„Wenn das Arbeitsblatt als PDF auf dem Ipad bearbeitet wird“, dann ist das für Marina Weisband „einfach das Schlimmste aus beiden Welten“.
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„Wenn das Arbeitsblatt als PDF auf dem Ipad bearbeitet wird“, dann ist das für Marina Weisband „einfach das Schlimmste aus beiden Welten“.

Digitalisierung

Höchste Zeit, Schule zeitgemäß zu denken

  • Sabrina Butz
    vonSabrina Butz
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Das „autoritäre System Schule“ soll sich ändern: Marina Weisband, Grünen-Politikerin und Netz-Expertin, will mit der Plattform „Aula“ Jugendlichen und Lehrkräften die Möglichkeit geben, das gesamte Lernumfeld aktiv mitzugestalten. Erste Projekte laufen bereits.

Für Millionen Kinder und Jugendliche findet Schule im Moment vor allem an einem Ort statt: zu Hause, vor dem Familienrechner, Laptop oder dem staatlich gestellten Tablet. Während die Kommunikation mit den Lehrkräften im ersten Lockdown manchmal überhaupt nicht klappte, haben viele Schulen inzwischen gezwungenermaßen ihre digitale Infrastruktur verbessert.

Doch mit zeitgemäßem Unterricht hat dieses „Not-Distanz-Lernen“ nach wie vor nicht viel zu tun. So sieht es zumindest Marina Weisband, ehemals politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, heute vor allem Expertin für das Zusammenspiel von Bildung und Digitalisierung. Sie sagt: „Wenn das Arbeitsblatt als PDF auf dem Ipad bearbeitet wird, ist das einfach das Schlimmste aus beiden Welten.“

Das Wort „zeitgemäß“ fällt oft im Gespräch mit der Diplom-Psychologin – denn vieles, was heute an Schulen passiert, ist das aus ihrer Sicht gerade nicht. Das habe vor der Pandemie gegolten, und verschärfe sich jetzt durch das Homeschooling noch. Zwar gehört Weisband zu den Menschen, die man früher Netzaktivisten nannte, und erklärt seit Jahren in Talkshows, Kolumnen oder Vorträgen, welche Chancen das Internet bietet und wie digitale Werkzeuge die Mitbestimmung erleichtern könnten. Aber Digitalisierung ist für die 33-Jährige kein Selbstzweck. Einen „großen Verstärker“ nennt Weisband sie in ihren „5 Thesen zur Digitalen Bildung“, die sie schon Ende 2019 für das Grundsatzprogramm der Grünen in Nordrhein-Westfalen geschrieben hat: „Digitalisierung kann sowohl einen freien, individuelleren, kompetenzorientierten Unterricht verstärken, als auch ein Schulsystem, das stärker auf Kontrolle und Überwachung […] setzt.“ Zeitgemäße Bildung heißt für sie, nicht nur das zu digitalisieren, was schon ist, sondern das, was ist, zu verändern.

Es geht um Selbstwirksamkeit und ein „Gefühl der Ohnmacht“

Um Schulen bei dieser Transformation zu unterstützen, hat Weisband 2014 das Partizipationsprojekt „Aula“ ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Das „autoritäre System Schule“ auf den Pfad der zeitgemäßen Bildung zu bringen, also mediale, digitale und demokratische Bildung zu verknüpfen. Träger ist der Verein „Politik-digital“, auch die Bundeszentrale für Politische Bildung ist mit im Boot.

„Aula“ ist eine Online-Plattform, über die verschiedene Ideen und Veränderungswünsche geteilt, diskutiert, hinterfragt, umgedacht – und bei Abstimmungserfolg am Ende umgesetzt werden. Es geht dabei um große Ziele: Jugendliche sollen Selbstwirksamkeit erfahren, „Aula“ will von unten nach oben „gegen das Gefühl der Ohnmacht“ angehen.

Will das, was ist, verändern: Marina Weisband.

Denn Marina Weisband ist sicher, dass die digitale, globalisierte und immer komplexere Welt Menschen in einer „Konsument:innenhaltung“, wie sie es nennt, überfordert. Aus dieser Überforderung entstünden Schwarz-Weiß-Weltbilder, Populismus, Verschwörungserzählungen. Eine Feindseligkeit gegen „die da oben“, die schon in der Schule beginne, wenn Jugendliche die ihnen übergestülpten Entscheidungen der Schulleitung nicht nachvollziehen können. Und gegen dieses Gefühl der Ohnmacht, gegen den resignierten Rückzug aus der Gesellschaft, brauche es mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung: „Die Macht dazu, die eigene Stimme zu erheben und als Gruppe voneinander zu lernen.“

Die Idee zu „Aula“ kam Weisband in ihrer früheren Arbeit als politische Geschäftsführerin der Piratenpartei. Sie habe gemerkt, dass sie und die meisten, mit denen sie zusammenarbeite, „keine optimalen Fähigkeiten haben, demokratische Prozesse vorzubereiten“. Weil Schule autoritär sei, lerne man nicht, selbst aktiv zu werden.

„Eine gemeinsame Entdeckungsreise zur Überwindung des Nicht-Wissens“

Fragt man Weisband nach ihrer Vision einer zeitgemäßen Schule, fragt sie erstmal zurück, wieviel Zeit man zum Zuhören mitbringt. Und entwirft dann ein großes Gedankengebäude eines gut vernetzten, offenen Schulraums: Sprachen werden von Muttersprachler:innen unterrichtet, es gibt keine strikte Fächertrennung, keine Noten, keine ständigen Tests, mehr Versammlungsräume. Sie spricht von „Lounges“, der selbstständigen Entwicklung von Lernmaterial, einer „gemeinsamen Entdeckungsreise zur Überwindung des Nicht-Wissens“.

Sie hofft, dass „Aula“ ein Schritt auf diesem Weg sein kann. Software und Konzept sind inzwischen an Schulen in verschiedenen Teilen Deutschlands im Einsatz, sechs davon in Berlin. Doch wie sieht der Prozess dort konkret aus?

Zunächst können alle Beteiligten ihre Ideen und Veränderungswünsche in die Online-Plattform hochladen. Die Ideen werden kommentiert, hinterfragt, ergänzt, unterstützt oder abgelehnt. Wenn eine Idee genügend Unterstützer:innen findet, kommt sie in eine „Ausarbeitungsphase“. Die findet offline statt, am besten in einer regelmäßigen „Aula-Stunde“ in einer festen Gruppe. Weisband sagt, zeitgemäße Bildung sei nämlich keinesfalls nur digital: Die direkte Diskussion, das Pläne-Schmieden, das Um-Unterstützung-Werben und das gemeinsame Basteln von Plakaten funktioniere am besten in Gruppen, die regelmäßig reale Treffen abhalten.

Meist geht es zunächst um sehr einfache Veränderungswünsche

Dann kommen die Ideen auf den Tisch der Schulleitung. Die prüft, ob die Regeln, die vorher in einem verbindlichen Vertrag zwischen Schulkonferenz und Schülerversammlung festgelegt wurden, auch eingehalten werden – ob die Ideen also umsetzbar sind. Im Vertrag stehe meist, dass die Veränderungen sich an die bestehenden Gesetze halten müssen und dass keine Personalentscheidungen getroffen werden können. Den von vielen gehassten Erdkunde-Lehrer können die Jugendlichen also auch mit „Aula“ nicht feuern.

In der Praxis seien die meisten Veränderungswünsche und Ideen der Schüler:innen ohnehin eher bodenständig und auf den Schulalltag bezogen: „Die beliebtesten Themen sind Toiletten und Internet“, sagt Weisband. Funktionierendes Wlan an der Schule, klare Regeln zum Umgang mit dem Smartphone, saubere Klos und besseres Toilettenpapier. Ein Schulfest, eine neue Wandfarbe, Getränkeautomaten, ein Sportplatz, anderes Essen, regelmäßige Austauschangebote. Eine Schule habe sich Fortbildungen zum Umgang mit Smartboards für die Lehrer:innen gewünscht oder einen monatlichen Tag Unterricht mit dem Smartphone.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Interessierte können sich unter www.aula-blog.website eine Demoversion der Mitmach-Plattform anschauen. Schulen, die Software und Begleitmaterial nutzen wollen, können sie dort selbstständig und kostenfrei herunterladen. Das „Aula“-Team bietet aber auch an, die Einführung des Programms zu begleiten oder Multiplikator:innen an den Schulen auszubilden.

WEITERLESEN: Auf der Seite www.werkstatt.bpb.de sammelt die Bundeszentrale für Politische Bildung Ideen und Debatten zum Thema „Bildung im Digitalen Wandel“. FR

Die letzte Hürde, die die Ideen nehmen müssen, ist die große digitale Abstimmung. Weisband schlägt dafür etwas vor, das sie „liquid democracy“ nennt, eine Mischform von direkter und repräsentativer Demokratie: Jede Person an der Schule hat genau eine Stimme, kann diese im Einzelfall aber auf eine selbstgewählte andere Person übertragen, wenn sie sich mit einem bestimmten Thema nicht auskennt. Neben der digitalen Plattform bietet „Aula“ passendes Unterrichtsmaterial, zum Beispiel zur Unterscheidung von direkter und repräsentativer Demokratie. Der ganze Prozess wird didaktisch begleitet – auch dafür seien die regelmäßigen „Aula“-Stunden notwendig.

Wegen fehlender Geräte ausgeschlossen worden sei bisher niemand, weil die Plattform niedrigschwellig sei und überall funktioniere, sagt Weisband. Es sei aber ein Problem, dass einige Schulen beim Thema Wlan noch immer so schlecht aufgestellt sind. Die bisher größte Schwierigkeit sind allerdings vergessene Passwörter. Dafür hat das „Aula“-Team inzwischen Hilfe programmiert.

Das Engagement in der Schule soll gestärkt werden

Dadurch dass „Aula“ auch im Unterricht passiere, seien alle Schüler:innen bei den Diskussionen dabei. Aber: „In jedem System machen zehn Prozent der Akteure neunzig Prozent des Inhalts. Das ist ganz normal“, so Weisband. An jeder Schule gebe es „aktive Schlüsselmenschen“, mit denen der Erfolg des Projekts stehe und falle. Denn auf den Anfangsenthusiasmus mit vielen, vielen Ideen und Veränderungswünschen folge immer eine „Frustphase“, in der sich die Beteiligten fragen, warum denn noch nichts passiere. „Demokratie ist ein Arbeitsprozess“ – das müsse man erstmal lernen.

Gerade durch die Motivation und Begleitung der „Schlüsselmenschen“ könne der soziale Zusammenhalt der Schule, das Engagement und das Selbstbewusstsein der Einzelnen gestärkt werden, das hätten die Ausarbeitungen an den ersten Schulen gezeigt. Nach ein bis zwei Jahren laufe die Beteiligung „selbständig und selbstverständlich“ weiter. Die Devise ist Begleitung statt Autorität.

Denn die bisherige Autoritätsrolle des Lehrpersonals sei ein großes Problem im Schulsystem. Lehrer:innen seien in dieser Rolle „gefangen und wollen sich keine Blöße geben, wenn sie unsicher sind“. Auch deswegen würden so wenige digitale Formate und Werkzeuge im Unterricht genutzt. Es gebe zu wenige Fortbildungen und Förderungen. Und wenn es doch in einem Fall kreativ und gut klappe, fehle die Vernetzung zu anderen: „Lehrer:innen haben oft viel zu wenig Zeit und Raum für Austausch untereinander.“

So sei es meist schwierig, Kapazitäten für die „Aula“-Stunde zu finden, obwohl dieser regelmäßige Reflexionsraum unbedingt notwendig sei. Es habe sich aber immer eine Lösung gefunden, einmal wurde die Stunde freiwillig am Nachmittag abgehalten oder Schüler:innen hätten sich bei Interesse in der Pause getroffen, so Weisband.

Die Beteiligungsplattform Aula funktioniert nicht nur für Schulen

Meist werde „Aula“ von Schulen direkt angesprochen und arbeite dann mit den jeweils vorhandenen demokratischen Strukturen zusammen. Bisher ist es bundesweit offiziell an zwölf Schulen eingeführt. Es gibt aber eine „Dunkelziffer“, weil das Programm kostenlos online zur Verfügung steht, erklärt Weisband. Und eine Warteliste, weil die Finanzierung schwierig sei. Zwischen Schul-, Digital- und Demokratie-Förderungen werde gerne untereinander auf die jeweils andere Zuständigkeit verwiesen.

Die Beteiligungsplattform funktioniert nicht nur für Schulen: „Aula“ wird teilweise auch schon auf kommunaler Ebene genutzt, für Jugendforen oder Sportvereine. Auf Dauer soll es weiterentwickelt werden, um auch schon an Grundschulen zu wirken. „Es ist nie zu früh für Beteiligung“, ist sich Weisband sicher. Sie gibt auch zu, dass sie wohl „einen Bias“ habe, einen verzerrten Blick darauf, wer überhaupt Interesse an mehr Beteiligung habe. „Zu uns kommen ja nur die Interessierten“. Das seien besonders oft sogenannte Brennpunktschulen, an denen Mitspracherechte, ein Zusammenhaltsgefühl und funktionierende demokratische Strukturen bisher fehlen.

Momentan besteht das „Aula“-Team aus Marina Weisband in Münster und zwei Kolleginnen in Berlin. Zudem gibt es Multiplikator:innen, die das Projekt in verschiedenen Regionen bekanntmachen und an interessierten Schulen einführen. „Wir arbeiten sehr dezentral, passen auch unsere Arbeitszeiten an die Lebensumstände an.“ Weisband zum Beispiel setze sich oft ab acht Uhr abends nochmal an den Schreibtisch, wenn ihr Kind schlafe.

„Es ist eine große Illusion, dass alle immer aufnahmefähig sind“

Genau diese Flexibilität sei ein Vorteil der Digitalisierung, der auch in der Bildung endlich ankommen müsse. Sie erzählt vom Beginn des „Aula“-Prozesses: Anstatt beim ersten Treffen vor der versammelten Schule erstmal einen halbstündigen Einführungsvortrag zu halten, verschickt Weisband vorab ein Einführungsvideo, das sich alle in ihrem Tempo und immer dann, wenn es ihnen passt, anschauen und Fragen notieren können. Die Sinnhaftigkeit solcher einfachen hybriden Formen sei „kein Geheimnis“ – dennoch seien sie kaum verbreitet. „Es ist eine große Illusion, dass alle immer aufnahmefähig sind.“

Eigentlich könne die Digitalisierung Austausch- und Beteiligungsräume schaffen, zu denen mehr Menschen Zugang haben als bisher. Um Änderungswünsche vor realem Publikum, in diesem Fall allen Schülerinnen, Schülern und den Lehrkräften, vorzustellen, brauche es viel mehr Mut, als diese in einer Online-Plattform hochzuladen oder als Notiz zu hinterlassen. Und Ideen kommentieren kann man auch im Bus oder irgendwo sonst, wo man gerade Zeit hat.

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Geht es um digitale Bildung, fällt in der politischen Debatte meist das Schlagwort der „vier großen K“, der Kernkompetenzen für das Informationszeitalter: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Doch wenn man dahin kommen wolle, müssten die bestehenden Institutionen sich wandeln, sagt Marina Weisband: mehr Autonomie im Einzelnen, mehr Vernetzung im Allgemeinen und überhaupt eine neue Rollenverteilung.

Wenn sie von Lehrkräften hört, vieles davon sei doch schon heute an Schulen gefragt, erinnert Weisband daran, dass Kommunikation, Kollaboration und Kreativität bei Tests bisher als Betrugsversuche gewertet werden. Es könnte anders sein.