Wer bekommt wie viel vom Kuchen? Das entscheiden die Finanzcoop-Mitglieder alle zusammen – und unabhängig davon, was die Einzelnen einbringen. Foto: istock
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Wer bekommt wie viel vom Kuchen? Das entscheiden die Finanzcoop-Mitglieder alle zusammen – und unabhängig davon, was die Einzelnen einbringen.

Solidarisches Wirtschaften

„Wenn alle so leben würden, wäre die Welt ein besserer Ort“

  • VonAlina Hanss
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Sieben Menschen, sieben verschiedene Jobs – und nur ein Konto. So halten es die Mitglieder der Finanzcoop seit 20 Jahren. Ein Gespräch über Einkommensunterschiede, Aktivismus und die Frage, warum man auch in Freundschaften über Geld sprechen sollte

Das verdiente Geld bedingungslos miteinander teilen, gemeinsam Ausgaben beschließen und gleichzeitig weder durch dieselbe Stadt oder familiäre Bande verbunden zu sein – das ist das Konzept der solidarischen Ökonomie. Nach diesen Prinzipien leben die sieben Mitglieder der Finanzcoop (FC) seit 1998. Einst wirtschafteten sie mit der gemeinsamen WG-Kasse, heute vereint sie ein geteiltes Bankkonto. Alle zahlen ihr verdientes Geld ein, alle entscheiden über die Ausgaben. Mehrmals im Jahr treffen sie sich, um ihr finanzielles Auskommen für die nächsten Monate zu regeln. Für die Mitglieder ist die FC ein Lebensgefühl geworden, das unser Finanzsystem auf den Kopf stellen kann. „Spannend, aber das könnte ich nicht!“ Diesen Satz bekommen sie häufig als Reaktion auf ihr Lebensmodell zu hören. Die Mitglieder Branka und Jan erzählen, warum sie es nicht nur können, sondern auch bis heute gerne tun.

An welchem Punkt haben Sie gemerkt, dass das gemeinsame Wirtschaften nicht nur eine kurzfristige Lösung war?

Jan: Das war nie ein Gedanke bei mir. Wir haben einfach immer weitergemacht.

Branka: Ich weiß genau, was Jan damit meint, wenn er sagt, dass er diesen Gedanken nie hatte. Ich würde hingegen sagen, dass wir immer wieder überprüfen, ob das Modell noch für uns passt. Gestartet bin ich persönlich tatsächlich mit einem Versuchsgedanken. Ich wollte schauen, wie es für mich ist, mein Geld überhaupt zu teilen. Das hat sich eigentlich relativ schnell einfach und richtig angefühlt und ist für mich nach so vielen Jahrzehnten immer noch so.

Wie haben Freund:innen und Familie reagiert, als das Konzept der FC Gestalt angenommen hat? Haben Sie davon berichtet oder das geteilte Konto verschwiegen?

Branka: Natürlich haben wir das berichtet, das geht auch gar nicht anders. Die Mitglieder der FC haben da ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. In meinem Fall wurde das von meinem Partner von Anfang an wohlwollend beobachtet und auch unterstützt. Mit meiner Herkunftsfamilie habe ich das nie besprochen. Da war ich damals undercover, sozusagen.

Bis heute noch?

Branka : Genau, bis heute noch. Meine Geschwister und Eltern wissen es noch immer nicht, da gäbe es einfach kein Verständnis. Vielleicht kommt das irgendwann noch, aber da bin ich wirklich gespannt, wie die Reaktionen sein werden.

Jan: Meine Herkunftsfamilie weiß das. Meine Eltern fanden das anfangs seltsam. Sie konnten nicht verstehen, was der Sohn da so macht. Heute haben sie sich daran gewöhnt, für sie gehört es dazu. Meine Eltern kennen die Mitglieder der FC teilweise auch.

Welche Auswirkungen hat das Leben mit der FC auf eine Partnerschaft?

Jan : Geldfragen sind Themen, die man normalerweise mit einer neuen Beziehung nicht direkt zu Beginn besprechen würde. Das Konzept kann vor allem dann zum Drahtseilakt werden, wenn die Ansprüche meiner Partnerin und die Ansprüche der FC auseinandergehen. Die Partnerin ist natürlich auch in der FC Thema, weil ich bei unseren Treffen darüber rede, wie es mir geht und was ich mache.

Auch Themen wie Renten und die Ausbildung der Kinder werden in der Finanzcoop besprochen

Ist die Verbindung zur FC teilweise enger als zu Partner:innen oder Freund:innen selbst?

Jan : Die Mitglieder kennen mich natürlich sehr viel länger. Es gibt bei uns nur eine Partnerschaft, die länger als die FC besteht.

Branka : Ich glaube, dass wir in der FC Themen besprechen, die viele Menschen vielleicht eher sehr spät in ihrer Freundschaft besprechen. Altersvorsorge oder Rente werden klassischerweise eher in Familienmodellen oder partnerschaftlichen Modellen zum Thema, nicht unbedingt in Freundschaftsbereichen.

Wie kann man sich die Treffen der FC vorstellen?

Branka : Es gibt vier Kinder in der FC. Der Charakter der Treffen alle vier bis sechs Wochenenden ist natürlich auch abhängig davon, ob Kinder dabei sind oder nicht. Einmal im Jahr treffen wir uns ohne Kinder. Da haben wir natürlich mehr freie Zeit, um wirklich mal größere Themen in Angriff zu nehmen.

Jan : Manchmal haben sich Themen aufgestaut, über die wir dann relativ viel reden müssen. Wir beginnen mit einer Runde, in der wir erzählen, was uns so die letzten Wochen bewegt hat und was passiert ist.

Da steht die Finanzplanung gar nicht im Vordergrund?

Branka : Nein, in diese Anfangsrunde gehören nur die persönlichen Themen. Sollte es Gesprächsbedarf über die FC geben, entwickeln wir daraus noch einen extra Tagespunkt.

Jan : Unsere „Kohlerunde“ am Sonntag, in der wir die Ausgaben planen, dauert ungefähr eine Viertelstunde. Wir reden das ganze Wochenende natürlich über Geldthemen, aber die persönlichen Ausgaben werden relativ kurz besprochen.

Branka : Weil wir seit langem nicht mehr zusammenwohnen, sind die Treffen vor allem dazu da, um sich gegenseitig mitzukriegen und Zeit zusammen zu verbringen. Durch die Pandemie haben wir uns oft online getroffen.

Jan: Die Online-Treffen sind effizienter, aber es fehlt halt komplett die Begegnung.

Werden Entscheidungen über Ausgaben im Mehrheitsprinzip getroffen oder sollen Kompromisse gefunden werden?

Branka: Wir treffen unsere Entscheidungen nach dem Konsensprinzip. Häufig machen wir eine Runde zu bestimmten Fragen, in der jede Person ihre Meinung kundtun kann. Abstimmungen und erst recht Überstimmungen gibt es eigentlich nicht.

Wie planen Sie die Ausbildung der vier FC-Kinder, aber auch die Rente aller Mitglieder?

Jan: Wir verhandeln noch.

Branka: Wir bilden uns ein, dass wir das aus dem laufenden Konto machen könnten.

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In ihrem Buch „Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe. Von Menschen, die ihr Geld miteinander teilen“ berichten die FC-Mitglieder von ihrem Modell. Erschienen ist es im Büchner Verlag.

Jan: Wir hoffen, dass alle eine Lehre machen, Geld verdienen und das Studium nicht so viel Geld kostet (lacht). Bei den Ausbildungen der Kinder sind wir noch nicht so weit, noch geht alles. Auch bei der Rente haben wir uns noch nicht final entschieden. Es gibt kein Vorbild, an dem man sich das abgucken könnte. Trotz allem sind wir immer noch Individualwesen, die eine eigene Rente haben – oder auch nicht. Wir sind uns weiterhin sehr sicher, dass wir das während der Rente weitermachen wollen. Bestenfalls sind dann die Kinder dann schon ausgebildet und sorgen für uns.

Ist das fair: Wie umgehen mit großen Lohnunterschieden?

Wie nehmen Sie große Lohnunterschiede war? Wie ist es, sich auf das Geld anderer verlassen zu müssen oder aber mit dem eigenen Geld andere Mitglieder zu versorgen?

Branka: Zu Beginn bestanden zwischen uns Studierenden, Auszubildenden und Zivis keine großen Lohnunterschiede. Im Verlauf der Jahre hat sich da schon eine große Diskrepanz entwickelt, die wir natürlich wahrnehmen. Solange das Geld für alle reicht, ihre Bedürfnisse im Alltag und auch diverse Extras zu befriedigen, ist das eigentlich kein Problem.

Jan: Trotzdem ist das immer mal wieder Thema. Natürlich gibt es Schwankungen, aber unser Konto war noch nie im Minus. Was dann aus den Lohnspreizungen der Mitglieder wird, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass Mitglieder mit höherem Einkommen dann die FC verlassen – dazu sind wir bereits zu lange zusammen. Wir reden natürlich trotzdem darüber, dass es in der Gesellschaft ähnlich ist. Diese Lohnspreizung ist künstlich. Es ist absurd, dass es für bestimmte Jobs sehr viel und für andere kaum Geld gibt.

Ist bei den Mitgliedern mit geringerem Einkommen auch ein gewisses Hemmnis zu beobachten, weniger Kosten einzufordern und Ansprüche zu reduzieren?

Jan: Ja und Nein. Mitglieder, die viel beitragen, finden es ebenso schwierig, viel zu fordern. Das ist auch von der persönlichen Lebenssituation abhängig.

Branka: Die große Kunst, die man jahrzehntelang üben kann, ist das Loslösen von individuellen Einnahmen. Stattdessen wird das kollektive Guthaben betrachtet. Ich muss dann für mich alleine meine Bedürfnisse kritisch hinterfragen. Wenn man individuell wirtschaftet, hinterfragt man auch, ob Urlaub, Fahrrad oder Auto möglich sind. Bei uns ist das keine individuelle Frage, sondern eine kollektive.

Müssen Bedürfnisse zurückgestellt werden?

Jan: Es kann schon vorkommen, dass auf einen Wunsch gewartet werden muss. Es ist jedoch sehr selten, dass Wünsche komplett gar nicht erfüllt werden konnten. Die FC ist auch Ermöglicherin.

War das am Anfang eine Überwindung, sich für alle Ausgaben rechtfertigen zu müssen? Privatpersonen können jederzeit darüber entscheiden und sind niemandem Rechenschaft schuldig.

Jan: Es fällt nicht immer leicht, darüber offen zu sprechen, was ich brauche und was nicht. Seit über 20 Jahren üben wir das.

„Über Geld spricht man nicht“ – vielfach wird das Thema Finanzen eine Art Staatsgeheimnis. Wie ist euer Verhältnis zu Geld?

Jan: Man spricht interessanterweise mit Freund:innen öfter über Geld, weil bei neuen Bekanntschaften die FC irgendwann auf den Tisch kommt. Geld ist für mich an die FC gekoppelt – wir machen das zusammen. Auch die Abwesenheit von Geld hat daher nichts Beängstigendes oder Furchterregendes. Wenn ich jetzt nicht arbeiten könnte, hätte ich trotzdem die FC, die mich auffängt. Dadurch habe ich auf jeden Fall einen positiveren Bezug zu Geld. Und wieso ist es abwegig, wissen zu wollen, was die beste Freundin verdient?

Branka: Dazu fällt mir ein ähnlicher Spruch ein: „Geld verdirbt den Charakter“. Natürlich ist es gut, genügend Geld zu haben, ohne dass man sich Sorgen um den Alltag machen muss. Auf der anderen Seite erfreue ich mich daran, das ganze verdiente Geld zu teilen. Sonst kommt man schnell in ein Hamsterrad, durch das man immer mehr will.

Die Finanzcoop nimmt den Mitgliedern die Angst vor Arbeitslosigkeit und Krankheit

Wollen Sie auch nach der Erwerbstätigkeit Mitglied in der FC bleiben? Ist das ein Modell mit Zukunft?

Branka: Das ist schon der Plan. Am besten funktioniert die FC, wenn sie auf Ewigkeit angelegt ist. Auf einem Treffen haben wir uns über unsere Vorstellungen vom Leben im Alter nach der Lohnarbeit unterhalten. Das war eine erste Annäherung zu dem Thema, aber das ist trotzdem noch relativ abstrakt. Wir haben uns schließlich für das Leben in unterschiedlichen Städten entschieden, im Alter werden wir uns kaum auf eine Stadt einigen.

Braucht es politische Menschen, um gemeinsam zu wirtschaften? Steckt da auch eine gewisse Portion Aktivismus dahinter?

Branka: In unserem Fall sind wir politisch denkende und handelnde Menschen und sehen die Solidarität nicht nur zwischen uns. Wir sind uns auch bewusst, dass wir natürlich privilegiert sind und diese Privilegien teilen wollen. Zum Beispiel spenden wir einen gewissen Prozentsatz unseres gesamten Nettoeinkommens. Bei jedem Treffen schauen wir, an welche Projekte wir zusätzlich spenden können. Darüber hinaus sind wir in unterschiedlichem Ausmaß immer noch politisch aktiv, zum Beispiel in der Antirassismusarbeit.

Jan: Uns ist natürlich auch klar, dass wir ein weißer, deutscher, zum größten Teil studierter Haufen sind. Ich kann mir vorstellen, dass es ohne politisch linke Einstellung schwieriger ist, diesen Solidaritätsgedanken zu leben.

Wo kann sich die solidarische Ökonomie auch außerhalb Ihrer Gruppe finden?

Jan: Wenn alle Menschen in einer FC leben würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Wir waren vor kurzem auf einem Camp von jungen Klimaaktivist:innen. Dort wurde ein Workshop zu gemeinsamer Ökonomie organisiert, mit vielen neuen Gruppen. Das Konzept gibt es in verschiedenen Strukturen schon länger, wir haben es ja nicht erfunden. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diese wunderbaren Erfahrungen machen. Daher unterstützen wir gerne Interessierte. Auch unsere Gruppe kann davon nur profitieren.

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Weihnachten steht vor der Tür, die Menschen überhäufen sich mit Geschenken. Was ist Ihre Nachricht an unsere Konsumgesellschaft?

Jan: Durch die FC hinterfrage ich meinen Konsum immer wieder. Brauche ich überhaupt so viel? Brauchen wir alle so viel? Was ist das für eine Welt, in der wir leben? Dafür ist es gut, zu überlegen und einen Schritt zurücktreten.

Branka: Ich finde schon, dass alle einen Schritt zurücktreten und überlegen sollten, wie es weitergehen kann. Unsere Bedürfnisse müssen auf Nachhaltigkeit und Solidarität überdacht werden.

Interview: Alina Hanss