Adriana Groh, Direktorin des Prototype Fund
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Adriana Groh ist Direktorin des Prototype Fund

Protoype Fund

„Mehr Stimmen gleichzeitig hören“

  • vonChristina Brummer
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Wie kann die Demokratie mit Hilfe von Technologie modernisiert werden? Damit beschäftigt sich Adriana Groh. Die 30-Jährige ist Direktorin des Prototype Fund – ein staatliches Programm, mit dem bisher 191 Projekte mit insgesamt 8,1 Millionen Euro gefördert wurden. Hier spricht sie über Software mit gesellschaftlichem Mehrwert, digitales Ehrenamt und haltbare gute Ideen.

Frau Groh, der Prototype Fund ist ein staatliches Förderprogramm für Entwicklerinnen und Entwickler. Was genau fördern Sie dort?

Wir sind kein klassisches Startup-Förderprogramm, bei dem Menschen mit ihrem Businessmodell um Förderung pitchen, sondern bei uns geht es darum, Software zu unterstützen, die für die Gesellschaft einen Mehrwert hat. Das heißt, sie muss offen, nachhaltig und partizipativ sein, aber auch innovativ.

Können Sie ein Beispiel für so ein Projekt geben?

Ein tolles Projekt heißt „The Syrian Archive“. Das ist eine Plattform, auf der Videos und Bilder, die Menschen während des Syrienkrieges aufgenommen haben, archiviert werden. Denn Plattformen wie YouTube löschen solche Videos, weil sie gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, etwa weil Gewalt zu sehen ist. Inzwischen sind im Archiv ca. 3,5 Millionen Videos gesichert. Die kann aber niemand alle sichten, etwa, um zu sehen, ob Kriegsverbrechen dokumentiert sind. Deshalb wurde eine Software entwickelt, die mit Hilfe von maschinellem Lernen sowohl geografische Merkmale als auch Kriegswaffen automatisch erkennt. Das Ziel ist es, solche Informationen so aufzubereiten, dass sie eventuell einmal vor Gericht als Beweismittel dienen können.

Alle Entwicklungen im Fund sind Open Source, können Sie erklären, was das ist und warum der Prototype Fund nur diesen Ansatz fördert?

Geschlossene Software ist nur für die Menschen, die diese Software entwickelt haben, überprüfbar. Ich habe also keinerlei Einblick, was hinter den Kulissen passiert. Wenn ich mich aber dazu entscheide, meine Software mit einer Open-Source-Lizenz zu entwickeln, die für alle öffentlich zugänglich ist, dann kann ich sie mir als Nutzer auch Codezeile für Codezeile ansehen und von Sicherheitsexperten prüfen lassen, etwa, ob diese Software eine versteckte Hintertür hat, in der Nutzerdaten abgezweigt werden. Manchmal haben die Entwickler aber beim Programmieren einfach nur etwas übersehen. Ist dann der Code öffentlich, kann er von x-beliebig vielen Menschen geprüft und verbessert werden. Beim Prototype Fund fördern wir mit öffentlichen Geldern, deshalb haben wir auch die Devise: public money, public code, public interest. Öffentliche Gelder für öffentlichen Code, der auch im öffentlichen Interesse sein soll.

In ihrer Freizeit schrauben viele Entwicklerinnen und Entwickler an solchen Open-Source-Programmen. Ihre Arbeit bezeichnet man als digitales Ehrenamt. Was genau versteht man darunter?

Digitales Ehrenamt heißt zum Beispiel, dass Entwickler für einen Ort eine Karte visualisieren, wo ich sehen kann, wo ich mit Rollstuhl oder Kinderwagen am besten vorankomme. Jeder kann zu solchen Projekten beitragen, was er kann. Ich finde das gerade so spannend, weil sich digitales und analoges Ehrenamt ergänzen. Nicht jeder kann die Jugendfußballmannschaft trainieren, aber vielleicht gibt es jemanden, der alle Spielergebnisse sammelt und sie digital so aufbereitet, dass sie barrierefrei online zur Verfügung stehen. Digitales Ehrenamt schafft also eine weitere Beteiligungsmöglichkeit und ermöglicht einer neuen Gruppe, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Zukunft hat eine Stimme

Das Projekt: Mit Zukunft hat eine Stimme gibt die Frankfurter Rundschau Fortschrittmacherinnen und Zukunftsgestaltern eine Stimme. Mehr spannende Geschichten lesen Sie unter www.fr.de/zukunft. Mehr Ideen für die Zukunft unserer Demokratie finden Sie unter www.fr.de/zukunft/demokratie.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben ja nicht so viel Ahnung vom Programmieren. Interessieren sich denn die Menschen überhaupt dafür, wer oder was hinter einer App steckt?

Ich glaube nicht. Ich finde das aber auch völlig in Ordnung, wenn man sich nicht dafür interessiert. Wir können nicht alle verstehen, wie man am besten umweltverträgliche Landwirtschaft macht. Wir können nicht alle verstehen, wie gute Software-Entwicklung funktioniert oder gute Stadtplanung und so weiter. Aber woran wir alle interessiert sind, sind die Resultate dieser Prozesse. Jeder will in einer lebenswerten Stadt leben, gutes Essen kaufen können und sichere digitale Dienstleistungen haben. Dass öffentliches Geld in öffentlichen Code fließt und damit in einen Code, der in unserem Interesse gestaltet ist, trägt dazu bei, dass digitale Dienstleistungen nicht nur von einem Unternehmen angeboten werden und wir von diesem völlig abhängig sind. Es ist zum Beispiel wichtig, dass ich darauf vertrauen kann, dass meine persönlichen Daten geschützt sind.

Gerade kommt ja beim Surfen auf jeder Seite wieder ein Fähnchen, wo man bestätigen soll, dass die Anbieter Daten sammeln dürfen.

Da muss nochmal nachjustiert werden. Da wird der Datenschutz madig gemacht, weil die Design Patterns darauf ausgelegt sind, uns zu nerven. Bei all meinen Rechten habe ich die meistens einfach, ohne dass es mir auffällt. Ich kümmere mich nur in dem Moment darum, wenn diese Rechte aktiv verletzt werden. Beim Recht auf Persönlichkeitsschutz ist es so, dass ich bei jeder Webseite den großen farbigen Button habe, auf dem steht ‚alle akzeptieren‘. Sonst muss ich jede Menge Klicks machen, um zu sagen, was ich alles nicht möchte. Damit sollte man sich als Nutzerin aber gar nicht beschäftigen müssen.

Bevor Sie zum Prototype Fund kamen, haben Sie sich im Studium mit Innovationen für demokratische Prozesse beschäftigt. Was glauben Sie, welche Innovation braucht die Demokratie in Deutschland?

Ich bin ein großer Fan der repräsentativen Demokratie und kein Freund davon zu sagen, dass wir viele Dinge direkt demokratisch entscheiden müssen, weil ich nicht glaube, dass das zu besseren Ergebnissen führt. Ich glaube aber, dass wir noch viel zu wenig darüber nachdenken, was uns moderne Technologie an Entscheidungsfindungstools ermöglicht.

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Was meinen Sie?

Wir könnten zum Beispiel viel mehr Stimmen gleichzeitig hören, indem wir sie mithilfe von Maschinellem Lernen auswerten, um eine Art breiten demokratischen Dialog zwischen verschiedenen Gruppen zu den gleichen Themen zu finden. Früher hatten wir diese Möglichkeiten nicht, weil wir nicht so schnell so viele Daten auf einmal verarbeiten konnten. Das wird aber gerade noch sehr wenig genutzt oder nur von Unternehmen, hinter denen spezielle Geschäftsmodelle stecken. Es gibt da ein Potenzial, das weit über das hinausgeht, was man zum Beispiel heute unter Digitalisierung der Politik versteht. Häufig meint man da ja einfach nur Verwaltungsdienstleistungen, die es dann online gibt, aber das ist nicht innovativ.

Sie haben Maschinelles Lernen angesprochen, das als Teilbereich der Forschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) betrachtet wird. Deutschland möchte zum KI-Stützpunkt in Europa werden, das jedoch meist bezogen auf industrielle Anwendungen und weniger in Bezug auf Public-Interest-Technologien.

Ja, und das war auch der Grund, warum wir beim Prototype Fund eine Förderrunde mit dem Schwerpunkt Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz gemacht haben. Wir haben schon extrem hochentwickelte Programme zur Datenauswertung von Kommunikation und Inhalten, aber wir benutzen sie noch nicht so, dass sie unserer Gesellschaft und unseren politischen Entscheidungen wirklich nützen. Wir benutzen sie, um möglichst viele Werbeeinnahmen zu generieren oder möglichst gezielt Menschen zu irgendwelchen Dingen zu bewegen, aber nicht, um politischen Austausch zu verbessern.

Sie helfen beim Prototype Fund Ideen auf die Sprünge, gibt es denn eine, die Sie selbst gern noch umsetzen würden?

Ursprünglich kam ich zum Fund, weil ich die Förderung meiner Idee beantragen wollte. Damals haben wir für die Bundestagswahl 2017 eine App namens „Wepublic“ entwickelt, die wie ein Messenger zwischen Politikern und Bürgerinnen und Bürgern funktioniert hat. Gerade bin ich dabei, diese Idee zu überarbeiten für die nächste Bundestagswahl. Das wäre dann der zweite Testlauf. Ich glaube, gute Ideen haben kein Ablaufdatum.