Mulla Cetin setzt sich für einen Beauftragten gegen Islamfeindlichkeit ein
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Mulla Çetin will nicht mehr tatenlos zusehen, wie sich der Hass breitmacht.

Politische Repräsentation

Ein Signal gegen Islamfeinde

Antimuslimischer Rassismus ist verbreitet und hat viele Formen. Mulla Çetin will nicht mehr tatenlos zuschauen und fordert für den Kampf dagegen ein neues Amt

Von Tom Waurig

Mulla Çetin ist gehetzt, die S-Bahn ist ausgefallen. Und er ist übermüdet – geschlafen hat er die letzte Nacht so gut wie gar nicht. Çetin studiert Jura an der Uni Potsdam, derzeit bereitet er sich auf das Erste Staatsexamen vor. Zeit nimmt er sich trotzdem, um sein Anliegen vorzutragen. Çetin, 25 Jahre, geboren in Berlin, will erreichen, dass die Bundesregierung „eine*n Beauftragte*n gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“ ernennt – so heißt es in einer Petition, die er im vergangenen Jahr ins Leben gerufen und Anfang 2020 mit 13 500 Unterschriften im Petitionsausschuss des Bundestags eingereicht hat.

Çetin, selbst Muslim, ist Mitglied der Jungen Islam Konferenz. Die Plattform gründete sich 2011 als Reaktion auf Thilo Sarrazins gedrucktes Untergangsszenario „Deutschland schafft sich ab“. Größtes Feindbild darin: die hier lebenden Muslime. Doch Çetin und andere wollen lieber nach vorne blicken und sich einmischen in die gesellschaftliche Debatte über das Bild, das viele nichtmuslimische Deutsche vom Islam haben – oder besser gesagt: das Zerrbild.

„Ich wundere mich immer wieder darüber“, sagt Çetin, „wie über meine Religion gesprochen wird“

Los geht es schon damit, dass viele Menschen den Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung grotesk überschätzen. In einer Ipsos-Umfrage von 2019 schätzte ein Großteil der Befragten, dass jeder fünfte Bundesbürger muslimischen Glaubens sei. Tatsächlich sind es – je nach Quelle – lediglich vier bis sechs Prozent. Trotzdem fühlt sich laut einer anderen Studie von 2019 die Hälfte der deutschen Mehrheitsgesellschaft durch den Islam bedroht, er taucht auch überproportional häufig in Debatten über Zuwanderung und Integration auf – meist negativ konnotiert. Oft führe die Sprache in der Berichterstattung zu noch größerer Polarisierung, glaubt Çetin. Schon lange vor Pegida und dem Aufstieg der AfD warnten Talkshows vor „Allahs Kriegern im Westen“ (Anne Will), Magazintitel raunten: „Die dunkle Seite des Islam – Acht unbequeme Wahrheiten über die muslimische Religion“ („Focus“) – oder sie schrieben gleich „Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung“ über eine Darstellung des Brandenburger Tors vor schwarzem Hintergrund („Spiegel“).

„Ich wundere mich immer wieder darüber, wie über meine Religion gesprochen wird – in einer Weise, mit der ich mich nicht identifizieren kann“, sagt Çetin.

871 Übergriffe auf muslimische Gläubige und Moscheen gab es in Deutschland 2019

Die Grenze zwischen dem, was noch Religionskritik ist, und dem, was man als Rassismus bezeichnen kann, sind dabei fließend. Der Terroranschlag in Hanau, unter dessen Opfern auch mehrere Muslime waren, sei keine Überraschung gewesen, „sondern das Ergebnis eines jahrelangen vergifteten Diskurses in Politik und Medien“. So hat es Çetin kurz nach den Morden zu „Zeit Online“ gesagt. Zuerst fielen Worte, dann Schüsse. „Die Würde des Menschen ist in Deutschland verdammt antastbar geworden.“

Allein 2019 gab es 871 Übergriffe gegen muslimische Gläubige und Moscheen in Deutschland. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor. Dabei wurden 33 Menschen verletzt. Die Berliner Organisation „Claim“, die sich gegen Islamfeindlichkeit einsetzt, schätzt, dass die Dunkelziffer um das Achtfache höher ist. Doch die öffentliche Empörung hält sich oft in Grenzen.

Mulla Çetin kennt die Berichte Betroffener und hat selbst schon Anfeindungen erlebt. Er kennt das Gefühl, wenig teilhaben zu können, bei Jobbewerbungen oder bei der Wohnungssuche benachteiligt zu werden. Er sieht die Politik in der Pflicht. „Für den Schutz der Minderheiten zu sorgen, ist nicht Aufgabe der Minderheiten selbst, sondern die der Mehrheitsgesellschaft“, findet er.

Çetin will Islamfeindlichkeit mit Prävention, Forschung und politischer Bildung entgegentreten

Trotzdem will der junge Berliner nicht mehr „tatenlos zusehen“. Deutschland brauche einen Beauftragten oder eine Beauftragte gegen antimuslimischen Rassismus. Von den Aufgaben eines solchen Amtes hat Çetin genaue Vorstellungen: Prävention, Forschung, politische Bildung. Und die Vermittlung zwischen muslimischen Gemeinden und Regierung. Ähneln würden sie denen von Felix Klein, der 2018 von der Regierung zum Bundesbeauftragten „für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“ ernannt wurde. Seine Ernennung wurde als deutliches Signal gewertet, dass die Politik die Gefahr des Antisemitismus ernst nimmt.

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WAS TUN: Engagement beginnt mit Reflexion, glaubt Çetin: Wie prägt Rassismus das eigene Denken?

WEITERLESEN: Der Band„’... weil ihre Kultur so ist‘: Narrative des antimuslimischen Rassismus“ von Yasemin Shooman erschien 2014 im Transcript Verlag.

Dasselbe wünscht sich Mulla Çetin auch in Bezug auf antimuslimischen Rassismus. Zuspruch bekommt er nicht nur vom Zentralrat der Muslime, dessen Vorsitzender Aiman Mazyek ein solches Amt als „notwendiger denn je“ bezeichnete, sondern auch aus der Wissenschaft. So unterstützen die Rassismusforscherin Iman Attia und der Religionsrechtler Stefan Muckel die Petition. Es gab aber auch Gegenwind. So befand der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, die Forderung diene vor allem dazu, muslimische Gläubige als eine bedrohte Minderheit zu stilisieren.

Çetin hat sich auch an Abgeordnete gewandt. Während Linke, SPD und Grüne sich offen zeigten, reagierte die Unionsfraktion zögerlich. Ausgerechnet der Beauftragte für Religionsgemeinschaften, Hermann Gröhe, erteilte der Forderung eine Absage: „Beharrliche Werbung für die Werte unserer Verfassungsordnung ist jetzt wichtiger als die Schaffung eines neuen Amtes.“ Andere Abgeordnete befanden, Religion und Staat müssten getrennt bleiben.

Es gibt einen Antisemitismus-Beauftragten, warum nicht auch ein Pendant für den Islam?

Für Çetin ist diese Argumentation nicht nachvollziehbar, weil es ihm nicht um ein religiöses Amt gehe, sondern nur um das politische Pendant zum Antisemitismusbeauftragten. Auch seien vom antimuslimischen Rassismus nicht nur Gläubige betroffen, sondern alle, denen aufgrund bestimmter Merkmale eine Religionszugehörigkeit zugeschrieben wird. „z.B. schwarze Haare und Bart, das heißt für viele sofort Türke oder Araber, also Muslim.“

Bei der Einsetzung solcher Sonderämter ist die Bundesregierung indes sparsam geworden. 38 gibt es schon, unter anderem für Schienenverkehr, Tourismus, Kindesmissbrauch, Abrüstung, Energie, Russland, Drogen.

Muslimische Gläubige bilden die größte religiöse Minderheit in Deutschland

Eine der bekanntesten ist die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration. Doch nach Aydan Özoguz (SPD) bekleidet dieses Amt mit Annette Widmann-Mauz (CDU) seit Anfang 2018 wieder jemand ohne Migrationsgeschichte. Für Çetin unverständlich. Deutsche mit Einwanderungsgeschichte seien im Bundestag zu wenig repräsentiert. Obwohl die muslimischen Gläubigen die größte religiöse Minderheit in Deutschland bilden, sitzen nur zwei Abgeordnete im Parlament, die sich zum Islam bekennen, dagegen aber 89 Abgeordnete der AfD. Was Thilo Sarrazin angefangen hat, habe die AfD weitergeführt. Der Partei sei das gelungen, was die NPD nie geschafft habe, meint Çetin – Rassismus salonfähig zu machen. „Für viele Menschen ist ihre eigene Feindseligkeit heute ganz normal.“

Wie aber lässt sich Ressentiments begegnen? Jeder Mensch habe das Recht, unvoreingenommen betrachtet zu werden, so Çetin. Daher müsse sich die weiße Mehrheitsgesellschaft ehrlich mit ihren Rassismen auseinandersetzen, Betroffenen zuhören und solidarisch sein.

Und trotz des Gegenwinds will Çetin nicht nur an seiner Forderung festhalten. Mittlerweile glaubt er, dass Deutschland einen Staatssekretär oder eine Staatssekretärin gegen Rassismus und perspektivisch sogar ein „Anti-Rassismus-Ministerium“ brauche. Doch bei allem Idealismus bleibt Mulla Çetin Realist. Auf dem Weg dahin seien noch viele „Zwischenschritte“ nötig, sagt er. Ein oder eine Bundesbeauftragte gegen antimuslimischen Rassismus wäre ein erster. mit Alicia Lindhoff

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Veto“. Das journalistische Projekt widmet sich der engagierten Zivilgesellschaft. www.veto-mag.de

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