Die Folgen des Kriegs in Syrien haben viele der Schülerinnen und Schüler in den Camps traumatisiert. Die Lehrkräfte versuchen zu helfen.
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Die Folgen des Kriegs in Syrien haben viele der Schülerinnen und Schüler in den Camps traumatisiert. Die Lehrkräfte versuchen zu helfen.

Kinder im Bürgerkrieg

Mathematik statt Feldarbeit

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Vier Stunden Unterricht, Zugang zu Wasser und Medizin: Mehr als 7000 geflüchtete Kinder unterstützt der Verein „Zeltschule“ in Syrien und dem Libanon. Doch die Corona-Krise bedroht diese Arbeit, sagt Gründerin Jacqueline Flory

Eine medizinische Versorgung in den syrischen Flüchtlingscamps gibt es nicht. „Von Anfang an haben wir daher in der Corona-Krise stark auf Prävention und Aufklärung gesetzt“, berichtet Jaqueline Flory, die mit ihrem Verein „Zeltschule“ vor Ort Hilfe leistet. Es sei allerdings nicht einfach gewesen, die Menschen in den Lagern darauf aufmerksam zu machen, „wie wichtig es ist, Masken zu tragen und sich die Hände regelmäßig zu desinfizieren. Denn die Corona-Krise empfinden die Familien dort nicht als ihr größtes Problem.“

Flory fürchtet, dass es bei einem großen Ausbruch der Krankheit in einem der Lager zu einem Massensterben kommen könnte, denn die syrischen Flüchtlinge hätten keine Chance, in den ohnehin schlecht ausgestatteten libanesischen Krankenhäusern behandelt zu werden.

Im Libanon und in Syrien gibt es 34 Zeltschulen

Doch bisher sei der Katastrophenfall zum Glück nicht eingetreten. Auch schwere Verläufe habe es noch nicht gegeben. „Wenn jemand Erkältungssymptome hat, isolieren wir ihn in Quarantänezelten. Da es keinerlei Testmöglichkeiten gibt, wissen aber wir nicht, ob jemand tatsächlich an Covid erkrankt ist.“ Und selbstverständlich achtet sie bei Besuchen vor Ort penibel darauf, sich und andere zu schützen, um das Virus nicht zu verbreiten.

Der Verein „Zeltschule“ betreibt 34 Schulen im Libanon und in Syrien.

Auf Initiative ihres gemeinnützigen Vereins „Zeltschule“ werden derzeit 7200 Flüchtlingskinder im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Libanon unterrichtet. Ohne dieses Engagement würde diese junge Generation vermutlich ohne Schulbildung aufwachsen. Florys Verein errichtet Zeltschulen oder mietet Räume an. Vor fünf Jahren wurde die erste gegründet, mittlerweile sind es 34 an der Zahl, die Hälfte davon im Libanon und die andere in Syrien.

Lehrkräfte haben vorher an Syriens staatlichen Schulen gearbeitet

Die kleinste misst 25 Quadratmeter, die größte 200 Quadratmeter; allein dort werden übrigens rund 700 Kinder von Lehrkräften nach dem syrischen Curriculum in den Fächern Arabisch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften ehrenamtlich unterrichtet. „Oft haben wir ein vierstündiges Schichtsystem, um mehr Kinder im Wechsel von morgens bis abends unterrichten zu können. Manche von unseren 36 Lehrkräften, die zuvor an staatlichen Schulen in Syrien unterrichtet haben, arbeiten freiwillig zwölf Stunden am Tag ohne Bezahlung. Ferien gibt es in den Flüchtlingscamps nicht“, berichtet Flory. Da die Lehrkräfte ebenfalls Fluchterfahrungen haben, „können sie die traumatisierten Kinder besser verstehen und auffangen“.

Jacqueline Flory (45) ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Zeltschule“. Die Münchnerin ist freiberufliche Dolmetscherin für Arabisch und hat zwei Kinder, mit denen sie regelmäßig in den Libanon reist.

Aus Sicherheitsgründen nennt der Verein die genauen Standorte nicht, weil im Krieg die staatlichen Schulen Syriens immer wieder das Ziel von Angriffen waren. „Aktuell sind 80 Prozent der Schulen in Syrien zerstört“, sagt Flory. Ihre Hoffnung, dass die Kinder eines Tages dorthin wieder zurückkehren können, habe sich mittlerweile zerschlagen.

Als die 45-jährige Münchnerin und alleinerziehende Mutter vor sechs Jahren mit dem Projekt startete, kam ihr das gar nicht vor „wie eine Mammutaufgabe. Ich wollte es einfach versuchen und schauen, ob es klappt.“ Neun Monate lang sammelte die freiberufliche Dolmetscherin für Arabisch, Spanisch und Englisch dafür Spenden an der Grundschule ihrer Kinder.

Erst als ein Filmteam sie schließlich in den Libanon begleitete, um den Bau der ersten Zeltschule zu dokumentieren, habe sie den Druck gespürt, womöglich zu scheitern. Doch das Vorhaben glückte – und nach dem Bericht im bayerischen Fernsehen habe sie „ein überwältigendes Feedback“ aus dem ganzen Land bekommen: „Innerhalb von wenigen Wochen konnten wir drei weitere Schulen gründen. Mein Projekt entwickelte dadurch solchen einen Drive und eine Kraft, dass ich damit nicht mehr aufhören wollte.“

Im vergangenen Jahr baute der Verein zehn weitere Schulen auf; doch derzeit ist die Situation schwierig. Seit Jahresbeginn verzeichnet die Organisation einen Spendeneinbruch, und auch die 40 deutschen Partnerschulen, die normalerweise auf Advents- oder Ostermärkten oder bei Spendenläufen Geld sammeln, haben dazu wegen der Pandemie nur noch wenig Gelegenheiten. „Hinzu kommt, dass viele Menschen in Deutschland gerade selbst existenzielle Sorgen haben und zurückhaltender bei zusätzlichen Ausgaben sind.“

Corona-Krise und Hyperinflation: Verein steht vor finanziellen Hürden

Darüber hinaus haben Flory und ihre Mitstreitenden aktuell mit hohen Kosten zu kämpfen: „Im Libanon gibt es eine Hyperinflation. Das libanesische Pfund ist so gut wie nichts mehr wert“, so beschreibt Flory die desolate Lage im Land. „Viele Artikel gibt es gar nicht mehr und teilweise werden sie für den 20- bis 40-fachen Preis verkauft. Eine Flasche Wasser kostet in Beirut momentan zehn Dollar.“ Zudem muss der Verein in die Lager die doppelte Wassermenge transportieren, weil sich die Menschen häufiger die Hände waschen. Weitere Ausgaben entstehen durch die Anschaffung von Mund-Nasen-Schutzmasken sowie Desinfektionsmitteln.

Was tun?

Wer selbst aktiv bei dem Verein „Zeltschule“ mitmachen möchte, kann sich per Email melden unter info@zeltschule.org. Auch Spenden werden derzeit dringend benötigt, um verschiedene Hilfsprojekte zu finanzieren. Infos unter www.zeltschule.org

Das Engagement von Flory hingegen ist ungebrochen: Wie so oft nutzt die alleinerziehende Mutter die Schulferien auch aktuell, um mit ihren beiden Kindern die Menschen in den Lagern zu besuchen und nach dem Rechten zu schauen. „Auch wenn die Situation in den Lagern oft belastend ist, hilft uns der Gedanke, dass wir da sind, um den Geflüchteten zu helfen und deren Lage zu verbessern.“

Ihren Kindern, dem zehnjährigen Linus und der zwölfjährigen Lilith, sei bei Besuchen aufgefallen, wie dunkel es in den fensterlosen Zelten ist, und dass die Kinder gar keine Spielsachen besitzen. „Daraufhin hat unser Verein beschlossen, 3000 Spielzeuge zu verteilen.“

Insbesondere im Libanon ist die Lage in den Camps prekär, denn für syrische Flüchtlinge gilt ein Arbeitsverbot. „Die Familien müssen aber eine Zeltmiete zahlen an die Verwalter der Camps“, berichtet Flory. Oft bleibt den Familien dann nichts anderes übrig, als die Kinder zur Feldarbeit zu schicken. „Lastwagen sammeln die Kinder morgens ein und bringen sie auf die Felder. Das verdiente Geld müssen sie abends meist gleich wieder abgeben, um die Miete zu bezahlen.“ Aus diesem Grund unterstützten Flory und ihr Verein die Familien auch finanziell: „Wir übernehmen die Zeltmiete, damit die Kinder nicht arbeiten gehen müssen, sondern zur Schule gehen können.“ Aber auch Nahrungsmittel und Medikamente erhalten die Flüchtlinge.

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Lockdowns gab es auch im Libanon – allerdings aus politischen Gründen, betont Flory: Denn da es kaum belegbare Zahlen zu den Corona-Infektionen gebe, habe die libanesische Regierung den Lockdown verhängt, „wenn die Massendemonstrationen gegen die katastrophale Situation im Land überhandnahmen“. Im Zuge dessen musste der Verein bereits schon dreimal die Schulen schließen. „Das war sehr schlimm für die Familien. Ihre größte Sorge war, dass die Schließungen endgültig sind und die Schulen nie wieder öffnen.“

Doch kurzerhand habe sich auch für dieses Problem eine Lösung finden lassen: „Unser Verein hat mehrere Tausend SIM-Karten gekauft und in den Camps verteilt. Die meisten Familien haben als einzigen Besitz ein Handy, weil das die einzige Kontaktmöglichkeit zu ihren Verwandten ist.“ Die Lehrkräfte drehten Videotutorials, verschickten sie per Whatsapp an die Kinder und verteilten außerdem noch Arbeitsblätter im Camp, die sie vor die Eingänge der Zelte legten. Schließlich sei das Nichtstun das Schlimmste für die Kinder.