Tüftelt von Tansania aus an einer neuen Spendenplattform: Guy de Coulon.
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Tüftelt von Tansania aus an einer neuen Spendenplattform: Guy de Coulon.

Moonshot Mission

Digital spenden: Generation Y zum Helfen animieren

  • Jakob Maurer
    VonJakob Maurer
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Weniger Gläubige in Deutschland bedeuten für Hilfsorganisationen: Es fallen Spenden weg, auf die über Jahrzehnte Verlass war. Wie vier junge Gründer das ändern wollen.

Guy de Coulon hat den Generator angeworfen. Im Süden Tansanias beginnt die Regenzeit und der Strom falle immer mal wieder aus, erklärt er, als es wieder Saft gibt. Per Video-Chat berichtet der 34-jährige Schweizer von seiner Arbeit als Volunteer für eine NGO im Kilombero-Tal, die lokale Frauengruppen beim Sparen unterstützt.

Doch eigentlich geht es beim Gespräch um andere Video-Chats. In seiner Freizeit konferiert de Coulon Woche für Woche mit drei Kollegen, die in Deutschland wohnen. Gemeinsam stellen sie zurzeit ein neues karitatives Projekt auf die Beine: Moonshot Mission heißt das und de Coulon beschreibt es als „kuratierte Techfundraising-Plattform für hocheffektive NGOs.“

Wenn diese richtig anläuft, soll sie brummen wie der Generator draußen vor der Tür in Tansania und ausgewählte Organisationen mit Saft versorgen – beziehungsweise Spenden.

Spenden für Tropenmedizin im Tschad und sauberes Wasser in Kenia

De Coulon und seine Kollegen haben im Mai 2020 angefangen, an ihrer Spendenplattform „zu tüfteln“. Zuvor waren sie in Fintech-Start-ups in der Berliner Szene tätig. Inzwischen steht die Webseite, die auf den deutschsprachigen Spendenmarkt ausgerichtet ist. Seit Anfang Februar können Menschen dort bereits sieben Organisationen mit kleinen und große Summen unterstützen: im Kampf gegen Tropenkrankheiten im Tschad etwa oder beim Aufstellen von Chlorspendern für sauberes Trinkwasser in Kenia.

Der Name des Projekts spielt auf die Mondlandung von 1969 an. In der Welt der Start-ups ist sie zum geflügelten Wort geworden für das Hinarbeiten auf ein Ziel, das als unerreichbar gilt, erzählt de Coulon. „‚Extreme Armut beenden, ist unmöglich‘, sagen viele. Wir sagen, dass es möglich ist“, gibt de Coulon das ziemlich ambitionierte Ziel aus.

Moonshot Mission zielt auf eine junge, digitale Zielgruppe ab

Den Generator am Laufen halten sollen bei Moonshot Mission nicht die traditionell spendenwilligeren älteren Jahrgänge. Sie setzen auf neue Zielgruppen. Moonshot Mission verweist auf die Ergebnisse der im Auftrag des Deutschen Spendenrats erstellten „Bilanz des Helfens“, die seit Jahren einen Rückgang bei der Zahl der Spender:innen feststellt.

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter: www.fr.de/meinezukunft

Und auch wenn demgegenüber das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine stabile Spendenbereitschaft erfasst, will das team um Guy de Coulon den Spendentopf Deutschlands erweitern: „Unsere Zielgruppe ist die digitale Generation. Dabei setzen wir auf digitale Marketingkanäle und sprechen die Leute dort an, wo sie am meisten Zeit verbringen: Bei Social Media und generell im Internet.“ Sie wollen Influencer sein für die gute Sache.

Für Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das seit fast 130 Jahren Spendenorganisationen prüft und seit 1992 ein Spenden-Siegel verleiht, ist diese Idee „grundsätzlich nicht neu“. Doch er fügt an: „In dieser Zuspitzung einer Spendenempfehlung ist es etwas Neues.“

Effektivität der Spenden wird automatisiert berechnet

Mit der Zuspitzung meint Wilke die Methode und den Anspruch des Projekts: Präsentiert werden auf der Seite nicht 30 000 Projekte wie bei der großen Spendenplattform Betterplace, sondern wenige Organisationen, die besonders effektiv sein sollen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt etwa die Plattform „effektiv-spenden.org“. Von ihr will sich Moonshot Mission mit dem Fokus auf die junge Generation abheben. Wilke steht im Kontakt mit de Coulon und kann sich vorstellen, das Moonshot Mission von Portalen wie Betterplace oder Helpdirect bald „als Wettbewerber wahrgenommen werden“ wird.

In Sachen Effektivität setzten sie auf die „Rigorose Wirkungsevaluation“, die empirisch den Effekt von konkreten Hilfsprojekten untersucht. 2019 erhielten Esther Duflo, Abhijit Banarjee und Michael Kremer aus den USA den Wirtschaftsnobelpreis für den experimentellen Ansatz zur Bekämpfung der globalen Armut. Allen voran die US-Organisation Givewell wendet sie an, um herauszufinden, wo man mit seiner Spende möglichst viel bewirken kann. Moonshot Mission greift auf deren Ergebnisse zurück.

Moonshot Mission: Wissenschaftler fordert „methodische Öffnung“

DZI-Geschäftsführer Wilke findet es „sehr problematisch zu behaupten, man spende an die ‚effektivsten Organisationen der Welt’, wie es auf der Webseite heißt.“ Unter anderem weil eine solche Evaluation teuer ist – nicht alle Organisationen können sie sich leisten.

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Auch deswegen sei „dringend eine methodische Öffnung erforderlich“, fordert Wilke. Schließlich gebe es viele andere Instrumente der Wirkungsanalyse, die zu viel niedrigeren Kosten ebenfalls überzeugende Ergebnisse lieferten. Moonshot Mission sollte daher „nicht nur die von der Organisation Givewell auf dem Silbertablett präsentierten Projekte“ übernehmen und damit fälschlicherweise suggerieren, andere NGOs seien weniger wirksam. So legten etwa die Welthungerhilfe oder Misereor einen sehr umfassenden Wirkungsbericht vor.

Erosion der Religionen verändert den deutschen Spendenmarkt

De Coulon sagt, man arbeite momentan zusammen mit dem DZI einen Fragebogen aus, „bei dem es genau darum geht, auch andere Organisationen, Deutsche NGOs, mit auf die Plattform zu bringen.“ 20 bis 50 könnten es in einem halben Jahr sein, prognostiziert er. Abgesehen davon erhalte Moonshot Mission von Givewell kein Geld. Und die einzelnen Organisationen spreche man selbst direkt an.

Burkhard Wilke sieht das Projekt als Teil einer übergeordneten Entwicklung: Mit der zunehmenden Erosion der Religionen fielen in Deutschland für viele Menschen jahrhundertelang eingeübte Spendentraditionen weg. Dafür entwickelten sich vor allem zivilgesellschaftlich „viele neue Methoden, die ausprobiert werden, um die Menschen zu motivieren und abzuholen“. Und so eine könnte auch Moonshot Mission um Guy de Coulon werden – wenn der Generator läuft.