Mona Mijthab geht es als Industrie-Designerin um die ganz speziellen Bedürfnisse der Menschen.
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Mona Mijthab geht es als Industrie-Designerin um die ganz speziellen Bedürfnisse der Menschen.

Hygiene

Wie Mona Mijthab den globalen Toiletten-Notstand beheben will

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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Fehlende Toiletten sind in Entwicklungsländern ein großes Hygiene- und Gesundheitsproblem. Viele haben sich schon an einer Lösung versucht. Schafft es die Magdeburgerin Mona Mijthab? Die Industriedesignerin hat mit ihrem Start-up Mosan eine Lösung entwickelt, die sogar Landwirtschaft und Klima hilft.

Das tägliche „Geschäft“ kennt viele Varianten. Die einen erledigen es auf einer edlen Keramikschüssel mit integriertem Föhn, sitzen auf einem Klosett, das automatisch Duft versprüht, oder nutzen eine Toilette, die sogar den Blutzuckerwert im Urin bestimmen kann. Immer noch weit mehr als zwei Milliarden Menschen aber haben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht einmal Zugang zu einem Plumpsklo. Sie hocken sich ins Gebüsch, suchen sich eine Ecke in ihrem Slum oder nutzen sogenannte fliegende Toiletten, machen also in Plastiktüten, die dann auf der Straße landen.

Mona Mijthab hat die Not um die Notdurft vor einigen Jahren als Studentin bei einem mehrmonatigen Praktikum für eine Entwicklungsorganisation in Bangladesch erlebt. Sie sollte als angehende Industrie-Designerin in einem Sanitärprojekt mitarbeiten. Und gleich der erste Tag spülte ihr das Problem im wahrsten Sinne vor die Füße. Es goss in Strömen, erinnert sich die heute 32-Jährige. Der Regen suchte sich seinen Weg durch die Siedlung und riss auch Fäkalien mit in den nahe gelegenen See.

„Ich sah die Kinder in den Abwässern spielen, und Frauen, die sich das Wasser zum Kochen aus dem See holten“, erzählt Mona Mijthab. Ideale Bedingungen für Parasiten und Erreger, die Cholera, Thyphus, Polio und Diarrhö verursachen. Allein an schweren Durchfallerkrankungen sterben nach Schätzung der WHO täglich mehr als 2000 Kinder.

Die Toiletten müssen ohne Wasser und Kanalanschluss funktionieren

Noch während ihres Praktikums begann Mijthab an einer Lösung für das Toiletten-Problem zu arbeiten – ganz bewusst gemeinsam mit den Menschen in der Armensiedlung. „Ich wollte Ideen gemeinsam mit denen entwickeln, die das Produkt künftig auch nutzen würden“, erklärt sie. „Es ging mir darum, ihre Erfahrungen und Erwartungen einzubeziehen und eine angepasste Ökosystem-Lösung zu schaffen.“ Für alle erschwinglich, leicht instand zu halten und geruchsarm sollte die Toilette sein. Ohne Wasser- und Kanalanschluss funktionieren. Am besten mobil und modular, um sich den ändernden Lebensbedingungen und dem Wohnraum gut anzupassen.

Zurück an der Hochschule Magdeburg-Stendal entwickelte und forschte Mijthab weiter an dieser Konzeptidee und präsentierte als Ergebnis ihrer Bachelor-Arbeit den Prototypen einer Trocken-Toilette mit dem Namen „Mosan“ – eine Kurzform für Mobile Sanitation. Die Kunststofftoilette ist oval mit zwei separaten Tanks und einem Deckel samt Klobrille mit zwei Öffnungen – eine für die Fäkalien, die andere für den Urin. Beides kann damit getrennt werden, um es später leichter als Ressource zu nutzen.

Welttoilettentag

Der 19. November ist Welttoilettentag. Erstmals wurde er 2001 von der World Toilet Organization ausgerufen. 2013 hat ihn die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) offiziell übernommen. 2015 wurde der Zugang zu sauberen Toiletten als eigenständiges Menschenrecht anerkannt. Bis zum Jahr 2030, so das Ziel der UN-Nachhaltigkeitsagenda, soll das für alle Menschen verwirklicht werden.

Zwei Milliarden Menschen haben aktuell keine Möglichkeit, eine Toilette oder Latrine zu nutzen. Viele von ihnen verrichten ihre Notdurft im Freien, was zur Ausbreitung von Krankheiten beiträgt und die Umwelt verschmutzt. Weil die Welt nicht warten kann, bis alle Haushalte an eine Kanalisation und Abwasserentsorgung angeschlossen sind, setzten Entwicklungsorganisationen immer mehr auf Lösungen, die auf mobilen Behältern basieren, wie sie auch das Start-up Mosan verfolgt.

Eine Studie der Organisation Water & Sanitation for the Urban Poor und der Toilet Board Coalition verweist auf die entscheidende Rolle, die Impact-Entrepreneure im Kampf für weltweit bessere sanitäre Verhältnisse spielen. Die Sammlung, Behandlung und Verwertung habe das Potenzial für ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft. tos FR-SERIE „Zukunft hat eine Stimme“ tos

In Sachsen-Anhalt wurde Mijthab für die Entwicklung mit dem „Bestform-Designpreis“ ausgezeichnet. Doch sie wollte mehr, als nur ein funktionales Klo kreieren. „Mir kam es darauf an, das ganze Sanitär-System in den Blick zu nehmen und eine nachhaltige Lösung zu finden“, sagt sie. Das Konzept dafür erarbeitete sie in ihrem anschließenden Masterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste.

Es ist ein komplettes Geschäftsmodell rund ums „Geschäft“, für das sie 2016 in der Schweiz das Start-up Mosan gründete. Die Idee: Haushalte mieten sich die Polyethylen-Pötte und bringen die herausnehmbaren Eimer mit den Exkrementen zu einer Recyclingstation, wo sie zu Dünger verarbeitet werden. Das System schaffe nicht nur hygienischere Verhältnisse und schütze Frauen und Kinder, die nachts nicht mehr raus ins Dunkle müssten, um sich zu erleichtern, es bringe auch Jobs und habe positive Wirkungen auf die Umwelt, sagt Mijthab.

Weil Toiletten fehlen, fließen Fäkalien ungeklärt in Flüsse und Seen

Diese Vorteile sieht auch Arne Panesar, Projektleiter im Programm Nachhaltige Sanitärsysteme der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die Mijthabs Projekt in der Entwicklungsphase gefördert hat. Lösungen wie Mosan seien Teil eines ganzen Mosaiks von Ansätzen, die es brauche, um allen Menschen Zugang zu einer Toilette zu verschaffen, wie es die UN-Nachhaltigkeitsagenda als Ziel bis 2030 definiert.

In erster Linie sei es zwar eine öffentliche Aufgabe, Sanitär- und Abwassersysteme zu schaffen, sagt Panesar. „Um das zu erreichen wird der Staat aber auch verstärkt private Akteure einbinden müssen. Insbesondere bei dezentralen Konzepten können hier Arbeitsplätze und Strukturen entstehen, mit denen Leute auch Geld verdienen können.“

Mosan verwandelt den Kot in Biokohle, die wiederum als Dünger genutzt werden kann

Nach Pilotstudien in Kenia und Südsudan zieht Mona Mijthab nun ein erstes größeres Projekt in Guatemala auf. In Santa Catarina Palopó, einer Gemeinde mit rund 5000 Menschen, flossen bislang 80 Prozent der Abwässer ungeklärt in den Atitlán-See. „Auch dort waschen die Frauen Kleidung, spielen Kinder am Ufer und fangen Männer Fische“, sagt Mona Mijthab. Der Corona-Lockdown in Guatemala hat ihr Start-up zwar gebremst, doch jetzt haben schon 60 Haushalte eine Mosan-Toilette, 340 sollen es in der ersten Projektphase werden.

Aufklärungsarbeit: die Erfinderin und ihr mobiles Klosett.

Und wie läuft nun das Geschäft mit dem „Geschäft“? Die Familien zahlen umgerechnet rund 4,20 Euro Miete pro Monat – eine Summe, die sie etwa auch für zwei der in Guatemala beliebten Drei-Liter-Flaschen Coca Cola ausgeben müssten. Für diesen Preis holen nun fest angestellte Servicekräfte die vollen Eimer jeden zweiten Tag ab und bringen dafür gereinigte Behältnisse in die Hütten und Häuser.

Die Fäkalien landen dann in der Sammelstelle in einem Reaktor, den das Start-up in Kooperation mit Expertinnen und Experten, unter anderem vom Massachusetts Institute of Technology entwickelt hat. Unter großer Hitze karbonisiert der Kot dabei zu Biokohle. „Ein super Material, um Böden aufzuwerten“, sagt Mijthab. Mit ihrem zehnköpfigen Team arbeitet sie gerade daran, die Zertifizierungen zu erhalten, um die Biokohle im großen Stil als Dünger vermarkten zu können. Potenzielle Kunden seien beispielsweise auch die zahlreichen Kaffee-Kooperativen in Guatemala.

ZUKUNFT HAT EINE STIMME

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WEITERLESEN: Weltweit gibt es eine ganze Reihe von innovativen Sanitärlösungen, die auch in armen Ländern ohne ausgebaute Infrastruktur und mit wenig oder ganz ohne Wasser funktionieren. Darunter auch die Tiger Worm Toilet, bei der spezielle Würmer die Exkremente zu Kompost verarbeiten. Ein Konzept, das auch mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation weiterentwickelt wurde und zum Beispiel von Oxfam International in verschiedenen afrikanischen Staaten eingesetzt wird. Ein Überblick über Sanitärtechnologien für die humanitäre Hilfe findet sich auf www.washnet.de/publikationen/emersan-compendium tos

Schon ist Mosan mit einer zweiten Kommune im Gespräch. Gemeinden oder Hilfsorganisationen sollen das Konzept auch gegen eine Lizenzgebühr als Franchisenehmer umsetzen können. „Wir wollen das Modell jetzt richtig skalieren“, sagt Mona Mijthab. Es ist nicht die Hoffnung aufs große Geschäft, die sie treibt, sondern die Überzeugung, als Sozialunternehmerin mit Mosan eine rundum nachhaltige Antwort auf ein wirklich drängendes Problem zu liefern. Keine Luxus-Lösung, aber eine Variante, die vielerorts funktionieren und Menschen ihre Würde zurückgeben kann.

Das Toiletten-System ist sogar klimapositiv

In der Schweiz hat sie es damit im vergangenen Jahr auf die Forbes-Liste der Top 10 Start-ups geschafft. Für 2021 ist sie eingeladen, ihr Projekt auf der Weltausstellung in Dubai zu präsentieren. Diese Erfolge spornen die 32-jährige Magdeburgerin an, ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln und auch die positiven Wirkungen noch genauer zu erforschen.

Die Zeit des Lockdowns in Guatemala hat sie genutzt, um mit ihrem Team und einer Klimaexpertin auszurechnen, welche Emissions-Effekte ihr Projekt hat. „Wir sind klimapositiv“, sagt Mona Mijthab. Die Biokohle, die am Ende bleibt, entziehe der Atmosphäre CO2 und speichere es im Boden. Mosan könnte damit am Emissionsrechtehandel teilnehmen. Bis dahin ist es noch ein Weg. „Aber da machen wir uns jetzt dran“, sagt sie.