eigenmarken konventionell produzierte durch nachhaltige Baumwolle der CMIA-Initiative und weiterer Zertifizierungen“, sagt Sprecherin Michelle Mueller. Man freue sich über das Angebot klimaneutraler Baumwolle. „Derzeit prüfen wir deren Einsatz.“

Die meiste Baumwolle exportieren die USA, afrikanische Länder holen nur langsam auf.

Das Label CMIA soll seit mehr als 15 Jahren für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kleinbäuerinnen und -bauern in Afrika sorgen. Auch Gleichberechtigung, Kinderrechte sowie Gesundheits- und Naturschutz spielen eine wichtige Rolle. In Schulungen sollen Bäuerinnen und Bauern sowie Beschäftigte der Entkörnungsanlagen die Grundlagen der Betriebswirtschaft und bessere Anbaumethoden kennenlernen. Bislang ist die Initiative in Benin, Burkina Faso, der Elfenbeinküste, Kamerun, Mosambik, Nigeria, Sambia, Tansania, im Tschad und in Uganda aktiv.

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Die Aid by Trade Foundation hat ihr Engagement von Oktober 2019 bis Juni 2021 in Sambia und der Elfenbeinküste von unabhängigen Fachleuten untersuchen lassen. Die Evaluierung zeige, so Stridde, dass durch die Schulungen die Lebens- und Einkommensverhältnisse der Kleinbauern und ihrer Familien verbessert würden, die Produktivität steige und dies auch zu gerechteren sozialen Verhältnissen führe. (Rolf Obertreis)