Maimuna Sallah startete in Bremen eine Petition.
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Maimuna Sallah startete in Bremen eine Petition.

Rassismus in der Schule

Schluss mit dem Kolumbus-Mythos

  • Alicia Lindhoff
    VonAlicia Lindhoff
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Kinder und Jugendliche sollen im Unterricht mehr über Rassismus und die deutsche Kolonialgeschichte lernen, fordert eine Initiative. Fast 100.000 Menschen haben ihre Petition schon unterzeichnet.

Als Mitte vergangenen Jahres auch in Deutschland Zehntausende mit erhobenen Fäusten und „Black Lives Matter“-Plakaten auf die Straßen gingen, da war das für manche eine Überraschung. Für Maimuna Sallah dagegen war es ein Moment, auf den sie lange gewartet hatte. Und sie glaubt, dass es auch vielen anderen Schwarzen Deutschen so ging. „Plötzlich gab es da einen Anknüpfungspunkt, um in der Gesellschaft über ein Thema zu reden, das einen schon ein ganzes Leben begleitet hat.“

Die Masterstudentin aus Bremen ging nicht nur demonstrieren, sie recherchierte auch online, suchte nach Vernetzung. Und stieß dabei auf eine Petition, die viele der Gedanken in Worte fasste, die ihr selbst seit Jahren durch den Kopf gingen. „Black History in Deutschland: Rassismuskritische Lehre in Schulen“ – so der Titel. Zentrale Forderungen: Die deutsche Kolonial- und Migrationsgeschichte soll ausführlicher und kritischer in Lehrplänen behandelt werden, Rassismuskritik fester Bestandteil des Lehramtsstudiums sein.

Kolonialgeschichte und Rassismus sind eng verknüpft

Es sind Forderungen, die Fachleute wie Josephine Apraku schon länger vertreten. Die Afrikawissenschaftlerin, die 2013 das Institut für diskriminierungsfreie Bildung gründete, hat Unterrichtsmaterialien zur deutschen Kolonialgeschichte untersucht. Sie ist überzeugt: Nur wer sich mit dieser Vergangenheit beschäftigt, kann auch den Rassismus von heute verstehen und bekämpfen.

Zwar wird die deutsche Kolonialgeschichte nach Jahren der Kritik inzwischen in den Schulbüchern der meisten Bundesländer verhandelt. Doch Fachleute kritisieren, dass dabei meist ein extrem eurozentrischer Blick vorherrsche. Typische Beispiele: Wenn historische Personen wie Kolumbus als „Entdecker“ glorifiziert werden, als hätten in den „entdeckten“ Regionen nicht seit Jahrtausenden Menschen gelebt. Wenn die Kolonialzeit nur als Gerangel der europäischen Mächte untereinander verhandelt wird, antikolonialer Widerstand etwa der Herero und Nama gegen die Gewalt der deutschen Kolonisatoren aber unerwähnt bleibt. Oder wenn die Kolonialzeit als etwas abgeschlossenes ohne Bezug zur heutigen Zeit betrachtet wird, obwohl sie die globale Machtverteilung bis heute prägt.

Wer weiß schon von Kants Antisemitismus?

Und wie kann es sein, fragt sich Maimuna Sallah schon länger, dass sie in Schule und Philosophiestudium jahrelang Kant gelesen hat, ohne dass jemals dessen rassistische und antisemitische Äußerungen thematisiert wurden – während Denker:innen aus anderen Teilen der Welt überhaupt keine Rolle gespielt hätten.

Die Initiative spricht ihr also aus der Seele. Sie beschließt, sich mit einer eigenen Petition an die Bremer Bildungssenatorin zu beteiligen. Damit reiht sie sich ein in eine wachsende Gruppe von Initiativen und Einzelpersonen. Inzwischen sind bis auf das Saarland alle Bundesländer dabei.

Auch Baden-Württemberg. Dort steht unter anderem Teresa Heinzelmann dahinter. Die 24-Jährige Studentin wohnt derzeit im baden-württembergischen Biberach, mehr als 700 Kilometer entfernt von Bremen. Teresa Heinzelmann ist weiß. Zwar habe sie Rassismus natürlich immer abgelehnt, „aber früher dachte ich, die Lösung wäre ‚Farbenblindheit’“. Eine Illusion, glaubt sie heute. „Auch ich trage durch meine Sozialisation Rassismus in mir. Und will dafür Verantwortung übernehmen.“ Im Studium fing sie an, postkoloniale Theorien zu lesen, mit Bezug zu Museumskontexten. „Mir ist wichtig, dass mehr Menschen anfangen, sich mit Diskriminierungen auseinanderzusetzen und sich selbst zu bilden.“ Am besten schon in der Schule.

Fast 100.000 Menschen haben die Petition unterzeichnet

Mit ihren Mitstreiterinnen Samrawit Araya und Yasmin Nasrudin startet sie nicht nur die entsprechende Petition in Baden-Württemberg, die drei kontaktieren auch Lokal- und Landespolitiker:innen an, sprechen mit dem Regionalfernsehen, vernetzen sich mit anderen antirassistischen Initiativen, die es „selbst in Mini-Gemeinden“ gebe. Inzwischen haben sie sogar ein landesweites Bündnis gegen Rassismus gegründet, um die Kräfte pünktlich zur Landtagswahl im März zu bündeln. Außerdem treffen sie sich regelmäßig per Videoschalte mit anderen Petitionsstarter:innen wie Maimuna Sallah, vor Weihnachten sogar wöchentlich. Gemeinsam planen sie Social Media-Aktionen, sprechen über Erfolge und Hindernisse.

Und die Arbeit von Bremen bis Biberach zahlt sich aus: Die Sammelpetition wächst und wächst. Bis heute haben fast 100 000 Menschen unterzeichnet. Die Initiative hat, so scheint es, einen Nerv getroffen.

Teresa Heinzelmann ist in Baden-Württemberg aktiv.

Dabei sehen sie sich nur als Impulsgeber:innen: „Wir haben nicht alle Antworten, aber wir wollen, dass die Politik endlich den Expert:innen, die eine solche Reform begleiten könnten, die Tür öffnet“, sagt Heinzelmann.

Geboten sei das schon alleine deswegen, weil es den Lebensrealitäten von immer mehr Schülerinnen und Schülern entspreche. „Die Schülerschaft ist heute superdivers“, sagt Maimuna Sallah. Viele der Kinder und Jugendlichen leben mit Rassismus.“ Darüber zu sprechen bedeutet auch, ihre Alltagserfahrungen anzuerkennen. Deswegen sei es wichtig, Kindern und Jugendlichen auch die Geschichte der Vertragsarbeiter:innen zu erzählen. Denn in vielen Fällen sei das auch die Geschichte der eigenen Großeltern.

Migration und Rassismus prägen Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler

Weil ihr die Anerkennung dieser Lebensrealitäten im Lehramtsstudium fehlte, gab Maimuna Sallah selbst mit Anfang 20 den Plan auf, Lehrerin zu werden. „Ich hatte damals das Gefühl, die Inhalte, die ich im Studium lerne, reagieren überhaupt nicht auf die Schülerschaft, die mir später gegenübersitzen würde.“ Da sei von einem Prototyp-Schüler ausgegangen, der ein eigenes Zimmer und Zugang zu Ressourcen hat, perfekt Deutsch kann und dessen Eltern die Möglichkeit haben, ihn beim Lernen zu unterstützen.

Im Nachhinein bereut die heute 29-Jährige ihre Entscheidung manchmal. „Ich glaube viele von denen, die aus dem Lehramt abwandern, bräuchte es da grade.“ Auch weil die Frage, ob und wie über Rassismus in der Schule gesprochen werde, bis heute hauptsächlich von einzelnen engagierten Lehrkräften abhänge. Die wiederum, wenn sie nicht weiß seien, selbst Diskriminierung erlebten.

Nicht-weiße Lehrkräfte fallen noch immer auf

Wie zur Bestätigung geht am Tag des Interview mit Sallah und Heinzelmann eine Meldung durch die Medien: In Hamburg ist ein Schwarzer Lehrer von schwerbewaffneten Polizisten aus dem Schulgebäude geführt worden. Eine Passantin hatte ihn an einem schulfreien Tag ins Gebäude gehen sehen und ihn wohl aufgrund rassistischer Vorurteile für einen Einbrecher gehalten, auch die Polizei glaubte ihm zunächst nicht, dass an der Schule unterrichte.

Für Maimuna Sallah ist wichtig, dass Rassismus und andere Diskriminierungsformen nicht als ein abgegrenztes Thema behandelt würden, über die man einmal an einem Projekttag spricht und dann nie wieder. „Das muss immer mitgedacht werden, in allen Fächern