Fatma Kar vom Netzwerk Polylux engagiert sich gegen Rechtsradikalimus in Ostdeutschland
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Fatma Kar lebt heute in Berlin und genießt es, „einfach in der Menge unterzugehen“.

Polylux

Der andere Osten: Gemeinsam gegen Nazis

  • Antonia Groß
    vonAntonia Groß
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Als Jugendliche in Thüringen fand Fatma Kar in einem linken Jugendzentrum Schutz vor Neonazis. Heute stärkt sie mit ihrem Verein „Polylux“ die kritische Zivilgesellschaft – überall da, wo sie von rechts unter Beschuss steht

  • Fatma Kar kämpft mit ihrem Verein „Polylux“ für die kritische Zivilgesellschaft und die Demokratie
  • Sie will die Probleme im Osten von Deutschland aufzeigen und unterstützt Projekte gegen Nazis
  • Aber auch der „andere Osten" soll stärker ins Blickfeld rücken

Wenn Fatma Kar eine utopische Gesellschaft zeichnen könnte, dann wären ihre Mitglieder solidarisch, kritisch und: verschieden. „Jegliche Unterdrückungsmuster“ würden abgeschafft, Putz- und Pflegekräfte ebenso wertgeschätzt wie Pilotinnen und Manager. Arbeit und Leben wären frei von Hierarchie. Niemand träte nach unten, weil es kein „Unten“ gäbe. Antirassismus und Feminismus wären Konsens. Alle hätten die gleichen Voraussetzungen.

"Es gibt dieses Bild, dass Ostdeutschland übersät ist mit Nazis"

In der wirklichen Welt kämpft die 33-Jährige für ihre Vision mit Polylux. Der im Oktober vergangenen Jahres gegründete Verein hat das Ziel, „eine kritische Zivilgesellschaft“ zu fördern. Im Fokus steht (noch) der Osten. Warum, erklärt Kar, Sprecherin des Netzwerks, an einem sonnigen Nachmittag in einem Kreuzberger Café: „Es gibt dieses Bild, dass Ostdeutschland übersät ist mit Nazis“, sagt sie. Dem widerspricht Polylux.

Beim Namen des Vereins dürfte es bei jenen klingeln, die einst in der DDR zur Schule gegangen sind: Polylux, das war die Marke für Overheadprojektoren. Wie ihre Pendants außerhalb der Grenzen warfen die Geräte das Unterrichtsmaterial an die Wände der Klassenzimmer, vergrößert, für alle erkennbar.

Das nach diesem Effekt benannte Netzwerk will in puncto Öffentlichkeit zweierlei: Erstens, „das Problem aufzeigen“, also die strukturellen Probleme des Ostens, die heute (wieder) rechte Übergriffe und Diskursverschiebungen nach rechtsaußen ermöglichen.

Bilder von Nazigruppen prägen die Erinnerung Kars an ihre Kindheit

Zweitens, und noch wichtiger ist den momentan acht Ehrenamtlichen, „den anderen Osten“ zu zeigen: Jenes „Gesicht“, das in der Berichterstattung oft untergehe, das Menschen erfasse, „die sehr wohl schon sehr lange und sehr viel Arbeit“ gegen rechts „leisten, sich engagieren“, sagt Kar.

Kars Eltern zogen 1992 nach Thüringen. Bilder von Nazigruppen prägen die Erinnerung an ihre Jugend. Die Bedrohung war Teil ihrer Realität. „Es gab aber auch einen Jugendclub, den ich bis heute sehr positiv in Erinnerung habe. Wo Konzerte stattgefunden haben und klar war, hier kommen Nazis nicht rein. Wo es einen Schutzraum gab, wo man sich auch anders entwickeln, wohlfühlen und reden konnte.“

Neonazis: Verein schafft Orte, die Einfluss und Bedrohung durch Nazis nicht zulassen

Im vergangenen Oktober gründete sie mit Freund:innen Polylux. Sie alle haben „Ostbackground“, viele teilen Kars Erfahrung, wie wichtig es war, Orte zu haben, wo sie sich dem Einfluss und der Bedrohung durch Nazis entziehen konnten – zumindest für eine Weile. Über 100 Mitglieder tragen das Netzwerk inzwischen mit Beiträgen von im Durchschnitt 20 Euro monatlich.

Das Modell ermöglicht, Projekte und Initiativen vor allem im Jugend- und Bildungsbereich nachhaltig abzusichern; nicht erst dann, wenn es akut wird. Die Gelder werden nach Bedarf und ohne Zweckbindung verteilt, oft sind das kleine Summen für Material oder Miete.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideenvulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft.

WAS TUN: Projekte im Osten, die Support brauchen, können sich unter www.polylux.network melden. Wer unterstützen will, kann dort auch Fördermitgliedschaften abschließen.

Fatma Kar: Wir wollten „nicht mehr nur rübergucken und sagen, das sind halt alles Nazis“

Gleichzeitig ermögliche Polylux es Leuten auf einfachem Weg, Projekte zu unterstützen. So könne gemeinschaftliche Verantwortung verlagert werden – und wenigstens materiell ein Teil der Last von den Schultern der direkt Betroffenen heruntergenommen werden. Damit antwortet der Verein, der sich lieber als Netzwerk versteht, auf den gesellschaftlichen Rechtsruck. Wir wollten „nicht mehr nur rübergucken und sagen, das sind halt alles Nazis“, sagt Kar.

Sie selbst lebt seit zehn Jahren in Berlin und genießt es, dort „einfach in der Masse unterzugehen“. Doch es sei dem Team wichtig, nicht mit einer großstädtischen Arroganz aufzutreten, betont sie – nach dem Motto: „Wir kommen aus Berlin und erklären euch, wie es funktioniert, weil wir Großstädter wissen, wie es geht.“

Polylux will auch die „unbequemen“ Projekte unterstützen

Die Idee von Polylux setzt dort an, wo staatliche Strukturen bröckeln. Dass es Bedarf gibt, zeigte etwa ein offener Brief verschiedener Demokratieprojekte vom vergangenen Oktober an die zuständige Bundesministerin Franziska Giffey (SPD). Durch angekündigte Umstrukturierungen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ sahen sie ihre Arbeit gefährdet. In dem Schreiben heißt es: „Die Zivilgesellschaft mit ihren Projekten und Initiativen ist dabei oft unbequem, sie stößt an Strukturen, deckt Fehler auf, kommt zu unangenehmen Schlüssen. […] All das ist notwendig, um Fehler und Bedarfe zu finden, um innovativ reagieren zu können, um letztlich gute Arbeit im Sinne des Grundgesetzes leisten zu können“.

Polylux verzichtet deshalb auf einen gemeinnützigen Status: Um jene „unbequemen“ Projekte, wenn es sein muss, auch unabhängig von staatlicher Förderung zu ermöglichen.

Katalysator für die Idee von Polylux waren auch Fälle wie der von „Miteinander e.V. – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt“. Der Verein geriet im Sommer 2018 unter Beschuss durch die AfD in der Landesregierung. Die Fraktion stellte unter Berufung auf das Neutralitätsgebot die Finanzierung des gemeinnützigen Vereins infrage. Teile der CDU-Fraktion stiegen mit ein.

„Ich finde, bei Antirassismus gibt es keinen neutralen Standpunkt", sagt Kar

Nicht nur wurde dadurch der jahrzehntelange Kampf des Vereins gegen Rechtsextremismus mit Bildungs- und Beratungsangeboten durch die angedrohte Streichung der Zuschüsse konkret gefährdet: Seit der Zeit habe es immer mehr Angriffe gegeben, viele Projekte seien delegitimiert worden, erinnert sich Kar. Sie denkt dabei an das Treibhaus Döbeln, das Dorf der Jugend in Grimma, das Akubiz in Pirna. Alles Projekte der Jugendarbeit, die durch ihre Positionierung gegen rechts zur Zielscheibe der AfD werden. In der Folge bangen sie um ihre Existenz.

Es gelinge Rechtspopulist:innen immer wieder, sich einerseits selbst als zugehörig zum demokratischen Spektrum und zur gesellschaftlichen „Mitte“ darzustellen, und zugleich – sobald sie mit Kritik konfrontiert seien – „den Fokus auf die Linke“ zu lenken. Der Blick verschiebe sich nach links – und der Diskurs nach rechts.

Das sei deshalb oft möglich, weil hierzulande die Annahme vorherrsche, extreme Ideologien existierten ausschließlich außerhalb der vermeintlich neutralen „Mitte“ der Gesellschaft. Von öffentlich geförderten Initiativen werde erwartet, sich in deren Spektrum zu bewegen. Für Fatma Kar geht die Diskussion am Thema vorbei: „Ich finde, bei Antirassismus gibt es keinen neutralen Standpunkt.“

Neonazis: „Es wird halt nicht weniger werden"

Mit dieser Haltung scheint Polylux nicht allein. Die Resonanz ist unerwartet hoch. Das freut die Ehrenamtlichen, fordert sie aber auch. Förderrichtlinien sollen noch erstellt, ein übergeordnetes Gremium besetzt, eine feste Stelle geschaffen werden.

Doch die Notwendigkeit für Orte – gerade im ländlichen Osten, wo es an Infrastruktur fehlt, wo die neue und alte Rechte die einzigen Räume vereinnahmt, die Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen – diese Notwendigkeit besteht und wächst. Das ahnt Kar auch mit Blick auf das anstehende Ost-Wahljahr: „Es wird halt nicht weniger werden.“ (Von Antonia Groß)

Es hat gedauert, den Verantwortlichen im Westen zu erklären, dass Nazis im Osten auch ihr Problem sind. Ignoranz kann sich bitter rächen. Die Kolumne.