Für Anna-Lena von Hodenberg ist das Internet ein öffentlicher Raum, „den ich mitgestalten und gegen andere verteidigen will“.
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Für Anna-Lena von Hodenberg ist das Internet ein öffentlicher Raum, „den ich mitgestalten und gegen andere verteidigen will“.

Sonntagabend pöbelt der Mob

HateAid hilft Betroffenen von digitaler Gewalt

Ein Besuch bei Anna-Lena von Hodenberg, Chefin der Initiative HateAid, die Betroffenen hilft, sich juristisch gegen Drohungen, Beleidigungen, Hetze im Netz zu wehren.

  • Die Initiative HateAid hilft Betroffenen von Hetze im Internet.
  • Als erste Beratungsstelle betreut HateAid Betroffene von digitaler Gewalt.
  • HateAid unterstützt Betroffene auch finanziell, damit diese sich juristisch wehren können.

Von Tom Waurig

Berlin - „Ich bin ab heute Klientin bei HateAid“, twitterte Mitte November die Grünen-Politikerin Gollaleh Ahmadi. „Es hat lange gedauert, weil auch ich zum Teil dachte, ich müsste hart im Nehmen sein. Doch Hass, Drohung und Einschüchterung gehören in keiner Weise in die Demokratie.“

Rechte Netzwerke steuern im Internet gezielt Hetzkampagnen, HateAid hilft Betroffenen

Dass all diese Dinge aber durchaus zum Alltag vieler Menschen gehören, die online aktiv sind, ist der deutschen Öffentlichkeit erst im Jahr 2017 richtig bewusst geworden. Die Wissenschaftlerin Julia Ebner vom Londoner Institute for Strategic Dialogue unterwanderte damals sechs Monate lang Deutschlands größte Trollfabrik. Das Gleiche gelang den Journalisten Rayk Anders und Patrick Stegemann, die sich undercover in Netzwerke einschleusten, von Shitstorms, Mobbingattacken und Wahlmanipulationen berichteten und zeigten, wie sich neurechte und rechtsextreme Gruppierungen zu Netzwerken zusammenschließen, um mit Hassrede Meinungen und Debatten zu manipulieren.

„Wir befinden uns im Krieg, im Informationskrieg“, hieß es bei Reconquista Germanica – einer der bekanntesten Gruppen, die sich nach amerikanischem Vorbild vor der Bundestagswahl zusammenfand, um diese zu Gunsten der AfD zu beeinflussen. In geschlossenen Foren vereinbarten sie genaue Uhrzeiten, Hashtags wie #TrauDichDeutschland und Zielscheiben ihrer Hasskampagnen, um die Algorithmen der sozialen Netzwerke zu manipulieren und den politischen Online-Diskurs zu diktieren.

Das Ziel von HateAid: Wer Hass sät, soll Konsequenzen zu spüren bekommen

Auch seit Beginn der Corona-Krise sind selbsternannte rechte Online-Krieger aktiv. Sie streuen Gerüchte vom „chinesischen Virus“ oder von der ganz großen Weltverschwörung. Und starten sogenannte Hate Storms auf Politiker:innen, Journalist:innen und Menschen, die öffentlich zur Einhaltung der Corona-Regeln aufrufen.

Grünen-Politikerin Gollaleh Ahmadi.

Die Erfahrung zeigt: Immer wieder funktioniert solche Einschüchterung. „Wenn sich der Eindruck verfestigt, dass sich Betroffene nicht wehren können, ziehen sie sich zurück, und die Trolle fühlen sich dadurch bestärkt“, sagt Anna-Lena von Hodenberg. „So werden immer wieder neue Grenzen des Sagbaren eingerissen, um zu schauen, wie weit kann ich eigentlich noch gehen, ohne dass es Konsequenzen gibt.“

Anna-Lena von Hodenberg, 37, leitet HateAid, seit 2018 die erste Beratungsstelle für Betroffene von Hass und Hetzkampagnen im Internet – oder wie sie es nennt: von digitaler Gewalt. Etwa 200 Menschen unterstützt HateAid heute pro Monat. Ihr ist wichtig zu betonen, dass der Hass nicht nur Einzelne treffe. „Er hat auch immer eine demokratiegefährdende Dimension“.

Studie: Fünf Prozent aller Social-Media-Accounts für 50 Prozent der Likes bei Hetzkommentaren verantwortlich

Unweit des Berliner Ku’damm haben Anna-Lena von Hodenberg und ihr Team ein Büro bezogen. Die HateAid-Chefin hat es schlicht, geradezu bescheiden eingerichtet. Am Rand eines großen Raumes steht ein kleiner Schreibtisch. Meterhohe Decken mit Stuck lassen den Arbeitsplatz fast schon verloren wirken. Die Leere gebe ihr Raum zum Nachdenken, sagt von Hodenberg.

Zukunft hat eine Stimme

Das Projekt: Mit Zukunft hat eine Stimme gibt die Frankfurter Rundschau engagierten Bürgerinnen und Bürgern eine Öffentlichkeit. Wir erzählen die Geschichten von Fortschrittmacherinnen, Neu-Gierigen, Geht-doch-Hippies und allen, die zu einer besseren Zukunft beitragen.

Oft sind es anfangs eher kleine Gruppen, die große Hasswellen durchs Netz schicken. Studien zeigen, dass nur fünf Prozent aller Social-Media-Accounts für 50 Prozent der Likes bei Hetzkommentaren verantwortlich sind. Besonders rau sei der Ton in den Netzwerken am Sonntagabend – für viele ein mentaler Tiefpunkt, erzählt von Hodenberg, „weil das Wochenende zu Ende geht und Montagfrüh wieder die Arbeit ruft. Dann laden besonders viele Menschen ihre negativen Emotionen im Netz ab, auch jene, die sonst wenig damit zu tun haben. Die pöbeln dann meistens dort, wo sich der Mob ohnehin schon austobt.“

Bevor sie HateAid mitgründete, arbeitete sie als Campaignerin für die Online-Beteiligungsplattform Campact. Dort war sie für Antirassismus zuständig und für eine Kampagne in Hessen, die sich mit Hate Speech beschäftigte. Sie sprach mit Anwältinnen und Anwälten, mit Beratungsstellen, der Polizei und Betroffenen.

HateAid beklagt, dass Polizei und Justiz noch zu wenig für das Thema Hass sensibilisiert seien

„In vielen Fällen war es sogar für mich als Laie offensichtlich, dass es sich bei Memes oder Kommentaren um strafrechtlich relevante Inhalte handelt. Deshalb habe ich mich immer gefragt, warum das nicht zur Anzeige gebracht wird.“ In den unzähligen Gesprächen, die von Hodenberg in Hessen geführt hatte, wurde ihr der Grund dafür klar: Für viele Betroffene ist es nahezu unmöglich, einen Vorfall zur Anzeige geschweige denn vor Gericht zu bringen.

„Wer Opfer von digitaler Gewalt geworden ist, hat kein blaues Auge und auch kein gebrochenes Bein – und die Betroffenen können auch nicht nachweisen, dass sie etwa an Schlafstörungen leiden. In solchen Fällen zählt das Wort des Opfers“, erklärt von Hodenberg. Mit HateAid sollte deshalb die erste Beratungsstelle in Deutschland geschaffen werden, die sich solcher Taten annimmt und die versucht, geltendes Recht durchzusetzen.

Doch noch seien Polizei und Justiz wenig bis gar nicht für das Thema sensibilisiert. Betroffene würden oft abgewiesen, Anzeigen stiefmütterlich behandelt. „Wenn Sie eine überlastete Staatsanwaltschaft haben, die zwischen einer Beleidigung im Netz und einem Raubüberfall entscheiden muss, dann fällt das erste meistens hinten runter.“

HateAid steht Betroffenen von Hetze im Internet mit juristischer Hilfe zur Seite

Für sie sei es jedoch keine Bagatelle, wenn sich Menschen zusammenschließen, „um andere im Netz fertigzumachen“, sagt von Hodenberg. Betroffen seien vor allem Frauen, Muslim:innen, Menschen mit Migrationshintergrund, Medienschaffende oder Abgeordnete.

Angetreten ist das Team von HateAid, um sich schützend an deren Seite zu stellen, ihnen dabei zu helfen, Delikte zur Anzeige zu bringen und zivilrechtlich dagegen vorzugehen. Kontakt aufnehmen können die Betroffenen per Telefon, E-Mail, aber genauso über Facebook oder Twitter. Darüber hinaus ist das Team selbst im Netz unterwegs, um Profile aufzuspüren, die im Netz angegriffen werden. „Wer in einem Hate Storm steckt, ist erst einmal verwirrt und auch emotional überfordert. Dann ist es meistens zu viel verlangt, sich auch noch eine Beratungsstelle zu suchen“, sagt Anna-Lena von Hodenberg.

Doch um gegen den Hass vorzugehen, braucht es auch das nötige Kleingeld. Wer nämlich Delikte zur Anzeige bringen will, kommt nicht ohne juristischen Beistand aus. 2000 Euro müssten Betroffene ungefähr aufbringen, das zeigen Recherchen von HateAid. Wer seinen Prozess verliert, zahlt der Gegenseite nochmal die gleiche Summe. Um juristische Verfahren zu ermöglichen, geht HateAid für die Betroffenen von digitaler Gewalt in Vorkasse. Führt eine Anzeige zur Verurteilung, fließt der Schadensersatz zurück an den Verein, um damit weitere Klagen und Prozesse finanzieren zu können. Scheitert das Vorgehen wider Erwarten doch vor Gericht, trägt HateAid trotzdem alle angefallenen Kosten.

Betroffene von digitaler Gewalt erhalten von HateAid auch Kommunikations- und Sicherheitsberatung

Anna-Lena von Hodenberg erklärt ihr Modell so: „Wenn du juristisch gegen den Hass im Netz vorgehst, machst du in erster Linie etwas für dich selbst – aber genauso für andere und für die Gesellschaft, weil du dich zur Wehr setzt, für Abschreckung sorgst oder andere dazu motivierst, es dir gleich zu tun.“ Die Erfahrung zeige: Wer gegen den Hass im Netz kämpft, geht stärker aus der Erfahrung raus. Diese Menschen schreckten dann auch in Zukunft nicht vor Online-Debatten zurück.

Allerdings: Nicht immer ist der juristische Weg erfolgversprechend. „Es gibt genauso Aussagen, die wir wahrscheinlich eklig oder unerträglich finden, die wir trotzdem aushalten müssen, weil sie von der Meinungsfreiheit geschützt sind. In solchen Fällen sind wir alle gefordert, andere Lösungen zu finden, um damit umzugehen.“ HateAid bietet Betroffenen deshalb auch eine Kommunikations- oder Sicherheitsberatung an, helfen bei Löschanträgen im Netz oder rechtssicheren Screenshots. Viele Betroffene hätten große Angst davor, dass ihre Social Media- und E-Mail-Konten gehackt würden, andere suchten nach Tipps, wie sie auf Anfeindungen oder Lügen reagieren können. Aber ist das überhaupt sinnvoll oder hilfreich?

HateAid-Gründerin rät dazu, Fälle digitaler Gewalt mit der eigenen Community zu teilen

Anna-Lena von Hodenberg hat die Erfahrung gemacht: „Menschen, die andere beleidigen oder diffamieren, sind nicht an einer inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert.“ Einen allgemeingültigen Rat zum kommunikativen Umgang mit Hate Storms kann sie aber nicht geben. Privatleuten könne eine längere Social Media-Auszeit helfen, doch Personen des öffentlichen Lebens oder Medienschaffende hätten diese Option oft gar nicht, etwa weil sie im Netz ihr Geld verdienen. Die HateAid-Gründerin rät dazu, Fälle digitaler Gewalt mit der eigenen Community zu teilen und auch den eigenen Umgang damit transparent zu machen. So hätten andere die Möglichkeit, sich in die Diskussion einzumischen.

Am meisten helfe es, die Profile zu blocken, Kommentare zu melden und zur Anzeige zu bringen. Auch das könnten Betroffene offen kommunizieren, um zu zeigen, „dass sie sich wehren“.

HateAid betreut als erste Beratungsstelle Betroffene von digitaler Gewalt.

Grünen-Politikerin Renate Künast zog gemeinsam mit HateAid vor Gericht

Ein Positivbeispiel sei der Blogger und Videojournalist Tarik Tesfu. 2018 wurde er massiv im Netz angegangen, seine Social-Media-Konten wurden angegriffen, gehackt und gelöscht. Die Arbeiten von mehreren Jahren waren aus dem Netz verschwunden. Tesfu zog sich nach den Vorfällen eine Zeit lang aus der Öffentlichkeit zurück. Er kam schließlich zurück und thematisierte das, was ihm passiert war. „Das ist sehr couragiert“, sagt von Hodenberg, „aber auch nicht leicht zu übertragen.“

Die wohl bekannteste Klientin von HateAid ist die Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie zog gemeinsam mit der Beratungsstelle vor Gericht, scheiterte aber zunächst mit dem Versuch, gegen Beschimpfungen vorzugehen. Unbekannte hatten die frühere Ministerin auf Facebook unter anderem als „Stück Scheiße“ und „Geisteskranke“ bezeichnet und noch drastischere Posts verfasst. Selbst die Bezeichnung „Drecksfotze“ bewege sich haarscharf an der Grenze des noch hinnehmbaren, hatte das Berliner Landgericht ursprünglich geurteilt. „Von einer Schmähung kann nicht ausgegangen werden, wenn die Äußerungen im Kontext einer Sachauseinandersetzung stehen“, hieß es im Urteilsspruch. Aber Künast und HateAid legten Beschwerde ein, und in zwölf von 20 Fällen bekamen sie Recht. Mit den verbliebenen Schmähungen sind sie nun vor das Bundesverfassungsgericht gezogen.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast geht gegen Hetze im Netz vor.

Und es scheint, als ob auch in der Politik das Ausmaß des Problems erkannt wurde: Im Juni hat der Bundestag ein Gesetz gegen Hasskriminalität im Internet beschlossen, digitale Gewalt soll härter bestraft werden. Wer anderen mit Körperverletzung oder sexuellen Übergriffen droht, muss mit Strafen rechnen. Und Plattformen wie Facebook müssen strafbare Posts nicht nur löschen, sondern auch dem Bundeskriminalamt melden.

HateAid-Chefin: Wir müssen uns im Netz in der Sache hart streiten können - aber ohne Hass und Hetze

Eine Rolle bei dem Sinneswandel dürfte der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gespielt haben – weil die Tat zeigte, dass die massive Beleidigung im Netz auch zu realen Gewalttaten führen kann. „Weil so ein toxisches Umfeld geschaffen wird, in dem sich Menschen ermutigt fühlen, die verbal geäußerten Ideen zu realisieren. Und sie haben das Gefühl, dass ihnen die Mehrheit im Netz zujubelt.“

Die Gesellschaft verhandele heute die meisten öffentlichen Debatten im Netz, sagt von Hodenberg. „Wir müssen nun entscheiden, anhand welcher Kriterien der Meinungswettstreit ablaufen soll. Wir müssen uns im Netz in der Sache hart streiten können, aber ohne Hass und Hetze zu verbreiten.“

HateAid-Chefin fordert mehr Courage im Netz

Die HateAid-Chefin fordert daher auch mehr Courage im Netz, das sie genauso als öffentlichen Raum versteht; einen Raum, „den ich mitgestalten und gegen andere verteidigen will“. Google und Facebook kritisiert sie dafür, dass die in den vergangenen Jahren ihre Algorithmen dahingehend getrimmt hätten, dass diese vor allem auf Posts oder Kommentare anspringen würden, die negative Emotionen wecken.

„Letztlich geht es doch darum, dass wir möglichst lange auf deren Seiten verweilen – und das tun wir immer dann, wenn wir mit Wut und Hass konfrontiert sind. Wozu das gesellschaftlich führt, wurde nicht durchdacht. Heute brauchen wir passende Ideen, um das wieder in geregelte Bahnen zu bringen.“

Tom Waurig

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Veto“, das sich der engagierten Zivilgesellschaft widmet. Mehr unter www.veto-mag.de.