Lernen in stylischem Ambiente: Das Tumo-Zentrum in der armenischen Hauptstadt Jerewan. privat
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Lernen in stylischem Ambiente: Das Tumo-Zentrum in der armenischen Hauptstadt Jerewan.

Tumo-Zentren

In jungen Jahren zur Expertin werden

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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In Tumo-Zentren beschäftigen sich Mädchen und Jungen mit Zukunftsthemen wie Robotik. Nach dem Vorbild aus Armenien gibt es jetzt auch in Berlin eine solche Bildungseinrichtung

Auch Angela Merkel war schon dort. In der hochmodernen Bildungseinrichtung für Jugendliche namens Tumo in der armenischen Hauptstadt Jerewan. In einem Youtube-Video ist zu sehen, wie sie im Jahr 2018 in hellgrünem Blazer durch das riesige Gebäude läuft, Jugendlichen die Hände schüttelt, Roboter und Chips begutachtet. Nach ihrem Besuch war Merkel angeblich begeistert von dem Konzept, im Bundeskanzleramt wurde überlegt, wie man eine derartige Einrichtung auch in Deutschland aufbauen könnte.

Den gleichen Gedanken gab es zu dieser Zeit in der staatlichen Förderbank KFW. Chief Digital Officer Michael Strauß hatte in Jerewan ebenfalls das Tumo-Zentrum besichtigt. Gemeinsam mit den KFW-Mitarbeiter:innen im Bereich Bildungsförderung wurde schnell entschieden: So etwas wollen wir auch in Deutschland haben. Im November 2020 war es dann soweit: In Berlin eröffnete das erste hiesige Tumo-Zentrum.

Der Name Tumo ist eine Kurzform für den armenischen Dichter Hovhannes Tumanyan. Inzwischen gibt es in Armenien mehrerer dieser Zentren, auch im Ausland wurde das Konzept wiederholt kopiert: Es gibt Einrichtungen in Paris, Beirut, Moskau, Tirana – und nun eben auch in Berlin-Charlottenburg. Die Zentren sehen alle sehr ähnlich aus – sind mit hochmodernen Arbeitsplätzen und Computern, stylish aussehenden Sitzgruppen, neuester Technik ausgestattet. Und arbeiten nach dem gleichen Konzept, mit der gleichen Software.

Sich für Themen begeistern, die man noch nicht auf dem Radar hat

Bei Tumo können sich Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren anmelden. An Nachmittagen und Wochenenden lernen sie zu Zukunfts-Themen wie Robotik, Animation, Programmierung, 3D-Modellierung, Musik, Film oder Spiele-Entwicklung. Jeder und jede Teilnehmende bekommt einen Coach zugewiesen. In Berlin werden momentan zehn verschiedene Themenfelder angeboten, anfangs nehmen die Jugendlichen an Selbstlernmodulen zu jedem von ihnen teil. Erst danach entscheiden sie sich für die drei Felder, die sie näher bearbeiten wollen. „Wir wollen auf diese Weise erreichen, dass Jugendliche ihren Horizont erweitern und für Themen begeistert werden, die sie vielleicht nicht direkt auf dem Radar hatten. So können gerade auch Mädchen an technische Themen, wie Programmierung oder Jungen an Grafik-Design herangeführt werden“, sagt Robin Hertz, der bei der KFW für Tumo verantwortlich ist.

Es wechseln sich dann Selbstlernphasen mit Workshops im Zentrum ab. „Die Jugendlichen können bis zu zwei Jahre ins Zentrum kommen. Sie werden so zu jungen Experten und Expertinnen für ihre Themen“, sagt Hertz. Das Erreichte, etwa selbstgebaute Roboter, selbst produzierte Filme oder Musikvideos, stellen die Jugendlichen dann in einem Online-Portfolio zusammen, das sie später beispielsweise für Bewerbungen nutzen können.

Die KFW finanziert das Projekt fünf Jahre lang komplett, für die Jugendlichen ist die Teilnahme kostenlos. Die Förderbank betritt mit diesem Leuchtturmprojekt Neuland. Denn eigentlich vergibt sie im Bildungsbereich sonst nur Kredite, etwa an Studierende. Über die Kosten möchte Hertz nicht sprechen. Nur so viel: „Es ist keine kleine Summe die wir hier in die digitale Bildung investieren“ Bezahlt werden müssen nicht nur die Dozenten für die Workshops, der Zentrums-Betreiber Accenture und die Miete für das mehr als 2000 Quadratmeter große vierstöckige Gebäude in der Wilmersdorfer Straße in Berlin, sondern auch die Franchise-Gebühren, die man an Tumo Armenien zahlt und die in Armenien wiederum in Bildungsprojekte fließen.

Für die erste Tumo-Lerngruppe gab es mehr Anfragen als Plätze

„Wir sind überzeugt davon, dass sich diese Investition auszahlt. Die Digitalisierung ist momentan in aller Munde und bei Tumo beschäftigten sich die Jugendlichen mit wichtigen Zukunftsthemen“, sagt Hertz. Ziel sei es, dass auch in anderen Regionen Deutschlands Tumo-Zentren entstehen. Dazu sei die KFW auch bereits in Gesprächen mit anderen Akteuren, etwa Kommunen und Stiftungen, sagt Hertz.

In Berlin ist Tumo gut angelaufen. Auch wenn die Jugendlichen wegen der Corona-Pandemie noch nicht in das Zentrum kommen können, sondern die Workshops nur virtuell stattfinden. Im November gab es für die erste Lerngruppe mehr als 200 Anfragen für 150 Plätze, im Januar lief das zweite Programm an. Perspektivisch sollen jede Woche mehr als 1000 Jugendliche zu Tumo kommen.

Und wie verhindert man, dass nur Jugendliche aus bildungsnahen Familien von Tumo erfahren? Und hauptsächlich Jungen sich für die oft sehr technischen Themen interessieren? „In der ersten Runde haben wir eine Mädchenquote von fast 50 Prozent, das ist sehr erfreulich“, sagt Hertz. „Im Tumo-Zentrum Paris gibt es eine verbindliche Mädchenquote von 50 Prozent. Außerdem kommen dort immer 50 Prozent der Jugendlichen aus den sozial oft abgehängten Banlieues“, sagt Hertz. Solche Regeln habe man in Berlin nicht, aber man behalte das Thema im Blick. Er wünscht sich zudem, dass das Tumo-Zentrum vormittags auch von Schulen genutzt wird. „So könnten wir sehr viele Jugendliche aus allen sozialen Schichten erreichen“, sagt Hertz. Man sei da aber noch ganz am Anfang der Gespräche mit den Bezirken und Schulbehörden.

Was der internationale Erfolg des Tumo-Konzepts zeigt ist, dass auch ein Industrieland wie Deutschland viel von einem kleinen Schwellenland wie Armenien lernen kann. Selbst finanzschwache armenische Familie legen traditionell sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder. Und insbesondere der IT-Sektor wächst in dem Land mit nur drei Millionen Einwohnern stark.