Marlene Engelhorn ist die Enkelin der Witwe eines Urenkels von BASF-Gründer Friedrich Engelhorn.
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Marlene Engelhorn ist die Enkelin der Witwe eines Urenkels von BASF-Gründer Friedrich Engelhorn.

Umverteilung

Marlene Engelhorn: „Was würdest du machen?“

Sie ist zukünftige Millionenerbin – und will 90 Prozent ihres Erbes abgeben. Für Marlene Engelhorn ist das keine Frage des Wollens, sondern der Fairness.

Von Lisa Winter

Wer mit Marlene Engelhorn ein Interview führt, geht am Ende mit mehr Fragen raus als rein. Immer wieder spielt sie den Ball zurück. Es sei ein Riesenproblem, dass man ihr so viele wichtige Fragen über Geld und Gerechtigkeit stelle, sagt sie. „Wer sagt, dass ich es richtig mache? Wer sagt überhaupt, was richtig ist?“

Spätestens seit Mai dieses Jahres steht ihr Name für Klassenverrat, und zwar der oberen Klasse. Die 29-jährige Germanistikstudentin aus Wien ist zukünftige Millionenerbin und will 90 Prozent ihres Erbes abgeben. Seitdem wird sie als Expertin für Verteilungsfragen durch die deutschsprachige Medienlandschaft gereicht. „Es gibt Leute, die haben das viel besser ausgearbeitet als ich“, sagt sie dazu. „Nur mit denen redet keiner, weil sie nicht reich sind. Warum ist meine Meinung so viel wichtiger?“

Etwa 2000 Menschen besitzen mehr Vermögen als 60 Prozent der Menschheit zusammen

Vermögen und Einkommen sind in der Welt zunehmend ungleich verteilt. Das zeigt der aktuelle Ungleichheitsbericht von Oxfam. Demnach verfügen etwa 2000 Milliardärinnen und Milliardäre über mehr Vermögen als 60 Prozent der Weltbevölkerung. Zudem hat sich die Zahl der Milliardär:innen seit der Finanzkrise 2008 fast verdoppelt. In Österreich und Deutschland sieht es nicht anders aus: Die reichsten zehn Prozent besitzen jeweils mehr als 50 Prozent des Nettovermögens. Ein wichtiger Faktor dabei sind Erbschaften.

Die Grenzen für das Interview hat Engelhorn in einem Vorgespräch abgesteckt: Über Privates wird sie nicht mehr sprechen. Dennoch ist ein Blick auf ihre Familie notwendig, um zu verstehen, warum sie zu der Gruppe der Superreichen gehört. Engelhorns Großmutter ist die Witwe von Peter Engelhorn, der wiederum ein Urenkel des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn und Gesellschafter der Boehringer-Mannheim-Gruppe war. Nachdem letztere für mehrere Milliarden Dollar an den Pharmakonzern Hoffmann-La Roche verkauft wurde, bekam ihre Großmutter sehr viel Geld. Forbes schätzt ihr Vermögen auf 4,2 Milliarden Dollar.

Marlene Engelhorn soll einen zweistelligen Millionenbetrag erben

Medienberichten zufolge soll Marlene Engelhorn einen zweistelligen Millionenbeitrag erben – den sie radikal mit der Gesellschaft teilen will: „Geld ist Macht. Macht ist Einfluss. Und wenn ich merke, andere leiden darunter, dass ich mit viel Macht und Geld ausgestattet bin, dann ist es für mich das Allerlogischste, dass ich teile, was ich habe.“

Wegen Corona verzichtet Engelhorn auf jegliche Begrüßungsrituale. Das Oberteil hat sie in ihre chinoartige Hose gesteckt. Mit einer kurzen Handbewegung wischt sie sich immer wieder die kurzen Haare aus dem Gesicht. Der linke Unterarm ist voller Tattoos. Für das Gespräch geht es in den Josef-Strauss-Park in Wien. Bis auf ein paar Menschen, die Sport machen, ist dort an diesem Vormittag wenig los.

„Die nützlichsten Jobs werden in der Regel am schlechtesten bezahlt“, sagt Marlene Engelhorn

Bevor Engelhorn die Frage beantwortet, was Arbeit für sie bedeutet, unterbricht sie das Gespräch. Ein Straßenkehrer nähert sich der Sitzbank und beginnt um uns herumzufegen: „Wollen wir vielleicht kurz stoppen und Platz machen?“ Die Situation ist banal und steht doch stellvertretend für Engelhorns Haltung. „Die nützlichsten Jobs werden in der Regel am schlechtesten bezahlt. Wessen Arbeit wird besser bezahlt? Warum? Wer darf das entscheiden?“, fragt sie und fügt verärgert hinzu: „Das ist, was mich so krank macht. Meine Arbeit ist mehr wert als deine. Von dem gemeinsam erwirtschafteten Profit nehme ich so gut wie alles und du darfst froh sein, dass ich dafür sorge, dass du über die Runden kommst.“ Was Arbeit für sie bedeutet, möchte sie nicht definieren. Dafür könne man Hannah Arendts Vita Activa lesen. Der Name der Philosophin ist nicht der einzige, der im Laufe des Gesprächs fällt. Engelhorn ist sehr belesen, setzt viel Wissen voraus. Manchmal ist es schwer, ihr zu folgen.

Im Gespräch betont sie immer wieder, dass die Gesellschaft zusammen diskutieren und entscheiden soll. Sei es die Entscheidung darüber, wie sie ihr Erbe verteilen wird, wie Steuergerechtigkeit generell aussehen soll oder was Umverteilung in der Praxis bedeutet. „Ich komme wieder auf die gleiche Antwort zurück, das tut mir total leid. Aber das müssen alle gemeinsam ausdiskutieren. Ich kann und will es nicht vorgeben.“

Zusammen mit anderen Millionär:innen fordert Engelhorn „Tax Me Now“ - „Besteuert mich endlich“

Von Philanthropie à la Bill Gates hält sie nichts. Vermögen sei keine Privatangelegenheit, sondern eine demokratische und müsse dementsprechend umverteilt werden. Ideen, wie das aussehen könnte, gebe es genug. „Ich empfehle zu recherchieren, etwa online oder in Bibliotheken“, entgegnet Engelhorn der Frage nach konkreten Beispielen, bevor sie sich dann doch den ein oder anderen Namen entlocken lässt. Darunter überwiegend französische Wirtschaftswissenschaftler, wie beispielsweise Thomas Piketty. Kein Mensch sei in der Lage, allein zu leben. Menschen seien soziale Wesen. Warum verhalten sie sich dann in der Politik und Wirtschaft nicht so, fragt Engelhorn. „Wer baut die Strukturen aus? Wer hält sie zusammen? Zu wessen Gunsten? Und auf wessen Kosten?“

Mehr als 40 Stunden in der Woche ist sie damit beschäftigt, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. „Wir wirtschaften arbeitsteilig“, sagt sie mit Nachdruck. „Die Frage ist, wessen Anteil an einem gemeinsam erwirtschafteten Vermögen ist mehr wert als ein anderer? Da geht es auch um unsichtbare Sorgearbeit. Warum wird Profit immer von den gleichen abgeschöpft?“ Reiche Menschen müssten reflektieren, was es heißt, vermögend und privilegiert zu sein. Mit der Initiative „Tax Me Now“ setzt sich Engelhorn mit mehr als 50 weiteren Netto-Millionär:innen für eine Vermögenssteuer und höhere Erbschaftssteuern ein. Doch eine Steuerreform könne nur ein Puzzleteil sein, sagt sie.

Die Erbin will ihr Vermögen und ihre Privilegien für soziale Gerechtigkeit einsetzen

„Eine Besteuerung bügelt nur das aus, was in der Primärverteilung schiefgeht“, so Engelhorn. Die Primärverteilung setze an der Ursache an, die müsse besprochen werden. Nicht nur von den unteren 90 Prozent, auch von den oberen zehn. Dafür vernetzt sich Engelhorn mit anderen ihrer sozialen Klasse aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihr Ziel ist es, Möglichkeiten zu finden, wie sie ihr Vermögen und ihre Klassenprivilegien für soziale Gerechtigkeit einsetzen können.

Ist ihr Engagement mutig? Es sei das Mindestmaß an Respekt, sagt Engelhorn. Mutig seien die Menschen, die sich gegen soziale Ungerechtigkeiten wehren, weil sie selbst davon betroffen sind. Und die, die jeden Tag alles tun, um ihre Familie durchzubringen. Beim Gedanken daran bekommt sie sichtlich Gänsehaut. Sie habe das Privileg, abgesichert zu sein. „Es geht nicht um mich, ich bin austauschbar. Ich habe nur eine Stimme in der Demokratie. So sollte ich auch behandelt werden.“

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Sorgen darum, wie ihr Leben aussehen wird, wenn sie den Großteil ihres Vermögens abgegeben hat, muss sich Engelhorn aber nicht machen. Sie wird weich fallen, denn ihre Familie vererbt ihr nicht nur sehr viel Geld, sondern auch ein großes Netzwerk. Irgendeine Arbeit wird sie da – falls notwendig – sicher finden. Dessen ist auch sie sich bewusst.

Das Gespräch endet mit Engelhorns Standardfrage. Die stelle sie allen, mit denen sie spreche: „Was würdest du machen an meiner Stelle? Wenn du so viel Geld erben würdest?“