Klaus-Peter Hufer macht Menschen fit im Kampf gegen Stammtischparolen.
+
Mit klaren Argumenten gegen dumpfe Parolen: Klaus-Peter Hufer, Jahrgang 1949, ist Politik- und Erziehungswissenschaftler.

Argumentationstraining

Wie man Stammtischparolen entzaubert

  • Ruth Herberg
    vonRuth Herberg
    schließen

Klaus-Peter Hufer schult Menschen im Umgang mit Stammtischparolen. Er rät zum kritischen Nachfragen – und dem Auflösen von „die“ und „wir“.

Herr Hufer, Sie haben das „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ entwickelt. Von welchen Parolen sprechen wir hier?

Es geht um zugespitzte, polarisierende, diskriminierende Schwarz-Weiß-Äußerungen. Das ist artikulierter Populismus. Den Begriff „Stammtischparolen“ habe ich gewählt, weil mit diesem Schlüsselbegriff jeder etwas verbindet. Das, was dahinter steckt, diese Sprüche und verbal geäußerten Aggressionen, das gab es schon immer und überall. In den letzten Jahren hat sich dieser Trend aber verstärkt.

Wie hilft das Training?

Es ist ein interaktives Seminar, kein belehrendes Seminar, das ist ganz wichtig. Wir kombinieren politische Bildung mit dem Vermitteln von Argumentationssicherheit und rhetorischen Fähigkeiten im Alltag. Zuerst setzen sich alle Teilnehmer damit auseinander, was in ihrem Alltag passiert, also wie sie diesen Containerbegriff „Stammtischparolen“ erleben. Bei einem Brain-storming nennen alle die ihnen bekannten Sprüche. Bei einem Seminar mit 15, 16 Menschen kommen da schnell an die 80 Parolen zusammen.

Welche Sprüche sind das?

Der Klassiker ist immer noch: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ Im Widerspruch dazu, aber ebenfalls verbreitet: „Die wollen nur unseren Sozialstaat ausnutzen.“ Weitere, immer wieder auftauchende Parolen sind: „Unsere deutsche Identität ist in Gefahr – wir sind nicht mehr Herr im eigenen Land“, „Den Flüchtlingen kann es nicht so schlecht gehen, alle haben Smartphones“, „Bald werden wir hier vom Islam regiert“, „Asylbewerber sind Wirtschaftsflüchtlinge“, „Die Juden beherrschen wieder das Kapital“, „Die da oben machen doch, was sie wollen“. Eine Seminargruppe bringt es in einem etwa 15 Minuten dauernden Brainstorming auf 50 bis 60 solcher Parolen. Die kommen wie von selbst.

Dann geht es darum, wie man auf solche Äußerungen reagiert?

Ganz genau. Viele fragen sich: Was entgegne ich in so einem Moment? Macht es Sinn, mit Fakten dagegen zu argumentieren? Oder sollte ich mich auf eine inhaltliche Diskussion erst gar nicht einlassen? In Rollenspielen üben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann die Strategien ein, um solchen Sprüchen etwas entgegnen zu können. Und das Verblüffende ist: Alle, die zu den Seminaren kommen, wollen sich ja bewusst gegen diese Parolen stellen – und trotzdem dominiert immer die Fraktion derjenigen, die die Populistinnen und Populisten simulieren, die Diskussion in diesen Rollenspielen. Sie machen die anderen mit den Parolen, die sie alle zusammengetragen haben, einfach platt.

Woran liegt das?

Ich erkläre mir das damit, dass diese populistischen Parolen wie eingebrannt in unserem kollektiven Unterbewusstsein sind. Die sind da, die sind überall. Deswegen ist der Begriff „Stammtischparolen“ gar nicht nur an Kneipen festgemacht. Es geht um die Sprüche, die überall in der Gesellschaft fallen, im Kollegenkreis und bei Familienfeiern, an der Ladentheke, im Gespräch mit den Nachbarn. Das führt dazu, dass wir diese Sprüche ohne nachzudenken parat haben – auch wenn das gar nicht unsere Meinung ist. Das ist ein Phänomen, an dem ich immer noch rumrätsele. Warum fallen uns die positiven Antworten – wir leben in einer Demokratie, uns geht es gut, wir leben in einem reichen Land, das Geflüchtete aufnehmen und ihnen helfen kann – nicht unmittelbar ein, warum sind wir zunächst wie gelähmt und überrumpelt?

Welche Menschen nehmen an Ihren Seminaren teil?

Das geht quer durch die Gesellschaft, angefragt wird dieses Argumentationstraining von vielen Bildungseinrichtungen, auch Schulen, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, Bürgerinitiativen, NGOs wie Amnesty International und anderen, politischen Parteien, Ämtern und Behörden, von Feuerwehr, Polizei. Die Liste ist sehr lang. Es kommen immer solche Menschen, die sich überfordert und überrumpelt fühlen von der verbalen Gewalt, die von solchen Stammtischparolen ausgeht. Sie wollen lernen, wie sie darauf angemessen reagieren können. Es gibt viele Motive. In meinem Seminar neulich in Köln zum Beispiel waren mehrere Frauen dabei, die Flüchtlingskinder, um die sie sich kümmern, schützen wollen.

Welche konkreten Tipps haben Sie, wie sollte man auf populistische Parolen reagieren?

Der wichtigste Tipp ist, das „die“ und das „wir“ aufzulösen, es gibt nicht „die Ausländern“, „den Islam“, „die Politiker“. Hilfreich ist auch, konkrete Auskünfte einzufordern, gezielt nachzufragen, standhaft zu bleiben und damit ein Beispiel zu geben für die, die schweigend und abwartend dabeisitzen. Diese und andere Gegenstrategien werden aus den Rollenspielen erarbeitet und in weiteren Durchläufen erprobt.

Sie stellen sich explizit auch gegen zunehmende populistische Tendenzen. Was glauben Sie, wie wird sich das entwickeln?

In unseren Seminaren erleben wir einen so großen Zuspruch von Menschen, die sich engagieren, dass ich zu der Erkenntnis komme: Diese Zivilgesellschaft ist ziemlich stark. Viele Menschen versuchen, sich in ihrem Umfeld, in ihrer Familie, in ihrem Bekanntenkreis gegen solche populistischen Parolen und Tendenzen zu stellen. Das ist mitunter sehr schmerzhaft, denn oft sind mit diesen Sprüchen auch Befindlichkeiten verbunden. Ich höre immer mal wieder von Teilnehmern in unseren Seminaren, dass daran schon Freundschaften und sogar Familien auseinandergebrochen sind. Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, die Menschen, die nicht populistisch denken und die etwas dagegen tun wollen, zu stärken. Und diese sind in er weit überwiegenden Mehrheit.

Interview: Ruth Herberg