Digitaler Pionier aus Berlin und Geschäftsführer von Jurafuchs: Christian Leupold-Wendling.
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Digitaler Pionier aus Berlin und Geschäftsführer von Jurafuchs: Christian Leupold-Wendling.

App Jurafuchs

Rechtliches Know-How für alle

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Christian Leupold-Wendling hat zusammen mit Freunden eine App für Jura-Interessierte entwickelt. Der Gründer ist überzeugt, dass juristische Bildung in unserer komplexen Welt unabdingbar ist – besonders dort, wo die Rechtsstaatlichkeit bedroht ist

Die besten Gesetze vermögen gegen Gewalt und Sklaverei wenig auszurichten, wenn unterdrückte Menschen ihre Rechte nicht kennen oder die Justiz nicht funktioniert. So geraten etwa indische Steinbrucharbeiter durch unrechtmäßige, wucherische Darlehen immer wieder in Schuldknechtschaft, obwohl das verboten ist. „Es ist wichtig herauszufinden, woran es hakt“, betont Christian Leupold-Wendling.

Bereits als Student der Rechstwissenschaften faszinierte ihn der Ansatz der christlichen Nichtregierungsorganisation International Justice Mission (IJM): Ihr Gründer Gary A. Haugen war Chefermittler für die Vereinten Nationen bei der Untersuchung des Völkermords in Ruanda.

Aufgrund dieser Erfahrung, wo er so großes Leid mitansehen musste, beschloss Haugen, mit juristischen Mitteln gegen Menschenrechtsverletzungen in Entwicklungs- und Schwellenländern anzugehen. Das Konzept: IJM-Mitarbeiter:innen unterstützen in Einzelfällen die lokalen Behörden, damit Rechtsverstöße aufgedeckt werden und vor Gericht tatsächlich geahndet werden.

Der Gründer ist überzeugt, dass sich mit Rechtsstaatlichkeit viele Konflikte lösen lassen

Christian Leupold-Wendling war selbst vor Ort, als die NGO auf den Philippinen die Einsatzkräfte unterstützte, gegen Zwangsprostitution von minderjährigen Frauen vorzugehen. Da dort NGOs als Rechtsvertreter zugelassen sind, half Leupold-Wendling bei einer zuvor streng geheim gehaltenen Razzia in einem Bordell in Manila Beweismittel zu sammeln. „Als ich um vier Uhr morgens zu Hause war, empfand ich ein Wechselbad der Gefühle. Ich war erschöpft und betroffen von dem Erlebten, aber ich hatte auch das Gefühl, das Richtige zu tun.“

Bis heute lautet sein Credo, dass „wir mit Rechtsstaatlichkeit viele Konflikte lösen können“. Gerade in Ländern mit Korruption oder nicht gut ausgebildeten Jurist:innen trage die Zivilgesellschaft eine große Verantwortung, auf die Einhaltung der Rechte zu pochen und auf Missstände hinzuweisen, damit diese behoben werden.

Auch in Deutschland eine Niederlassung der International Justice Mission gegründet

Noch während seines Jurastudiums beschließt Leupold-Wendling mit anderen Ehrenamtlichen, auch in Deutschland eine Niederlassung der International Justice Mission zu gründen, die ihren Hauptsitz in Washington hat. „Es war ein harter Weg, denn jahrelang verfügten wir über keine Mittel“, berichtet der 37-Jährige im Rückblick. Während seines Examens war der Druck durch die Doppelbelastung so hoch, dass er fürchtete, nicht mehr weitermachen zu können. Doch er gab nicht auf: „Mittlerweile sammeln dort mehr als ein Dutzend Festangestellte hohe Spendensummen.“

Nach Studienaufenthalten in Freiburg, im südfranzösischen Aix-en-Provence und in Cambridge begleitete er für die Großkanzlei Hengeler Mueller von 2014 bis 2018 eines der langwierigsten Schiedsverfahren der Bundesrepublik zwischen dem Staat und dem Mautbetreiber Toll Collect. Seine Kanzlei vertrat vor Gericht die Telekom als Gesellschafter von Toll Collect. „Mehr als 100 Schriftsätze wurden gewechselt. Dabei lernte ich, wie wichtig es ist, so zu formulieren, dass die Argumente tatsächlich verstanden und nicht nur irgendwo abgeheftet werden.“

Jurafuchs: Kurze, verständliche Fälle erleichtern den Einstieg

Seit zwei Jahren beschäftigt den Gründer ein ambitioniertes Bildungsprojekt: Zusammen mit seinen beiden engsten Freunden entwickelt er eine juristische Lernapp (www.jurafuchs.de, Monatsabo: 5,99 Euro), die sich an Anfänger:innen und Interessierte ebenso wie an Profis richtet.

Neben Studierenden und Rechtsreferendar:innen haben die App-Entwickler auch Polizist:innen, Sozialarbeiter:innen, Lehrkräfte und Schüler:innen im Blick. „Viele brauchen im Job juristisches Querschnittswissen“, sagt Leupold-Wendling. Aber unsere Demokratie erfordere ebenfalls, „dass Bürgerinnen und Bürger ein Mindestmaß an juristischer Bildung besitzen, zumal immer mehr Bereiche wie die Medizin oder der Weltraum reguliert werden“. Wenn in Debatten über Corona irrtümlicherweise von „Ermächtigungsgesetzen“ gesprochen werde, zeige das, wie wichtig die breite Aufklärung sei.

Aktuell hat die Lernapp Jurafuchs eigenen Angaben zufolge rund 160 000 Nutzerinnen und Nutzern – ein Erfolg. „Allerdings ist das unser zweiter Versuch. Vor zehn Jahren verfolgten wir auch schon diese Idee, aber so etwas lässt sich nur in Vollzeit umsetzen. Damals hatten wir nie genügend Kapazitäten“, sagt Leupold-Wendling, Geschäftsführer von Jurafuchs.

Aktiv Werden

WAS TUN: Wer die International Justice Mission im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen unterstützen will, findet Infos im Netz unter ijm-deutschland.de

WEITERHÖREN: Der Podcast „Recht so“ des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz zeigt auf, wie sich der Rechtsstaat immer wieder auf neue gesellschaftliche Bedinungen einstellt. Ob Datenschutz in Zeiten der Digitalisierung, Reformen des Sexualstrafrechts oder der Hasskriminalität im Internet – immer wieder müssen Grundgesetz, Gesetze und Staatsgewalten zu neuen Antworten finden. Welche und wie sie entstehen, illustriert der Podcast.

Ob das jüngste Urteil zum Berliner Mietendeckel oder alles Relevante zum Strafrecht: Die App hilft dabei, sich ein Überblickswissen zu verschaffen und juristische Sachverhalte besser einschätzen zu können. Bisher greifen viele Studierende privat auf die App zu, aber Leupold-Wendling ist auch mit Hochschulen im Kontakt. Eine Lizenz hat die Uni in Jena erworben. Aber noch hätten es digitale Medien im Vergleich zu den klassischen gedruckten Lehrbüchern schwerer, sich an den Fakultäten durchzusetzen.

„Unser Vorbild ist die Sprachlernapp Babbel, deren Gründer und CTO Thomas Holl auch bei uns beteiligt ist.“ Zentrale Elemente sind dabei Gamification, die Community und das Microlearning: Anhand von nur 280 Zeichen langen Fallbeschreibungen aus der aktuellen Rechtsprechung soll der Einstieg leichtfallen. User:innen können zwischendurch, wenn sie mal ein paar Minuten Zeit haben, die Multiple-Choice-Fragen beantworten. Zur Erläuterung werden zudem Hinweistexte angezeigt. Und um die Motivation zu erhöhen, damit man die App am besten täglich nutzt, gibt es ein Belohnungssystem, etwa bei mehrtägigen Streaks. „Das kann eine ordentliche Wucht entwickeln, denn unsere Daten zeigen, dass die regelmäßige Appnutzung schon nach 13 Tagen in Folge zur Gewohnheit wird“, sagt der gebürtige Berliner.

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Darüber hinaus können User:innen Themen auch bewerten und kommentieren. Ein professionelles Moderationsteam begleitet die juristischen Debatten und versucht Fragen in der Regel innerhalb von 48 Stunden zu beantworten. Allerdings habe sich seit der Pandemie deren Zahl durch längere Lernzeiten stark erhöht, was die Bearbeitung verzögern könne. „Wir hatten zunächst Befürchtungen, dass wir Probleme mit Hate Speech bekommen. Doch bislang sind die Kommentare sachlich. Löschen mussten wir bislang nur einen.“