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Ein System für Annas, nicht für Hülyas: Melisa Erkurt über Ungerechtigkeit im Schulsystem

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Von: Lisa Winter

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Wenn die Eltern nicht auf dem Gymnasium waren, machen weniger als 20 Prozent der Kinder Abitur oder einen Uni-Abschluss.
Wenn die Eltern nicht auf dem Gymnasium waren, machen weniger als 20 Prozent der Kinder Abitur oder einen Uni-Abschluss. © AFP

Statt Chancengleichheit zu schaffen, verstärkt die Schule Unterschiede noch, sagt Journalistin Melisa Erkurt. Mit ihrer Kritik löst sie eine heftige Debatte aus.

Das Leben ist kein Monopoly-Spiel, sagt Melisa Erkurt. Denn es fangen nicht alle auf demselben Spielfeld an. Ganz im Gegenteil: „Manche von uns fangen 17 Felder weiter hinten an als der Rest.“ So wie sie selbst. Melisa Erkurt ist österreichische Journalistin, Kolumnistin und Bestseller-Autorin. Aber sie ist auch: ein Kind aus einer migrantischen Arbeiterfamilie. Sie hat erlebt, was viele nur aus nüchternen Statistiken wissen: Dass Bildung in Österreich – genau wie in Deutschland – vererbt wird. Dass Kinder wie sie oft auf der Strecke bleiben. Ihre eigenen Erfahrungen und die Beobachtungen, die sie als Lehrerin an einer Wiener Schule machte, hat Melisa Erkurt zu einem Buch verarbeitet: „Generation haram“. Ihre Kritik am österreichischen Bildungssystem hat im Land hohe Wellen geschlagen. Der Journalist Armin Wolf wünscht sie sich als neue Bildungsministerin, die österreichische Wochenzeitung „Der Falter“ und auch die deutsche „taz“ haben sie als Kolumnistin geholt. Andere werten ihr Buch und ihre Kolumnen ab, nennen sie polemisch. Viele Gründe für ein Gespräch mit der Journalistin.

Es ist mal wieder Lockdown in Wien und ein Spaziergang in der kalten Winterluft der einzige Weg, sich persönlich zu unterhalten. Als Treffpunkt schlägt Melisa Erkurt ein Café im 15. Bezirk vor. Ein klassischer Arbeiterbezirk, der dank günstiger Mieten in den vergangenen Jahren zunehmend gentrifiziert worden ist. Früher hat Erkurt selbst in diesem Teil Wiens gewohnt, auch heute ist sie noch öfters dort.

Mit einem warmen Getränk in der Hand geht es ein paar Schritte in gemächlichem Tempo über das Gelände der Schmelz. Die ehemalige Ackerfläche ist schon lange Schrebergärten und Sportplätzen gewichen. „Und das nennen die Wienerinnen und Wiener dann grün“, sagt Erkurt mit Blick auf die betonierten Gehwege und lacht. Es wird überhaupt viel gelacht trotz des ernsten Themas. Über fremde und gemeinsame Erfahrungen, über eigene Unsicherheiten, die sich im Laufe der Zeit als strukturelle Probleme entpuppen.

Melisa Erkurt hatte im Gymnasium das Gefühl, dass dort für Menschen wie sie kein Platz war

Die Erfahrung, anders – oft auch rassistisch – behandelt zu werden, die Schwierigkeit mit anderen mithalten zu können, kennt Melisa Erkurt seit ihrer Kindheit. Doch bis sie begriff, dass das, was sie erlebte, nicht nur ihr persönliches Problem war, sondern ein gesellschaftliches, dauerte es.

Als sie noch ein Baby ist, flüchtet ihre Mutter mit ihr vor dem Bosnienkrieg nach Österreich. Als ihr Vater einige Zeit später nachkommt, weiß Melisa Erkurt nicht genau, wer er ist. Diese Überforderung zu Hause gleicht ihre Grundschullehrerin aus: „Ich wusste, in der Schule, jeden Tag von acht bis zwölf Uhr, ist die Frau Lehrerin da“, erzählt sie, „egal, was daheim ist.“ Jeden Tag habe sie ihnen vorgelesen. Für sie ein Glück. Denn Studien zeigen, dass das Leseverständnis immer stärker von der Herkunft abhängig ist. Genauso wie der Bildungsstatus der Eltern hat auch die Sprache, die zuhause gesprochen wird, einen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder. Viele Schüler:innen werden aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse im Laufe ihrer Schulzeit ausgesiebt. Doch für Melisa Erkurt ist zumindest die Grundschule noch ein Ort der Sicherheit.

Dieses Gefühl ändert sich mit dem Wechsel auf das Gymnasium. Der Leistungsdruck nimmt zu. Sie hat den Eindruck, dass Menschen wie sie dort nicht hingehören. „Besonders nach 9/11 wurde mir klar, dass ich dort als muslimisches Mädchen komisch bin“, erzählt Erkurt. Lehrkräfte haben kein Verständnis für andere Lebensrealitäten, plötzlich ist es ein Problem, dass sie den Islamunterricht besuchen will. Im Alter von elf Jahren bekommt sie den typischen Migrantinnen-Mama-Satz zu hören, wie sie sagt: „Du musst doppelt so hart arbeiten, um dieselben Chancen wie Österreicher zu bekommen.“

Am Anfang ist in Erkurts Klasse noch eine andere Schülerin mit muslimischen Hintergrund, auch ein Arbeiterkind. Sie fällt irgendwann durchs Raster und Erkurt weiß, dass sie die Nächste hätte sein können. Ihr ist klar: „Ich musste funktionieren.“ Schlechte Noten, Schule schwänzen, rebellieren, auch mal faul sein – das kann sie sich nicht leisten. Sie steht unter Stress, will um jeden Preis verhindern, dass ihre Eltern zum Sprechtag an die Schule eingeladen werden. Für Nachhilfe ist kein Geld da. Bis heute verfolgt Melisa Erkurt die Pinnwand ihrer Eltern mit ausstehenden Rechnungen.

Migrantische Jugendliche aus Arbeiterfamilien haben statistisch gesehen geringere Chancen auf das Abitur

Jugendliche mit Migrationsgeschichte und solche, die aus Arbeiterfamilien kommen, haben in Österreich wie in Deutschland statistisch gesehen viel geringere Chancen auf einen hohen Schulabschluss oder eine akademische Laufbahn als ihre Mitschüler:innen aus bürgerlichen Familien ohne Migrationsgeschichte. Wenn die Eltern nicht zum Gymnasium gegangen sind, machen weniger als 20 Prozent der Kinder Abitur oder einen Uni-Abschluss. Andersherum schließen fast 70 Prozent der Kinder aus akademischen Haushalten eine universitäre Ausbildung ab.

Melisa Erkurt aber schafft es. Sie besteht das Abitur, studiert Deutsch, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien. Ihre journalistische Laufbahn startet sie bei „biber“, dem ersten „transkulturellen Magazin für neue Österreicher“, macht später unter anderem Station beim Österreichischen Rundfunk (ORF). Ihre 2016 in „biber“ erschienene Reportage „Generation Haram“ (deren Titel sie später für ihr Buch übernimmt) wurde als Story des Jahres ausgezeichnet. 2020 wählte der deutschsprachige Ableger des Magazin „Forbes“ sie auf ihre „30 unter 30“-Liste für die DACH-Region. Ein Jahr später gründete sie die „Chefredaktion“, ein Medienprojekt auf Instagram von und für junge Menschen.

Melisa Erkurt. Vedran Pilipovic
Journalistin Melisa Erkurt. © Vedran Pilipovic

Aber ist denn ihre eigene Geschichte nicht ein Hoffnungsschimmer? Der Beweis, dass es möglich ist, die Bildungsleiter hochzuklettern?

Melisa Erkurt sieht es nicht so. Ja, sie habe es mittlerweile geschafft, den Vorsprung der anderen aufzuholen, sagt sie in Anspielung auf ihr Monopoly-Beispiel. Gewonnen habe sie aber nicht. „Wie kann ich gewinnen, wenn ich dreimal so viel leisten muss und dabei womöglich am Ende total ausgebrannt ankomme?“ Manchmal fragt sie sich auch, wo sie jetzt erst stünde, wenn sie von Anfang an mit den gleichen Chancen gestartet wäre.

Außerdem ist Melisa Erkurts eigene Geschichte eher eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Dass das Versprechen von der Bildungsgerechtigkeit auch Jahre nach ihrer eigenen Schulzeit noch ein Mythos ist, hat Melisa Erkurt spätestens verstanden als sie im Schuljahr 2018/2019 ein Jahr lang als Deutschlehrerin an einem Wiener Gymnasium arbeitete. In vielen der Jugendlichen sah sie ihre eigene Geschichte gespiegelt. Etwa in ihrer Schülerin Hülya, deren aussichtslose Lage Melisa Erkurt sehr nahe ging, wie sie in ihrem Buch schreibt. Sie erinnert sich an eine Situation, in der Hülya im Fach Deutsch wieder ein ungenügend geschrieben hatte, obwohl sie sich anstrengte. Die aufmunternden Worte Erkurts halfen kaum über ihre Enttäuschung hinweg. „Hülya glaubt sowieso längst, dass sie nicht gut genug für das Gymnasium ist. Politik und Gesellschaft glauben es auch“, schreibt Erkurt. Und Lehrkräfte, die Hülya schon länger unterrichteten, rieten dem Mädchen immer wieder zu einem Schulwechsel. Für Extras wie Nachhilfe war auch in Hülyas Familie das Geld zu knapp.

 „Wie kann ich gewinnen, wenn ich dreimal so viel leisten muss und am Ende total ausgebrannt bin?“ 

Melisa Erkurt

Für Melisa Erkurt steckt dahinter ein grundlegendes Problem: Die Grundschule soll in vier Jahren ausgleichen, was die Kinder an ungleichen Startbedingungen mitbringen. Doch diese Rechnung geht nur selten auf. Wenn die Kinder auf die weiterführende Schule kommen, haben sie längst nicht alles aufgeholt – und sind dann auf sich alleine gestellt. Nichts scheint sich geändert zu haben, seit Melisa Erkurt selbst Schülerin war. Ihr ernüchterndes Fazit: Das Schulsystem ist für Pauls und Annas gemacht, nicht für Hülyas und Mohammeds.

Um diese strukturellen Probleme zu überwinden, und damit zukünftige Generationen nicht auch noch ähnliche Schicksale erleben müssen, formuliert Erkurt klare Forderungen. Es brauche Ganztagsschulen. Allerdings qualitativ hochwertig, betont sie, nicht so wie in Deutschland. Ganztagsschulen müssten für Kinder gemacht sein, nicht dafür, dass Eltern möglichst lang einer Lohnarbeit nachgehen können. Während sie im Kopf die perfekte Ganztagsschule entwirft, sprudeln die Ideen aus ihr heraus: „Es braucht Musikpädagog:innen, Sportpädagog:innen, Gesundheitspersonal und Nachhilfe.“ Es brauche zudem Mehrstufen- und Integrationsklassen, damit möglichst viele verschiedene Kinder miteinander lernen könnten.

Außerdem sei Bildungspolitik auch Wohnpolitik. Gerade in ärmeren Stadtteilen müsste es die Schulen mit dem besten Angebot geben. Aber keine der Bildungsminister:innen in Österreich habe soziale Ungleichheit in den Fokus genommen. Vielmehr verschärfe das Schulsystem diese noch. Dass sich das in Zukunft ändert, sieht Erkurt nicht. Stattdessen versuche man sich mit kleineren Reformen zu helfen. Sarkastisch fragt sie: „Wieso sollte sich ein Minister auch den Aufwand eines kompletten Wandels antun, womöglich einige erzürnen, wenn die ‚eigenen‘ Kinder nicht davon betroffen sind?“

Journalistin Melisa Erkurt und ihre Ideen für ein besseres Bildungssystem

Immerhin: Ihr Buch „Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“ landete direkt nach der Veröffentlichung an der Spitze der Sachbuch-Bestsellerliste in Österreich. Es hat die Debatte über Chancengleichheit in Österreich – und auch in Deutschland – für eine Weile wieder angefacht. Inzwischen ist eine dritte Auflage gedruckt und Leser:innen berichten ihr auf allen Kanälen von eigenen Erfahrungen, die oft noch viel schlimmer seien.

Dass ihr Buch ein solcher Erfolg werden würde, damit hatte Erkurt nicht gerechnet. Wen interessiere schon Bildung, fragte sie sich, und dann gerade aus ihrer Perspektive? Auch diese Selbstzweifel seien Teil ihrer Sozialisation, glaubt Erkurt.

Sie trägt während des Gesprächs einen schwarzen Wintermantel, ihre Locken stecken unter einer Wollmütze. Ihr habe mal jemandem eine teure Jacke geschenkt, erzählt sie. Der Preis habe sie so abgeschreckt, dass sie sich nicht getraut habe, die Jacke anzuziehen. Was, wenn mit der Jacke etwas passiert? „Ich habe nicht gelernt zu genießen“, sagt sie. Auch ihre Karriere und die Auszeichungen nicht.

Trotz des beruflichen Erfolges fühlt sie sich gehetzt. Die Angst, die Miete irgendwann nicht zahlen zu können, treibt sie um. „Ich verdiene viel besser als meine Eltern, ich weiß, dass diese Angst irrational ist. Aber wenn du so aufwächst, dann weißt du, wie es ist, wenn Geld fehlt. Dann kannst du dir nicht vorstellen, dass dir das nicht passieren wird.“

 „Ich kriege zwar einen Tisch im Restaurant, aber den bei der Toilette.“

Melisa Erkurt

Und auch wenn Politik und Medien sie nun gerne als „Pressesprecherin der Migranten“ einladen, hat sie nicht das Gefühl, wirklich in der Dominanzgesellschaft angekommen zu sein. „Ich kriege zwar einen Tisch im Restaurant, aber den bei der Toilette“, sagt sie und bezieht sich damit auf ein Bild den deutschen Soziologen Aladin El-Mafaalani, der zum Zusammenhang zwischen Bildung und Integration forscht.

Und: In der Medienbranche könne eine Karriere auch schnell wieder vorbei sein, gerade als Migrantin. Nach ein paar Jahren sei die eigene Geschichte auserzählt, so Erkurt. Und als Führungskraft eingestellt würde dann doch wieder die weiße Person, die schon immer im Journalismus tätig gewesen sei. Statt gespannt zu sein, was sie auf ihrem beruflichen Weg noch alles erwartet, spukt in ihrem Kopf ein Satz herum: Du musst schauen, dass du in Österreich irgendwie überleben kannst. Denn: „Man wird nicht einfach Teil der Bobo-Bubble, wenn man nicht schon so aufgewachsen ist.“ (Anm. d. Red.: Bobo, eine Zusammensetzung der Begriffe bourgeois und bohémien, bezeichnet in Österreich eine neue Elite, die auf der einen Seite einem wohlhabenden und bildungsbürgerlichen Milieu angehört und auf der anderen Seite einen unkonventionellen und idealistischen Lebensstil pflegt)

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Dass aus Melisa Erkurt eine bekannte Journalistin wurde, ist auch dem Zufall zu verdanken. Als Jugendliche drückte ihr jemand das Magazin „biber“ in die Hand, in dem fast nur Österreicher:innen der zweiten oder dritten Generation schreiben – mit Wurzeln in der Türkei, Serbien, Bosnien, Kroatien und vielen anderen Ländern. Davor habe sie gar nicht gewusst, dass jemand wie sie Journalistin werden könne, sagt sie. Mittlerweile ist Erkurt selbst für viele junge Menschen mit einer ähnlichen Biografie ein Vorbild. Oft wird sie gefragt, wie sie es in den Journalismus geschafft habe.

Um auch diese jungen Menschen abzuholen, und um Hürden auf dem Weg in den Journalismus abzubauen, hat sie ein eigenes Medienprojekt gestartet. Die „Chefredaktion“ ist eine Redaktion für all diejenigen, die sonst kaum in Chefredaktionen zu finden sind: Frauen, junge Menschen, Schwarze, People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte. Das Motto: „Hier wird Journalismus neu gemacht.“ (Lisa Winter)

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