Verkehr auf einer Bergstraße in Kenya
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Verkehr auf einer Bergstraße in Kenia: Afrika fehlt es an Infrastruktur.

Speakers Corner

1000 Milliarden für Afrika – Warum jetzt eine einmalige Chance für den Kontinent da ist

Gewürzroute 2.0 statt Neue Seidenstraße: Afrika ist nicht nur ein Kontinent der Kriege, Krisen und Katastrophen, sondern auch der Chancen. Wie Europa helfen kann, sie zu heben. Und warum das auch für uns eine Chance ist.

Von Martin A. Schoeller

Bereits seit Beginn meines Berufslebens in Brasilien treibt mich die Frage um, warum gerade in der südlichen Hemisphäre eine derartige Armut herrscht – und warum die Marktwirtschaft allein sie nicht beseitigt. Ich muss in diesem Zusammenhang oft an ein Zitat von Henry Ford denken, der sinngemäß gesagt hat: „Was bringt es, wenn der Arbeiter kein Auto kaufen kann? Allein für den Geschäftsführer muss ich keine Fabrik bauen.“

Eigene Erfahrungen und Gespräche mit befreundeten Unternehmern haben mich zu der Überzeugung geführt: Eine bessere Infrastruktur ist der Schlüssel, um die extreme Armut zu besiegen. So leidet ein Bewässerungsprojekt, das wir in Kenia am Turkana-See eingerichtet haben, an der schlechten Verkehrsanbindung: Es ist sehr schwer, Wartungstechniker dorthin zu bekommen. Und so wie die entlegene Turkana-Provinz sind weite Teile Afrikas wirtschaftlich nicht erschlossen.

Anders sieht es in vielen asiatischen Ländern aus. Unternehmer sagen mir: Ich kann dort investieren und produzieren, denn Städte und Gewerbegebiete sind erschlossen. Es gibt Straßen, Wasser, Strom und mehr. Afrika meiden sie dagegen. Das zeigt, dass Verkehrs-, Energie-, Wasser- und Kommunikationsnetze die Plattform für unternehmerisches Engagement sind.

Unternehmer Martin Schoeller

Arme Länder können sich jedoch keine moderne Infrastruktur leisten, und ohne Infrastruktur bleiben sie arm. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen und gleichzeitig – hier kommt wieder Henry Ford ins Spiel – ein stärkeres Augenmerk auf faire Löhne legen. Faire Löhne heißt in diesem Zusammenhang: eine an regionalen Lebenshaltungskosten orientierte Anpassung des Mindestlohns, damit er die Ernährung einer Familie ermöglicht.

An diesen beiden Stellschrauben setzt unser Vorschlag für einen Neustart in der Entwicklungspolitik an: In unserem Buch „Afrika First!“ plädieren der Wirtschaftsjournalist Daniel Schönwitz und ich dafür, die Infrastruktur-Finanzierung und soziale Standards ins Zentrum zu rücken.

Gewürzroute 2.0: Initialzündung für einen Wachstumsschub

Herzstück unserer „Agenda für unsere gemeinsame Zukunft“ ist ein praxisnahes Konzept, um deutlich mehr europäisches Kapital und Garantien für Infrastrukturprojekte in Afrika zu mobilisieren. Wir sind überzeugt, dass die niedrigen Zinsen eine Jahrhundertchance sind, um mit überschaubarem Einsatz Großes zu bewegen. Denn der Kapitalmarkt ist bereit, Geld bereitzustellen – hierzu braucht es nicht den Steuerzahler.

Der Zeitpunkt ist somit günstiger denn je, um eine Initialzündung für einen Wachstums- und Wohlstandsschub auszulösen. Wir schlagen deshalb vor, binnen zehn Jahren 1000 Milliarden Euro zu mobilisieren – zum Beispiel über „Africa Bonds“.

Und machen wir uns nichts vor: Das ist in unserem ureigensten Interesse. Weil wir auf diese Weise eine Massenflucht gen Norden verhindern können. Weil eine engere Kooperation das Fundament eines gemeinsamen Wirtschaftsraums wäre, der auch für hiesige Unternehmen große Chancen birgt. Und weil Europa im geopolitischen Systemwettbewerb mehr denn je neue Partner braucht.

Zukunft hat eine Stimme

Das Projekt: Mit Zukunft hat eine Stimme gibt die Frankfurter Rundschau Menschen eine Öffentlichkeit, die mit innovativen Ideen und viel Tatkraft unsere Zukunft gestalten. In der Rubrik „Speakers Corner“ haben die Zukunftsmacher:innen selbst das Wort.

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Schließlich ist auf die USA nicht immer Verlass, und China tritt immer aggressiver auf. So finanziert Peking im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ zahlreiche Projekte in Afrika. Die Kreditofferten tragen jedoch Züge einer „Diplomatie der Schuldenfalle“, die Abhängigkeiten schafft.

In Afrika wächst deshalb die Skepsis gegenüber China, aber vielfach mangelt es politischen Entscheidern an Alternativen. Diese Lücke kann und muss die EU mit fairen Infrastruktur-Finanzierungen beziehungsweise Garantien schließen.

Auf diese Weise würde Europa der chinesischen Seidenstraße Paroli bieten und an eine große Tradition anknüpfen: die historische Gewürzroute, die die beiden Kontinente bereits vor 500 Jahren näher zusammengeführt hat. Mit ihr ging übrigens schon damals die Bedeutung der Seidenstraße zurück.

Afrika braucht die Soziale Marktwirtschaft und faire Löhne

All denen, die ein Fass ohne Boden befürchten, sei gesagt: Afrika ist nicht der „3-K-Kontinent“ der Kriege, Krisen und Katastrophen. Jedenfalls nicht nur. Afrika ist zugleich ein Kontinent der Chancen. Einige Länder haben wichtige Veränderungen vorangetrieben und sind zu spannenden Partnern avanciert.

Zudem können wir die Fehler der traditionellen Entwicklungshilfe vermeiden, indem wir Unterstützung an Reformen knüpfen. Mit seinem „Marshallplan mit Afrika“ hat Entwicklungsminister Gerd Müller bereits wichtige Weichen gestellt: Die Bundesregierung verteilt keine Almosen mehr mit der Gießkanne, sondern unterstützt gezielt Länder, die gegen Korruption vorgehen und weitere Reformen vorantreiben.

Das soll Unternehmen anlocken, Jobs schaffen und einen Wachstumsschub auslösen. Noch halten sich viele potentielle Investoren aber selbst in Reformstaaten zurück – und das liegt, wie beschrieben, vor allem an der schlechten Infrastruktur.

Es wäre kurzsichtig, in Afrika alleine auf bessere Rahmenbedingungen für Investoren zu setzen

Ein weiterer Pfeiler unseres Konzepts ist die Etablierung der Sozialen Marktwirtschaft. Denn es wäre kurzsichtig, allein auf bessere Rahmenbedingungen für Investoren zu setzen. Entscheidend ist zudem der Aufbau robuster sozialer Sicherungssysteme. Denn nur abgesicherte Menschen haben einen Hebel, um Mindestlöhne auch in der Praxis durchzusetzen. Und nur mit solchen Löhnen kommt das Wachstum, das wir auslösen wollen, auch bei denen an, die es besonders nötig haben: den Armen.

Die vulgärliberale „trickle-down“-Theorie, wonach Wachstum irgendwann automatisch allen zugutekommt, ist dagegen gerade in Afrika gescheitert. Für uns ist klar: Der Kontinent braucht keinen ungezügelten Kapitalismus und auch keine allein ordoliberal regulierte Wirtschaft, sondern das Erfolgsmodell, das in Europa für Frieden und breiten Wohlstand gesorgt hat: die Soziale Marktwirtschaft (inklusive ökologischer Standards). Dem deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit könnte dann 70 Jahre später ein afrikanisches folgen.

Martin A. Schoeller leitet die Schoeller Group und engagiert sich seit vielen Jahren in Afrika, unter anderem als Honorarkonsul von Togo. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsjournalisten Daniel Schönwitz hat er das Buch „Afrika First! Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft“ geschrieben. Es ist im Berg & Feierabend Verlag erschienen. 232 Seiten. 22 Euro.